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	<title>Thomas Palzer</title>
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		<title>20. Dezember 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 15:39:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Dérive]]></category>
		<category><![CDATA[journal of modern history]]></category>
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		<description><![CDATA[TP Heute lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist aktuell dabei, vom Land in die Stadt umzusiedeln. Das ist die größte Völkerwanderung, die es je gegeben hat. Die Stadt ist ein Erfolgsmodell. Und das 21. Jahrhundert verdammt sie zu diesem Erfolg, zu seiner Fortsetzung unter verschärften Bedingungen. Spr Dérive. Zeitschrift [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	Heute lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist aktuell dabei, vom Land in die Stadt umzusiedeln. Das ist die größte Völkerwanderung, die es je gegeben hat. Die Stadt ist ein Erfolgsmodell. Und das 21. Jahrhundert verdammt sie zu diesem Erfolg, zu seiner Fortsetzung unter verschärften Bedingungen.</p>
<p><span id="more-898"></span></p>
<p>Spr	Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung aus Wien</p>
<p>TP	Die Stadt ist der fortwährende Versuch, unterschiedlichste Interessen, Zwänge und Notwendigkeiten durch Ziegel zu moderieren, was ersichtlich mal gut und mal weniger gut gelingt. Es gibt Gründe, dass die sogenannte Altstadt zum Augapfel der europäischen Kommunen geworden ist. Wer es sich leisten kann, flieht die modernen Wohnsilos und haust in einer Altbauwohnung, wiewohl die sogenannte Altbauwohnung nur das Wohnsilo der Gründerzeit gewesen ist. Der DDR-Plattenbau des an Le Corbusier geschulten Typs WBS 70 hat jedenfalls den stapelbaren und durchrationalisierten Menschen als hocherwünschtes Zukunftsmodell verabschiedet. Eine bewohn- und lesbare Stadt braucht unkalkulierte Nischen und Brachen, damit Pfadfinder, Grenzgänger und Raumpioniere dem hohen Verwertungsdruck kreative Freiräume abtrotzen können.</p>
<p>Spr	So wie die Stadt des 20. Jahrhunderts von Gegnern der Stadt des 19. Jahrhunderts geprägt war, wird die Stadt des 21. Jahrhunderts von Gegnern der Stadt des 20. Jahrhunderts geprägt werden&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; bemerkt Jens Bisky in einer Architekturkolumne des Merkur vom März diesen Jahres mit dem schönen Titel Wohnen lernen in den Städten des 20. Jahrhunderts. Gemäß dieser klugen Einsicht geht es heutigen Stadtvisionären um eine Stadt, die von der gegenwärtigen wegkommt – um die Smart City, die schlaue, elektronisch vernetzte Stadt, um die nachhaltige und die walkable Stadt. Solange nämlich der Lebenssaft unserer Städte aus billigem Öl besteht, sieht es nicht allzu rosig aus. Die Kilometerpauschale hat keine Zukunft. Statt endloser Reihenhaussiedlungen, die sich wie Saturnringe um die Städte legen, statt Landidylle mit Basketballkorb an der Garagenwand und statt fußgängerfeindlicher Distanzen wie in Moskau und Brasilia brauchen wir Komprimierung, Verdichtung und Komplexität. Auf Brasilia kommen wir am Ende dieses Kiosks noch zurück.<br />
Zu den Gegenwelten des urbanen Alltags und der vorstädtischen wie ländlichen Öde gehören seit jeher die Luna- oder Gorki Parks, die Prater, Tivoli und Oktoberfeste dieser Welt. In der neuen Nummer von dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, die die fortschreitende Eventisierung der Stadt unter dem Aspekt ihrer Themenparks betrachtet, beschäftigt sich André Kramer mit Coney Island, dem wohl berühmtesten Amüsierareal an der Südspitze von Brooklyn zwischen der Riviera der Armen, Wonder Wheel, Parachute Jump und Cyclone &#8211; jener klapprigen Holzachterbahn, die 1991 in den Rang eines nationalen Denkmals erhoben wurde und deren Hintergrund von Wohnsiloblöcken gebildet werden, die dem Charme eines WBS 70-Plattenbaus in nichts nachstehen.</p>
<p>Spr	Die Geschichte Coney Islands ist auch die Geschichte einer nicht immer friktionsfreien, aber immer aufgeladenen Beziehung zwischen Orten des Vergnügens und ihrem städtischen Umfeld. Rem Kohlhaas hat 1978 in seinem Theorieklassiker Delirious New York (dt. 2006) das Beziehungsgeflecht zwischen Reservoir (Manhattan) und Resort (Coney Island) beschrieben. Die ersten Vergnügungsparks auf der Halbinsel, die an der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert entstanden, werden von ihm in ihrer Funktion als Laboratorien beschrieben, in denen spielerisch getestet wurde, was später jenseits des Hudson zum Ernstfall wurde. Heute entstehen weltweit beinahe ununterbrochen neue Themenparks. Hedonistische Orte urbaner Wunschproduktion, sind längst Bestandteil einer globalen Konsumkultur.</p>
<p>TP	Wer Feelings Filmklassiker La Straka gesehen hat, hat ein Bild für den nomadischen Beginn der Themenparks als Wanderzirkus, welcher Stadt wie Land für einige Tage den Luxus des Ausnahmezustands bot. Als mit der Anbindung Manhattans durch die Brooklyn Bridge 1883 und später, 1920, durch die Subway die Massen nach Coney Island strömen &#8211; in der Saison zwischen Mai und September bis zu einer Million täglich -, ist das Gewusel in dem Vergnügungsareal das anarchische Gegenmodell zu den Massenveranstaltungen der totalitären Regime, wie sie das 20. Jahrhundert geprägt haben.</p>
<p>Spr	Erlebnisorientierung und Kommerzialisierung haben in den letzten Jahren in der urbanen Alltagswelt stark zugenommen. In zahlreichen Städten finden sich neben herkömmlichen Vergnügungsparks, Marktplätzen und Einkaufszentren verstärkt spektakuläre Attraktionen wie Skihallen, Themenparks, Urban Entertainment Center oder thematisch inszenierte Master Planned Communities, die sich von gewöhnlichen Wohngebieten deutlich unterscheiden. Waren bislang Erlebnisorientierung, Inszenierung und Kommerzialisierung auf wenige Bereiche des Städtischen konzentriert, so scheinen heute Attraktionen und Spektakel alltäglich und allgegenwärtig&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; schreibt Heiko Schmidt in seinem Essay Geographien der Faszination im aktuellen Heft von dérive. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat vom Jahrmarkt gelernt, von seinen Leuchtreklamen, Kunstlandschaften und Geräuschkulissen, dem Geklingel, Heulen und Dröhnen, und beginnt die gegenwärtige Stadt zu tyrannisieren.<br />
Zurück zu Coney Island. Heute changiert der mit einer wechselhaften Geschichte gesegnete Vergnügungspark zwischen Verwahrlosung und Renovierung. Hinterhöfe voller Autowracks, Brachland, Unkraut und Müll, Pommes Buden, Graffiti an endlosen Bretterwänden. Coney Island besitzt die Schönheit einer Ruine &#8211; doch nun naht das Ende dieses Abgesangs auf die Moderne aus Pappmaché am Atlantikufer &#8211; Coney Island soll mit 23 Fahrgeschäften runderneuert und in einen Funkpark mit Geschäften und Wohnungen umgewandelt werden. Sein schäbiger Charme wird dem Optimismus als Lebensform geopfert.<br />
Steigt man jetzt aus der neuen Subway ans Licht, sieht ironischerweise alles maroder aus denn je. Der Strand übersät mit Bierdosen, Scherben, Plastikmüll. Am Horizont einerseits der bleierne Atlantik &#8211; und andererseits, dreht man sich um, die Relikte des sozialen Wohnungsbaus aus den 1960ern.</p>
<p>Spr	Die moderne Stadt hat gelernt „das Andere“ in ihr Territorium zu integrieren. Auch Einschluss kann eine Form des Ausschlusses darstellen, Sichtbarmachen eine Form, Sachverhalte zu verbergen. Kriminalität, Drogen, Prostitution und Steuerhinterziehung sind irreduzible Parameter des urbanen Lebens. Auch die Vergnügungsviertel werden durch Vereinnahmung domestiziert, meist zu familiengerechten Ambiente herabgesaust und längst in die Sphäre des globalen Tourismus überführt. Wer heute mit einem Riesenrad fährt, ist Teil des permanenten Werbefilms des Stadtmarketings.</p>
<p>TP	Zentral für Freizeitparks wie Disney World sind Szenarios urbaner Katastrophen &#8211; etwa den Fall Pompejis oder den Brand von Rom in der Regierungszeit Neros.<br />
Mit Post-Catastrophic Cities beschäftigt sich die aktuelle Nummer des &#8230;</p>
<p>SPR	Journal of Modern European History aus München</p>
<p>TP	Wer Dave Eggers Dokumentarroman Zeitoun gelesen hat, kann sich unter dem Begriff einer Post-Catastrophic City etwas vorstellen. New Orleans nach dem Sturm Katrina im August 2005 gehört dazu. Fukushima gehört seit knapp einem Jahr in diese Kategorie der modernen Geschichtswissenschaft. In Krieg und Frieden beschreibt Tolstoi das verwüstete Moskau nach dem Abzug der napoleonischen Truppen. Neben dem bereits erwähnten Rom zu Zeiten des Kaisers Nero liegen viele der postkatastrophischen Städte wenig verwunderlich auf der Zeitachse des Zweiten Weltkriegs. Es handelt sich um Städte, mit deren Namen meist ein militärischer Wendepunkt verbunden ist: Leningrad zur Zeit seiner Belagerung zwischen 1941 und 1944; Rotterdam; Coventry im November 1940, als die deutsche Luftwaffe unter dem Decknamen Mondscheinsonate einen verheerenden Angriff flog; Warschau und Berlin.<br />
Die Zeitschrift für moderne europäische Geschichte – Journal of Modern European History, kurz: JMEH – beschäftigt sich in ihrer jüngsten Ausgabe mit der Frage, wie Städte nach der Katastrophe wiederaufgebaut werden – in der Planung, architektonisch, aber auch im Hinblick auf ihre civitas, auf das zivilisierte Leben. Wie entsteht wieder Leben in einer Stadt nach ihrem urbicide – einem Ausdruck des Stadthistorikers Karl Schlögel.<br />
Martin Kohlrausch, Mitherausgeber des Journals, macht in seiner Einführung zum Thema darauf aufmerksam, dass die Post-Catastrophic City in Ost- und Westeuropa unterschiedliche Entwicklungen genommen hat. Während in Osteuropa die Zerstörung der Städte vielerorts als tabula rasa genutzt wurde, um von Grund auf neu zu planen und zu bauen, haben schwer zerstörte Städte im Westen oftmals ihren Vorkriegscharakter, ihr grundsätzliches „Layout“ behalten. Erstaunlicherweise ist dem die Forschung nie genauer nachgegangen. Während der deutschen Bombardierung Warschaus im September 1939 kamen mehr Menschen ums Leben als während der Bombardierung Dresdens durch die alliierten Mächte im Februar 1945. Und die deutsche Blockade Leningrads forderte mehr Opfer, als Briten und Amerikaner während des gesamten Zweiten Weltkriegs zu beklagen hatten. Es gehörte zur Strategie der deutschen Wehrmacht, den Genozid mit der Zerstörung urbaner Strukturen zu kombinieren. Trotzdem gibt es bis heute keine vergleichenden Studien über das Leben nach dem Urbicide in Mittel- und Osteuropa ab den 1940ern. Zum Ziel der Nazi-Deutschen gehörte ja die planmäßige kulturelle Zerstörung, um Städte wie Warschau oder Kiew ihre Bedeutung zu nehmen. Der Kriegsverlauf hat zwar die Durchsetzung dieses Ziels verhindert, gleichwohl aber verheerende Auswirkungen auf den Wiederaufbau der betroffenen Städte gehabt.</p>
<p>Spr	Als Monate vor Kriegsbeginn Hitler ankündigte, dass die Städte Osteuropas als kulturelle Zentren ausgelöscht und ihre Bevölkerung deportiert, erschossen, ausgehungert oder versklavt werden müsse, klang dies nach einer leeren Drohung. Aber 1943/44 war diese Drohung zur grausamen Realität geworden für Warschau, Minsk, Kiew und Leningrad. Diese spezielle Erfahrung von Stadtzerstörung im Osten ist Anlass für diese Nummer des Journals of Modern European History, insofern dem Zusammenhang zwischen Urbicide und Genozid nachgegangen undf untersucht wird, was die Auslöschjung von Städten und Menschen bedeutet hat für den Wiederaufbau des städtischen Lebens.</p>
<p>TP	Das zentrale Hochplateau Brasiliens befand sich 1956 weitab jeder Zivilisation. Ein Traum für Architekten wie den damals 40-jährigen Oscar Niemeyer, der auf diesem „leeren“ Gelände, dieser naturgegebenen tabula rasa eine Stadt planen und bauen konnte, ohne dass er Rücksicht auf gewachsene Strukturen zu nehmen brauchte.</p>
<p>Spr	Letter international aus Berlin</p>
<p>TP	Oscar Niemeyer hat am Donnerstag vergangener Woche in seinem Atelier an der Copacabana seinen 104. Geburtstag gefeiert. In seinem Werk gibt es eine Konstante: die Kurve, die weibliche Form. In der Ausgabe 94 der Zeitschrift Letter international wird in einem lesenswerten Essay des brasilianischen Philosophen Eduardo Subirats der Formensprache der lateinamerikanischen Moderne am Beispiel des Niemeyerschen Oeuvres nachgespürt.</p>
<p>Spr	Wir bringen die Sinnlichkeit der wogenden Linien, Flächen und Farben dieser Architekturformen mit der faszinierenden Wirkung jener Röcke und Unterröcke in Verbindung, die brasilianischen, bacchantischen Tänzerinnen gleichenden barocke Jungfrauen schmücken. Ihre schraubenförmigen und elliptische Strukturen sind außerdem mit der mathematischen Konstruktion einer dynamischen und bewegten kosmischen Raums verbunden, wie er die barocke Astronomie und Kosmologie Giordano Brunos oder Johannes Keplers kennzeichnet. In diesem Sinn können wir die Architektur Niemeyers eine moderne Reflexion und Neuformulierung der barocken Raumvorstellung nennen. Und auch eine Neuformulierung der Sinnlichkeit des brasilianischen Barocks.</p>
<p>TP	Im Programm des Modernismus steckt eine eigentümliche Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Wer unbedingt modern sein will, hat mit der Tradition und dem, was vor ihm war, nichts am Hut. Er ersehnt die tabula rasa, um sich selbst möglichst umfassend verwirklichen zu können.<br />
Wie anders Jane Jacobs in Tod und Leben amerikanischer Städte, dem wirkungsmächtigsten Buch über Architektur im 20. Jahrhundert. Vor 50 Jahren erschienen, heißt es dort über die Zukunft der Architektur:</p>
<p>Spr	Nicht ein einziger Spatz soll verdrängt werden.</p>
<p>Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung erscheint vierteljährlich bei dérive &#8211; Verein für Stadtforschung, Wien, und kostet im Einzelverkauf € 7.00. Der Verein betreibt auch jeden 1. Dienstag im Monat von 17 bis 18 Uhr ein Radio für Stadtforschung, erreichbar als Stream unter der Webadresse http://o94at/live</p>
<p>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erscheint monatlich im Velar Klett-Cotta, Stuttgart, und kostet als Einzelheft € 12,00.</p>
<p>Journal of Modern Eurpean History erscheint im Verlag C. H. Beck, München, und kostet im Einzelverkauf € 34,00</p>
<p>Lettre international erscheint vierteljährlich in der Letter international Verlagsgesell., Berlin und kostet pro Heft € 11,00</p>
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		<title>29. November 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 10:05:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Der blaue Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[hohe Luft]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie Magazin]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Wir werden gecoacht. Ratgeber geben uns für alles und jedes Rat. Hotlines sind 24 Stunden für uns da. Wenn nötig, auch länger. Assistenzsysteme leiten uns durch den Alltag, Kuratoren durch Museen und Ausstellungen. Amazon versorgt uns immer und überall mit Downloadware. Kein Fernsehdirektor, der sein Publikum nicht an der Hand nehmen und sicher durchs [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Wir werden gecoacht. Ratgeber geben uns für alles und jedes Rat. Hotlines sind 24 Stunden für uns da. Wenn nötig, auch länger. Assistenzsysteme leiten uns durch den Alltag, Kuratoren durch Museen und Ausstellungen. Amazon versorgt uns immer und überall mit Downloadware. Kein Fernsehdirektor, der sein Publikum nicht an der Hand nehmen und sicher durchs Programm führen will. Könnte ja sein, dass es was nicht versteht. Ogottogott. Audioführer gibt es an der Kasse.</p>
<p><span id="more-894"></span></p>
<p style="text-align: left;">Auch der Kiosk kuratiert selbstverständlich das Publikum. Seit vier Jahren ohne Totalschaden führt er verlässlich durch die Gegenwart der Intelligenzblätter. Wenn aber gleich zwei Neuerscheinungen auf dem Zeitschriftenmarkt sich darum mühen, die Menschen beim Nachdenken zu kuratieren, dann gilt <em>Alarmstufe: Rot</em>.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	NEU: <strong>Philosophie Magazin</strong> aus Berlin und <strong>Hohe Luft</strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Heutzutage kennen wir Philosophie vornehmlich aus dem Fernsehen. Philosophie dort ist männlich, smart und so glatt gebügelt, dass sie gecoacht sein muss. Entweder lauschen wir Richard David Prescht, Dauergast in der Talkshow-Leiste, oder wir lassen uns auf Arte von Raphaël Enthoben durch sein Magazin <em>Philosophie</em> schubsen. Endlich aber können wir auch am philosophischen Feuilleton mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski im ZDF teilnehmen, die beide mannhaft genug sind, um das immer inspirierende Gespräch nicht qua Moderation, wie in den Medien ansonsten üblich, zu pulverisieren.</p>
<p style="text-align: left;">Was sind das für neue Print-Magazine, die am vermeintlichen Trend zur Philosophie zu partizipieren wollen?:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Vielleicht lässt sich die Frage <em>Was ist Philosophie?</em> erst spät stellen, wenn das Alter naht und die Stunde, um konkret zu werden &#8230; Es ist dies eine Frage, die man in einer verhaltenen Erregung stellt, gegen Mitternacht, wenn es nichts mehr zu fragen gibt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die Betreuung ist das eine, der Nutzwert das andere. Beides gehört aufs Engste zusammen. Wenn nämlich jemand etwas nicht versteht, dann erklärt ihm sein Betreuer oder seine Betreuerin den Nutzwert. Und der Nutzwert der Philosophie ist nach landläufiger Meinung die Lebenshilfe. Philosophie hilft beim leben. Es ist gewissermaßen sein Assistenzsystem.</p>
<p style="text-align: left;">TP	1991 erschien in Paris ein Buch aus der Feder der beiden Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari. Ihr viertes und letztes gemeinsames. Sein Titel: <em>Q’est-ce que la Philosophie? &#8211; Was ist Philosophie?</em></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Im strengeren Sinn ist die Philosophie die Disziplin, die in der <em>Erschaffung</em> der Begriffe besteht &#8230; Die Begriffe warten auf uns nicht als schon bestehende, wie etwa Himmelskörper. Sie müssen erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden und wären nichts ohne die Signatur derer, die sie erschaffen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die akademische Philosophie geht zunächst der Aufgabe nach, ihre Begriffe zu erhellen und zu reinigen. Lässt man diese Instrumente dagegen nur von der Tradition sich schenken, arbeitet man mit abgeschliffenem, verschmutztem Besteck. Dann verwechselt man die Philosophie beispielsweise mit Fürsorge. Mit der Laterne in der Hand führt der Philosoph den Menschen fürsorglich durch die Nacht der Gegenwart. Mit anderen Worten: Weil wir unmündig sind, brauchen wir die Philosophie.</p>
