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	<title>Thomas Palzer</title>
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		<title>24. April 2012</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Apr 2012 04:37:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Krachkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Merkur]]></category>
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		<description><![CDATA[TP Der Literaturkritiker Christoph Bartmann, Direktor des New Yorker Goethe-Instituts, hat sich jüngst mit der schönen neuen Welt der Angestellten auseinandergesetzt und ein brillantes Buch über das „Leben im Büro“ geschrieben. Wenn man so will, ist die Analyse eine angemessene Fortführung des Klassikers „Die Angestellten“ von Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1930, in dem es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Der Literaturkritiker Christoph Bartmann, Direktor des New Yorker Goethe-Instituts, hat sich jüngst mit der schönen neuen Welt der Angestellten auseinandergesetzt und ein brillantes Buch über das „Leben im Büro“ geschrieben. Wenn man so will, ist die Analyse eine angemessene Fortführung des Klassikers „Die Angestellten“ von Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1930, in dem es nach wie vor gültig heißt:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Eine moralisch-rosa Hautfarbe – diese Begriffskombination macht mit einem Schlag den Alltag transparent, der von Schaufensterdekorationen, Angestellten und illustrierten Zeitungen angefüllt ist. Seine Moral soll rosa gefärbt sein, sein Rosa moralisch untermalt.</p>
<p><span id="more-943"></span></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Nachdem wir im vergangenen <strong>kiosk</strong>, von Bartmann inspiriert, ein paar verabscheuungswürdige Bemerkungen über das Büro geäußert haben, erweisen wir uns jetzt als gute Dialektiker und gehen in die Gegenoffensive, um Büro und Bürokratie gegen ihre mit dem Schlagwort <em>Bürokratieabbau</em> bewaffneten Feinde zu verteidigen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	So ein hakenschlagendes oder auch hasenfüßiges Denken wird von niemandem einfühlsamer begleitet als vom <strong>Merkur</strong>, der <strong>deutschen Zeitschrift für europäisches Denken</strong>. In gleich zwei Essays ergreift das aktuelle Heft Partei für das Büro: „Lob der Bürokratie“ heißt der eine aus der Feder des FAZ-Wirtschaftskorrespondenten Ralph Bollmann, „Politik und Verwaltung“ der andere, verfasst von dem sich selbst schlicht und schnöde als <em>Beamter</em> titulierenden Helmut Fangmann.</p>
<p style="text-align: left;">Bürokratie steht in einem schlechten Ruf. Man denkt an Nummern, die man ziehen muss, an Warteschlangen, Holzmobiliar, Gummibäume, Stempelkissen und hellgrüne Formulare, die man ausgefüllt haben muss, bevor die Nummer, die man gezogen hat, aufgerufen wird. Ralph Bollmann dagegen weiß Bürokratie zu schätzen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Welche Folgen die Unterbürokratisierung eines Landes für dessen ökonomische Leistungsfähigkeit haben kann, lässt sich gegenwärtig ganz plastisch am Beispiel Griechenlands beobachten. Das postosmanische Land, das bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Verbund der Vielvölkermonarchie ausschied, hat jenen Entwicklungsschub nicht mehr mitgemacht, den die Resttürkei hundert Jahre später erlebte. Während die politischen Eliten hierzulande erregt über die Reife des türkischen Staates für einen möglichen EU-Beitritt debattierten, übersahen sie die Defizite des teils noch in vorstaatlichen Formen organisierten Griechenland bei dessen Aufnahme in die Währungsunion völlig.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	So ist es den reformierten Verwaltungen in Preußen und im neuen Bayern dem Grafen Montgelas zu verdanken, dass dem unterindustrialisierten Deutschland im langen 19. Jahrhundert ein beispielloser Aufholprozess gelingt. Er gelingt ihm ein weiteres Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, als die alte liebedienerische Bürowelt ersetzt wird durch das flexible amerikanische Management. Dank dieses Managements und seinem methodischen Zugriff hatten nämlich die Alliierten die Nazis und ihre in Karteikästen abgelegte Willkür besiegt. Die Lochkarte von IBM kommt für die deutschen Schlachtgehilfen zu spät. In „Leben im Büro“ zitiert Christoph Bartmann den amerikanischen Organisations- Theoretiker Chris Grey:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Vor allem die Landung in der Normandie stellte eine ungeheure logistische Leistung dar, und es war fortan diese Logistik, in der sich die Überlegenheit des amerikanischen Managements symbolisierte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Auch hier ist also wieder einmal der Krieg der Vater der Dinge gewesen, wie schon beim Typewriter, der Schreibmaschine, deren Klappern zum unentbehrlichen Utensil obrigkeitshöriger Bürokratie gehört &#8211; wie heute noch in den Wachstuben der ägyptischen Polizei. Einer, der es wissen muss, der Beamte Helmut Fangmann nämlich, kennt allerdings die Tücke organisierter Verwaltung:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Das hypertrophe Wachstum von Bürokratie in der modernen Gesellschaft hat viele Ursachen. Dazu zählen das bei zunehmendem Wohlstand paradoxerweise noch wachsende Anspruchsdenken und Sicherheitsbedürfnis. &#8230; Wo Regelungen eingeführt werden, tun sich in der Anwendung prompt Regelungslücken auf, die zu weiteren Regelungen und einer Verdichtung der Regelwerke führen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Bürokratie und Verwaltung sind ein Regelsystem, dem via modernes Management eine kybernetische Note angehängt werden soll. <em>Steuerung</em> lautet das Zauberwort. Das Management ist der Versuch, das Büro zu verwissenschaftlichen. Insofern gilt, dass McKinsey das neue Scientology ist: der fromme Glaube an eine Mathematisierung der Welt. Projekte, Prozesse, Programme. Im <em>Pro</em> steckt die Antizipation der Zukunft, wie Schulden Zukunft antizipieren. Der amerikanische Soziologe William H. Whyte schreibt in „Herr und Opfer der Organisation“ aus dem Jahr 1956:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Es gibt nicht einen Sektor des amerikanischen Lebens, der nicht einen tiefen Schluck aus der Quelle des Versprechens des Szientismus getan hätte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Der unumschränkte Glaube an die Wissenschaft, der seinerseits im Heilsglauben der Evangelikalen wurzelt, bildet jene Matrix, von der sich, in kulturellen Phänomenen gesprochen, Gunther Sachs ebenso genährt hat wie der <strong>Playboy</strong>, McKinsey und Andy Warhol und von der sich heute noch die Popkultur nährt, bestens veranschaulicht in ihrem Apple-Optimismus oder in einer Serie wie „Mad Men“.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Krachkultur</strong> aus München, Leipzig und Bremen</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Der innigen Komplizenschaft zwischen Genie und Wahnsinn, Dichtung und Neurose gilt die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift <strong>Krachkultur</strong>. Es ist die 14. Ausgabe des seit 1993 unregelmäßig publizierten Magazins, das sich folgenden Spruch von Heimito von Doderer zum redaktionellen Leitwolf gewählt hat:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Eine gewisse Krudität des Griffes in’s innerste Geweid ist sein durch nichts noch gerechtfertigtes Wagstück.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Zentrum der neuen <strong>Krachkultur</strong> bildet ein Auszug aus der leider komplett in Vergessenheit geratener Schrift „Dichtung und Neurose“ aus dem Jahr 1909. Der Wiener Arzt Wilhelm Stekel, von den Thesen Freuds zeitlebens begeistert und nach eigener Aussage sein <em>Apostel</em>, hat sie verfasst. 