<p style="text-align: left;">Leider ist es genau umgekehrt. Philosophie als Fürsorge verstanden, hält den Menschen in Unmündigkeit. Das trifft den Nerv der Zeit. Denn die Entmündigung des Bürgers ist Programm und schreitet munter voran, nicht nur in der Politik. Nach einer Phase der Emanzipation schlägt das Pendel wieder zur anderen Seite aus.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Warum haben wir Kinder?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; fragt (folgerichtig) das <strong>Philosophie Magazin</strong> – und <strong>Hohe Luft</strong> stimmt in diese Tonlage mit der Frage ein:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Wofür lohnt es sich zu leben?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Beide Fragen hängen, wir ahnen es schon, aufs Engste zusammen. Denn man könnte die Ansicht vertreten, dass die Menschen deshalb Kinder haben, um das dumme Gefühl loszuwerden, dass sich das Leben ohne Kinder am Ende nicht lohnt.</p>
<p style="text-align: left;">An wen sollen wir unsere Erfahrungen weitergeben? Und die Bundesschatzbriefe? Das Haus, das Auto, das Boot? Die 5 Terrabyte Fotos auf der Festplatte &#8211; darunter unsere tollsten Erlebnisse. Wer sieht sich das an, wenn nicht unsere Kinder? Wer soll sich an uns erinnern, wenn wir einmal nicht mehr sind?</p>
<p style="text-align: left;">Wenn sich keiner an uns erinnert, ist dann unser Leben nicht wie nie gelebt? Umsonst? Für die Katz’?</p>
<p style="text-align: left;">Es ist alles eitel. Tanitas.</p>
<p style="text-align: left;">Sind Kinder die Lösung?</p>
<p style="text-align: left;">Lassen wir zusammen mit dem <strong>Philosophie Magazin</strong> die Katze aus dem Sack: 84 % der Deutschen geben bei einer von dem Heft initiierten Umfrage an, dass sie Kinder wollen, um Leben zu schenken.</p>
<p style="text-align: left;">Leben, um Leben zu schenken? Gekommen, um zu bleiben?</p>
<p style="text-align: left;">Hier beißt sich unsere Katze Verzeihung, in, den Sack.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Der thematische Feldherr Epaminondas, der 371 v. Chr. die spartanischen Heere besiegt, wird mit dem Vorwurf konfrontiert, dem Vaterland zu schaden, da er keine Kinder hinterlasse. Er entgegnet: „Und wie könnte meine Familie mit mir erlöschen? Ich hinterlasse eine Tochter, die mich überleben wird, die Schlacht von Leuktra. Ihr ist die Unsterblichkeit sicher.“</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Eine Argumentationshilfe, wie sie das <strong>Philosophie Magazin</strong> dankenswerterweise all denen zur Verfügung stellt, die zwar im zeugungsfähigen Alter sind, aber sich noch nicht entschieden haben. Pro und contra. Für und wider. Soll und Haben. Die Geschichte der Argumente wird tabellarisch aufbereitet: Was sagte die Antike, das Mittelalter, die Moderne, das Heute. Der Gedanke wird behandelt, als handelte es sich um einen Himmelskörper, als sei er gegeben. Die Signatur des Erschaffers wird getilgt, sein Gedanke in den Sound eines Wikipedia-Artikels übersetzt und zusammengefasst.</p>
<p style="text-align: left;">Das <strong>Philosophie Magazin</strong> ruft Michel Houellebecq aus <em>Elementarteilchen</em> zum Zeugen dafür auf, weshalb die Gegenwart zu großen Teilen keine Kinder will:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Ich habe meinem Sohn nichts zu vererben. Ich kann ihn keinen Beruf lehren, ich weiß nicht einmal, was er später machen könnte; die gesellschaftlichen Regeln, die ich erlernt habe, werden für ihn sowieso nicht mehr gültig sein. Wenn man die Ideologie des ständigen Wandels akzeptiert, akzeptiert man auch die Vorstellung, dass das Leben eines Menschen auf sein individuelles Dasein beschränkt ist und dass die früheren und zukünftigen Generationen in seinen Augen keinerlei Bedeutung haben. So leben wir jetzt. Ein Kind ergibt für einen Mann heutzutage überhaupt keinen Sinn mehr.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Warum haben wir also Kinder? Vielleicht haben wir sie ja nur, weil wir sie haben <em>können</em>. Was soll man auch sonst machen? Ein Wellness-Wochenende in Meck-Pomm? Dauerwandern in Südtirol? Radfahren bis zum Umfallen? Mal den Keller aufräumen?</p>
<p style="text-align: left;">Mit der Philosophie ist es so eine Sache. Die Frage, warum wir immer nach dem Nutzwert fragen, wäre zum Beispiel eine echt philosophische. Philosophie besteht in der hartnäckigen Weigerung, die Unzulänglichkeit des Lebens als das zu nehmen, was sie ist: ein Skandal. Philosophie ist eine Konkurrenzveranstaltung. Wie <strong>Hohe Luft</strong> gegenüber dem <strong>Philosophie Magazin</strong>.</p>
<p style="text-align: left;">Philosophie, so sagt es der Philosoph Wittgenstein&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; ist der Zweifel als Lebensform.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Nehmen wir die Farben. Erkennen Frauen nicht viel mehr Nuancen als Männer? Zweifel könnten einem kommen, geht man der Frage nach, ob Frauen dieselben Farben sehen wie ihr geschlechtlicher Gegenpart.</p>
<p style="text-align: left;">Dass es Farben überhaupt gibt und nicht, wie in der Physik, nicht, ist eine philosophische Frage par excellence. Dazu heißt es in <strong>Hohe Luft</strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Goethe weigerte sich nur, alles auf Physik zu reduzieren. Seine Farbenlehre enthält eine wichtige Einsicht, die Newtons Optik fehlt. Wer versucht, Farben rein physikalisch zu  erklären, der lässt etwas aus. Denn Lichtteilchen haben eigentlich keine Farbe, sondern nur eine bestimmte Frequenz. „Rote“ Photonen sind physikalisch gesehen nicht röter als „grüne“ Photonen &#8230; Ein Physiker kann die optischen Prozesse bis ins Detail beschreiben, von der Entstehung des Lichts in der Sonne über dessen Streuung in der Erdatmosphäre und dessen Auftreffen auf die Netzhaut bis zur Verarbeitung des Lichtreizes im Gehirn – er wird damit jedoch niemals zu fassen bekommen, wie es ist, einen Sonnenuntergang zu sehen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Statt Kinder zu zeugen, könnte man also mal zu Goethes Farbenlehre greifen. Oder eben zu <strong>Hohe Luft</strong>.</p>
<p style="text-align: left;">Die jüngsten Beispiele des Versuchs, neue Leserschichten zu bewirtschaften, sind aus dem Geist des Naturalismus geboren. Im Naturalismus erkennen wir die zeitgenössische Form der Wirklichkeit. Fragt <strong>Hohe Luft</strong>&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; Steckt der Geist im iPhone?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; belauscht das <strong>Philosophie Magazin</strong> Julian Aussänge beim Gespräch mit dem Moralphilosophen Peter Singer.</p>
<p style="text-align: left;">In beiden Fällen soll der Bezug zur Gegenwart von der Alltagstauglichkeit der Hefte überzeugen. Das eine Magazin holt Florian Henkel von Donnersmarck ins Boot, das andere die Schauspielerin Christiane Paul. Stichwort: Aktualität und Promi-Faktor. Mit anderen Worten: An den Heften erkennt man in jedem Fall die Strategien und Denkschablonen einer zeittypischen Redaktion sehr gut. Nach ihrem Strickmuster arbeiten praktisch alle Medien. Weniger gut kann man aber vielleicht erkennen, was Philosophie ausmacht.</p>
<p style="text-align: left;">Es bleibt die Frage: Was ist Philosophie? Ist vielleicht gar diese Frage selbst – Philosophie?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>der blaue Reiter. Journal für Philosophie</strong> aus Aachen</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 150 philosophische Zeitschriftentitel. Wer sich einen Überblick verschaffen will, visitiere die Site <a href="http://philosophers-today.com"><strong>philosophers-today.com</strong></a>.</p>
<p style="text-align: left;">Zu diesem Reigen zählt <strong>der blaue Reiter</strong>, ein Journal, das nicht das Magazin-Format bedient, sondern Themenhefte produziert. Die jüngste Ausgabe trägt die laufende Nummer 31 und beschäftigt sich unter der Schlagzeile <em>No future!</em> mit der <em>Philosophie des Augenblicks</em>.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	So viel ist nun aber klar und deutlich: Weder die Vergangenheit noch die Zukunft „ist“, und nicht eigentlich lässt sich sagen: Zeiten sind „drei“: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; vielmehr sollte man, genau genommen, etwa sagen: Zeiten sind „drei“: eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem, eine Gegenwart von Künftigem.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; so Augustinus in den <em>Bekenntnissen</em>. Heidegger dagegen schreibt in <em>Sein und Zeit</em>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Jedes Jetzt ist auch schon ein Soeben beziehungsweise Sofort.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Der Münchner Hirnforscher und Psychologe Ernst Pöppel, der die beiden obigen Positionen in seinem lesenswerten Essay mit dem Titel <em>Drei Sekunden Gegenwart</em> zitiert, geht darin der Frage nach, wie Gegenwart als solche bestimmt wird, als Augenblick, Moment, Plötzlichkeit.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Was veranlasst uns eigentlich zu sagen, die Zeit fließe regelmäßig, gleichsam mit konstanter Geschwindigkeit, wie es Isaac Newton in seiner berühmten Aussage formulierte &#8230; Woher wissen wir dies, fließt die Zeit wirklich kontinuierlich? Könnte es nicht auch sein, dass selbst innerhalb eines physikalischen Bezugsystems Zeit ihr Tempo wechseln kann?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Gegenwart ist eine zeitliche Bühne, ist Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt anderen Menschen begegnen können. Gegenwart bedeutet: Synchronisation. Synchronisierten einst die Kirchenglocken die Zeit von Dorf zu Dorf, ist es heute die Fußballweltmeisterschaft, die die globalisierte Welt synchronisiert.</p>
<p style="text-align: left;">Es hat sich im abendländischen Diskurs eingebürgert, die Philosophie mit den Vorsokratikern beginnen zu lassen. Es ist also nur folgerichtig, wenn wir den diesmaligen Kiosk mit dem Satz eines Vorsokratikers beenden. Im Fragment B 20 sagt Heraklit:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Da sie geboren sind, nehmen sie auf sich zu leben und den Tod zu haben (– vielmehr auszuruhen -) und Kinder hinterlassen sie, dass neuer Tod geboren wird.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Philosophie Magazin</strong> erscheint monatlich im Philomagazin Verlag, Berlin, und kostet € 5,90</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Hohe Luft. Philosophie Magazin</strong> erscheint ab 2012 alle zwei Monate in der Emotion Verlag GmbH, Hamburg, und kostet € 8,00.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>der blaue Reiter. Journal für Philosophie</strong> erscheint zweimal jährlich bei blaue Reiter Verlag für Philosophie, Aachen, und kostet pro Heft € 15,90</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://philosophers-today.com"><strong>philosophers-today.com</strong></a></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Gilles Deleuze / Félix Guattari </strong><strong><em>Was ist Philosophie</em>?</strong> Frankfurt am Main 1996: Suhrkamp, € 10,00</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thomaspalzer.de/29-november-2011/feed/</wfw:commentRss>
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		</item>
		<item>
		<title>25. Oktober 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 11:42:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Beef]]></category>
		<category><![CDATA[Il Sole 24 ore]]></category>
		<category><![CDATA[Lettre]]></category>

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		<description><![CDATA[TP      Im Mai vergangenen Jahres haben wir im kiosk Beef! besprochen, das Magazin für Männer mit Geschmack. Ein bisschen lustig haben wir uns gemacht über dieses Feinschmeckerjournal für den gemeinen Fleischfresser, über dieses Hochglanzleitmedium für den Schnitzelburger. Doch mit der jüngsten Ausgabe kehrt tiefe Reue in uns ein. Wir schlagen uns beidhändig gegen die Brust [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP      Im Mai vergangenen Jahres haben wir im <span style="text-decoration: underline;">kiosk</span> <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong> besprochen, das <strong><span style="text-decoration: underline;">Magazin für Männer mit Geschmack</span></strong>. Ein bisschen lustig haben wir uns gemacht über dieses Feinschmeckerjournal für den gemeinen Fleischfresser, über dieses Hochglanzleitmedium für den Schnitzelburger. Doch mit der jüngsten Ausgabe kehrt tiefe Reue in uns ein. Wir schlagen uns beidhändig gegen die Brust und rufen allen, die es hören wollen, zu: Wir haben uns geirrt. Schrecklich geirrt. Denn das neue Heft ist einfach irre. Ein Muss für jede Küche, egal, ob sie mit Mann, Frau oder beiden bemannt ist.</p>
<p><span id="more-864"></span></p>
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Laut Ankündigung bietet das neue Heft – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen &#8211; die <em>ultimative Steak-Schule</em>. Sollten wir tatsächlich etwas fürs Leben lernen können?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Porterhouse oder Rib-Eye? Grill oder Pfanne? Vorher salzen oder nachher? So werden Sie zum Steak-Meister.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Was hat es mit der Magie eines Steaks auf sich? 1957 hat Roland Barthes in den unumgänglichen <em>Mythen des Alltags</em> unter dem Stichwort Beefsteak und Pommes frites folgendes dazu notiert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Das Beefsteak gehört zur selben Blutmythologie wie der Wein. Es ist das Herz des Fleisches, das Fleisch im Reinzustand, und wer es zu sich nimmt, assimiliert die Kräfte des Rindes.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Auf dem Cover von <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong> sehen wir die Kathedrale der Köstlichkeit, ein Porterhouse-Steak, in Italien <em>Bistecca alla Fiorentina</em> oder bei uns in Süddeutschland <em>T-Bone-Steak</em> gerufen. Mit Filet und Knochen aus dem flachen Roastbeef geschnitten, präsentiert es das Heft als 1100 Gramm schweren <em>Director’s Cut</em>. Wir dürfen schon mal die Servietten aufschütteln.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Das Steak wird nur ganz kurz bei 800 Grad angegrillt. Durch das „Schockerhitzen“ wird die Oberfläche sofort versiegelt, der Saft bleibt im Fleisch. Außerdem karamellisiert durch die hohe Temperatur das Fett an der Außenseite des Steaks, wodurch eine würzige Kruste entsteht. Keine Sorge, das klappt auch auf Ihrem Grill zu Hause, wenn die Kohle maximal erhitzt ist.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Und in diesem Tonfall geht es weiter. Vom Porterhouse über das neumodische Flank Steak zum Rumpsteak, vom Rib-Eye über das Filet und den New York Cut zur Backe. Das Steak-Heft ist eine Wucht, und das nicht nur, weil es endlich grundsätzliche Fragen der Menschheit löst. Auch in den Details überzeugt <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong>. Zum Beispiel wird die Rubrik <em>Menü des Monats</em> &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     &#8230; Pilztarte, Kastanienschaumsüppchen, Spanferkelkeule mit geschmorten Ufo-Zwiebeln und zum Abschluss süße Kürbis-Timbale mit Pumpernickel-Parfait&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; auf einem Leporello präsentiert, das aus dem Heft ausgeklappt wird und in einer Art Mission-Control-Ansicht, d. h. in einer Draufsicht die Zubereitung samt aller Zutaten und Uhrzeiten tabellarisch präsentiert. Beginn: 15:00 Uhr, Abendessen 20:00 Uhr. So will man das erklärt haben, hier können sich die Kochbücher dieser Welt noch einiges abgucken.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong> ist ein aufwendig produziertes Magazin, intelligent gemacht, die grafische Gestaltung ist im Serviceteil einem Computerschreibtisch nachempfunden, Snapshots erklären als Strips in zeitlich korrekter Abfolge die Handgriffe, die für die Zubereitung unerlässlich sind. Ideal für Männer wie mich, die zwar lesen können, aber keine Kochbücher. Natürlich gibt es auch opulente Fotostrecken von mehr oder weniger ausgefallenen Köstlichkeiten, die man trotzdem leicht selbst herstellen können soll.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;">Spr     Backe – angegrillt und sous vide. Ein leider in Vergessenheit geratenes Fleischstück mit kräftigem Aroma, das üblicherweise zum Schmoren im Ofen, zum Pökeln und für Sülzen und Pasteten verwendet wird. In der Sternegastronomie erlebt es jedoch gerade ein Revival.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong>. Schnell zu Facebook gehen und den <em>Gefällt mir</em>-Button drücken! Aber vorher Hände waschen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 Ore</span></strong> aus Mailand und Rom</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Es ist wie bei einem gelungenen Steak: Die Substanz der Bedeutung realisiert sich in der Form.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Gedanken stehn stille</p>
<p style="text-align: left;">wie die Mosaikplatten</p>
<p style="text-align: left;">im Palasthof&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; reimt der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur, Tomas Tranströmer. Das Haiku soll uns Motto und Talisman sein für folgende Überlegungen:</p>
<p style="text-align: left;">Die Wirklichkeit geht in den Begriffen, die wir uns von ihr machen, nicht auf. Es bleibt ein unauflöslicher Rest. Die Krise der Sprache, wie sie Hugo von Hofmannsthal im berühmten Lord Chandos-Brief zu Beginn des 20. Jahrhunderts diagnostizierte, war eine Krise des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit. Der unauflösliche Rest hintertrieb das, was der Begriff an Begriffsarbeit zu leisten versprach.</p>
<p style="text-align: left;">Die Jahrzehnte danach glaubten den Spalt mit einem Kunstgriff kitten zu können: Sie fetischisierten die Bedeutung. D. h. die Bedeutung wurde derart aufgelasen, dass sie jeden Riss und jeden Spalt mühelos überdeckte. Dafür kann paradigmatisch die Psychoanalyse einstehen, mit der Freud den Lord Chandos-Brief von Hofmannsthal gewissermaßen beantwortete. Seither gibt es nichts mehr, was nicht auch Bedeutung hätte, natürlich auch das Bedeutungslose, der Trash, gerade er, natürlich, wir wissen es.</p>
<p style="text-align: left;">In der Psychoanalyse ist die Wut des Verstehens Form, Institution, Notwendigkeit und schließlich Kirche geworden. Sie begleitet das Jahrhundert der Ideologien wie der Schatten uns, denn Ideologien sind nur die Terrorregime der Bedeutung. Die Sehnsucht nach Bedeutung findet sich auch in der zeitgenössischen Version des Lord Chandos-Briefes wieder, insofern diese Version die Sprachskepsis umgedeutet hat in eine Art höherer Sprachjubel: Alles ist Name, nirgends die Sache selbst.</p>
<p style="text-align: left;">Ist doch prima.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Es sei denn, es geht um ein Porterhouse-Steak.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Phänomene gelten seitdem lediglich als Begleiterscheinungen, als Symptome, die einzig dazu da sind, die jeweils zugrunde liegende Theorie, ihre platonische Urform zu bestätigen. Der kariöse Leib, das peinlich Fleischliche, das Konkrete, das Disparate sind gründlich desavouiert. Wir Ideologen und Abkömmlinge des 20. Jahrhunderts wollen den reinen Geist, die Struktur, die totale Sprache. Unsere Sehnsucht nach Bedeutung ist so groß geworden, dass wir überall nur noch Referenzsysteme erblicken, bizarre Kathedralen aus modrigen Bedeutungen, die der Diktatur der Querverweise das Denkmal setzen. Lost in Translation. Da sind wir wieder ganz Platoniker, Hegelianer, Spiritualisten. Da sind wir, anders gesagt, falsch gewickelt.</p>
<p style="text-align: left;">Schade um die Blumen, könnte man sagen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     In der Tiefe der Bodens</p>
<p style="text-align: left;">gleitet meine Seele</p>
<p style="text-align: left;">schweigend wie ein Komet&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; sagt Nobelpreisträger Tomas Tranströmer.</p>
<p style="text-align: left;">Es ist das alte Leib-Seele-Problem, das hinter der Klage steckt, dass wir immer nur den Namen haben, nie die Sache selbst. In die zeitgenössische Version übersetzt: Wir haben nur die Sachen, aber nie den richtigen Namen.</p>
<p style="text-align: left;">Die italienische Tageszeitung <strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 Ore</span></strong> beweist, dass sie den Finger am Puls der Zeit hat, wenn sie ihre Autorin Anna Li Vigni Maurizio Ferraris Buch <em>Seele und iPad</em> rezensieren lässt. Ich zitiere den <span style="text-decoration: underline;">Perlentaucher</span>, der aus Li Vignis Rezension zitiert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     „Oh du wechselhafte und anmutige Seele, Gast und Gefährtin des Körpers, wohin gehst du jetzt?“ Diese Verse soll Kaiser Hadrian auf dem Sterbebett<strong> </strong>ausgerufen haben. Nirgendwo geht sie hin, die Seele. Sie bleibt in der Welt, in der wir gelebt haben, in Form von Dokumenten und Geschriebenem (&#8230;) Die Absicht von Ferrari, diesem Autor der Ontologie des Mobiltelefons, besteht nicht darin, eine überschwängliche Eloge auf die Technik zu halten. Anhand des iPads will er belegen, dass der Gedanke im Geschriebenem steckt. Der Humanismus dieser Abhandlung liegt im Mut zum Materialismus, der sich abhebt von der immer verschwommener werdenden Kultur des Dualismus der Gegenwart. Die Seele steckt im Körper, in dem, was wir ihm im Laufe des Lebens eingeschrieben haben. Und wenn das Leben endet, dann bleibt von der Seele nicht mehr übrig als die Spuren in unserem Notizbuch, oder eben dem iPad. Deshalb hat sich Tony Curtis mit seinem iPhone begraben lassen, sozusagen mit dem gesamten Archiv seines Lebens.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Wir haben es immer gewusst: Ein saftiges Porterhouse-Steak zwischen den Zähnen – und die Zunge schmeckt die ganze Essenz des Daseins.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Morgen, am Mittwoch, trifft sich Europa zu einem neuen Gipfel, um die Euro-Krise endlich zu bewältigen und Griechenland für Europa zu retten. Diese Krise ist weniger Ausdruck einer Währungs-, denn einer Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise. Das ist ja genau die Botschaft, die die sogenannten „Märkte“, die Götter der Gegenwart, an uns Markteilnehmer senden. Lass es stecken, wir glauben deinem Geld nicht, scheinen sie uns zuzurufen und sich abzuwenden. Die Euro-Krise ist nur die aktuellste Form des Lord-Chandos-Briefs vom August des Jahres 1902.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; schreibt Hugo von Hofmannsthal.</p>
<p style="text-align: left;">In der aktuellen Ausgabe von <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> belehrt uns nun der griechische Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Aristos Doxiadis über die institutionellen und kulturellen Determinanten der hellenischen Ökonomie.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Der Begriff der „Institutionen“ ist recht allgemein und lässt unterschiedliche Definitonen zu. Der weitesten Definition nach beinhaltet er <em>offizielle Institutionen</em> (die Schule) ebenso wie <em>inoffizielle</em> (Nachhilfeunterricht und Privatunterricht zu Hause, zwei in Griechenland weitverbreitete Arten des Paukens auf Prüfungen hin). Ebenfalls impliziert er Regeln (Medizinrecht), Organisationen (Krankenhäuser), aber auch übliche Praktiken (steuerfreies Extrahonorar für behandelnde Ärzte – das sogenannte <em>fakelaki</em>, das in einem Umschlag übergebene Schmiergeld für eine bessere Behandlung). In einigen Theorien sind auch Ideologien (Was ist Fortschritt?) und Mentalitäten (Arbeitsethik) einbezogen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Kleinbetriebe sind die vorherrschende Organisationsweise im privatwirtschaftlichen Sektor, selbst noch 180 Jahre nach der Gründung des neugriechischen Staates. Das gehört, wie Doxiadis ausführt, strukturell zu Griechenland, was bedeutet:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Insofern wir eine Gesellschaft von Kleinunternehmern sind, können wir keine elektronischen Geräte produzieren, und nicht: Weil wir keine derartigen Geräte produzieren, sind wir Kleinunternehmer.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Die Griechen sind Kleinunternehmer, deren Betriebe im Schnitt nicht wachsen. Das ist für die europäische und westliche Wachstumsideologie naturgemäß Gift bzw. umgekehrt. Außerdem haben die Hellenen <em>Kultur um der Freiheit willen</em> geschaffen, wie es der Historiker Christian Meier in dem gleichnamigen Buch beeindruckend dargelegt hat. Sie kooperieren darum nicht mit der gleichen Effizienz, wie die Industrienationen es unter dem Schlagwort Teamwork tun. Aristos Doxiatis in <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Die Nordeuropäer haben Startvorteile daraus, dass sie kooperieren und sich an Regeln halten. Aber die Welt ändert sich. Hierarchien brechen zusammen, die selbständige Tätigkeit von einzelnen wird zur üblichen Lebensform auch in Mittelschichten. Die von Ulrich Beck beschriebenen Bastelbiographien nehmen zu,, und entsprechend steigt das Risiko. Bei dieser Tendenz sind die mehrfach beschäftigten, selbständig tätigen und erfinderischen Griechen womöglich eine Art Avantgarde. Unsere europäischen Partner tun gut daran, die Strategien der Griechen zu untersuchen, denn sie könnten ihnen eines Tages nützlich werden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Hegel hat gemeint, dass der europäische Geist in Griechenland seine Jugend verbracht habe. Wir fügen hinzu: Es sieht vieles danach aus, als würde er im Alter nach Griechenland zurückkehren (müssen).</p>
<p style="text-align: left;">Das letzte Wort gebührt Tomas Tranströmer:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">SPR     Wenn die Zeit kommt</p>
<p style="text-align: left;">ruht der blinde Wind</p>
<p style="text-align: left;">an den Fassaden aus.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Beef. Magazin für Männer mit Geschmack</span></strong> erscheint vierteljährlich bei Gruner + Jahr, Hamburg, und kostet € 9,80</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 ore</span></strong> ist eine der meistgelesenen Tageszeitungen Italiens mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und besitzt zwei Hauptredaktionen in Mailand und Rom.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> erscheint vierteljährlich in der Lettre international Verlagsgesellschaft, Berlin, und kostet im Einzelverkauf € 17,00</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;">
<p><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>27. September 2011</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/27-september-2011/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2011 04:05:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[mubi]]></category>
		<category><![CDATA[parisberlin]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Ach, Europa! Europa ist nicht nur ein gemeinsamer Markt. Europa ist eine politische Idee. Und zudem bedauernswerter Weise ein Projekt der europäischen Eliten, die mit staunenswerter Unverfrorenheit über die Köpfe der betroffenen Bürger hinwegentscheiden und eine überfällige Demokratisierung der EU verhindern – mit dem ebenso hartnäckigen wie unverschämten Hinweis, dass der europäische Bürger noch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Ach, Europa!</p>
<p style="text-align: left;">Europa ist nicht nur ein gemeinsamer Markt. Europa ist eine politische Idee. Und zudem bedauernswerter Weise ein Projekt der europäischen Eliten, die mit staunenswerter Unverfrorenheit über die Köpfe der betroffenen Bürger hinwegentscheiden und eine überfällige Demokratisierung der EU verhindern – mit dem ebenso hartnäckigen wie unverschämten Hinweis, dass der europäische Bürger noch nicht <em>reif</em> sei für eine eigene Meinung zu dem Projekt. Um es mit Frau Merkel zu sagen: Für das Projekt Europa ist der europäische Bürger &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<span id="more-859"></span></p>
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; nicht förderlich.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Damit sind die politischen Eliten hauptursächlich schuld an der wachsenden Europaskepsis und Europamüdigkeit – und das vor allem bei den Jungen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> aus Paris und Berlin</p>
<p style="text-align: left;">TP	Im Jahr 2004 gegründet, ist <strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> eine Art Begleitheft zum Fernsehkanal Arte. Zweisprachig, handelt es sich bei dem gut 100 Seiten starken Heft um keine didaktisch aufbereitete Sprachhilfe im Printformat mit Vokabeltrainer und Grammatikecke, sondern um ein Nachrichtenmagazin, das Monat für Monat über Aktuelles aus Politik, Wirtschaft und Kultur von beidseits des Rheins informiert. Wobei deutsche Themen in französisch, französische Themen in deutsch behandelt werden. Das macht die Lektüre charmant.</p>
<p style="text-align: left;">Für Europa, könnte man sagen, ist Paris-Berlin die Achse des Guten, das eigentliche Zentrum des ganzen Projekts. Europa leidet aber im Moment darunter, dass die Peripherie zu viel Macht hat und das eigentliche Machtzentrum zu peripher ist. Die Euro-Krise hat die zentrifugalen Kräfte dabei nur noch weiter gestärkt.</p>
<p style="text-align: left;">Chinesische Beobachter argumentieren, dass die westliche Demokratie als Staatsform unfähig sei, die Finanzmärkte in den Griff zu bekommen und die finanzielle Krise zu lösen. Sie argumentieren pro domo, für ihr eigenes autokratisches System. In einer Zeit, in der die moralische Führungsrolle nicht mehr unangefochten den USA zugedacht werden kann, ist also die Verteidigung der europäischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wieder an Europa zurückdelegiert.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Probleme, die durch Bombardierung gelöst werden können, nehmen wir Amerikaner bereitwillig in Angriff. Probleme, die mit dieser Methode nicht zu bewältigen sind, ignorieren wir.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Diese Diagnose stammt aus dem Jahr 2000 – und sie stammt von Farred Zakaria, damaliger Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Foreign Affairs, heute Herausgeber von Time Magazine und wöchentliche Stimme bei CNN.</p>
<p style="text-align: left;">Lange waren es die USA, die die Ideale der europäischen Aufklärung am glaubwürdigsten vertreten und verteidigt haben. Nun scheint es, als müsste Europa diese Rolle übernehmen – endlich! -, als müsste Europa den USA im weiteren Zivilisieren der Zivilisation vorangehen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr 	Die politischen Eliten Europas bieten zurzeit ein Bild des Jammers &#8211; von den widersprüchlichen Reaktionen auf die Rebellion in der arabischen Welt bis zum zögerlichen Umgang mit der Krise des Euro. Entweder sie verharren in Nichtstun und Entschlusslosigkeit oder flüchten sich von einer Unwahrheit in die nächste, und das in der Erwartung, sie könnten so die Märkte in den Griff bekommen. Seitdem die europäischen Eliten unter Beweis stellen müssen, wovon sie so oft gesprochen haben &#8211; dass Europa ein weltpolitisch und weltwirtschaftlich handlungsfähiger Akteur sei -, stolpern sie nur noch vor sich hin. Und weil sie dies nicht wahrhaben wollen, feiern sie jeden Stolperschritt als die Rettung Europas und des Euro. Das schlechte Bild, das Europa im Augenblick abgibt, ist wesentlich dem Unvermögen seiner Eliten geschuldet&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; schreibt der Politikwissenschaftler Gerfried Münkler im Spiegel. Und markiert damit das Dilemma, an dem Europa seit geraumer Zeit erfolglos herumlaboriert. Es wird Zeit, dass die Piratenpartei ins europäische Parlament einzieht.</p>
<p style="text-align: left;">Aber zurück zum Magazin <strong>ParisBerlin</strong>. Wir wollen mit dem Ausflug in den politischen Kommentar ja nur klarmachen, warum wir ein solches Magazin dringend nötig haben. Oder, anders gesagt: Wir müssen wieder lernen, voneinander Kenntnis zu nehmen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Übersetzungen von Büchern, vor allem der Verkauf derselben, stagnieren. Die Fernsehprogramme sind größtenteils national, höchstens ein paar amerikanische Anteile, aber die europäischen Nachbarn kommen nicht wirklich vor. Sogar arte hat das Senden von Originalfassungen so gut wie eingestellt &#8230; Bei unserem Kerngeschäft, dem Kino, sieht es noch trauriger aus. Ein, zwei Bestseller pro Jahr schaffen es, „gesamteuropäisch“ gesehen zu werden, alle anderen bleiben auf ihr Heimatterritorium beschränkt.</p>
<p style="text-align: left;">TP	So das entmutigende Fazit von Regisseur Volker Schlöndorff, der einen Essay unter dem Titel <em>Kein Austausch der Kulturen</em> für die Rubrik <em>carte Blanche</em> im September-Heft von <strong>ParisBerlin</strong> beisteuert.</p>
<p style="text-align: left;">Außerdem bringt die Ausgabe ein langes Interview mit einer Französin und einem Deutschen über ihre Erfahrungen im jeweiligen Nachbarland; einen Schwerpunkt über die Struktur der Medien in beiden Ländern, u. a. zu Radio und Fernsehen, zu politischem Klüngel und Unabhängigkeit, zur Ungleichheit zwischen Berufsjournalisten und Bloggern und zum Verhältnis der Deutschen zu ihren Medien.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Zum Feierabend sind die Risiken eines Kulturschocks stark minimiert: Die beiden öffentlichen Anstalten rivalisieren mit Quizshows und leichten Serien.</p>
<p style="text-align: left;">TP	In Frankreich ist das im Übrigen nicht viel anders. Nachdem private Sender zugelassen wurden, sank die zuvor akzeptable Quote von Arte in  den Keller.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Ach, Europa.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Wie Journalismus mehr ist als Nutzwert-Journalismus, so ist auch Europa mehr als eine Idee des größten Nutzwerts. Europa ist ein politisches Projekt. Und eben darum ist es ein Skandal, wie er größer kaum gedacht werden kann, dass jeder fünfte Europäer unter 25 Jahren keinen Job hat. An dieser Stelle müssen wir vermutlich noch einmal die Piratenpartei ins europäische Parlament wünschen.</p>
<p style="text-align: left;">Das Erstaunliche an diesem Skandal aber ist, dass in der Bevölkerung dennoch die Staatsgläubigkeit wächst, also der Glaube daran, dass es der Staat sein wird, der uns aus der Krise herausführt &#8211; wiewohl es doch die Staaten waren, die uns viele der Probleme, die wir heute haben, allererst eingebrockt haben.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Was waren das für schöne Zeiten, als die Idee eines geeinten freiheitlichen Europa die Bürger, Politiker und Märkte noch gleichermaßen begeisterte! Aus dem ehrgeizigen Projekt ist im Zuge der Staatsverschuldungskrise ein ökonomischer und politischer Scherbenhaufen geworden. Die Vergemeinschaftung der Schulden mit immer gigantischer werdenden Rettungsschirmen geht einher mit einem atemberaubenden Entmündigungsprozess: einzelner Staaten, der nationalen Parlamente und natürlich der Bürger. Verträge werden gebrochen, demokratische Verfahren ausgesetzt und unterlaufen. Die Freiheit, verbunden mit Selbstverantwortung, bleibt auf der Strecke. Den Primat der Politik über die Ökonomie wollen EU-Bürokratie, die europäischen Regierungschefs und ihre Finanzminister durchsetzen. Das Heil sehen sie in noch mehr zentraler Planung, Lenkung, Egalisierung und Vereinheitlichung. Obwohl uns die Geschichte gelehrt haben sollte, dass dies uns gerade nicht auf dem Weg zu Freiheit, Demokratie und Wohlstand weitergebracht hatte. Doch erst recht in Krisenzeiten greifen Politiker gerne auf das von ihnen so geschätzte Instrument des Paternalismus zurück, nämlich in väterlicher Manier die Bürger an die Hand nehmen und sie vormundschaftlich durch die Unbill der Zeit führen zu wollen.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Notiert die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann in einem lesenswerten Beitrag in der <strong>NZZ</strong>. Der Kiosk traut weder Vater Staat noch Mutter Natur, weder Materialismus noch Paternalismus. Er hält sich an Machiavelli:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Man würde keinen Herrn dulden, wenn man wüsste, dass man auf eigenen Füßen stehen kann.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Erst recht misstraut der Kiosk natürlich jenen, die sich vor zu viel und damit vor jeder Veränderung fürchten und die sich immer nur auf ihrem Kiez wohlfühlen wollen: der Stammwählerschaft der Grünen. Das ist jetzt weniger soziologisch denn polemisch gemeint, aber ein anderes, wenngleich kaum weniger ernüchterndes Thema.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Statt uns den Entwicklungen auszuliefern und bloß darauf zu reagieren, sollten wir die Dinge mit etwas mehr Abstand betrachten, um eine gerechte und von den Bürgern mitgetragene Lösung entstehen zu lassen: Allein ein Föderalismus europäischen Zuschnitts ermöglicht uns, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen, um Einheit und Unterschiedlichkeit unserer politischen Systeme auf friedliche Weise miteinander in Einklang zu bringen. Der Begriff Föderalismus stößt bei unseren Politikern auf Ablehnung, lässt sie um ihren Einfluss bangen und ist dennoch die einzige Alternative.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Mit diesen Gedanken versucht der Pariser Chefredakteur des dual geführten Blattes <strong>ParisBerlin</strong>, Olivier Breton, seiner Leserschaft Mut für Europa zu machen.</p>