1938 emigrierte Stekel nach London, wo er 1940 mit immerhin 72 Jahren den Freitod wählt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Traum und Dichtung sind fast identische psychische Mechanismen. Der Traum holt sein Material aus den Tiefen des Unbewussten. Und was den wahren Dichter ausmacht, ist es nicht die Eigenschaft, dass ihm die Kräfte des Unbewussten zur Verfügung stehen? Goethe erzählte, er habe die meisten Gedichte des Nachts wie im Traume niedergeschrieben. Von anderen Dichtern kennen wir ähnliche Vorgänge. Die Ekstase des Künstlers, der glühende Schaffensrausch, das Fieber der Produktion sind identische Zustände, in denen sich das Bewusstsein durch Autosuggestion in eine Art somnambulen Zustand, das heisst in einen Traum versetzt. Auch das Kind hat die Gabe, mit wachen Augen zu träumen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Jeder Träumer ist ein Dichter. Ernst Jünger muss die Schriften Stekels gelesen haben, bedenkt man, was er in seinem essayistischen Werk über die Beziehung zwischen Traum und Dichtung äußert. Und Jerome David Salinger, denn in „Der Fänger im Roggen“ wird der Wiener Arzt als einziger Autor zitiert, worauf Martin Brinkmann, Co-Herausgeber von <strong>Krachkultur</strong>, in einem Nachwort zu Stekel hinweist. Das Zitat findet sich auf einem Zettel, den der Lehrer des Helden Holden Caulfield diesem eines Morgens in seinem New Yorker Apartment zusteckt:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, währen der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Noch weitere Spuren in der Literatur hat Stekel hinterlassen. Dashiel Hammett hat ihm in seinem letzten Roman „Der dünne Mann“ verewigt. Und der Psychoanalytiker könnte auch durch Italo Svevos Psychoanalyse-Roman „Zeno Cosini“ geistern, denn „Doktor S.“, wie der Betreffende im Roman heißt, begegnete Svevo 1911 in Bad Ischl und hinterließ starken Eindruck auf diesen. Der Wiener Arzt fälschte in seinem Werk, das so beschwingte Titel wie „Onanie und Homosexualität“, „Die Impotenz des Mannes“ oder „Die Geschlechtskälte der Frau“ aufweist, vermutlich einer Reihe seiner Fallbeispiele. Dummerweise bezieht sich Simone de Beauvoir in ihrem feministischen Knüller „Das andere Geschlecht“ dauernd auf Stekel und dessen angebliche Fälle. Und in Sloterdijks „Blasen“ wird der Mann auch zitiert. Schon der Wiederentdeckung eines Autors wie Wilhelm Stekel wegen (samt seiner feinsinnigen literaturhistorischen Einordnung durch den Autor Martin Brinkmann) lohnt also die neue <strong>Krachkultur</strong>. Das Magazin hat in seiner bald zehnjährigen Geschichte immer mal wieder literarische Fund- und Seitenstücke präsentiert, die es wert waren, von einer geneigten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen zu werden. Das Heft über Neurose und Dichtung ist garniert mit Tier-Tierskulptur-Collagen von Jens Ullrich und mit Deutschlandfotografien von Matthias Zielfeld. Gehört in jeden Haushalt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> aus Paris und Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Lichtenberg war es, falls ich nicht irre, der die Ansicht vertreten hat, dass, wenn ein Leser und ein Buch zusammenstoßen, es nicht immer am Buch liegt, falls es hohl klingt.</p>
<p style="text-align: left;">Und was, wenn ein deutscher und ein Franzose zusammenstoßen?</p>
<p style="text-align: left;"><em>Karambolage</em> heißt eine Sendereihe auf Arte, die sich jeden Sonntag auf die Spuren ganz alltäglicher kleiner Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen begibt. Herauskommt regelmäßig ein charmanter&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Zusammenstoß mit Blechschaden</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; wie <strong>ParisBerlin</strong> schreibt, das in seiner April-Nummer einen kleinen Hintergrundbericht zu Machern und Machart von Artes <em>Karambolage</em> liefert.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Warum nur benutzen die Deutschen ein Zungenbrecher-Wort wie „Milchmädchenrechnung“? Wieso ist es keine Wasserverschwendung, wenn die Pariser Straßenreinigung morgens die Trottoirs überschwemmt? Und wie kommen die Franzosen nur ohne Kuchengabel aus?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	In einem Kurzinterview erklärt die 58-jährige Claire Doutriaux, Erfinderin von <em>Karambolage</em> und langjährige Arte-Mitarbeiterin, das Geheimnis der Sendung, die immerhin seit neun Jahren läuft:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Das überrascht mich selbst. Ich hätte nie gedacht, dass die Sendung so lange laufen würde. Aber ich höre nicht auf, solange ich keine Erklärung dafür habe, warum es in Deutschland in jedem Haushalt einen Eierpiekser gibt, den man auch in unserer globalisierten Welt in Frankreich nirgends kaufen kann. Im Ernst: Wir machen weiter, solange wir das Gefühl haben, dass wir etwas zu erzählen haben.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Wer nach der Wahl vom Sonntag das Gefühl verspürt, mehr über den Nachbarn Frankreich erfahren zu wollen, der sollte öfter mal einen Blick in das europäische Magazin <strong>ParisBerlin</strong> werfen, das aufgrund seiner abwechselnd auf deutsch und französisch verfassten Artikel auch auf das kommende Kiezeuropäisch einstimmt, das wohl in ein paar hundert Jahren Europa sprachlich einen wird. Um zum Anfang dieses <strong>kiosk</strong> zurückzufinden: Bürokratie – <em>bureaucratie</em> entstammt dem Französischen des 18. Jahrhunderts und bezeichnet den Beamtenapparat. Für die europäische Kommission ist er übrigens 32 Tausend Mann stark – genauso stark wie der der Münchner Stadtverwaltung.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> erscheint monatlich im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Krachkultur</strong> erscheint seit 1993 unregelmäßig im Bunte Raben Verlag, Lintig-Meckelstedt, und kostet  € 12</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> erscheint seit 2004 monatlich in Berlin und Paris und kostet € 5,80</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/8d8e509c9d9b4243a29ffafa68545f85" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>27. März 2012</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/27-marz-2012/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Mar 2012 11:38:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur & Gespenster]]></category>
		<category><![CDATA[lettre international]]></category>
		<category><![CDATA[Literary Review]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Natürlich ist es naiv anzunehmen, dass der Geist in unserem Kopf wie ein Pilot in der Kanzel sitzt und den materiellen Rest, unseren Körper, von dort oben durch die Gegend steuert. Das glauben nur Zyklopen und Kartesianer. Andererseits gibt das Verhältnis von Körper und Geist jeder Kultur beharrlich zu denken. Besonders zu denken gibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Natürlich ist es naiv anzunehmen, dass der Geist in unserem Kopf wie ein Pilot in der Kanzel sitzt und den materiellen Rest, unseren Körper, von dort oben durch die Gegend steuert. Das glauben nur Zyklopen und Kartesianer. Andererseits gibt das Verhältnis von Körper und Geist jeder Kultur beharrlich zu denken. Besonders zu denken gibt die Frage nach der Körperhaltung, die man optimalerweise einzunehmen hat, wenn man erfolgreich seinen Kopf benutzen will – zum Denken, zum Träumen, zum Beichten. Nietzsche war der Auffassung, dass man keinem Gedanken trauen soll, der im Sitzen entstanden ist. Das denkt auch die katholische Kirche, weshalb im Beichtstuhl bekanntlich gekniet wird. Zumindest auf der Seite des Delinquenten. Eingedenk der Tatsache, dass die Lebensform, die sich am erfolgreichsten über die Erde verbreitet hat, die im Büro ist, wiewohl die Bürokultur trotz ehrgeiziger Zielvorgaben, Power-Management, kursorischer Meetings und unentwegter Evaluierung bislang nur Bürokratie produziert hat,  die sie neuerdings Dienstleistung nennt, eingedenk dieser Tatsache also teilen wir zusammen mit der katholischen Kirche diese Auffassung.</p>