<p style="text-align: left;">Seit Walter Benjamin ist Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Für das 20. ist vermutlich New York die Kapitale. Im 21. hat Istanbul die besten Chancen, Hauptstadt für das Jahrhundert zu werden – schon wegen des Vorbildcharakters der Türkei für den freien Teil der arabischen Welt. Die Achse <strong>ParisBerlin</strong> aber muss sich wieder daran erinnern, dass sie für die europäischen Werte der Aufklärung einsteht. Und sollte die endlich und allererst auf sich selbst anwenden.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	<a href="http://mubi.com"><strong>mubi.com</strong></a> aus Palo Alto, Kalifornien</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">TP	<strong>Muli</strong> ist der Name eines Online-Kinos, in dem man naturgemäß Filme ansehen, aber auch diskutieren und cinéastische Entdeckungen machen kann. <em>Watch – disuss – discover</em> geht das Schema.</p>
<p style="text-align: left;">Fünf Fragen waren es, die den in den USA lebenden Türken Efe Cakarel, einem ehemaligen Investment-Banker, bewogen haben, das Portal 2007 zu gründen, das inzwischen von Regisseuren wie Martin Scorsese oder Michael Handke unterstützt wird und mehr als 2000 Filme im Angebot hat.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Warum kannst du den Film <em>In the Mood for Love</em> nicht in einem Tokioer Café auf einem Laptop ansehen? Warum ist es so schwer, Leute zu treffen, die dieselbe Verehrung für Antonioni aufbringen wie du? Wäre es nicht großartig, du könntest Tates <em>Playtime</em> einem Freund mailen, wenn du glaubst, dass er ihn braucht? (Es gibt nichts Tolleres als Filmtherapie!) Warum schauen Filme aus dem Netz immer so grauenvoll aus? Warum sprechen wir als wäre wir John Cusack in <em>High Fidelity?</em></p>
<p style="text-align: left;">TP	Womit eigentlich alles über <strong>Muli</strong> gesagt wäre. <strong>Muli</strong> ist ein Programmkino im Internet. Der Dienst verfügt über Zentralen in London, Istanbul, Paris, Buenos Aires und natürlich Palo Alto in Kalifornien, wo sein Betreiber lebt.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	In Cakarels Großraumbüro sitzen sechs Mitarbeiter vor riesigen Computerbildschirmen, an den Wänden hängen Filmplakate von Wong Kar–Wai, Gus Van Sant, François Truffaut, Alfred Hitchcock. In einer Ecke trauert eine gelbliche Palme den Zeiten hinterher, als die Menschen in ihrer Umgebung noch Zeit zum Gießen hatten &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; schreibt die Zeit 2009 in einem Porträt über das Netzkino. <strong>Muli</strong>, eine Mischung aus Download- und Kommunikationsplattform, wirkt kursorisch: Es will den Zuschauer durch den großen Film-Ozean sicher lotsen – auch den Dokumentarfilmliebhaber in Sibirien und den Godard-Fan in der amerikanischen Provinz.</p>
<p style="text-align: left;">Übrigens findet man auf <strong>Muli</strong> eine deutsch-französische Koproduktion aus dem Jahr 1932 mit dem wegweisenden Titel:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Allo Berlin? Ici Paris!</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> ist ein zweisprachiges Magazin für Politik, Wirtschaft und Kultur, das elfmal im Jahr bei <em>All Contents Presse</em> erscheint und im Einzelverkauf € 5,80 kostet</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://Mubi.com"><strong>Mubi.com</strong></a> ist ein online-Kino, über das sich Filme gegen Gebühr downloaden oder mieten lassen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>26. Juli 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2011 06:23:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Il Sole 24 ore]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitschrift für Ideengeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Die fünfzigste Ausgabe des kiosk beschäftigt sich mit den menschlichen Abgründen und stellt mit Erschütterung fest, dass von einer Person, um sie ernst zu nehmen, immer noch dasselbe verlangt wird wie von einer Theorie: Konsistenz. Als ob es eine bewunderungswürdige Qualität wäre, in seinem Leben nie die Fronten gewechselt oder mal etwas Neues gedacht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	Die fünfzigste Ausgabe des kiosk beschäftigt sich mit den menschlichen Abgründen und stellt mit Erschütterung fest, dass von einer Person, um sie ernst zu nehmen, immer noch dasselbe verlangt wird wie von einer Theorie: Konsistenz. Als ob es eine bewunderungswürdige Qualität wäre, in seinem Leben nie die Fronten gewechselt oder mal etwas Neues gedacht und ausprobiert zu haben.</p>
<p><span id="more-818"></span><br />
Spr	<strong>Il Sole 24 ore</strong> aus Mailand und Rom</p>
<p>TP	Bei einem Menschen, der seine Ansichten ändert, setzen die im geistigen Sinn Hinterbliebenen gern voraus, dass ein Denkfehler vorliegen müsse, eine Verführung, ein Irrtum oder ein schlechter Witz. Keinesfalls aber kann es mit rechten Dingen zugegangen sein, denn sonst hätte sich eine Meinungsänderung erübrigt. Die Meinung, die man vertritt, vertritt man ja doch deshalb, weil man sie für die Bestmögliche hält – der Wahrheit am nächsten, dem Irrtum am fernsten, der Vernunft genehm und dem Vorurteil, dass man von der Welt hat, recht freundlich gesinnt. Oder?</p>
<p>Andernfalls täte sich ein Abgrund auf.</p>
<p>Spr	Besonders in der deutschen Romantik wird der „Abgrund“, wie schon bei Blaise Pascal, ein wesentlicher Bestandteil der „dichterischen Gestaltung des Unglaubens“ und bedroht vor allem das Ich, das sich selbst wie Luzifer als den Mittelpunkt der Welt betrachtet.</p>
<p>TP	So Vivetta Vivarelli, Professorin für Deutsche Literatur an der Universität Florenz, die in der aktuellen Ausgabe der</p>
<p>Spr	<strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong></p>
<p>TP	Nietzsches Abgründe unter die Lupe genommen hat. Doch diesmal geht es nicht um Nietzsche, sondern um Heidegger. Dazu später mehr. Zunächst nämlich wenden wir uns einem weiteren „Abgründigen“ zu. Dem 1957 gestorbenen Schriftsteller und Journalisten Curzio Malaparte.</p>
<p>Malaparte gilt allen, die aufrechten Sinnes sind, als obsolet, denn er war Faschist, Kommunist, Wendehals, Angeber, Narziss, Dandy, Kosmopolit und Provinzler – kurzum, er war ein Mensch mit Widersprüchen, eine erstaunlich fragwürdige Figur, ein, wie die Italiener sagen, <em>voltagabbana</em> – einer, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt. <em>Die Sonne 24 Stunden</em> – <strong>Il Sole 24 ore</strong> -, Italiens große Tageszeitung für Wirtschaftsfragen, hat in ihrer Ausgabe vom 7. Juli Malapartes Biografie einer kenntnisreichen Untersuchung unterzogen.</p>
<p>In einem offenen Brief aus dem Jahr 1940 schreibt Curzio Malaparte:</p>
<p>Spr	In Wahrheit bin ich weder schlechter noch besser als mein dummer Ruf: aber ich bin anders. Es kann mich nur derjenige verstehen und akzeptieren, der nicht vergisst, dass in mir all die Romantik und der Wahnsinn der Deutschen ist; dass ich nicht ein Italiener wie all die anderen bin, sondern was man gemeinhin einen Barbaren nennt.</p>
<p>TP	Kurt Erich Suckert, unter dem Pseudonym Curzio Malaparte einer der bedeutendsten Schriftsteller und Journalisten Italiens, ist der Sohn eines Textilfabrikanten aus dem sächsischen Zittau und einer Mailänderin aus bürgerlichem Haus. Über seinen toskanischen Geburtsort Prato &#8211; ein halbe Stunde Eisenbahnfahrt von Florenz entfernt &#8211; über Prato und dessen wichtigste Indstrie schreibt er:</p>
<p>Spr	Nicht nur die Geschichte Italiens, sondern die Geschichte ganz Europas endet in Prato, seit den ältesten Zeiten, seit die Prateser begannen, aus den Stoffabfällen der ganzen Welt Tuche und Stoffe herzustellen. In Prato endete zwischen einem Berg Lumpen der Glanz Spaniens in Italien, die Größe Karls V. in Europa; und ebenso der Ruhm der Könige von Frankreich, der jakobinische Furor, die Größe Napoleons. Jahrein, jahraus verspannen, verkämmten, verwebten die Parteser die Lumpen und Fetzen von Marengo, von Austerlitz, von Waterloo, die Fahnen der großen Armee, die Uniformen Murats, die Goldfräcke der heiligen Allianz.</p>
<p>TP	Kurz: Pratos Textilindustrie hat die Macht schon früh gründlich dekuvriert.</p>
<p>Zurück zum Prateser Wendemantel. 1925 italienisiert Malaparte seinen Vornamen Kurt zu Curzio. Für seinen Nachnamen sucht er zunächst Inspiration in der Renaissance und spielt mit dem Gedanken, sich Curzio Borgia zu nennen oder Curzio Farnese. Er hat gelesen, dass Napoleon ursprünglich Malaparte geheißen haben soll, um den Familiennamen dann aus einleuchtenden Gründen von der Bedeutung her in sein Gegenteil zu verkehren: <em>Bona parte</em> heißt guter Teil, Malaparte schlechter Teil, mala parte.</p>
<p>Spr	Wer einen Namen wie „Malaparte“ wählt, der nimmt wohl bewusst in Kauf, dass seine Reputation nicht unumstritten ist.</p>
<p>TP	Das schreibt der Romanist Jobst Welge, Herausgeber eines 2007 publizierten Malaparte-Bandes in der <em>Anderen Bibliothek</em> mit dem Titel: <em>Zwischen Erdbeben. Streifzüge eines europäischen Exzentrikers</em>. <strong>Il Sole 24 ore</strong>, von mir nur indirekt über den <strong>Perlentaucher</strong> rezipiert, gibt dieser Einschätzung mit einer Analyse Nahrung, in der der zweifelhafte bzw. abgründige Charakter des Schriftstellers bestätigt wird. Schwer, den Mann einzuordnen.</p>
<p>Spr	Es ist ja auch nicht einfach bei einem Schriftsteller, der bis 1943 vom Kulturministerium unterstützt wurde, aber nach dem Zerfall des Faschismus sich als Verfolgter des Regimes gerierte und umstandslos bereit war, gegenüber (dem Generalsekretär der italienischen Kommunisten) Togliatti 1944 zu deklarieren, dass der Kommunismus &#8216;das dominierende Motiv meines intellektuellen Lebens ist&#8217;, ja &#8216;das Motiv, das meinen intellektuellen Handlungen und meinem Gewissen zugrunde liegt&#8217;. Und die Metamorphosen des Malaparte hörten damit nicht auf: nach 1946 wird er antikommunistisch und geißelt die &#8216;marxistischen Razzien&#8217;, er denunziert den &#8216;Faschismus der Antifaschisten&#8217; und unterstützt (den christlich-sozialen) De Gasperi bei den Wahlen von 1948. Im Jahr 1957 beschließt er schließlich seine irdische Existenz, nicht ohne Mao und den chinesischen Kommunismus zu preisen, den Parteiausweis der republikanischen wie der kommunistischen Partei zu akzeptieren, ebenso wie vielleicht noch im Augenblick des Todes zur katholischen Kirche zu konvertieren, jener Kirche, die ihn auf den Index gesetzt hatte. Angesichts dieser Unvereinbarkeiten ist die ehrlichste Antwort auf die Fragen nach dem Kern Malapartes vielleicht die Feststellung, dass er Idealist und Opportunist, Rebell und Chamäleon, Titelheld und Angeber zugleich war. Nie hörte er in seinem Leben damit auf, eine Aura der Ambivalenz um sich herum zu spinnen.</p>
<p>TP	Malaparte, Verfasser des großartigen Kriegspanoramas <em>Kaputt</em>, war ein Mann der großen Gesten, ein Melancholiker, Aristokrat, Populist, radikaler Individualist und subtiler Künstler. Und er war ein Okkasionalist. Gelegenheit macht Diebe.</p>
<p>Berühmt die Szene aus <em>Kaputt</em>, in der von den Pferden der sowjetischen Artillerie die Rede ist, die sich auf der Flucht vor der finnischen Armee in den Ladogasee stürzen und erfrieren:</p>
<p>Spr	Der See war wie eine unendlich weiße Marmorplatte, auf welche Hunderte und Aberhunderte von Pferdeköpfen gestellt waren.</p>
<p>TP	Berühmt ist auch das Haus des Schriftstellers Malaparte, eine bewohnbare Skulptur der Moderne, die allein auf einer Klippe der Insel Capri wacht und der Karl Lagerfeld eine fotografische Hommage gewidmet hat. Unsterblich aber hat das Haus der Filmemacher Jean-Luc Godard in seinem Film <em>Die Verachtung</em> gemacht – und zwar mit der Szene, in der die Bardot die kühne Freitreppe nur mit einem Handtuch bekleidet in den azurblauen Himmel hinaufschwebt.</p>
<p>Ein Original-Dialog aus dem Film:</p>
<p>Spr	Camille: „Liebst du meine Brüste ganz oder nur deren Spitzen?“ Paul: „Ich weiß nicht&#8230;“</p>
<p>TP	All die Romantik und der Wahnsinn der Deutschen steckten auch in einem anderen Deutschen, einem Zeitgenossen Malapartes, der wie dieser über schlechte und zwiespältige, eben über abgründige Seiten verfügte: der Schwarzwälder Philosoph Martin Heidegger.</p>
<p>Spr	<strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> aus Marbach, Weimar und Wolfenbüttel</p>
<p>TP	Am 21. April 1933 wird Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Einen Monat später tritt er der NSDAP bei. Bis zum Kriegsende bleibt er in der Partei. Am 27. April 1934, also nur ein Jahr nach Antritt des Rektorats, tritt er von seinem Amt des zurück – aber nicht, um, wie er später behauptet, die nationalsozialistische Hochschulpolitik nicht länger mittragen zu müssen, sondern, weil ihm diese nicht weit genug geht. Sidonie Kellerer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln hat noch mehr Ungereimtheiten in der Biographie des Philosophen entdeckt – zumal in dessen Editionspolitik, die exakte Nachprüfungen systematisch untergräbt:</p>
<p>Spr	Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beteuerte Heidegger, viele seiner Texte nach dem „Rektorat“ seien technikkritische Auseinandersetzungen mit der Neuzeit und mit deren Begründer Descartes und als solche eigentlich regimekritisch.</p>
<p>TP	Für den späten Heidegger war die Frage nach der Technik eine Frage nach dem „Gestell“ – nach der Art und Weise, wie der Mensch die Welt auf einen bestimmten Zweck hin stellt. So stellt das Wasserkraftwerk den Fluss nur auf seine Wasserkraft hin, ohne Rücksicht auf dessen ökologische Qualitäten. Im Zweckhaften der Technik erkennt der Philosoph eine strukturelle Ähnlichkeit zum Nationalsozialismus, insofern dieser Technikfromm war. Technik aber beruht auf nichts anderem als auf dem Brutaldarwinismus, der größere Kräfte gegen kleinere ausspielt. Darum jedenfalls konnte Heidegger mit seiner Technikkritik auch eine milde Regimekritik behaupten.</p>
<p>In einem Aufsatz der aktuellen Ausgabe der <strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> mit dem Titel <em>Heideggers Maske. „Die Zeit des Weltbildes“ – Metamorphose eines Textes</em> geht die Autorin der Frage nach, ob gegenüber den Beteuerungen des Freiburger Philosophen, der NS-Ideologie gegenüber sehr schnell kritisch gegenüber gestanden zu haben, nicht Zweifel angebracht sind. Bei einem genauen Vergleich der unterschiedlichen Fassungen des „Weltbild“-Vortrags zeigt sich nämlich, dass die Argumente, mit denen Heidegger seine frühe Regimekritik belegen will, so nicht haltbar sind. Es sind Geschichtsklitterungen der Heideggerschen Art, d. h. der Philosoph hat nachträglich Umdeutungen vorgenommen und ganze Passagen in das Originalmanuskript seines Vortrags eingearbeitet, den er am 9. Juni 1938 im Rahmen eines Freiburger Vorlesungszyklus gehalten hat, der aber erst 1950 bei dem Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann publiziert worden ist – und dann eben umgedeutet und manipuliert.</p>
<p>Spr	Der Mensch als Vernunftwesen der Aufklärungszeit ist nicht weniger Subjekt als der Mensch, der sich als Nation begreift, als Volk will, als Rasse sich züchtet und schließlich zum Herrn des Erdkreises sich ermächtigt&#8230; Im planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen erreicht der Subjektivismus des Menschen seine höchste Spitze, von der er sich in die Ebene der organisierten Gleichförmigkeit niederlassen und dort sich einrichten wird. Diese Gleichförmigkeit wird das sicherste Instrument der vollständigen, nämlich technischen Herrschaft über die Erde.</p>
<p>TP	Aber die nachträgliche Umdeutung ist nicht alles. Heidegger verfasst nach dem Krieg eine Anmerkung zu dem bereits unlautererweise ergänzten Vortrag, in der er behauptet:</p>
<p>Spr	Die Zusätze sind gleichzeitig geschrieben, aber nicht vorgetragen worden.</p>
<p>TP	Ganz offenbar entspricht diese Anmerkung nicht der Wahrheit. Doch noch gravierender ist, dass die Gesamtausgabe der Werke Heideggers – also die maßgebliche Referenzgröße &#8211; gleichfalls nicht der historischen Wahrheit entspricht, wie Sidonie Kellerer akribisch nachweist.</p>
<p>Spr	Wenn Heidegger die „Disziplinierung“ seiner Studenten durch die „Korrektur der Protokolle und Nachschriften“ praktizierte, so tat er das als ihr unmittelbarer Lehrer. Weit weniger authentisch ist es, wenn heute der Verzicht auf eine kritische Ausgabe mit dem Verweis auf die geschichtliche Wahrheit begründet wird: „Die Schriften sollen so wirken, wie sie zu ihrer Zeit veröffentlicht, geschrieben oder gesprochen worden sind,.“ Liest man diese vordergründig nach Texttreue klingende Argumentation und hat dabei die Interpolationen vor Augen, die anderes sagen, als ursprünglich vermittelt wurde, so kann man nicht umhin, das Fehlen einer historisch-kritischen Ausgabe zu bedauern und die Editionspolitik zu hinterfragen. „Der ‚künftige Mensch’ wird Heideggerianer sein, lautet das Versprechen der Gesamtausgabe.“ Besser wäre das Versprechen, durch den Zugang zu den Originaltexten einem jeden die Entscheidung zu erlauben, ob er Heideggerianer ist.</p>
<p>TP	Curzio Malaparte und Martin Heidegger – zwei Wendehälse, wie sie gegensätzlicher kaum gedacht werden können. Was sie voneinander trennt, ist – na, was wohl? &#8211; ein Abgrund.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Il Sole 24 ore</strong> ist eine der meistgelesenen Tageszeitungen Italiens mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und besitzt zwei Hauptredaktionen in Mailand und Rom.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> erscheint vierteljährlich im Verlag C. H. Beck, München, und kostet im Einzelverkauf € 12,90</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>28. Juni 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Jun 2011 14:29:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturaustausch]]></category>
		<category><![CDATA[Stein]]></category>

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		<description><![CDATA[TP In den Anfangszeiten der Geologie stritt man heftig um Ursprung und Bildung der Gesteine. Aus dem Feuer, sagten die Plutonisten, aus dem Wasser, die Neptunisten. Von den 100 Elementen des Periodensystems sind noch nicht einmal zehn an der Zusammensetzung der Gesteine beteiligt. Und doch gibt es so unterschiedliche Steine. Woher kommen sie? Gesteine sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	In den Anfangszeiten der Geologie stritt man heftig um Ursprung und Bildung der Gesteine. Aus dem Feuer, sagten die Plutonisten, aus dem Wasser, die Neptunisten. Von den 100 Elementen des Periodensystems sind noch nicht einmal zehn an der Zusammensetzung der Gesteine beteiligt. Und doch gibt es so unterschiedliche Steine. Woher kommen sie? Gesteine sind Mineralaggregate, entweder monomineralisch wie reiner Kalkstein, der nur aus Calcit besteht, oder polymineralisch wie Granit, der sich aus Feldspat, Quarz und Glimmer zusammensetzt. Die ältesten Steine auf der Erde sind etwa 4 Milliarden Jahre alt und stammen aus Grönland, Kanada und Australien. Wir kennen die Steine vom Schulausflug in das Odenwälder Felsenmeer, von Wanderungen in den Kalk-Alpen, von Bildungsreisen zu den in vulkanische Tuffe gehauenen frühchristlichen Felsenkirchen im türkischen Kappadozien oder vom Brocken im Harz, wo bereits Goethe über die Entstehung der Steine nachgedacht haben will.</p>
<p><span id="more-802"></span></p>
<p>Spr	Stein. Zeitschrift für Naturstein aus München</p>
<p>TP	Der urbane, kultivierte Zeitgenosse begegnet dem Stein vor allem an drei Orten: in der Küche, im Bad und auf dem Friedhof. Naturstein ist en vogue. Aber nur als Basismaterial für den Engineered Stone. Und den wiederum finden wir vor in Form der Küchenarbeitsplatte oder in der des trendigen Waschtischs. Oder als Teil der Friedhofskultur, etwa als Rauminszenierung der Grabfelder.</p>
<p>Spr	Um es noch einmal zu sagen: Ich steh’ auf Stein – und Steine aus Deutschland sind für mich etwas ganz besonderes. Ich mag den roten Sandstein vom Main. Ich mag die Basalte aus der Eifel. Ich mag die eher unbekannten Steine aus dem Norden und ganz besonders die roten und gelben Steine aus der Pfalz. Mein Vater, Steinmetz aus Überzeugung, liebte ebenfalls die deutschen Steine, die alten, vergessenen – jene Steine, die Teil sind der Kulturlandschaft Deutschland.</p>
<p>TP	Seit April bringt Stein. Zeitschrift für Naturstein eine Serie zum Thema Deutschland, deine Steine. Der Titel ist wohl an die ARD-Reihe Deutschland, deine Künstler angelehnt – mit dem charmanten Unterschied, dass es in der Serie der Stein-Zeitschrift tatsächlich um Steine geht.</p>
<p>Spr	Die tiefgraue rheinische Basaltlava ist ein etwa 200 Tausend Jahre altes Vulkangestein entstanden durch die Erkaltung der Magma erloschener Vulkane. Schon 6000 v. Chr. als Material für die Herstellung von Mühl- und Reibsteinen entdeckt und verwendet, wird die Basaltlava heute als Material für Fassadenverkleidungen, Treppen- und Bodenbeläge sowie Bildhauerarbeiten genutzt.</p>
<p>TP	Pflastersteine, Randsteine, Kirchen und alte Brücken, Schlösser und Rathäuser sind fast immer mit Natursteinen gebaut. Darum geht es in Stein. Zeitschrift für Naturstein häufig um den Erhalt von Kulturgut oder dessen Sanierung. Und es geht um den Markt, um die Geschäfte der Steinmetze:</p>
<p>Spr	Steine aus Deutschland haben Saison: schon wegen der Nähe. Weil heute viel gegen die gelben, grauen und anderen Importe aus dem Nahen und Fernen Osten spricht. Natur und Kultur muss das Argument sein. Eine Menge ist möglich. Eigentlich gibt es nichts als positive Nachrichten aus Berlin, Frankfurt und Stuttgart. Regionalität gewinnt. Die Steine aus Deutschland hätten andere in Europa auch gern.</p>
<p>TP	&#8230; schreibt Stein-Chefredakteur Willy Hafner.<br />
Die Themen, die diese Fachzeitschrift beschäftigen, lauten so:</p>
<p>Spr	Basalte – schön und robust. Kantenschleifen – Stand der Technik. Verlegen – großformatige Platten. Fassade im Fokus&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; usw. Das Studium von Stein. Zeitschrift für Naturstein ist schon von daher interessant, weil es einen mit einer völlig unbekannten Welt konfrontiert – jedenfalls für die, die beruflich nichts mit Steinen zu tun haben.</p>
<p>Spr	Breitbrunner Sandstein, Eitzinger Grabit, Flossenbürger Grabnit, Friedewalder Quarzsandstein, Kleinrinderfelder Muschelkalk, Langensalzaer Travertin, Plaidter Hardbasalt, Wachenzeller Dolomit, Weiberner Tuffstein, Worzeldorfer Quarzit.</p>
<p>TP	Schon mal von gehört? Macht nichts. Geologische Prozesse spielen sich in einem Zeitfenster ab, das mit dem unseren nichts zu tun hat. Deswegen nehmen die Steine uns nicht wahr, und wir meist die Steine vor unseren Füßen nicht. Wir schussern die Kiesel achtlos durch die Gegend. Dabei ist uns meist nicht klar, dass sie aus sehr unterschiedlichen Gegenden an den Isarstrand gespült worden sind und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Manche von ihnen haben einen weiten Weg hinter sich und sind von Gletschern oder Flüssen transportiert worden, bis sie am Strand der Ost- oder Nordsee von den Wellen nur noch wenig hin und her bewegt werden. Um Steine zu verstehen, bedürfte es eines Kulturaustauschs und einer Übersetzungstätigkeit zwischen Mensch und Mineral.</p>
<p>Spr	Kulturaustausch aus Regensburg<br />
TP	Das Wort Baum bekommt seine Bedeutung weniger durch die Bäume draußen vor dem Fenster als durch die Worte, die links und rechts von ihm stehen. Die Stellung im Satz entscheidet neben musikalischen und rhythmischen Aspekten über die Bedeutung eines Wortes. „Ich bin ein anderer“ bedeutet etwas anderes als „Der andere ist ich“.<br />
Wer etwas sagt, kann nicht verstanden werden, falsch verstanden werden oder sehr unterschiedlich verstanden werden. Auf die hebräische Bibel etwa haben die Araber mit dem Koran geantwortet, die jüdischen Christen aber mit dem Neuen Testament. Der Koran und das NT sind zwei Auslegungen ein- und derselben Sache. Beide vermitteln zwischen Erde und Himmel. Wer von der einen Sphäre zur anderen übersetzen will, bedarf einer Brücke.<br />
Pontifex heißt Brückenbauer. Neben Päpsten und Schamanen sind natürlich noch die Brückenbauer selbst Brückenbauer. Und die Übersetzer. Sie bauen Brücken, damit man von einem Ufer zum anderen übersetzen kann. Vom AT zum NT oder zum Koran. Auch Schriftsteller sind Übersetzer. Sie übersetzen Gedanken, Gefühle und Empfindungen, alles, was in ihrem Kopf geschieht, in eine Sprache, die verständlich ist, und die, damit sie verstanden werden kann, Teil eines sozialen Codes sein muss. Man muss eine Sprache sehr gut kennen, um in sie übersetzen zu können. Bei uns sagt man:</p>
<p>Spr	Man muss den Baum biegen, solange er jung ist.<br />
TP	Im Kongo sagt der Kongolese:</p>
<p>Spr	Der Sand lässt sich scharren, solange er feucht ist.</p>
<p>TP	Und der Nigerianer drückt denselben Sachverhalt so aus:</p>
<p>Spr	Man muss sich um seine Zähne kümmern, solange sie noch im Mund sind.</p>
<p>TP	So zu erfahren in der Zeitschrift Kulturaustausch. Seit 60 Jahren berichtete die vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen herausgegebene Zeitschrift über aktuelle Themen des internationalen Kulturaustauschs. Was müssen wir über eine Kultur wissen, um ihre Sprache zu verstehen? Wie verändern sich Worte beim Übersetzen? Was bleibt uns fremd? Das sind die Leitfragen, denen sich das viermal im Jahr erscheinende Magazin widmet. Die aktuelle Doppelnummer ist betitelt: What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen.<br />
Für Computer, Mathematiker und Ökonomen ist die linguistische Vielfalt lediglich eine Effizienzbarriere.<br />
Aber nehmen wir ein Beispiel: Heutzutage pflegen auch undemokratische Machthaber wie Demokraten zu sprechen. Autokraten und Diktaturen führen unentwegt das Wort Demokratie im Mund. Aber sie meinen damit natürlich etwas ganz anderes als das, was wir darunter verstehen. Sie benutzen das Wort zur Tarnung ihrer Interessen. Um den Begriff demokratische Wahlen aus dem Mund des syrischen oder nordkoreanischen Machthabers richtig zu verstehen, bedarf es, wie Kulturaustausch zeigt, kulturellen Wissens. Denn was wir hören, müssen wir zuvor zu hören gelernt haben.</p>
<p>Spr	Man muss den Menschen die Prinzipien der Demokratie nahebringen und sie richtig anwenden, das macht das ägyptische Projekt zu einem hervorragenden Beispiel für alle Völker der Dritten Welt.</p>
<p>TP	Ein Satz, wie ihn der gestürzte ägyptische Präsident Husni Mubarak gern im Mund geführt hat. Karim Abdelghani Mahmoud Abdelati, Kulturwissenschaftler an der in der Mitte des Nildeltas angesiedelten Universität von Masoura, macht uns in Kulturaustausch darauf aufmerksam.</p>
<p>Spr	Sprachen sind wie Menschen: Sie leben nebeneinander, koexistieren, beäugen ihre Nachbarn, entlehnen und verleihen. Der eine kann dieses besser, der andere jenes. Der eine beten, der andere Liebeserklärungen machen, ein Dritter schmutzig fluchen oder drohen. Das, was die einen Sprachen besser können, wird dann eben entlehnt. In diesem Sinne kann es keine reinen Sprachen geben – so, wie es keine sterilen Menschen gibt. Jede Sprache ist eine Mischung aus Eigenem und Entlehntem, manchmal auch Nachgeäfftem, denn wie die Menschen neigen auch die Sprachen zum nachäffen.</p>
<p>TP	Sagt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in einem Essay zu den „Grenzen meiner Sprache“. Und erzählt in Kulturaustausch folgende Anekdote über seinen spanischen Verleger, einen gebürtigen Katalanen.<br />
Spr	„In welcher Sprache sollen wir dich herausbringen?“ fragte er mich ganz zu Beginn. Ohne lange nachzudenken stieß ich aus: „Natürlich auf Spanisch. &#8230; Wer braucht denn überhaupt Übersetzungen in dieses Katalanisch?“ Spanisch, das ist global: Nicht nur in ganz Spanien, sondern auch in Mexiko, Peru, Argentinien, sowie Teilen der USA wird spanisch gesprochen. Diese Perspektive verschlug mir den Atem. Der Verleger verstand mich und nickte traurig als Zeichen seiner Zustimmung. So traurig, dass ich sofort begann, mich zu schämen. Bis heute schäme ich mich dieses Imperochauvinismus. Ich werde nie mehr irgendeine Sprache der Welt beleidigen.<br />
TP	Lesen, Hören und Verstehen – das sind die drei Verhaltensweisen, die drei Modi der Existenz, die zeigen, was es bedeutet, Mensch zu sein.<br />
Ist das da ein Fisch in deinem Ohr&#8230;<br />
Spr	Is That a Fish in Your Ear? Translation and the Meaning of Everything&#8230;<br />
TP	&#8230; heißt ein demnächst erscheinendes Buch des Komparatisten David Bellos, der an der Princeton University  Französisch und Italienisch lehrt. Nach Bellos bedeutet übersetzen: in einen Kontext eingebunden zu sein – in eine bestimmte historische Zeit, mit einzigartigen, sinnlichen Spracherfahrungen, einem persönlichen Wissensstand und einer eigenen Art zu verstehen.<br />
Im selben Heft von Kulturaustausch sagt uns der Übersetzer und Schriftsteller Raoul Schrott wie man vor 3000 Jahren in Ägypten „Ich liebe dich“ gesagt hat:</p>
<p>Spr	So wie das heute Jugendliche sagen würden. Frauen zum Beispiel haben offen erklärt, was sie wollten: ‚Ich möchte, dass du jetzt mit mir schläfst und dass du das und das machst.’ Alles ohne Schuldgefühle. Nach den alten Ägyptern verschwindet diese Einstellung wieder. In der Bibel und im Koran finden wir keine so selbstbewusste Haltung. Es hat bis 1968 gedauert, bos die Frau wieder diese Emanzipation erreichte.</p>
<p>TP	Übrigens ist Walt Disney der meist übersetzte Autor weltweit. Und das am häufigsten übersetzte Dokument ist die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Sie wurde in 370 Sprachen übersetzt. Dass sie trotzdem nur in den wenigsten Ländern Gültigkeit hat, belegt, was schon Alice im Wunderland wusste: Dass man Wörter auch etwas anderes heißen lassen kann.<br />
Der Islamwissenschaftler Hartmut Fähndrich zitiert in Kulturaustausch ein Gedicht von Rainer Maria Rilke emblematisch für die Pontifexe der global gewordenen Welt:</p>
<p>Spr	So trat er täglich durch den vollen Fluss / Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten / und war erfahren auf den beiden Seiten / und fühlte jeden, der hinüber muss.</p>
<p>TP	Wir gehen alle hinüber. In vielerlei Hinsicht. Meist auf Brücken aus Naturstein. Die sind aber nicht von Natur aus da, die müssen erst gebaut werden.</p>
<p>Stein. Zeitschrift für Naturstein erscheint monatlich im Callwey Verlag, München, und kostet im Jahresabonnement € 129,00</p>
<p>Kulturaustausch. Zeitschrift für internationale Perspektiven erscheint viermal jährlich in der ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg, und kostet im Einzelverkauf € 6,00</p>
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		<title>31. Mai 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 31 May 2011 06:12:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Corsofolio]]></category>
		<category><![CDATA[Merkur]]></category>
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		<description><![CDATA[TP Gesamtausgaben – geht das heute noch? Spr Der Typus des Großschriftstellers, der Roman um Roman und Preis um Preis sein Oeuvre und seine Reputation aufbaut und von einem Verlag &#8211; auch in Übersetzungen &#8211; durch eine lange schriftstellerische Laufbahn hindurch begleitet wird, ist wohl ein Modell, das immer mehr zu einem Relikt einer Vergangenheit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	Gesamtausgaben – geht das heute noch?</p>
<p>Spr	Der Typus des Großschriftstellers, der Roman um Roman und Preis um Preis sein Oeuvre und seine Reputation aufbaut und von einem Verlag &#8211; auch in Übersetzungen &#8211; durch eine lange schriftstellerische Laufbahn hindurch begleitet wird, ist wohl ein Modell, das immer mehr zu einem Relikt einer Vergangenheit der erratischen Nationalliteraturen &#8211; und der Jahrzehnte vor 1989 &#8211; geworden ist.<br />
<span id="more-784"></span></p>
<p>TP	&#8230; schreibt der Journalist und Medienberater Rüdiger Wischenbart im perlentaucher &#8211; anlässlich des zum dritten Mal durchgeführten <em>Diversity Report 2010</em>, der über den Stellenwert belletristischer Übersetzungen Auskunft geben soll.</p>
<p>Wischenbart fährt fort:</p>
<p>Spr	Viele der jungen, breit und erfolgreich übersetzten Autoren haben Biografien, die sie zu Wanderern über mehrere kulturelle Grenzen hinweg werden ließen. Sie sind bestens angekommen in den künstlerischen Szenen der kulturellen Zentren des Kontinents, und sind derart in ihrem Werdegang wie in ihren Werken nahe an urbanen Leserschichten, die sich nicht mehr national-kulturell definieren lassen. Sie sind dem großen kulturellen Pathos des mittleren 20. Jahrhunderts abhanden gekommen, wie sich hier auch die alten Unterscheidungen und Abgrenzungen zwischen Hochliteratur und Unterhaltung, oder zwischen künstlerischen Sparten längst erübrigt haben.</p>
<p>TP	Der Großkritiker als Großinquisitor hat abgedankt – kleine mobile Literaturen mit unscharfen Grenzen erobern das Feld.</p>
<p>Spr	<strong>Schreibheft. Zeitschrift für Literatur</strong> aus Essen</p>
<p>TP	Die neue Literatur jenseits der ehemaligen Platzreviere entsteht in den Feuchtgebieten unterhalb des Gerölls, das nach den großen Explosionen zumal in Mittel- und Südosteuropa verstreut herumliegt und das längst von niedrigen Büschen und zurückkehrenden Wölfen in eine Landschaft mit einem besonderen Blau am Himmel verwandelt worden ist.</p>
<p>Das <strong>Schreibheft. Zeitschrift für Literatur</strong> gehört mit seinem avancierten Konzept zu den wichtigen Quellen, wenn man sich über die Literaturen der verschiedenen europäischen und außereuropäischen Sprachen und über deren wichtige Vertreter informieren will. In der Provinz lebt man ja dann, wenn sie deckungsgleich ist mit dem eigenen Zuständigkeitsbereich; weltläufig hingegen wird man, wenn man sich auch für das interessiert, wofür man gerade nicht zuständig ist. Übersetzer zum Beispiel wählen diesen Lebensstil.</p>
<p>Die Nummer 75 von <strong>Schreibheft</strong> widmet sich Ungarn – und birgt, wie nicht anders zu erwarten, Entdeckungen. Béla Hamvas wäre da zu nennen, ein Schriftsteller, der 1968 starb und in dessen Nachlass sich 80 Tausend Manuskriptseiten fanden, darunter der 1500-seitige Roman <em>Karneval</em>, der ein Rabelais’sches Lesevergnügen zu versprechen scheint – aber anders als bei dem Franzosen angewendet auf das in den 1950ern und 60ern von der kommunistischen Partei verordnete „Standardleben“ in „Standardstädten“. Auf Betreiben des marxistischen Philosophen Georg Lukács wurde Hamvas mit einem lebenslangen Publikationsverbot belegt. Lebenslang. Lebenslang lebte er als Lagerarbeiter in der Materialausgabe eines Kraftwerks. 17 Jahre nach Hamvas Tod, 1985, erschien <em>Karneval</em> endlich in Ungarn und verkaufte auf Anhieb 10 Tausend Exemplare.</p>
<p>Nach den großen Explosionen ist eben auch viel von dem freigelegt worden, was die ehemaligen Päpste am liebsten unter den Tisch kehren würden oder gekehrt hätten.</p>
<p>Zu den Landschaften der Versprengten gehört auch der Banat, jenes Gebiet in Mitteleuropa zwischen Ungarn, Rumänien und Serbien, aus dem etwa Herta Müller stammt oder ihr geistiger Mentor und Freund, der verstorbene Oskar Pastior.</p>
<p>Aber auch heute zieht es wieder Menschen in den Banat. Etwa die deutsche Übersetzerin Esther Kinsky:</p>
<p>Spr	Mein Vater brüstete sich damit, am Blau des Himmels auf jedem beliebigen Farbfoto ablesen zu können, in welche Gegend Europas dieses Himmelstück gehörte. Es wurde ein Spiel, bei dem wir als Kinder Postkarten, Urlaubsfotos, Zeitschriften und Erdkundebücher zerschnitten, um unseren Vater auf die Probe zu stellen. Manchmal sagte er den Ort, manchmal die Landschaft oder die Gegend, manchmal sprach er von einem Längen- oder Breitengrad. So ein Blau gibt es nur östlich vom soundsovielten Längengrad, sagte er.</p>
<p>TP	<em>21 Grad Blau. Mein Balkan</em> heißt die Reiseerzählung von Ester Kinsky, die von Zigeunern als Mitschülern erzählt – sagen wir in einer Schule Bad Honnefs, wo die Autorin geboren wurde -; von Ottakring, jenem Wiener Bezirk, wo heute der Balkan beginnt; von Budapest und Zagreb.</p>
<p>Kinsky, in Bonn aufgewachsen, hat in London und Budapest gelebt und lebt heute in Berlin und einem kleinen Städtchen im ungarischen Tiefland nahe der rumänischen Grenze, wo sie auch ein Kino betreibt. Man kann es sich vorstellen, wenn man dieses bestimmte Himmelsblau bestimmter südosteuropäischer Filme vorm Auge hat. Zum Beispiel den aktuellen Dokumentarfilm <em>Der Bergfürst</em>.</p>
<p>Vielfach prämiiert für ihre Übersetzungen aus dem Polnischen, Englischen und Russischen, hat Esther Kinsky bislang zwei Romane vorgelegt, <em>Sommerfrische</em> und <em>Banatsko</em>, die, vielgelobt, beide sich mit der europäischen Randzone beschäftigen (und bei MSB Matthes &amp; Seitz Berlin erschienen sind).</p>
<p>Für ihre Reiseerzählung <em>21 Grad Blau. Mein Balkan</em> hat die Autorin auch Passagen aus <em>Eothen. Briefe über eine Reise in den Orient</em> von Alexander William Kinglake übersetzt, einen englischen Historiker und Zeitgenossen Fürst Pücklers.</p>
<p>Spr	Sobald ich den Blick nach Süden wandte, erblickte ich dort die Festung der Ottomanen – schroff und dunkel über dem Tal der Donau thronend -, das historische Belgrad. So war ich also gleichsam ans Ende dieses fortschrittlichen Europas gelangt, nun sollten meine Augen Glanz und Verheerung des Ostens erblicken. (&#8230;) Unsere Abreise vollzog sich mit einer Feierlichkeit, als gelte es, aus dem Leben selbst zu scheiden. Einige hilfreiche Menschen, die uns während unseres Aufenthaltes am Ort Freundlichkeiten erwiesen hatten, kamen ans Ufer, um Abschied zu nehmen, und während wir nun drei, vier Meter von dem „kompromittierten“ Beamten entfernt standen, erkundigten sie sich, ob wir auch ganz sicher seien, dass wir alle Anliegen in der christlichen Welt geregelt und keinerlei weitere Bitten und Wünsche mehr hätten.</p>
<p>TP	Die christliche Welt hat Päpste und Gegenpäpste erlebt – und jetzt schreibt der eingangs erwähnte Rüdiger Wischenbart im <strong>perlentaucher</strong>: Nach dem Zeitalter der Päpste kommt in der Literatur ein Zeitalter der neuen kulturellen Aufklärung.</p>
<p>Die literarische Welt steht vor einer grundlegenden Neuordnung. Vieles wird Makulatur werden, vor allem die alten Wertesysteme. Büchnerpreis und Feuilleton spielen eine immer geringere Rolle. Dafür wächst die Bedeutung der sozialen Medien, also der freundlichen Empfehlungen der Freude. Man darf gespannt sein. Wir räumen schon mal die Regale aus.</p>