<p><span id="more-914"></span></p>
<p style="text-align: left;">SPR	<strong>Lettre International</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Sigmund Freud ist die Frage bipolar angegangen. Während er selbst sich für das Sitzen entschied, diente er seinen Patienten die bequemere Couch an, auf der sie sich auszustrecken hatten. Nicht zu einem Power-Nap wie im Büro, sondern zu einer Beichtstunde wie im Beichtstuhl. Die Couch war der Schauplatz seiner eigenwilligen Hermeneutik. Und mit dem Analytiker am Kopfende mutierte der Schauplatz zur Szene des Belauschend.</p>
<p style="text-align: left;">In der aktuellen Ausgabe der Weltillustrierten <strong>Letter International</strong> untersucht die britische Kulturhistorikerin Marina Warner die Herkunft von Freuds legendärem Liegemöbel. Sie kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Freud nannte die Couch seine Ottomane oder mitunter auch sein Untersuchungs- oder Behandlungsbett, heute indes bezeichnet man sie als „Analysecouch“. Es ist das Symbol der Psychoanalyse schlechthin, und ihre Präsenz in Freuds letztem Haus, 20 Maresfield Gardens, Hampstead, London (heute Freud-Museum) ist wahrhaft agrarisch. Das Sofa hat alle Merkmale einer Reliquie angenommen; als ausdrucksstarker Zeuge, gesättigt mit historischen Erinnerungen, steht es da, ein Ding, das durch seinen Gebrauch affiziert und verändert worden ist, das verzaubert. Die Vorhänge sind zugezogen, um Freuds „Wunderkammer“ zu schonen – seine Sammlung von Büchern und Kunstwerken, Drucken, Gefäßen und Statuetten, Stoffen und Teppichen, darunter Läufer auf dem Boden und auf den Möbelstücken und, am auffälligsten, der „Smyrnateppich“ auf der Couch.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Den Teppich haben Experten inzwischen als Ghashgai-Exemplar identifiziert. Er stammt also nicht aus Symrna, wie Freud dachte, sondern war weiter östlich von einem Nomadenstamm geknüpft worden, der an der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran seine Schafe weidet. Damals übrigens begann die Wertschätzung von Orientteppichen. Die erste internationale Ausstellung fand 1891 in Freuds Wien statt.</p>
<p style="text-align: left;">Marina Warner zeigt in <strong>Letter International</strong>, dass sich Paladins fliegender Teppich in den europäischen Salons des 18. Jahrhunderts, wo Diwan und Ottomane als Inbegriff eines hedonistischen Lebensstils galten, in ein fliegendes Sofa verwandelte. In einen magischen Apparat. Das orientalische Sofa &#8211; Ort flüchtiger Träume, intimer Erzählungen, erotischer Phantasien und Bekenntnisse &#8211; avancierte zum berühmtesten Tagesbett der modernen Kultur: zu Freuds therapeutischer Couch.</p>
<p style="text-align: left;">Auf der mit einem orientalischen Teppich bedeckten Couch eröffnet sich ein Spektrum vielfältiger Erfahrungen zwischen Träumen und Wachen, ausschweifenden Phantasien und moralischer Kontrolle. Die Couch gilt als Ort der freien Assoziation und als Vehikel poetischer Produktion. Im Liegen geraten mitunter sogar die klaren, kartesischen Gewissheiten des Denkens ins Wanken. Im Halbdunkel des Dämmerzustandes gibt man sich sexuellen Tagträumen hin.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Freuds Couch hat auch nichts von den Tagesbetten, auf denen junge Damen aus gutem Hause sich von ihren Ohnmachten erholten, und genauso wenig ist sie jenen Diwanen verschwistert, die einige Zeitgenossen, darunter schöpferische und hypochondrische weibliche Intelligenzen wie Florence Nightingale und Alice James, lebenslänglich liebgewonnen hatten. Wurden diese geläufigen und im Wien des <em>Fin de siècle</em> wohlbekannten Assoziationen absichtlich von jenem Arzt zurückgewiesen, der durch Studien von Hysterie-Fällen den Weg für ihre Behandlung bahnte?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Um Freud tobt ja seit Anbeginn eine Schlacht, bei der sich die Argumente in ermüdender Weise mit jeder Generation wiederholen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Literary Review</strong> aus London</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	In der aktuellen Nummer der <strong>Literary Review</strong>, die seit zwanzig Jahren den Preis für die schlechteste Sex-Szene in einem Roman vergibt, was man sich dringend auch für deutsche Publikationen wünscht, beschäftigt sich John Gray anlässlich einer Publikation namens <em>The Freud Files</em>, welche diese Schlacht nachzuvollziehen sucht, näher mit den Vorwürfen, die üblicherweise gegen die Psychoanalyse und ihren Begründer erhoben werden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Freud gehört zu den hellsichtigsten und klarsten Schriftstellern – nicht zuletzt, weil das, was er sagt, sich von dem herleitet, was er früher einmal gesagt hat. Hilft diese anhaltende Klarheit zu erklären, weshalb Freuds Schriften noch immer so viel Aufregung verursachen, so dass seine Gegner nicht von ihm loskommen?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Dass Freud von den Ideen Schopenhauers und denen des Positivisten Ernst Mach beeinflusst war und sie übernommen hat, räumt Gray in der <strong>Literary Review</strong> ein – allerdings mit dem Hinweis, dass die genannten Autoren im Wien des Fin de siècle auf breites Interesse stießen. Schwerer wiegt der Vorwurf, die Psychoanalyse habe mehr mit der hermeneutischen Praxis in der Literaturtheorie als mit wissenschaftlicher Methodik zu tun – vorausgesetzt, man denkt noch wie zur vorgegangenen Jahrhundertwende und meint, die Humanwissenschaften hätten sich an den Naturwissenschaften zu orientieren. Heute denkt das eigentlich keiner mehr in dieser bestrickenden Schlichtheit – zumal dann nicht, wenn er auf einer Couch liegt und in den Tag hineinträumt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Wenn die Sprache von einer feindlichen Macht übernommen wird – in diesem Fall vom Büro bzw. dem Jargon, der in ihm gepflegt wird -, dann bemerkt man das zuerst an den Worten, die von ihr in den allgemeinen Gebrauch eingepflegt werden: Selbstoptimierung, Assessment-Center, Ich-Kapital, Audits.</p>
<p style="text-align: left;">Das Leben im Büro hat mit Wortmasken die Sprache kolonisiert – und das dazugehörige Denken mit dem sogenannten Bologna-Prozess die deutsche Hochschule. Das Autoren-Doppel Daniela Steinert und Pierangelo Maßet hat für die aktuelle Nummer von <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> einen gleichermaßen erhellenden wie erschreckenden Essay zur Lage der Bildungsnation in der sogenannten Wissensgesellschaft beigesteuert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Die Reformen, die &#8230; gegenwärtig eine Überleitung aller Bürokratie-Albträume realisiert haben, verbanden konsequent das bürokratische italienische Hochschulsystem mit dem kontrollintensiven angelsächsischen. Die europaweite Reform &#8230; kann vor allem dadurch charakterisiert werden, dass eine zentralistisch angelegte politische Steuerung die Geschicke der Hochschulen leitet &#8230; Das bereits absehbare Ergebnis ist eine europäische Hochschullandschaft eines – mit Verlaub – höchst porösen Europa, die weniger mit der Freiheit von Forschung und Lehre als weitaus mehr mit den Verfahren von Controlling und Benchmarking zu tun hat. Exzellenz-Rhetorik, begleitet von durch BWL-Kenntnisse korrumpierten Forschung halten ihren Einzug in die Hochschulen ebenso wie ununterbrochene Preisverleihungen und sinnwidrige Prestigeprojekte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Bildung ist zum profitablen Feld für Controller verkommen, die es wie Vandalen verheeren. Statt der Bildung Autonomie zu gewähren, wird diese radikal ökonomisiert und wirtschaftlichen Interessen unterworfen. Was im radikalen Gegensatz zu Artikel 5 des Grundgesetzes steht, wo es heißt, dass die Freiheit von Forschung und Lehre unbedingt zu wahren sei. Wissenschaft wird dagegen zum Dienstleister degradiert; der Beamte zum Unternehmer stilisiert. In den Fluren der Hochschulen regiert akademischer Darwinismus. Jeder beißt den ihm nächsten weg. Man lasse folgendes Zitat aus einem Antrag zur Einwerbung von Drittmitteln im eigenen Gehörgang sein dürftiges Leben aushauchen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Projekte mit der Kreativwirtschaft im Bereich der visuellen Kunst haben von der Besonderheit des Weiterbildungsprozesses bzw. der Wertbildungskette der künstlerischen Produktion auszugehen &#8230; Im Prinzip ist es durchaus möglich,  im Bereich von lediglich drei- oder vierstelligen monetären Größen und der individuellen Arbeitszeit eines Produzenten, die sich auf weniger als eine Woche beläuft, Produkte zu generieren, die auf dem Markt Preise in etwa sechsstelliger Höhe erzielen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Man spricht von der <em>unternehmerischen Hochschule</em>. Der esoterische Bluff der Wortkulissen aus dem Hause McKinsey &amp; Konsortien ist zum autokratischen Maßstab promoviert.</p>
<p style="text-align: left;">Wir sind sicher, dass das nur passieren konnte, weil zum Zeitpunkt der Einführung dieses Maßstabs – irgendwann Ende der 90er &#8211; die meisten Menschen <em>gesessen</em> haben. Statt auf einer Couch zu liegen und den Junk mit lässiger Armbewegung in die Senkgrube zu befehlen. Das Autorenduo schreibt in <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Was von McKinsey &amp; Co. entwickelt wurde, sind im Grunde manipulative Psychotechniken, die die Aufmerksamkeit und das Denken mit einer bestimmten Matrix besetzen sollen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Anders gesagt: McKinsey ist das neue Scientology. Nehmen wir die Einführung <em>externer Hochschulräte</em>. Das ist etwa so, als wenn man eine externe Bundesregierung einführt, die, sagen wir, von den Kaiman-Inseln aus das Parlament des Bundestags betört. Damit sind demokratische Verfahren außer Kraft gesetzt. Die Esoterik McKinseys trifft hier ihren eigenen Kern.</p>
<p style="text-align: left;">Zur Verdeutlichung dessen, wozu Hochschulen inzwischen degeneriert sind, betrachte man den Werbespot der Universität Lüneburg unter: <a href="http://www.leuphana.de.vu"><em>www.leuphana.de.vu</em></a> &#8211; vom amtierenden Präsidenten übrigens als erfolgreiche „virale Kommunikationsstrategie“ gepriesen, obwohl der Film ursprünglich – und Achtung: jetzt wird man sich vor Lachen gleich auf die Chaiselongue schmeißen &#8211; die <em>Satire</em> eines kritischen Geistes darstellte. Wäre es nicht so absurd, könnte man es nicht glauben.</p>
<p style="text-align: left;">Universitäten wandeln sich unter dem Diktat zu Zuchtanstalten gleichförmiger Kadetten, die sich mit ihren von ökonomischen Weisheiten vernebeltem Hirn als Elite begreifen. Die Angst vor dem Individuum ist epidemisch. Auf das Artensterben folgt das Geistessterben.</p>
<p style="text-align: left;">Ein weiteres Highlight im aktuellen <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> sind die Kolumnen von William Pannapacker, die aus dem im <strong>Kiosk</strong> schon öfter empfohlenen <strong>The Chronische for Higher Education</strong> stammen und von <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong>-Mitherausgeber Jan-Frederik Bandel ins Deutsche übertragen wurden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	„Du machst natürlich auch Theorie, oder?“, fragte die Frau neben mir. Das war in einem meiner ersten Hauptseminare in Englisch. Sie trug eine lederne Motorradjacke voller Reißverschlüsse, und ihre Dreadlocks waren orange gefärbt. Es war in den frühen Neunzigern&#8230; Theorie wurde eine Hochstapelei, eine Methode, die nicht zu stemmende Arbeitslast auf ein paar Schlagwörter runterzukürzen. „Ach bitte, die Intention des Autors ist hier wirklich irrelevant.“ „Alles ist politisch.“ „Es gibt nichts außerhalb des Textes.“ &#8230; In unserem Alltag lebten wir in geradezu sklavischer Anpassung, und gleichzeitig wurde uns beigebracht, subversive Geister zu verehren, ihnen nicht nur in Sachen Theorie nachzueifern, sondern auch in unserer Kleidung, Stimmlage und Körpersprache. &#8230; Orthodoxe Meinungen durften niemals in Frage gestellt werden, nicht einmal spaßeshalber&#8230; Ich kannte eine Studentin, die ihre sexuelle Orientierung wegen einer Wochenendlektüre von Gender-Theorien änderte, und das war eine höchst ernsthafte Angelegenheit, nicht etwa eine Absurdität. Ich habe gehört, dass sie sich inzwischen wieder umentschieden hat.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">TP	Der Begriff <em>Theorie</em> ohne bestimmten wie unbestimmten Artikel ist inzwischen zum unantastbaren Losungswort einer schamanistischen Praxis verkommen – in den USA wie bei uns. Unter den Adepten hält man weiter Ausschau nach dem nächsten großen Ding, auf das sie aufspringen könnten, als wäre es</p>
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<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; der letzte Hubschrauber, der einen aus Saigon rausholt.</p>
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<p style="text-align: left;">TP	Nicht im Sitzen, sondern nur im Liegen kann man eine <em>Stabile Seitenlage</em> einnehmen. Also die ideale Haltung, um nachzudenken. Stabile Seitenlage &#8211; so hat auch das Magazin <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> klugerweise seinen aktuellen Themenpark getauft. Befehl von ganz unten: Unbedingt lesenswert!</p>
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<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Lettre International</strong> erscheint vierteljährlich in der Letter International Verlagsgesellschaft , Berlin, und kostet  € 11</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Literary Review</strong> erscheint monatlich in London und kostet £ 3.50</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> erscheint vierteljährlich im Textem-Verlag, Hamburg, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
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<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/180ae97c9a1a4bf9af4a456f207c65de" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>28. Februar 2012</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/28-februar-2012/</link>
		<comments>http://www.thomaspalzer.de/28-februar-2012/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 28 Feb 2012 12:25:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Kursbuch]]></category>
		<category><![CDATA[lettre international]]></category>
		<category><![CDATA[revue xxi]]></category>
		<category><![CDATA[The New Yorker]]></category>