<p>Im Anschluss an unseren Ausflug in ein faszinierendes Banat und am Ende eines Monats, wo der Sommer schon den Fuß in der Tür hat, scheint es angeraten, mit Reiseerzählungen für die bevorstehende Reisezeit fortzufahren.</p>
<p>Spr	<strong>CORSO<em>folio</em></strong> aus Hamburg</p>
<p>TP	Nach Rom sind in der ambitionierten <strong>CORSO<em>folio</em></strong>-Reihe nun zwei weitere Reisemagazine im Buchformat erschienen: Paris und London.</p>
<p>Während die britische Metropole, in die der Schriftsteller Matthias Politycki einlädt, als vielleicht einzige Welt-Stadt Europas tituliert wird, sieht Georg Stefan Troller, der Peter Scholl-Latour für alles, was Paris und das Pariserische angeht, in der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts eine Kapitale der Liebe, des Luxus und der Moden.</p>
<p>Das Konzept ähnelt dem des altgedienten Merian. Man sammelt Stimmen von Liebhabern, Experten und Besessenen. Und mit dem Personalpronomen „ich“ werden die Betrachtungen, Essays und Reportagen beglaubigt. Das Ganze ist dann allerdings nicht so praxistauglich verpackt wie der Merian, sondern kommt eher wie die <em>Andere Bibliothek</em> daher: Es sind Schaustücke, für die Ewigkeit gemacht und repräsentativ. Ihr Look erinnert an die Filme des frühen Antonioni. Hier will sich der weltläufige Genießer zu erkennen geben, aber zum Thema Weltläufigkeit habe ich weiter vorne schon das Nötige gesagt.</p>
<p>Die Paris-Ausgabe von <strong>CORSO<em>folio</em></strong> bringt Autoren wie den Globetrotter Andreas Altmann, den Dandy Paul Nizon oder die Autorin Anne Weber, die gefühlte dreißig mediale Jahre zu spät einen Sex-Shop aufsucht.</p>
<p>Spr	Kaum habe ich die Plastikfäden des Vorhangs beiseite geschoben und den Laden betreten, entfällt mir angesichts des reichen Warenangebots die Frage, und ich denke nur noch daran, meinen Einkaufskorb zu füllen. Um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, entscheide ich mich im ersten Kaufrausch für einen <em>masturbateur vibrant à poire</em> (nicht etwa mit Birne, sondern mit Klistier), einen <em>aspire-clito</em> (ebenfalls à poire) einen <em>developpe-sexe</em> mit Pumpe, eine enthaarte, vibrierfähige Vagina und einen herabgesetzten <em>robot suceur</em>. Im Regal der Prothesen ist die Auswahl so reichhaltig, dass man schön Größe eins oder vielleicht 1000 haben müsste, um hier nichts Passendes zu finden.</p>
<p>alternativ, für den sauberen BR:</p>
<p>Als ich mit meinen Einkaufstüten den Laden verlasse, stoße ich fast mit einem jovial lächelnden Herrn zusammen, den ich schon irgendwo gesehen habe: Es ist der französische Präsident auf Wahlkampagne, der durch die Straßen des zweiten Arrondissements geht und den Ladenbesitzern die Hand drückt: „Çe marché, les affairs?“</p>
<p>TP	Oh la la, gibt es heutzutage etwas unsexieres als Sex-Shops?</p>
<p>In der aktuellen London-Nummer tummeln sich neben vielen anderen der Übersetzer Eike Schönfeld, der studierte Philosoph Alain de Botton und die Modejournalistin Stefanie Schütte, die den dialektischen Schluss zieht, das Pariser Mode ohne die Londoner Hässlichkeit tot wäre. Apropos London: Im <strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> findet sich in der Mai-Ausgabe ein aus der Sunday Times übernommener Essay mit dem Titel: <em>Weht hier die rote Fahne? Expedition ins linke London</em>. Autorin ist Tanya Gold. Highly recommended.</p>
<p>Spr	Rechts von mir befindet sich Gospel Oak, der schmuddelige Teil von Hampstead, wo Tony Blairs Medienstratege Alistair Campbell lebt. Ich habe ihn viele Male auf der Heide gesehen, wo er wütend und immer hügelaufwärts joggt. Sogar seine Joggingschuhe sehen wütend aus. Und auf der anderen Seite, Richtung Süden, sind Camden und Regent’s Park, wohin andere Scherben von New Labour gefallen sind, wie etwa Peter Mendelson. Dartmouth Park ist grauer und hässlicher als das Mutterschiff Hampstead. Die Attraktionen des Ortes sind das Grab von Karl Marx im Highgate Cemetary, wo kein Essen serviert wird, und das Café Mozart in Swains Lane, wo dies geschieht.</p>
<p>TP	Im linken Hampstead geht man auf den Bauernmarkt. Ob sich daraus schlussfolgern lässt, dass die Torries eher im Super- oder Billigmarkt einkaufen oder gar in von dunkelhäutigen Einwanderern geführten Deli’s, bleibt ungeklärt. Fest steht nur, dass das linke Milieu zum Jahreswechsel aufatmen kann. Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel geben dann ihre Herausgeberschaft ab. Nachfolger wird der Kunsthistoriker Christian Demand. Und der könnte das Milieu der Kunsthochschulen auf dem Kieker haben. Statt den Bauernmarkt das Theoriegekloppe.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Schreibheft. Zeitschruft für Literatur</strong> erscheint zweimal jährlich im Rigodon-Verlag, Essen, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
<p><strong>CORSO<em>folio</em></strong> ist ein hochwertiges Reisebuchmagazin und erscheint sechsmal jährlich bei Corso Verlagsgesellschaft, Hamburg und kostet € 24,95</p>
<p><strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> erscheint monatlich bei Klett-Cotta und kostet pro Heft € 12,00</p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>26. April 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Apr 2011 07:03:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[3quarksdaily]]></category>
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		<category><![CDATA[Ramp]]></category>

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		<description><![CDATA[TP  Es rumort und röhrt und blubbert. Über die Mühen der Ebene rollt der Donner. Die Hände schweben dicht über den Colts. Kick down: Spr  Deutschlands bestes Automagazin&#8230; TP  &#8230; wie die Hamburger Lead Academy 2010 befand, heißt ramp, ist um die 230 Seiten dick und steckt voller cooler Reportagen rund ums Auto. Der Sound [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Es rumort und röhrt und blubbert. Über die Mühen der Ebene rollt der Donner. Die Hände schweben dicht über den Colts. Kick down:</p>
<p style="text-align: left;">Spr  Deutschlands bestes Automagazin&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; wie die Hamburger Lead Academy 2010 befand, heißt <strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong>, ist um die 230 Seiten dick und steckt voller cooler Reportagen rund ums Auto. Der Sound ist so cool wie der eines Zwölfzylinders.</p>
<p><span id="more-755"></span></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  Zielgenau auf der Straßenmitte / Wild Thing / Unter Wilden / Das Leben harter Männer / Deine Jungs haben die Sache im Griff / Wild At Heart / Alles klar, Mama</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Usw. Die jüngste Ausgabe zeigt auf dem Cover einen blonden Engel mit Sonnenbrille, der rittlings auf einem Motorrad sitzt und nur ein dünnes Hemdchen trägt – für den Unterleib braucht der goldige Engel nix, weil der heißgelaufene Motor des heißen Ofens vermutlich so viel Wärme an seine Umgebung abgibt, dass der nackte Popo besagten Models davon wärmstens profitiert.</p>
<p style="text-align: left;">So ein Automagazin voller wilder Kerle, wilder Mädchen und wilder Dinger ist das letzte Refugium für eine Spezies, die in den frühen Siebzigern hängen geblieben ist wie auf einem schlechten Trip. Sie hat ständig <em>Born to be wild</em> im Ohr und träumte schon damals auf dem Schulhof von den sonnengegerbten Pisten Kaliforniens, über die mit einem heißen Stuhl unter dem Hintern zu brettern sie sich in der nachfolgenden Deutschstunde genauer ausmalte.</p>
<p style="text-align: left;"><em>Easy Rider</em> oder <em>Wild Thing</em> oder <em>California Dream’in</em> nannte sich das Lebensgefühl, das nach Benzin roch, das wie Steve McQueen aussah und das, um sich eine Zigarette anzuzünden, ein Zippo benutzte oder die brennende Zündschnur einer Dynamitstange. Damals, als das Rauchen noch erlaubt war. Heute lebt dieses Lebensgefühl in der weltweiten Community der Windkraft getriebenen Surf-Begeisterten fort.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  <strong><span style="text-decoration: underline;">Ramp. Auto. Kultur. Magazin</span></strong> aus Reutlingen</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Natürlich liest kein Mensch Automagazine. Und das nicht nur wegen des Umstands, dass es kaum etwas Altmodischeres gibt als Autos und Automagazine. Autofans haben heute etwas von den Männern, die vor hundert Jahren oder so liebevoll Modelle alter Schiffe auf dem Teakholz-Sideboard in ihrem Wohnzimmer gereiht haben. Dreimaster, Viermaster, Sechszylinder, Zwölfzylinder. Autofans sind Relikte und gehören eigentlich ins Ägyptische Museum nach Kairo. Wenn sie ihre Leidenschaft mit den nackten Popos von Hippie-Mädchen garnieren, die von Ferne an Birgitte Bardot erinnern, dann ist unschwer zu erkennen, dass die geistige Welt des Autofans dem amerikanischen <span style="text-decoration: underline;">Playboy</span>-Magazin der 1960er entstammt. Der <span style="text-decoration: underline;">Playboy</span> war das Magazin, das aus Sex Sexkultur gemacht hat, also Sex <em>mit Anspruch</em>. Und genau nach diesem Muster sprechen Autofans mit Anspruch von Autokultur. Autokultur ist, wenn das Teakholz-Sideboard des Schiffsmodell-Sammlers in das Teakholz des Armaturenbretts oder Schaltknüppels gewandert ist. Autokultur ist der Pfeifenraucher unter den Nichtrauchern. Aber eigentlich ist das alles längst überall sonst schon gesagt worden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">SPR  Bei uns dürfen „Easy Riders“ gern wilde Hunde und coole Typen sein, mit eigenen Werten, Haltungen und Lebensentwürfen, Menschen, die sich nicht so leicht irritieren lassen und von modernen Zeiten sowieso nicht.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; schreibt <strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong>-Herausgeber Michael Köckritz im Editorial.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong> ist ein Magazin, das gut aussieht, das man gern anfasst, gern durchblättert und gern auslegt. Es ist teuer, teuer gemacht und anständig gelayoutet. Es kommt aus Reutlingen, also aus dem Land, wo Menschen leben, die grün wählen, gegen Bahnhöfe sind und gern Autos fahren, die Benzin literweise schlucken, statt nur ein paar Tropfen zu brauchen, um 600 oder 6000 Kilometer weit zu rollen. Wenn man Zahnarzt ist, liegt <strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong> vermutlich aus. Wer Zahnschmerzen hat, sollte es sich ansehen. Aber, so müssen wir gleich einlenken: Der Zahn, einst Waffe, ist in modernen Zeiten zum Schmuckstück geworden und muss vorgezeigt werden. Zahnschmerzen sind so passé wie Autos und Autofans. Womit wir wieder beim Sideboard sind. Du kannst auch Coffee table dazu sagen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  <strong><span style="text-decoration: underline;">3quarksdaily</span></strong> aus NYC</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Wer über die Zukunft des Journalismus nachdenkt, der kommt schnell zu dem Ergebnis, dass dessen Funktion in Zukunft aus einer Mischung von Doorkeeping und Agglomeration bestehen wird. Gewissermaßen nach Art von <span style="text-decoration: underline;">Das Beste aus Reader’s Digest</span>. Der Journalist wird die Spreu vom Weizen trennen und auf das hinweisen müssen, was sich wirklich zu studieren lohnt. Das passt zu dem Trend, dass die Texte angeblich wieder länger werden und Wachstum nur auf dem Markt der Sonntagszeitungen gelingt, wo Leute sich gedanklich ausbreiten können. Das Publikum will was lesen, hat aber nur am Wochenende Zeit dazu. Tipps, Service und gedruckte Tweets gibt’s im Netz in Hülle und Fülle. Braucht also kein Mensch in der Analogwelt. Wofür hat man denn seine achtzehn oder achthundert Apps? Indes wird lange Artikel keiner alle lesen können, auch nicht, wenn es sich nur um die guten oder sogar nur um die sehr guten handeln sollte. Folglich braucht es jemanden, der auswählt und die respektablen Sachen je nach Geschmack und Interesse vorsortiert und bündelt. Eine Seite, die das vortrefflich macht, wurde an dieser Stelle bereits vorgestellt: <span style="text-decoration: underline;">Art &amp; Letters Daily</span>.</p>
<p style="text-align: left;">Eine andere Seite ist <strong><span style="text-decoration: underline;">3quarksdaily.com</span></strong>. Anders als <span style="text-decoration: underline;">Arts &amp; Letters Daily</span> durchsucht sie nicht Printerzeugnisse, sondern das Web. Das ist auch gut so, denn das Web übertrifft an Dicke noch die dickste Sonntagszeitung.</p>
<p style="text-align: left;">Die Site bezeichnet sich übrigens selbst als <em>filter blog</em>, also genau als das, worüber ich eben umständlich gesprochen habe. Interessantes aus dem Netz soll an <em>einem</em> Ort zum bequemen Abrufen versammelt werden. Und die Macher sagen dabei von sich, dass sie keine Angst haben vor Material, das den Leser herausfordert. Der Name <strong><span style="text-decoration: underline;">3quarksdaily</span></strong> bezieht sich natürlich auf die von Murray Gell-Mann und George Zweig 1964 postulierten Quarks, welcher Begriff wiederum eine Übernahme ist aus <em>Finnegans Wake</em> von James Joyce, wo es angenehm herausfordernd heißt:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  Three quarks for Master Mark.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Da <strong><span style="text-decoration: underline;">3quarksdaily</span></strong> ein filter blog sind, der immer die interessanten items des vorangegangenen Netztages herausfiltert, gibt es am Montag nur Sachen von den Herausgebern bzw. Gast-Kommentatoren zu lesen. Heute, am Mittwoch, den 20 April, bietet uns die Site um 15:47 Uhr MEZ folgendes: einen Essay über Buster Keaton und die Welt der Dinge; die Klage des englischen Schriftsteller Martin Amis über die moralische Verlotterung Englands; eine Untersuchung darüber, wann sich Amerikaner und wann Europäer am glücklichsten fühlen&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  &#8230; Europäer, wenn sie weniger arbeiten müssen, während das Amerikanern egal zu sein scheint, wie viele Stunden sie arbeiten &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; und eine Neubewertung von Hannah Arendts Studie <em>Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen</em>. Wir meinen: Der tägliche Besuch von <strong><span style="text-decoration: underline;">3quarksdaily</span></strong> lohnt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  <strong><span style="text-decoration: underline;">Kontextwochenzeitung.de</span></strong> aus Stuttgart&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; ist ein</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  &#8230; unabhängiges Onlineportal, das von hauptberuflichen Journalisten verantwortet und von Stuttgarter Bürgern getragen wird.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  Mit anderen Worten: Die erste Zeitung einer Bürgerbewegung ist online. Auch hier geht es um lange Texte statt um Häppchen. Und auch hier geht es um Anspruch &#8211; wie bei <strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong> oder dem alten <span style="text-decoration: underline;">Playboy</span>, nur anders. Es geht sogar um&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  &#8230; ganzheitlichen Journalismus&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; wie es in den Statuten heißt. Was immer das heißen soll: ganzheitlicher Journalismus.</p>
<p style="text-align: left;">Die <strong><span style="text-decoration: underline;">Kontext: Wochenzeitung</span></strong>, könnte man sagen, ist für den Wutleser gemacht, d. h. für alle diejenigen, die mit der Hofberichterstattung über Stuttgart 21 höchst unzufrieden waren. <span style="text-decoration: underline;">Stuttgarter Zeitung</span> und <span style="text-decoration: underline;">Stuttgarter Nachrichten</span>, verantwortlich für die Hofberichterstattung, gehören derselben Holding, die inzwischen auch die Mehrheit am Süddeutschen Verlag besitzt, aber das nur am Rande.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Kontext: Wochenzeitung</span></strong> erscheint einmal pro Woche – nämlich Mittwochs und online. Die besten Beiträge werden dann am Samstag von der Regionalausgabe der <span style="text-decoration: underline;">taz</span> als gedruckte Beilage gebracht.</p>
<p style="text-align: left;">Es geht demzufolge um mehr Basisdemokratie und um Teilhabe. Es geht um Selbstorganisation im Sinne eines <em>Jetzt helfen wir uns selbst</em>. Immer deutlicher zeigt sich dabei in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen: Das gegenwärtige Problem unserer Demokratie ist, dass sie <em>zu wenig demokratisch</em> ist. Auch und gerade, was die veröffentlichte Meinung anbelangt. <strong><span style="text-decoration: underline;">Kontext: Wochenzeitung</span></strong> ist ein weiteres Symptom für den gesellschaftlichen Wandel, der im Gang ist.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  Das Misstrauen in die Arbeit von Journalisten wächst. Mehr noch: in Deutschland zeigt sich eine zunehmende Entfremdung der Bürger von den Medien. Dieses Problem, ein alarmierendes Zeichen für die Demokratie, teilt sich die „vierte Gewalt“ mit der Politik.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP  &#8230; heisst es, oder:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr  Was ist das für ein Land, in dem alle Macht vom Volke ausgeht, fast alle im Volk aber schlecht denken über die Machthaber?</p>
<p style="text-align: left;">TP Oder:</p>
<p style="text-align: left;">Spr  Ob es das auch wirklich geben kann: eine prosperierende Gesellschaft, die sich ihren Wohlstand nicht mit einer Verfinsterung ihrer Seele erkauft? Ein vom Gedanken der Leistung bestimmtes System, in dem nicht schon die Grundschüler erfüllt sind von Versagensängsten? Ein Musterland, auf welches nicht neidvoll und verächtlich, sondern bewundernd geblickt wird? Eine politische Klasse, die das Repräsentative nicht mit der Repräsentation verwechselt? Ein Verzichtenkönnen, das als Gewinn empfunden wird und nicht bloß als Einbuße von „Spaß“? Eine sündteure Hochglanzbroschüre, die anstatt im Altpapier zu landen gar nicht erst gedruckt wird?</p>
<p style="text-align: left;">TP  Ich sage es mit den Worten von Colin Crouch, der 2003 ein Buch veröffentlich hat mit dem Titel „Postdemokratie“ (deutsch bei suhrkamp 2008). Darin schreibt der britische Politikwissenschaftler und Soziologe:</p>
<p style="text-align: left;">Spr  Auf einer bestimmten Ebene bewegen wir uns über die Demokratie hinaus: Wir sind heute in der Lage, wesentlich flexibler auf politische Herausforderungen zu reagieren als unter den Bedingungen, unter denen in der Mitte des letzten Jahrhunderts komplexe Kompromisse ausgehandelt wurden. In einem gewissen Sinn haben wir die Idee der Herrschaft des Volkes hinter uns gelassen, um die Idee der Herrschaft selbst in Frage zu stellen.</p>