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		<description><![CDATA[TP           Natürlich ist es naiv anzunehmen, dass der Geist in unserem Kopf wie ein Pilot in der Kanzel sitzt und den materiellen Rest, unseren Körper, von dort oben durch die Gegend steuert. Das glauben nur Zyklopen und Kartesianer. Andererseits gibt das Verhältnis von Körper und Geist jeder Kultur beharrlich zu denken. Besonders zu denken gibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP           Natürlich ist es naiv anzunehmen, dass der Geist in unserem Kopf wie ein Pilot in der Kanzel sitzt und den materiellen Rest, unseren Körper, von dort oben durch die Gegend steuert. Das glauben nur Zyklopen und Kartesianer. Andererseits gibt das Verhältnis von Körper und Geist jeder Kultur beharrlich zu denken. Besonders zu denken gibt die Frage nach der Körperhaltung, die man optimalerweise einzunehmen hat, wenn man erfolgreich seinen Kopf benutzen will – zum Denken, zum Träumen, zum Beichten. Nietzsche war der Auffassung, dass man keinem Gedanken trauen soll, der im Sitzen entstanden ist. Das denkt auch die katholische Kirche, weshalb im Beichtstuhl bekanntlich gekniet wird. Zumindest auf der Seite des Delinquenten. Eingedenk der Tatsache, dass die Lebensform, die sich am erfolgreichsten über die Erde verbreitet hat, die im Büro ist, wiewohl die Bürokultur trotz ehrgeiziger Zielvorgaben, Power-Management, kursorischer Meetings und unentwegter Evaluierung bislang nur Bürokratie produziert hat,  die sie neuerdings Dienstleistung nennt, eingedenk dieser Tatsache also teilen wir zusammen mit der katholischen Kirche diese Auffassung.</p>
<p><span id="more-909"></span></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">SPR        <strong>Lettre International</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Sigmund Freud ist die Frage bipolar angegangen. Während er selbst sich für das Sitzen entschied, diente er seinen Patienten die bequemere Couch an, auf der sie sich auszustrecken hatten. Nicht zu einem Power-Nap wie im Büro, sondern zu einer Beichtstunde wie im Beichtstuhl. Die Couch war der Schauplatz seiner eigenwilligen Hermeneutik. Und mit dem Analytiker am Kopfende mutierte der Schauplatz zur Szene des Belauschens.</p>
<p style="text-align: left;">In der aktuellen Ausgabe der Weltillustrierten <strong>Lettre International</strong> untersucht die britische Kulturhistorikerin Marina Warner die Herkunft von Freuds legendärem Liegemöbel. Sie kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Freud nannte die Couch seine Ottomane oder mitunter auch sein Untersuchungs- oder Behandlungsbett, heute indes bezeichnet man sie als „Analysecouch“. Es ist das Symbol der Psychoanalyse schlechthin, und ihre Präsenz in Freuds letztem Haus, 20 Maresfield Gardens, Hampstead, London (heute Freud-Museum) ist wahrhaft auratisch. Das Sofa hat alle Merkmale einer Reliquie angenommen; als ausdrucksstarker Zeuge, gesättigt mit historischen Erinnerungen, steht es da, ein Ding, das durch seinen Gebrauch affiziert und verändert worden ist, das verzaubert. Die Vorhänge sind zugezogen, um Freuds „Wunderkammer“ zu schonen – seine Sammlung von Büchern und Kunstwerken, Drucken, Gefäßen und Statuetten, Stoffen und Teppichen, darunter Läufer auf dem Boden und auf den Möbelstücken und, am auffälligsten, der „Smyrnateppich“ auf der Couch.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Den Teppich haben Experten inzwischen als Ghashgai-Exemplar identifiziert. Er stammt also nicht aus Symrna, wie Freud dachte, sondern war weiter östlich von einem Nomadenstamm geknüpft worden, der an der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran seine Schafe weidet. Damals übrigens begann die Wertschätzung von Orientteppichen. Die erste internationale Ausstellung fand 1891 in Freuds Wien statt.</p>
<p style="text-align: left;">Marina Warner zeigt in <strong>Lettre International</strong>, dass sich Aladins fliegender Teppich in den europäischen Salons des 18. Jahrhunderts, wo Diwan und Ottomane als Inbegriff eines hedonistischen Lebensstils galten, in ein fliegendes Sofa verwandelte. In einen magischen Apparat. Das orientalische Sofa &#8211; Ort flüchtiger Träume, intimer Erzählungen, erotischer Phantasien und Bekenntnisse &#8211; avancierte zum berühmtesten Tagesbett der modernen Kultur: zu Freuds therapeutischer Couch.</p>
<p style="text-align: left;">Auf der mit einem orientalischen Teppich bedeckten Couch eröffnet sich ein Spektrum vielfältiger Erfahrungen zwischen Träumen und Wachen, ausschweifenden Phantasien und moralischer Kontrolle. Die Couch gilt als Ort der freien Assoziation und als Vehikel poetischer Produktion. Im Liegen geraten mitunter sogar die klaren, kartesischen Gewissheiten des Denkens ins Wanken. Im Halbdunkel des Dämmerzustandes gibt man sich sexuellen Tagträumen hin.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Freuds Couch hat auch nichts von den Tagesbetten, auf denen junge Damen aus gutem Hause sich von ihren Ohnmachten erholten, und genauso wenig ist sie jenen Diwanen verschwistert, die einige Zeitgenossen, darunter schöpferische und hypochondrische weibliche Intelligenzen wie Florence Nightingale und Alice James, lebenslänglich liebgewonnen hatten. Wurden diese geläufigen und im Wien des <em>Fin de siècle</em> wohlbekannten Assoziationen absichtlich von jenem Arzt zurückgewiesen, der durch Studien von Hysterie-Fällen den Weg für ihre Behandlung bahnte?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Um Freud tobt ja seit Anbeginn eine Schlacht, bei der sich die Argumente in ermüdender Weise mit jeder Generation wiederholen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         <strong>Literary Review</strong> aus London</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           In der aktuellen Nummer der <strong>Literary Review</strong>, die seit zwanzig Jahren den Preis für die schlechteste Sex-Szene in einem Roman vergibt, was man sich dringend auch für deutsche Publikationen wünscht, beschäftigt sich John Gray anlässlich einer Publikation namens <em>The Freud Files</em>, welche diese Schlacht nachzuvollziehen sucht, näher mit den Vorwürfen, die üblicherweise gegen die Psychoanalyse und ihren Begründer erhoben werden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Freud gehört zu den hellsichtigsten und klarsten Schriftstellern – nicht zuletzt, weil das, was er sagt, sich von dem herleitet, was er früher einmal gesagt hat. Hilft diese anhaltende Klarheit zu erklären, weshalb Freuds Schriften noch immer so viel Aufregung verursachen, so dass seine Gegner nicht von ihm loskommen?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Dass Freud von den Ideen Schopenhauers und denen des Positivisten Ernst Mach beeinflusst war und sie übernommen hat, räumt Gray in der <strong>Literary Review</strong> ein – allerdings mit dem Hinweis, dass die genannten Autoren im Wien des Fin de siècle auf breites Interesse stießen. Schwerer wiegt der Vorwurf, die Psychoanalyse habe mehr mit der hermeneutischen Praxis in der Literaturtheorie als mit wissenschaftlicher Methodik zu tun – vorausgesetzt, man denkt noch wie zur vorvergangenen Jahrhundertwende und meint, die Humanwissenschaften hätten sich an den Naturwissenschaften zu orientieren. Heute denkt das eigentlich keiner mehr in dieser bestrickenden Schlichtheit – zumal dann nicht, wenn er auf einer Couch liegt und in den Tag hineinträumt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Wenn die Sprache von einer feindlichen Macht übernommen wird – in diesem Fall vom Büro bzw. dem Jargon, der in ihm gepflegt wird -, dann bemerkt man das zuerst an den Worten, die von ihr in den allgemeinen Gebrauch eingepflegt werden: Selbstoptimierung, Assessment-Center, Ich-Kapital, Audits.</p>