<p style="text-align: left;">TP  Es rumort und röhrt und blubbert. Über den Mühen der Ebene rollt der Donner. Die Hände schweben dicht über den Colts. Kick down. Wir alle sind eine <strong><span style="text-decoration: underline;">ramp</span></strong>.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Ramp. Auto. Kultur. Magazin</span></strong> erscheint meist vierteljährlich bei Red Indians Publishing, Reutlingen, und kostet am Kiosk € 15,00</p>
<p style="text-align: left;">
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		<title>29. März 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Mar 2011 07:07:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[intelligent life]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelweg 36]]></category>

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		<description><![CDATA[Es war, wie Hannelore Schlaffer in ihrem jüngst bei Hanser publizierten Essay über die „intellektuelle Ehe“ schreibt, die Liebesheirat, die die ständischen Hierarchien aufgelöst hat. Die Liebe, im 18. Jahrhundert vom Bürgertum erfunden, sollte diesem Schutz bieten vor den Zugriffen und Zumutungen des absolutistischen Staates. Was die Privat- und  erst recht die superprivaten Herzensangelegenheiten der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war, wie Hannelore Schlaffer in ihrem jüngst bei Hanser publizierten Essay über die „intellektuelle Ehe“ schreibt, die Liebesheirat, die die ständischen Hierarchien aufgelöst hat. Die Liebe, im 18. Jahrhundert vom Bürgertum erfunden, sollte diesem Schutz bieten vor den Zugriffen und Zumutungen des absolutistischen Staates. Was die Privat- und  erst recht die superprivaten Herzensangelegenheiten der Untertanen anbelangte, waren die Herrscher und deren Sekretäre ausgeschlossen. Plötzlich gab es das Private auf der einen – und das Öffentliche auf der anderen Seite.</p>
<p><span id="more-740"></span></p>
<p>Spr	<strong>MITTELWEG 36</strong> aus Hamburg</p>
<p>TP	In „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat der Philosoph Jürgen Habermas 1962 die Geschichte des Verhältnisses von Privatem und Öffentlichem untersucht. Nun sind die sozialen Medien dabei, dieses Verhältnis neu auszutarieren. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann versucht diesen Strukturwandel der Kommunikation zu beschreiben, der natürlich einen Strukturwandel der Öffentlichkeit bedeutet. Ihr Essay findet sich im aktuellen Heft von <strong>MITTELWEG 36</strong>, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung.</p>
<p>Spr	Die Geschichte der technischen Evolution macht dort spektakuläre Fortschritte, wo Bedarf und Nutzen passgenau aufeinandertreffen. Das war beim Internnet der Fall. Internet und mobile Telekommunikation wurden im letzten Jahrzehnt zu dem absoluten Renner neuer Erfindungen und Marktstrategien. Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist nichts anderes als das menschliche Grundbedürfnis zu kommunizieren, sich mitzuteilen, Botschaften auszutauschen.</p>
<p>TP	Tatsächlich müssen die Mitglieder von Online-Netzwerken mittlerweile in Staatengröße gedacht werden. 600 Millionen sind weltweit bei Facebook registriert, 14 Millionen davon in Deutschland. Facebook hat also fast doppelt so viel Mitglieder wie die USA Einwohner.</p>
<p>Interessant ist dabei das clevere Kalkül gestufter Intimitäten: Man kann Freunde <em>unfrienden</em> oder sich eine Tarnkappe aufziehen, so dass man nur für ausgewählte Nutzer überhaupt sichtbar ist und angechattet werden kann. Soziale Netzwerke schaffen also eine soziale Ordnung, die in ihrem Atavismus noch mehr einer Horde oder einem Clan ähnelt als einer modernen Gesellschaft. Inklusion, Exklusion und Mobbing lauten hierfür die Stichworte.</p>
<p>Spr	Das Internet hat einen unbegrenzten Raum neuer Möglichkeiten der Kommunikation und Vergesellschaftung geschaffen, der aber auch – am Rande – neue Formen von Einsamkeit hervorgebracht hat. Ein neuer Typ des Einsamen ist der Amokläufer, der im letzten Jahrzehnt die Schulen und Colleges unsicher gemacht hat. In diesem Fall handelt es sich um einen frustrierten Einsamen, der sich gewaltsam gegen die wendet, die ihn ausgeschlossen haben. Seine Verzweiflung und Frustration über die Verweigerung seines Wunsches nach sozialer Integration und Anerkennung in der Peergroup konnten offensichtlich auch die neuen Möglichkeiten eines digitalen Soziallebens nicht kompensieren.</p>
<p>TP	Eine wachsende Dunkelziffer von Jugendlichen benutzt das Netz, um sich völlig aus der Realität zurückzuziehen. Sie versinken in der Welt der Online-Spiele und kommen zuweilen für Jahre nicht mehr aus ihrem eigenen Zimmer heraus. Das klingt natürlich nach früher, wo man die Frauen davor warnte, Bücher zu lesen mit dem Argument, dass eine(r), der sich in andere Welten begibt, seine Haus- oder andere Arbeit kaum zur Zufriedenheit erledigen kann.</p>
<p>Anders der 1985 verstorbene Politikwissenschaftler und katholische Philosoph Eric Voegelin, der den Lehrstuhl Max Webers an der Uni München bis 1969 inne hatte. In einem Traktat aus dem Jahr 1971 schreibt der 1985 verstorbene Philosoph:</p>
<p>Spr	Der Mensch &#8230; beabsichtigt jedoch nicht, das Gefängnis seiner Selbstheit zu verlassen, um die Friktionen zu beseitigen. Vielmehr wird er seine Imagination noch mehr anspornen und das imaginäre Selbst mit einer imaginären Realität umgeben, die geeignet ist, das Selbst in seinem Anspruch auf Realität zu bestätigen; er wird eine zweite Realität &#8230; schaffen, um die Erste Realität, die der gemeinsamen Erfahrung, auszublenden. Weit davon entfernt, beseitigt zu sein, wachsen sich die Friktionen nun zu einem allgemeinen Konflikt zwischen der Welt seiner Imagination und der realen Welt aus.</p>
<p>TP	Eric Voegelin beschrieb dieses Phänomen als <em>Realitätsfinsternis</em>, und er meinte damit nicht den Zustand, in dem man sich befindet, wenn die Festplatte abgestürzt ist.</p>
<p>Spr	<strong>INTELLIGENT LIFE</strong> aus London</p>
<p>TP	Gibt es intelligentes Leben auf der Erde? Jedenfalls gibt es ein britisches Magazin, das, schenkt man seinem Namen Glauben, für eine solche angenommene Spezies gemacht ist.</p>
<p>In der Ausgabe vom Winter 2010 beschäftigt sich <strong>INTELLIGENT LIFE</strong>, die Vierteljahresschrift des angesehenen Londoner ECONOMIST, mit einem Trend, der seit geraumer Zeit im Englischen kursiert und an bald jeder Ecke aufzuschnappen ist: Substantive werden zunehmend zu Verben denominalisiert.</p>
<p>Spr	You’ve been verbed &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; was frei übersetzt etwa so viel bedeutet wie:</p>
<p>Spr	Man hat dich zu einem Tuwort gemacht &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; titelt das Lifestyle-Magazin, und bringt Beispiele:</p>
<p>Spr	Snowboarding, friending, flipcharting, bookmarking, texting &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; usw. Es handelt sich dabei um Spontanbildungen, die einer Okkasion geschuldet sind und dank der Verbreitung über digitale Medien flugs in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Alle Lebensbereiche sind betroffen, wiewohl der Finanzbereich oder die Politik deutlich produktiver zu sein scheinen als andere.</p>
<p>Nehmen wir die Politik.</p>
<p>Spr	To handbag &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; etwa ist ein Tribut, den die Engländer Lady Thatcher zollen. Man sieht es förmlich vor sich: Die eiserne Lady erhebt sich empört, schnappt sich ihre Tasche und eilt mit dieser am Handgelenk davon. Oder sie hält die Tasche unter ihrem Arm eng an den Körper gepresst, während sie verzweifelt versucht, noch den letzten Bus zu erwischen. Oder aber sie leitet den Umstand, dass sie ein Anliegen vorbringen will, damit ein, dass sie die Tasche auf den Tisch knallt. Oder so ähnlich.</p>
<p>Spr	To doughnut &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; wiederum meint, einen Ring um einen Kollegen zu bilden, der dem Parlament etwas Wichtiges kundtun möchte, und zwar einen Ring in Form eines Gebäckkringgels, so dass der Fernsehzuschauer nicht merkt, dass der Plenarsaal völlig verwaist, mit anderen Worten: frei von Parlamentariern ist.</p>
<p>Spr	To Bobitt &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; endlich stammt aus dem Bezirk des Zwischenmenschlichen und bezieht sich auf eine US-Amerikanerin namens Lorena Bobitt, die Berühmtheit erlangte, weil sie im Zorn den Körper ihres Ehemannes an seiner empfindlichsten Stelle mit dem Messer attackierte.</p>
<p>Das deutsche Äquivalent zu dieser Art der Wortproduktion wäre vielleicht Simsen für „SMS verschicken“.</p>
<p>Die Umwandlung von Hauptwörtern in Tuwörter ist für das Englische nicht neu. Es macht das Englische gerade zum Englischen, wie <strong>INTELLIGENT LIFE</strong> betont. Das Englische eignet sich im Gegensatz zu anderen indogermanischen Sprachen besonders gut für diese Art Wortschöpfung, weil es nur wenige Beugungen kennt.</p>
<p>Das Englische ist eine Sprache, die sich im Zeitalter der Effizienz besonders gut für Short Cuts eignet – für Abkürzungen, die kein elektronisches Assistenzsystem beherrscht.</p>
<p>Spr	Adnote: <strong>ZUR FUNKTION KLEINER LITERATURZEITSCHRIFTEN</strong></p>
<p>TP	Für den KIOSK hat es gute Tradition, kleine und kleinste Literaturzeitschriften zu besprechen und auf sie aufmerksam zu machen: <strong>AKZENTE</strong>, <strong>POET</strong>, <strong>EDIT</strong>, <strong>KRACHKULTUR</strong>, <strong>KRITISCHE AUSGABE</strong>, <strong>MANUSKRIPTE</strong>, <strong>NEUE RUNDSCHAU</strong>, <strong>PLUMBUM</strong>, <strong>SCHREIBHEFT</strong>, <strong>SINN UND FORM</strong>, <strong>SPRACHGEBUNDEN</strong>, <strong>SPRACHE IM TECHNISCHEN ZEITALTER</strong>, <strong>WESPENNEST</strong> und geschätzte 1000 weitere. Doch was ist ihre Funktion? Gilt nicht, was Medienpolitik gern behauptet, dass Intellektuelle dünkelhaft sind, weil sie sich nicht von den Vorlieben einiger selbsternannter abwenden und den Bedürfnissen und Neigungen der Masse zu.</p>
<p>Zufällig ist der Verfasser dieser Zeilen auf einen Aufsatz des amerikanischen Literaten Lionel Trilling gestoßen, der den Titel trägt: „Die Funktion kleiner Literaturzeitschriften“. Ich möchte diesen Essay, in der Edition Akzente bei Hanser 1990 erschienen, hier kurz referieren – gewissermaßen als nachgetragenes Manifest des KIOSK. Und dieses Manifest geht so:</p>
<p>Es ist noch nicht allzu lange her, da war es üblich, dass Männer der Literatur für die diplomatische Mission im Ausland verwendet wurden. Noch im 19. Jahrhundert lag die Literatur jeder geistigen Aktivität zugrunde. 200 Jahre später ist der Status der Literatur deutlich herabgemindert. Das Wort und die Idee haben keine Macht mehr über einen Großteil der Zeitgenossen, wir nennen für diesmal keine Namen. Mit den Worten Lionel Trillings:</p>
<p>Spr	Zwischen unserer liberal erzogenen Klasse und den besten literarischen Köpfen unserer Zeit existiert keinerlei Verbindung. Und das heißt, dass keinerlei Verbindung zwischen den politischen Ideen unserer gebildeten Klasse und den Tiefenschichten der Einbildungskraft besteht.</p>
<p>TP	Trilling beharrte aber darauf, dass Politik Einbildungskraft plus Geist ist. Und deshalb plädiert er für die kleine Literaturzeitschrift, deren Funktion er gerade darin sieht, jenen Impuls auszulösen, der darauf drängt, dass politische Aktivität und Einbildungskraft im Zeichen des Geistes zusammenfinden. Trilling zitiert den unnachahmlichen Shelley und schreibt:</p>
<p>Spr	Wann immer aber die Frage einer Bemessung der Macht der Literatur in Rede steht, taucht auch Shelleys bejahrter Kommentar wieder auf, der da lautet, dass es alle Einbildungskraft übersteigt, sich vorzustellen, welches die moralische Verfassung der Welt gewesen wäre’, wenn die Literatur mit ihrem Reiz für bestimmte Gruppen nicht auch weiterhin bestehen bliebe und die Wege offenhielte.</p>
<p>TP	Sprache vermag also nicht nur semantische Abkürzungen zu nehmen, sie hat die besondere Eigenschaft, die Schablonen und Klischees zerstören zu können, die sie selbst geschaffen hat. Sprache ist darum viel effizienter als Effizienz, denn sie vermag sich in das einzufühlen, was ihr Gegenstand und sogar ihr Gegner ist. Effizienz dagegen beruht nur auf Abkürzung ohne Kenntnis derer, die davon betroffen sind.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>MITTELWEG 36</strong> erscheint zweimonatlich im Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg, und kostet pro Einzelheft € 9,50</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>INTELLIGENT LIFE</strong> erscheint vierteljährlich bei The Economist Newspaper Limited, London, und kostet im Einzelverkauf € 7,50</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>PAGE</p>
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<p>29. März 2011</p>
<p>Bayern 2 Nachtstudio</p>
<p><strong>kiosk</strong><strong>. Internationale Zeitschriftenschau 03/11 </strong># 46</p>
<p>Red.: Barbara Schäfer</p>
<p>Aut.: Thomas Palzer</p>
<p>Prod: Tom Kretschmer</p>
<p>Aufn.: 28. 03. 2011, T5 10:00 Uhr</p>
<p>TP	Es war, wie Hannelore Schlaffer in ihrem jüngst bei Hanser publizierten Essay über die „intellektuelle Ehe“ schreibt, die Liebesheirat, die die ständischen Hierarchien aufgelöst hat. Die Liebe, im 18. Jahrhundert vom Bürgertum erfunden, sollte diesem Schutz bieten vor den Zugriffen und Zumutungen des absolutistischen Staates. Was die Privat- und  erst recht die superprivaten Herzensangelegenheiten der Untertanen anbelangte, waren die Herrscher und deren Sekretäre ausgeschlossen. Plötzlich gab es das Private auf der einen – und das Öffentliche auf der anderen Seite.</p>
<p>Spr	<strong>MITTELWEG 36</strong> aus Hamburg</p>
<p>TP	In „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat der Philosoph Jürgen Habermas 1962 die Geschichte des Verhältnisses von Privatem und Öffentlichem untersucht. Nun sind die sozialen Medien dabei, dieses Verhältnis neu auszutarieren. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann versucht diesen Strukturwandel der Kommunikation zu beschreiben, der natürlich einen Strukturwandel der Öffentlichkeit bedeutet. Ihr Essay findet sich im aktuellen Heft von <strong>MITTELWEG 36</strong>, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung.</p>
<p>Spr	Die Geschichte der technischen Evolution macht dort spektakuläre Fortschritte, wo Bedarf und Nutzen passgenau aufeinandertreffen. Das war beim Internnet der Fall. Internet und mobile Telekommunikation wurden im letzten Jahrzehnt zu dem absoluten Renner neuer Erfindungen und Marktstrategien. Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist nichts anderes als das menschliche Grundbedürfnis zu kommunizieren, sich mitzuteilen, Botschaften auszutauschen.</p>
<p>TP	Tatsächlich müssen die Mitglieder von Online-Netzwerken mittlerweile in Staatengröße gedacht werden. 600 Millionen sind weltweit bei Facebook registriert, 14 Millionen davon in Deutschland. Facebook hat also fast doppelt so viel Mitglieder wie die USA Einwohner.</p>
<p>Interessant ist dabei das clevere Kalkül gestufter Intimitäten: Man kann Freunde <em>unfrienden</em> oder sich eine Tarnkappe aufziehen, so dass man nur für ausgewählte Nutzer überhaupt sichtbar ist und angechattet werden kann. Soziale Netzwerke schaffen also eine soziale Ordnung, die in ihrem Atavismus noch mehr einer Horde oder einem Clan ähnelt als einer modernen Gesellschaft. Inklusion, Exklusion und Mobbing lauten hierfür die Stichworte.</p>
<p>Spr	Das Internet hat einen unbegrenzten Raum neuer Möglichkeiten der Kommunikation und Vergesellschaftung geschaffen, der aber auch – am Rande – neue Formen von Einsamkeit hervorgebracht hat. Ein neuer Typ des Einsamen ist der Amokläufer, der im letzten Jahrzehnt die Schulen und Colleges unsicher gemacht hat. In diesem Fall handelt es sich um einen frustrierten Einsamen, der sich gewaltsam gegen die wendet, die ihn ausgeschlossen haben. Seine Verzweiflung und Frustration über die Verweigerung seines Wunsches nach sozialer Integration und Anerkennung in der Peergroup konnten offensichtlich auch die neuen Möglichkeiten eines digitalen Soziallebens nicht kompensieren.</p>
<p>TP	Eine wachsende Dunkelziffer von Jugendlichen benutzt das Netz, um sich völlig aus der Realität zurückzuziehen. Sie versinken in der Welt der Online-Spiele und kommen zuweilen für Jahre nicht mehr aus ihrem eigenen Zimmer heraus. Das klingt natürlich nach früher, wo man die Frauen davor warnte, Bücher zu lesen mit dem Argument, dass eine(r), der sich in andere Welten begibt, seine Haus- oder andere Arbeit kaum zur Zufriedenheit erledigen kann.</p>
<p>Anders der 1985 verstorbene Politikwissenschaftler und katholische Philosoph Eric Voegelin, der den Lehrstuhl Max Webers an der Uni München bis 1969 inne hatte. In einem Traktat aus dem Jahr 1971 schreibt der 1985 verstorbene Philosoph:</p>
<p>Spr	Der Mensch &#8230; beabsichtigt jedoch nicht, das Gefängnis seiner Selbstheit zu verlassen, um die Friktionen zu beseitigen. Vielmehr wird er seine Imagination noch mehr anspornen und das imaginäre Selbst mit einer imaginären Realität umgeben, die geeignet ist, das Selbst in seinem Anspruch auf Realität zu bestätigen; er wird eine zweite Realität &#8230; schaffen, um die Erste Realität, die der gemeinsamen Erfahrung, auszublenden. Weit davon entfernt, beseitigt zu sein, wachsen sich die Friktionen nun zu einem allgemeinen Konflikt zwischen der Welt seiner Imagination und der realen Welt aus.</p>
<p>TP	Eric Voegelin beschrieb dieses Phänomen als <em>Realitätsfinsternis</em>, und er meinte damit nicht den Zustand, in dem man sich befindet, wenn die Festplatte abgestürzt ist.</p>
<p>Spr	<strong>INTELLIGENT LIFE</strong> aus London</p>
<p>TP	Gibt es intelligentes Leben auf der Erde? Jedenfalls gibt es ein britisches Magazin, das, schenkt man seinem Namen Glauben, für eine solche angenommene Spezies gemacht ist.</p>
<p>In der Ausgabe vom Winter 2010 beschäftigt sich <strong>INTELLIGENT LIFE</strong>, die Vierteljahresschrift des angesehenen Londoner ECONOMIST, mit einem Trend, der seit geraumer Zeit im Englischen kursiert und an bald jeder Ecke aufzuschnappen ist: Substantive werden zunehmend zu Verben denominalisiert.</p>
<p>Spr	You’ve been verbed &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; was frei übersetzt etwa so viel bedeutet wie:</p>
<p>Spr	Man hat dich zu einem Tuwort gemacht &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; titelt das Lifestyle-Magazin, und bringt Beispiele:</p>
<p>Spr	Snowboarding, friending, flipcharting, bookmarking, texting &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; usw. Es handelt sich dabei um Spontanbildungen, die einer Okkasion geschuldet sind und dank der Verbreitung über digitale Medien flugs in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Alle Lebensbereiche sind betroffen, wiewohl der Finanzbereich oder die Politik deutlich produktiver zu sein scheinen als andere.</p>
<p>Nehmen wir die Politik.</p>
<p>Spr	To handbag &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; etwa ist ein Tribut, den die Engländer Lady Thatcher zollen. Man sieht es förmlich vor sich: Die eiserne Lady erhebt sich empört, schnappt sich ihre Tasche und eilt mit dieser am Handgelenk davon. Oder sie hält die Tasche unter ihrem Arm eng an den Körper gepresst, während sie verzweifelt versucht, noch den letzten Bus zu erwischen. Oder aber sie leitet den Umstand, dass sie ein Anliegen vorbringen will, damit ein, dass sie die Tasche auf den Tisch knallt. Oder so ähnlich.</p>
<p>Spr	To doughnut &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; wiederum meint, einen Ring um einen Kollegen zu bilden, der dem Parlament etwas Wichtiges kundtun möchte, und zwar einen Ring in Form eines Gebäckkringgels, so dass der Fernsehzuschauer nicht merkt, dass der Plenarsaal völlig verwaist, mit anderen Worten: frei von Parlamentariern ist.</p>
<p>Spr	To Bobitt &#8230;</p>
<p>TP	&#8230; endlich stammt aus dem Bezirk des Zwischenmenschlichen und bezieht sich auf eine US-Amerikanerin namens Lorena Bobitt, die Berühmtheit erlangte, weil sie im Zorn den Körper ihres Ehemannes an seiner empfindlichsten Stelle mit dem Messer attackierte.</p>
<p>Das deutsche Äquivalent zu dieser Art der Wortproduktion wäre vielleicht Simsen für „SMS verschicken“.</p>
<p>Die Umwandlung von Hauptwörtern in Tuwörter ist für das Englische nicht neu. Es macht das Englische gerade zum Englischen, wie <strong>INTELLIGENT LIFE</strong> betont. Das Englische eignet sich im Gegensatz zu anderen indogermanischen Sprachen besonders gut für diese Art Wortschöpfung, weil es nur wenige Beugungen kennt.</p>
<p>Das Englische ist eine Sprache, die sich im Zeitalter der Effizienz besonders gut für Short Cuts eignet – für Abkürzungen, die kein elektronisches Assistenzsystem beherrscht.</p>
<p>Spr	Adnote: <strong>ZUR FUNKTION KLEINER LITERATURZEITSCHRIFTEN</strong></p>
<p>TP	Für den KIOSK hat es gute Tradition, kleine und kleinste Literaturzeitschriften zu besprechen und auf sie aufmerksam zu machen: <strong>AKZENTE</strong>, <strong>POET</strong>, <strong>EDIT</strong>, <strong>KRACHKULTUR</strong>, <strong>KRITISCHE AUSGABE</strong>, <strong>MANUSKRIPTE</strong>, <strong>NEUE RUNDSCHAU</strong>, <strong>PLUMBUM</strong>, <strong>SCHREIBHEFT</strong>, <strong>SINN UND FORM</strong>, <strong>SPRACHGEBUNDEN</strong>, <strong>SPRACHE IM TECHNISCHEN ZEITALTER</strong>, <strong>WESPENNEST</strong> und geschätzte 1000 weitere. Doch was ist ihre Funktion? Gilt nicht, was Medienpolitik gern behauptet, dass Intellektuelle dünkelhaft sind, weil sie sich nicht von den Vorlieben einiger selbsternannter abwenden und den Bedürfnissen und Neigungen der Masse zu.</p>
<p>Zufällig ist der Verfasser dieser Zeilen auf einen Aufsatz des amerikanischen Literaten Lionel Trilling gestoßen, der den Titel trägt: „Die Funktion kleiner Literaturzeitschriften“. Ich möchte diesen Essay, in der Edition Akzente bei Hanser 1990 erschienen, hier kurz referieren – gewissermaßen als nachgetragenes Manifest des KIOSK. Und dieses Manifest geht so:</p>
<p>Es ist noch nicht allzu lange her, da war es üblich, dass Männer der Literatur für die diplomatische Mission im Ausland verwendet wurden. Noch im 19. Jahrhundert lag die Literatur jeder geistigen Aktivität zugrunde. 200 Jahre später ist der Status der Literatur deutlich herabgemindert. Das Wort und die Idee haben keine Macht mehr über einen Großteil der Zeitgenossen, wir nennen für diesmal keine Namen. Mit den Worten Lionel Trillings:</p>
<p>Spr	Zwischen unserer liberal erzogenen Klasse und den besten literarischen Köpfen unserer Zeit existiert keinerlei Verbindung. Und das heißt, dass keinerlei Verbindung zwischen den politischen Ideen unserer gebildeten Klasse und den Tiefenschichten der Einbildungskraft besteht.</p>
<p>TP	Trilling beharrte aber darauf, dass Politik Einbildungskraft plus Geist ist. Und deshalb plädiert er für die kleine Literaturzeitschrift, deren Funktion er gerade darin sieht, jenen Impuls auszulösen, der darauf drängt, dass politische Aktivität und Einbildungskraft im Zeichen des Geistes zusammenfinden. Trilling zitiert den unnachahmlichen Shelley und schreibt:</p>
<p>Spr	Wann immer aber die Frage einer Bemessung der Macht der Literatur in Rede steht, taucht auch Shelleys bejahrter Kommentar wieder auf, der da lautet, dass es alle Einbildungskraft übersteigt, sich vorzustellen, welches die moralische Verfassung der Welt gewesen wäre’, wenn die Literatur mit ihrem Reiz für bestimmte Gruppen nicht auch weiterhin bestehen bliebe und die Wege offenhielte.</p>
<p>TP	Sprache vermag also nicht nur semantische Abkürzungen zu nehmen, sie hat die besondere Eigenschaft, die Schablonen und Klischees zerstören zu können, die sie selbst geschaffen hat. Sprache ist darum viel effizienter als Effizienz, denn sie vermag sich in das einzufühlen, was ihr Gegenstand und sogar ihr Gegner ist. Effizienz dagegen beruht nur auf Abkürzung ohne Kenntnis derer, die davon betroffen sind.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>MITTELWEG 36</strong> erscheint zweimonatlich im Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg, und kostet pro Einzelheft € 9,50</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>INTELLIGENT LIFE</strong> erscheint vierteljährlich bei The Economist Newspaper Limited, London, und kostet im Einzelverkauf € 7,50</p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>22. Februar 2011</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/22-februar-2011/</link>
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		<pubDate>Tue, 22 Feb 2011 08:40:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[qantara.de]]></category>
		<category><![CDATA[Sinn und Form]]></category>
		<category><![CDATA[zenith]]></category>

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		<description><![CDATA[Zuerst die Diagnose: Das alte Ägypten – Land der Pharaonen, Pyramiden und Götter &#8211; ist eine Erfindung des napoleonischen Europa. 100 Jahre später, im Europa des 19. Jahrhunderts, gedieh parallel zur dessen rasanter Industrialisierung eine neue Orientsehnsucht. Jetzt galt der Orient Europa, dessen rauchende Schlote die Luft mit Rußteilchen schwärzten, als eine heile, einfache und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Zuerst die Diagnose:</p>
<p style="text-align: left;">Das alte Ägypten – Land der Pharaonen, Pyramiden und Götter &#8211; ist eine Erfindung des napoleonischen Europa. 100 Jahre später, im Europa des 19. Jahrhunderts, gedieh parallel zur dessen rasanter Industrialisierung eine neue Orientsehnsucht. Jetzt galt der Orient Europa, dessen rauchende Schlote die Luft mit Rußteilchen schwärzten, als eine heile, einfache und archaische Welt mit Kamel-Dung, Bauchtanz und viel heißer Luft. Wiederum 150 Jahre später beharrt der Westen auf seinem Glauben, dass Islam und Demokratie unvereinbar seien. Er täuscht sich womöglich ähnlich wie schon im Falle Russlands und Chinas, die entgegen der ritualisierten Glaubenssätze des Westens eigene Kapitalismen jenseits der Demokratie hervorgebracht haben. Zu Beginn des 21. Jahrhundert mögen Tunesien, die Revolution am Nil und vielleicht sogar der gesamte nordafrikanische Kontinent einen Islam jenseits von Despotismus und eine Demokratie mit islamischem Angesicht hervorbringen. Europa und der Westen sind verdutzt. Denkt man an die diversen Krisen und Skandale, die den Westen und speziell Europa in den vergangenen Jahren heimgesucht haben, dann scheint es, als ob wir uns ägyptischen Verhältnisse nähern. Ja, es gibt kaum noch Zweifel: Europa ist das neue Ägypten.</p>
<p style="text-align: left;">Und Ägypten?</p>
<p style="text-align: left;">Wir schreiten zur Therapie und greifen aus aktuellem Anlass zu:</p>
<p style="text-align: left;"><span id="more-735"></span><br />
Spr	<strong>zenith. Zeitschrift für den Orient</strong></p>
<p style="text-align: left;">TP	Das Gesundheitswesen in der islamischen Welt ist eine Katastrophe – und das, wo sie doch in der Heilkunst einmal führend gewesen ist.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Als Zentrum der Gelehrsamkeit ist Alexandrias Ruhm längst verblichen. Zu Zeiten des Medizin-Pioniers Galen war die Stadt der einzige Ort, an dem Menschen obduziert wurden. Dem modernen ägyptischen Staat ist die Gesundheitsversorgung seiner 82 Millionen Bürger nicht viel wert; 39 US-Dollar pro Kopf gibt er jährlich für die Gesundheit aus. Zum Vergleich: Deutschland gibt etwa das Hundertfache aus&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; schreibt <strong>zenith. Zeitschrift für den Orient</strong> in seiner letzten Ausgabe – der Ausgabe 4 / 2010, also noch vor den Revolutionen in Tunesien und Ägypten.</p>
<p style="text-align: left;">Seit zwölf Jahren informiert das vierteljährlich erscheinende, in Hamburg gemachte Blatt den Okzident über den Orient &#8211; über seine Vielschichtigkeit, seine Menschen, seine Machthaber, seine Mode, seine Frauen, seine Politik, seine Kultur, seine Probleme.</p>
<p style="text-align: left;">Laut einem vermutlichen Selbsteintrag in Wikipedia wurde <strong>zenith</strong> im Sommer 1999 von Hamburger Studenten der Islamwissenschaft als Non-Profit-Unternehmen gegründet. Inzwischen besitzt das Magazin ein ausgeprägtes Netzwerk an Journalisten und Autoren:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Einige Journalisten, die in den großen deutschsprachigen Medien wie Spiegel Online, Frankfurter Allgemeine Zeitung, ZDF, DeutschlandRadio, Die Zeit oder Die Welt über Auslandsthemen berichten, sind ehemalige oder teilzeitaktive Mitarbeiter von zenith. Angehörige der „ersten zenith-Generation“ sind inzwischen in Diplomatie, Politischen Stiftungen oder Consulting-Firmen tätig. Einige gewannen für Veröffentlichungen in zenith Preise.</p>
<p style="text-align: left;">TP	<strong>zenith</strong> ist ein Magazin, das den Leser jenseits der hiesigen Feuilletondebatten und Talk-Runden wirklich über den Nahen Osten informiert. Man wünscht es sich als Auslegeware in sämtlichen Kaffeehäusern Europas und als Pflichtlektüre für alle, die erkannt haben, dass uns diese Region von Tag zu Tag näher rückt. <strong>zenith</strong> besitzt eine gedruckte Auflage von 11 Tsd. Stück, wobei gut 4 Tsd. im Zeitschriftenhandel, im Bahnhofsbuchhandel, an Flughäfen, ausgewählten Kiosken und im Fachbuchhandel verkauft werden.</p>
<p style="text-align: left;">Aber zurück zu den Problemen im islamischen Gesundheitssystem.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Schönheitsoperationen für Parlamentsabgeordnete auf Staatskosten.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Diese Schlagzeile sorgte laut <strong>zenith</strong> in Ägypten <strong>Anfang des Jahres 2011</strong> für einen Skandal. Parlamentsmitglieder sollten Gelder aus Töpfen der öffentlichen Gesundheitsversorgung abgezweigt und sich in ausländischen Kliniken behandelt lassen haben.</p>
<p style="text-align: left;">Dass sich bei uns steinreiche Saudis in Privatkliniken behandeln lassen und gleich ganze Stockwerke anmieten, um unter sich zu bleiben, was selbstverständlich bar aus dem Koffer bezahlt wird, das weiß jeder, der etwa Münchner Privatkliniken von innen kennt.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>zenith</strong> schreibt:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Seit 1964 existiert in Ägypten eine staatliche Krankenversicherung, allerdings beschränkt auf Kleinkinder und Arbeitnehmer in regulären Angestelltenverhältnissen. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung ist daher krankenversichert. Wer keine Arbeit hat oder sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, kommt prinzipiell in den Genuss einer kostenlosen Behandlung in den staatlichen Krankenhäusern. Allerdings wurden zuletzt immer wieder Patienten ohne Versicherung abgewiesen. Als Begründung führten die Kliniken an, die Regierung schulde ihnen 270 Millionen ägyptische Pfund, umgerechnet ungefähr 33 Millionen Euro.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Erinnert das aus nicht allzu großer Ferne an das deutsche Gesundheitssystem? Wie gesagt: Das neue Ägypten findet sich bald direkt bei uns.</p>
<p style="text-align: left;">33 Millionen Euro – das ist fast gar nichts gegenüber den 70 Milliarden Dollar, die Mubarak und sein Clan veruntreut haben sollen. Millionen Ägypter leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Die Revolution am Nil verstehen wir angesichts dieser Informationen also um ein deutliches Bisschen besser.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>zenith</strong> liefert aber noch weit mehr. In der aktuellen letzten Ausgabe geht es um den palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad, dem Architekten eines Projekts, an dessen Ende ein eigener Staat Palästina stehen soll. Es geht ferner um eine Klinik in Kabul, die als orthopädisches Rehabilitationszentrum versucht, afghanische Kriegsversehrte wieder zum Laufen zu bringen. Jährlich werden im Auftrag der Klinik 7 Tausend künstliche Gliedmaßen hergestellt. Und – um an den Anfang dieses kiosks zurückzukehren – es gibt ein Interview mit dem algerischen Oppositionsführer, Mediziner und Psychiater Saïd Sadi, der erklärt:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Mit dem Islam in der Verfassung gibt es keine Demokratie.</p>
<p style="text-align: left;">TP	In Tausendundeiner Nacht erzählt Sheherazade um ihr Leben, erzählt eine Geschichte nach der anderen, und als die 1001 Nächte endlich vergangen sind, hat sie ihr Ziel erreicht: die Rettung ihres Lebens und das ihrer Kinder. Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad, die das erste erotische Magazin in arabischer Sprache herausgibt, präsentierte in Deutschland am 10. im November 2010 ihr neues Buch mit dem Titel <em>Ich tötete Sheherazade</em>. Im Interview mit <strong>zenith</strong> erklärt sie:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Also zunächst glaube ich nicht, dass es die „deutsche Frau“ und die „arabische Frau“ gibt. Es gibt so viel Vielfalt und jede Frau ist einzigartig. Keine Verallgemeinerung könnte da treffend sein. Aber wenn sie mich mit einer deutschen Frau vergleichen, gibt es schon Dinge, die uns unterscheiden. Ich bin in einer sehr konservativen katholischen Familie aufgewachsen und in einer sehr einschränkenden Gesellschaft, die Frauen diskriminiert. Ich bin außerdem im Krieg groß geworden. All das unterscheidet mich von einer deutschen Frau.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Neben <strong>zenith. Zeitschrift für den Orient</strong> sei an dieser Stelle noch <a href="http://qantara.de"><strong>qantara.de</strong></a> empfohlen – eine Website, die sich um den Dialog mit der islamischen Welt bemüht. Deutsche Welle, Goethe-Institut, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Institut für Auslandsbeziehungen sowie das Auswärtige Amt unterhalten das Projekt.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Sinn und Form. Beiträge zur Literatur</strong></p>
<p style="text-align: left;">[aus Berlin]</p>
<p style="text-align: left;">TP	Wenn also Europa das neue Ägypten zu werden droht, dann scheint es angebracht, sich noch einmal darüber Gedanken zu machen, was einen Europäer als solchen eigentlich auszeichnet.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Sinn und Form. Beiträge zur Literatur</strong> bringt dazu in seiner jüngsten Ausgabe vom Januar / Februar diesen Jahres zwei erhellende und ebenso kluge wie amüsante Stellungnahmen zu Europa. Die eine stammt von dem polnischen Lyriker, Erzähler und Essayisten Adam Zagajewski:</p>
<p style="text-align: left;">Spr 	Vor nicht allzu langer Zeit waren viele Europäer bereit, für ihr Land, für Frankreich, Deutschland oder auch Polen, zu sterben. Für Europa möchte heute wohl niemand mehr sein Leben geben. Ist Europa also nur eine Fiktion. Wenn ja, dann eine verlockende. Nicht so real wie Gott, der Tod, das Schöne, wie Italien und Rom, das Christentum, Gut und Böse, Liebe und Sehnsucht, aber realer als der Sozialismus, als Vollbeschäftigung, klassenlose Gesellschaft und internationale Solidarität, realer auch als visionäre Politiker oder altruistische Künstler.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Selten hat man zu Europa etwas Charmanteres und Einnehmenderes gelesen. Zagajewski erinnert in seinem Essay mit dem Titel <em>Unser Europa</em> an Hofmannsthal und Novalis und befragt dann polnische und ungarische Zeitgenossen oder Texte ehemaliger Zeitgenossen wie Zbigniew Herbert, Czeslaw Milosz, Leszek Kolakowski und Sandor Marai, was einen Europäer bzw. was Europa ausmache. Kritikfähigkeit wird genannt; das italienische Sienna und die Gemälde Piero della Francescas, Benedetto Croces Archiv in der Altstadt von Neapel und die europäischen Kulturschätze insgesamt; die Befreiung von Chauvinismus und Staatsterror und einiges mehr.</p>
<p style="text-align: left;">Idealerweise, schreibt Adam Zagajewski, bezeichnet Europa einen halb realen, halb symbolischen Raum, und er kommt zu einer Erkenntnis, die dem Jesuiten Tommaso Ceva aus dem 17. Jahrhundert geschuldet ist:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Europa ist vernünftiges Handeln, das auf einen Traum gründet.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Jaroslaw Iwaszkiewicz, 1980 verstorben, war Diplomat, Lyriker, Essayist und Erzähler. Seine <em>Europäische(n) Erinnerunge</em>n beziehen sich auf einen PEN-Kongress im Jahre 1925, der in Paris abgehalten wurde.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Der Kongreß war gut besucht. Fast alle großen europäischen Literaturen waren vertreten. Zu den Teilnehmern gehörten Valéry, Duhamel und Romains, Galsworthy und Joyce, Heinrich Mann, Miguel de Unamuno und Johann Boijer. Es war das erste von einer Reihe von internationalen Treffen, die damals in Mode kamen und die ich von 1925 an fast jedes Jahr besuchte. Sie waren wohl Ausdruck der Unruhe, die wenige Jahre nach dem Versailler Frieden Schriftsteller und Intellektuelle ergriff. Was damals in Europa geschah, gab wirklich Anlass zur Besorgnis.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Ja, das dürfen wir nicht vergessen, dass auch das Europa ist: Ursprungsort von Faschismus, Nazismus, Kommunismus, Kolonialismus, der Shoah. Der europäische Geist hat nicht nur Gutes hervorgebracht. Insofern bekommt unser diesmaliges Motto, das Europa das neue Ägypten ist, eine völlig neue Wendung – und eine positive dazu. Um sie zu bekräftigen, sagen wir es noch deutlicher und in Erinnerung an John F. Kennedy: Ich bin eine Ägypterin.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>zenith. Zeitschrift fürt den Orient</strong> erscheint vierteljährlich im Deutsche Levante Verlag GmbH, Berlin, und kostet pro Einzelheft € 6,80</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://Qantara.de"><strong>Qantara.de</strong></a><strong>. Dialog mit der islamischen Welt.</strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Sinn und Form. Beiträge zur Literatur</strong> erscheint zweimonatlich as Zeitschrift der Akademie der Künste, Berlin, und kostet im Einzelverkauf € 9.</p>
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