<p style="text-align: left;">Das Leben im Büro hat mit Wortmasken die Sprache kolonisiert – und das dazugehörige Denken mit dem sogenannten Bologna-Prozess die deutsche Hochschule. Das Autoren-Doppel Daniela Steinert und Pierangelo Maset hat für die aktuelle Nummer von <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> einen gleichermaßen erhellenden wie erschreckenden Essay zur Lage der Bildungsnation in der sogenannten Wissensgesellschaft beigesteuert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Die Reformen, die &#8230; gegenwärtig eine Überbietung aller Bürokratie-Albträume realisiert haben, verbanden konsequent das bürokratische italienische Hochschulsystem mit dem kontrollintensiven angelsächsischen. Die europaweite Reform &#8230; kann vor allem dadurch charakterisiert werden, dass eine zentralistisch angelegte politische Steuerung die Geschicke der Hochschulen leitet &#8230; Das bereits absehbare Ergebnis ist eine europäische Hochschullandschaft eines – mit Verlaub – höchst porösen Europa, die weniger mit der Freiheit von Forschung und Lehre als weitaus mehr mit den Verfahren von Controlling und Benchmarking zu tun hat. Exzellenz-Rhetorik, begleitet von durch BWL-Kenntnisse korrumpierten Forschung halten ihren Einzug in die Hochschulen ebenso wie ununterbrochene Preisverleihungen und sinnwidrige Prestigeprojekte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Bildung ist zum profitablen Feld für Controller verkommen, die es wie Vandalen verheeren. Statt der Bildung Autonomie zu gewähren, wird diese radikal ökonomisiert und wirtschaftlichen Interessen unterworfen. Was im radikalen Gegensatz zu Artikel 5 des Grundgesetzes steht, wo es heißt, dass die Freiheit von Forschung und Lehre unbedingt zu wahren sei. Wissenschaft wird dagegen zum Dienstleister degradiert; der Beamte zum Unternehmer stilisiert. In den Fluren der Hochschulen regiert akademischer Darwinismus. Jeder beißt den ihm nächsten weg. Man lasse folgendes Zitat aus einem Antrag zur Einwerbung von Drittmitteln im eigenen Gehörgang sein dürftiges Leben aushauchen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Projekte mit der Kreativwirtschaft im Bereich der visuellen Kunst haben von der Besonderheit des Weiterbildungsprozesses bzw. der Wertbildungskette der künstlerischen Produktion auszugehen &#8230; Im Prinzip ist es durchaus möglich,  im Bereich von lediglich drei- oder vierstelligen monetären Größen und der individuellen Arbeitszeit eines Produzenten, die sich auf weniger als eine Woche beläuft, Produkte zu generieren, die auf dem Markt Preise in etwa sechsstelliger Höhe erzielen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Man spricht von der <em>unternehmerischen Hochschule</em>. Der esoterische Bluff der Wortkulissen aus dem Hause McKinsey &amp; Konsorten ist zum autokratischen Maßstab promoviert.</p>
<p style="text-align: left;">Wir sind sicher, dass das nur passieren konnte, weil zum Zeitpunkt der Einführung dieses Maßstabs – irgendwann Ende der 90er &#8211; die meisten Menschen <em>gesessen</em> haben. Statt auf einer Couch zu liegen und den Junk mit lässiger Armbewegung in die Senkgrube zu befehlen. Das Autorenduo schreibt in <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr         Was von McKinsey &amp; Co. entwickelt wurde, sind im Grunde manipulative Psychotechniken, die die Aufmerksamkeit und das Denken mit einer bestimmten Matrix besetzen sollen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Anders gesagt: McKinsey ist das neue Scientology. Nehmen wir die Einführung <em>externer Hochschulräte</em>. Das ist etwa so, als wenn man eine externe Bundesregierung einführt, die, sagen wir, von den Kaiman-Inseln aus das Parlament des Bundestags betört. Damit sind demokratische Verfahren außer Kraft gesetzt. Die Esoterik McKinseys trifft hier ihren eigenen Kern.</p>
<p style="text-align: left;">Zur Verdeutlichung dessen, wozu Hochschulen inzwischen degeneriert sind, betrachte man den Werbespot der Universität Lüneburg unter: <a href="http://www.leuphana.de.vu"><em>www.leuphana.de.vu</em></a> &#8211; vom amtierenden Präsidenten übrigens als erfolgreiche „virale Kommunikationsstrategie“ gepriesen, obwohl der Film ursprünglich – und Achtung: jetzt wird man sich vor Lachen gleich auf die Chaiselongue schmeißen &#8211; die <em>Satire</em> eines kritischen Geistes darstellte. Wäre es nicht so absurd, könnte man es nicht glauben.</p>
<p style="text-align: left;">Universitäten wandeln sich unter dem Diktat zu Zuchtanstalten gleichförmiger Kadetten, die sich mit ihren von ökonomischen Weisheiten vernebeltem Hirn als Elite begreifen. Die Angst vor dem Individuum ist epidemisch. Auf das Artensterben folgt das Geistessterben.</p>
<p style="text-align: left;">Ein weiteres Highlight im aktuellen <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> sind die Kolumnen von William Pannapacker, die aus dem im <strong>kiosk</strong> schon öfter empfohlenen <strong>The Chronicle for Higher Education</strong> stammen und von <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong>-Mitherausgeber Jan-Frederik Bandel ins Deutsche übertragen wurden.</p>
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<p style="text-align: left;">Spr         „Du machst natürlich auch Theorie, oder?“, fragte die Frau neben mir. Das war in einem meiner ersten Hauptseminare in Englisch. Sie trug eine lederne Motorradjacke voller Reißverschlüsse, und ihre Dreadlocks waren orange gefärbt. Es war in den frühen Neunzigern&#8230; Theorie wurde eine Hochstapelei, eine Methode, die nicht zu stemmende Arbeitslast auf ein paar Schlagwörter runterzukürzen. „Ach bitte, die Intention des Autors ist hier wirklich irrelevant.“ „Alles ist politisch.“ „Es gibt nichts außerhalb des Textes.“ &#8230; In unserem Alltag lebten wir in geradezu sklavischer Anpassung, und gleichzeitig wurde uns beigebracht, subversive Geister zu verehren, ihnen nicht nur in Sachen Theorie nachzueifern, sondern auch in unserer Kleidung, Stimmlage und Körpersprache. &#8230; Orthodoxe Meinungen durften niemals in Frage gestellt werden, nicht einmal spaßeshalber&#8230; Ich kannte eine Studentin, die ihre sexuelle Orientierung wegen einer Wochenendlektüre von Gender-Theorien änderte, und das war eine höchst ernsthafte Angelegenheit, nicht etwa eine Absurdität. Ich habe gehört, dass sie sich inzwischen wieder umentschieden hat.<strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">TP           Der Begriff <em>Theorie</em> ohne bestimmten wie unbestimmten Artikel ist inzwischen zum unantastbaren Losungswort einer schamanistischen Praxis verkommen – in den USA wie bei uns. Unter den Adepten hält man weiter Ausschau nach dem nächsten großen Ding, auf das sie aufspringen könnten, als wäre es</p>
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<p style="text-align: left;">Spr         &#8230; der letzte Hubschrauber, der einen aus Saigon rausholt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP           Nicht im Sitzen, sondern nur im Liegen kann man eine <em>Stabile Seitenlage</em> einnehmen. Also die ideale Haltung, um nachzudenken. Stabile Seitenlage &#8211; so hat auch das Magazin <strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> klugerweise seinen aktuellen Themenpark getauft. Befehl von ganz unten: Unbedingt lesenswert!</p>
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<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Lettre International</strong> erscheint vierteljährlich in der Lettre International Verlagsgesellschaft , Berlin, und kostet  € 11</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>Literary Review</strong> erscheint monatlich in London und kostet £ 3.50</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>Kultur &amp; Gespenster</strong> erscheint vierteljährlich im Textem-Verlag, Hamburg, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
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<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/dd023f601c0747b48dc5c792d2dbb5f7" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>31. Januar 2012</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/31-januar-2012/</link>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 14:32:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Andy Warhol's Interview Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Merkur]]></category>
		<category><![CDATA[ruiné Magazin]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Zu Beginn des Jahres 2012 geben im und am kiosk gleich eine ganze Reihe neuer bzw. revitalisierter Zeitschriften ihren Einstand. Die Themenfelder, die von den Redaktionen beackert werden, sind breit gestreut: Es geht um den allgemein erwarteten Ruin; um die unverzichtbaren Gärstoffe Mode, Kunst und Kultur; und um das erschöpfte Selbst und wie erschöpft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Zu Beginn des Jahres 2012 geben im und am kiosk gleich eine ganze Reihe neuer bzw. revitalisierter Zeitschriften ihren Einstand. Die Themenfelder, die von den Redaktionen beackert werden, sind breit gestreut: Es geht um den allgemein erwarteten Ruin; um die unverzichtbaren Gärstoffe Mode, Kunst und Kultur; und um das erschöpfte Selbst und wie erschöpft es wirklich ist.</p>
<p><span id="more-904"></span></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	In jeder Minute fängt nicht bloß ein neues Jahr, auch ein neues Jahrtausend an&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; meint Jean Paul in den Merkblättern.</p>
<p style="text-align: left;">Das neue Jahr, das gerade begonnen hat und dessen Haltbarkeit aller Voraussicht nach ungefähr eine halbe Million Minuten betragen wird, beginnt mit einer doppelten Wachablösung. Die erste betrifft den <strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong>. Ekkehard Knörer, 39, war 2009 Mitbegründer der Film- und Medienzeitschrift Cargo. Wir haben das Magazin im kiosk vorgestellt. Nun hat er zusammen mit dem Philosophen und Kunstgeschichtler Christian Demand die redaktionelle Führung des <strong>Merkur</strong> übernommen. Wie wir einem Interview mit den beiden Machern in Der Freitag vom Donnerstag vergangener Woche entnehmen, wird es zu ihren ersten Taten gehören, den Webauftritt des <strong>Merkur</strong> netzaffiner zu gestalten und einen Blog einzurichten. Gerade ist das zweite Heft unter der Regie der neuen Doppelspitze erschienen; dazu später mehr.</p>
<p style="text-align: left;">Die zweite Wachablösung betrifft das Berliner Kult-Magazin 032c. Im Jahr 2000 hat es der heute 36-jährige Journalist Jörg Koch gegründet. Auch dieses Magazin haben wir im kiosk vorgestellt. Ebenso wie ilikemystyle, von wo der stellvertretende Chefredateur Adriano Sack herkommt. 032c hat in den einschlägigen Kreisen für so viel Aufhebens gesorgt, dass Koch nun zum Editor in Chief der seit Freitag auf Deutsch erhältlichen <strong>Andy Warhol’s Interview</strong> ernannt worden ist.</p>
<p style="text-align: left;">Doch zunächst zu einem kleinen, aber selbstbewussten Kunstmagazin, das sich in seiner dritten Ausgabe mit der Selbstentfremdung des Menschen befasst und damit, wie sich die in Architektur und neuer digitaler Kultur niederschlägt bzw. von den beiden beeinflusst wird.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>ruiné magazin</strong> aus Mainz</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Triste Klinkerbauten; Verputz, der von Wänden platzt; leer stehende Häuser mit zugemauerten Türen; Burgen ohne jede Öffnung im Gemäuer; Einfamilienhäuser, die in bewusst gesetzten Falschfarben wie radioaktiv verseucht erscheinen; Menschen, die mit den Händen vorm Gesicht und dem Grauen im Nacken über den Rasen vor einem Mietshaus laufen – die Welt, in die <strong>ruiné</strong> mit ganzseitigen Collagen, bearbeiteten Fotos und Zeichnungen aus der Hand verschiedener Künstler auf&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; 104 Seiten im Vollfarbdruck &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; entführt, zeigt die von uns geschaffene Welt in entlarvender Überzeichnung. Die Menschheit sei ruiniert, das wäre der neue Zeitgeist, schreiben die beiden Macher des Magazins, Neven Allgeier und Benedikt Fischer, programmatisch auf ihrer Website. Digital manipuliert, rauben etwa die Fotos des Schweizer Künstlers Beni Bischof den Gebäuden und Skulpturen den Nutzwert und stellen sie bloß. Neven Allgeier zeigt eine ganze Serie neoavantgardistischer Zeichnungen, die den düsteren Filmexpressionismus à la Eisenstein mit farbigen Bleistiften paraphrasieren.</p>
<p style="text-align: left;">Unterbrochen wird das Heft von gelegentlichen, als <em>Statement</em> apostrophierten Wortlisten, in denen die zeitdiagnostische Philosophie des 20. Jahrhunderts skelettiert wird:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	die antiquiertheit des menschen, prometheische scham, apparate, makel, verdinglichung, schamgefälle. das lager der geräte. office-fähig, produktwelt, ballast, raketenbau. idylle der hydra, schrecksage, schreckidee, human engeering, schwellenpunkt. der initiationsritus, roboterzeitalter: totale anwendbarkeit. arzt und patient. hybride demut, leistungsgrenze. stressklima, angstklima, zukunftsbau, rückbau, menschlicher bauplan.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Das liest sich wie das von robotisierten Filtern geläuterte Manifest eines neuen, auf den Nullpunkt gebrachten Futurismus. Auf sublime Weise orientiert sich das Kunstmagazin an der russischen Avantgarde, die in der russischen Revolution vom Oktober 1917 vorrangig das Potential zu einem radikalen Neuanfang erkannten, der es ihnen erlaubt hätte, ihre Utopien in die Praxis umzusetzen. <strong>ruiné</strong> frischt die Theorie vom Nullpunkt auf belebende Weise wieder auf.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr 	<strong>Andy Warhol’s Interview</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	1969 von Andy Warhol gegründet, erarbeitet sich <strong>Interview</strong>, damals noch: <em>inter/VIEW</em>, schnell den Ruf, die Kristallkugel des Pop zu sein. Wer einen Blick ins Heft riskierte, konnte die Zukunft des Pop sehen. Ich weiß noch, dass ich das großformatige Heft, als ich es Ende der Siebziger am Bahnhof entdeckte, vor allem wegen des billigen Papiers liebte, auf das es gedruckt war. In Warhols philosophischem Klassiker <em>From A to B and Back Again</em> hatte ich den geradezu eschatologischen Satz gelesen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Diamonds are forever. Forever what?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die Prominenz und der Geldadel, einträchtig versammelt auf billigem Papier – das schien mir die angemessene Umsetzung dieser abgründigen Einsicht zu sein.</p>
<p style="text-align: left;">Mit <strong>Interview</strong> begann die <em>Celebrity Culture</em>, d. h. es entstand die Klasse derjenigen, die Milliardäre in puncto Aufmerksamkeit sind. Was die Millionen in unnummerierten Scheinen meist zur Folge hat. Nun hat Bernd Runge, ehemaliger Deutschlandchef von Condé Nast, der 2008 das intellektuell eher schlichte Vanity Vair vergeblich auf dem deutschen Markt zu etablieren suchte, in Kooperation mit einem Russen das Magazin nach Deutschland gebracht. Seit Freitag vergangener Woche ist es auf dem Markt. Der Herausgeber Joerg Koch schreibt im Editorial:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Heute, mehr als 40 Jahre später, ist diese Kristallkugel keine große Hilfe mehr: Ob der Geschwindigkeit von Tweets, Likes und +1s heben sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf &#8230; Aber ein anderes Versprechen, liebe Leserinnen und Leser, wollen wir Ihnen geben&#8230; Jeden Momnat einen so überraschenden Mix aus Mode, Kunst, Musik und Film zu produzieren, dass dieser nicht nur unverschämt gute Laune bereitet, sondern die Welt ein wenig anders aussehen lässt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Tatsächlich finden wir in der deutschen Interview Celebrity-Kombis, wie sie nirgendwo sonst aufeinander losgelassen werden: Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson spricht mit Amerikas mächtigster Politikjournalistin Arianna Huffington über Partys im Weißen Haus, flache Schuhe und Somalia; der unvergessene Adriano Celentano beklagt den Zustand seines Landes in Briefen an den Künstler Maurizio Cattelan; der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer spricht mit dem It-Girl Palina Rojinski über Russenklischees, Lebensversicherungen und Modern Talking; und Theaterregisseur René Pollesch debattiert mit dem Philosophen Thomas Macho über Brecht, Lady Gaga und den archaischen Torso bei Adorno. Auszug:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	POLLESCH: Ich würde jedes Plädoyer für die Lüge unterschreiben. Duch die Lüger kommen wir erst an das heran, was wir leben wollen. MACHO: Die Deutschen waren schon immer eine besonders wahrheitsliebende Nation. Ich habe das einmal historisch verfolgt: Bereits im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert gab es kritische Diskussionen um die französischen Formen der Verstellung, Heuchelei und Lüge. „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“, steht im <em>Faust</em>. POLLESCH: Dabei ist Höflichkeit eine gute Sache. Sie entlastet alle Parteien. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller beschäftigt sich damit&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Mit der deutschen Ausgabe von <strong>Interview</strong> wünschen wir, um mal den unvergessenen Kiev Stingl zu zitieren, den Deutschen alles Gute!</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Vor ein paar Jahren landete der französische Soziologe Alain Ehrenberg mit seinem Buch <em>Das erschöpfte Selbst</em> einen Überraschungserfolg (deutsch bei Suhrkamp). Inzwischen haben sich Depression und Burnout großflächig ausgebreitet und sind förmlich zur pathologischen Signatur der Gegenwart geworden.</p>
<p style="text-align: left;">Der Psychiater und Psychotherapeut Markus R. Pawelzik hat in der Februar Ausgabe des <strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> in einem klugen Essay eine Bestandsaufnahme der Burnout-Hysterie gewagt:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Mein Interesse an der aktuellen Burnout-Begeisterung wurde durch eine Erfahrung geweckt, die in eine womöglich aufschlussreichere Richtung weist: Wenn ich einen Vortrag über die häufigste psychische Störung, die Depression, halte, kommen im schönen Münster etwa fünfzig Zuhörer; wenn ich hingegen inhaltlich Ähnliches zum Thema Burnout vorzutragen ankündige, kommen fünfhundert. Was macht das Etikett <em>Burnout</em> so interessant?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Ganz offenbar ist unsere Spätmoderne müde geworden &#8211; an sich selbst, an der Welt und an den vielen Hoffnungen, die sie hatte und die nirgendwo erfüllt wurden. Von nichts sind wir so sehr geprägt wie von der Müdigkeit, von einem gähnenden&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; umsonst!</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; von dem hartnäckigen Eindruck also, dass am Ende alles vergeblich ist. Die vielberufenen Kräfte der westlichen Welt, die ein gnadenloser Wettbewerb angeblich gestählt haben soll -: sie scheinen restlos erschöpft. Die Politik hat für die Zukunft nichts weiter anzubieten als die Verlängerung der Gegenwart, die ohnehin schon eine Neuauflage des Gestern und Vorgestern ist. Und die Künste, nicht weniger müde, üben sich in der eigenen Historisierung und der unendlichen Variation solcher Wieder- und Wiederholungen. Breit geworden sei unsere Gegenwart, meint der Kulturphilosoph Hans Ulrich Gumbrecht, sehr breit, alle Moden und Stile stünden gleichzeitig zur Verfügung. Und der Karlsruher Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han behauptet, unsere Gesellschaft sei von einem Übermaß an unverschämt guter Laune zu einer <em>Müdigkeitsgesellschaft</em> deformiert (bei Matthes &amp; Seitz).</p>
<p style="text-align: left;">Wie die Jahrhundertwende vor 112 Jahren von dem Paradox zwischen Reformbedürftigkeit und Reformfähigkeit gekennzeichnet war, so ist auch unser Debut de siècle oder gar Debut de millénaire charakterisiert von wachsender Verkrustung bei gleichzeitig wachsender Notwendigkeit zur Erneuerung &#8211; von einer Erosion seiner Institutionen: Es gäbe viel zu tun, doch packt es einfach niemand an. Und obwohl die Moderne und erst recht die Spätmoderne von einer ungeheuren Beschleunigung zeugen, rücken die Fristen, die man sich für seine eigenen Aufgaben <em>realistischer Weise</em> setzt, in immer größere zeitliche Ferne. Wir alle sind eben einfach restlos überfordert.</p>
<p style="text-align: left;">Und warum? Hier gibt das aktuelle Heft des <strong>Merkur</strong> eine verblüffende Antwort: Weil die Ansprüche, die wir an uns stellen, überzogen sind. Wir schaffen das alles gar nicht, aber genau diese Verfehlungen kollidieren mit unserem Selbstbild. Unsere Identitätspolitik aber ist konservativ. Bevor wir auf die Idee kommen, unser Selbstbild zu verändern, gehen wir lieber zum Arzt und lassen uns die Krankheit <em>Burnout</em> attestieren.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr 	Angesichts unserer Wohlstands- und Wohlfahrtsgeselschaft, in der wir mehr Freizeit und Urlaub denn je beanspruchen können, stellt sich zunächst die Frage nach den Ursachen des verbreiteten Überfordertseins. Anhaltende Belastungen und Überforderungssituationen wird es zu allen Zeiten gegeben haben. Anders als früher wird die Reaktion auf <em>stressige</em> Umstände heute jedoch durch einmalig hohe Ansprüche und Erwartungen bestimmt. Die Werbung nährt Vorstellungen von <em>ewiger Jugend</em> und <em>lebenslanger Fitness</em>, von nie (ganz) verwelkender Attraktivität und lebenslanger hedoner Kapazität; unsere sozialstaatlichen Ansprüche auf Wohlstand, soziale Sicherheit, ständig wachsenden medizinisch-technischen Fortschritt und eine steigende Lebenserwartung nähren die kollektive Illusion, der Schicksalhaftigkeit von Altern, Krankheit, Elend und Tod entgehen zu können; die verbreitete Gleichsetzung von Glück mit unbegrenzter konsumptiver Potenz ist das Ergebnis einer durch Individualismus, Selbstbezogenheit und Schicksalsvergessenheit gekennzeichneten Kultur, der die alten Wissensbestände in Fragen der Lebenskunst abhanden gekommen zu sein scheinen. Doch auch unter diesen Bedingungen muss der Einzelne nach wie vor selber sein Leben meistern und Wege finden, auf denen sich anhaltende Belastungen und Herausforderungen auch mit nachlassenden Kräften bewältigen lassen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Burnout durch Überbeanspruchung. In der <em>Material World</em> sagt man <em>Materialermüdung</em> dazu.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> erscheint monatlich im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Andy Warhol’s Interview Deutschland</strong> erscheint zehn Mal im Jahr und kostet € 6,00</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>ruiné magazin</strong> erscheint zweimal im Jahr bei ruiné magazin, Mainz, und kostet € 8,00.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Bayern 2 Nachtstudio</p>
<p style="text-align: left;"><strong>kiosk</strong><strong>. Internationale Zeitschriftenschau</strong> 01/12 # 55</p>
<p style="text-align: left;">Red.: Barbara Schäfer</p>
<p style="text-align: left;">Aut.: Thomas Palzer</p>
<p style="text-align: left;">Prod: Tom Kretschmer</p>
<p style="text-align: left;">Aufn.: 30. 01. 2012, T5 10:00 Uhr</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Zu Beginn des Jahres 2012 geben im und am kiosk gleich eine ganze Reihe neuer bzw. revitalisierter Zeitschriften ihren Einstand. Die Themenfelder, die von den Redaktionen beackert werden, sind breit gestreut: Es geht um den allgemein erwarteten Ruin; um die unverzichtbaren Gärstoffe Mode, Kunst und Kultur; und um das erschöpfte Selbst und wie erschöpft es wirklich ist.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	In jeder Minute fängt nicht bloß ein neues Jahr, auch ein neues Jahrtausend an&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; meint Jean Paul in den Merkblättern.</p>
<p style="text-align: left;">Das neue Jahr, das gerade begonnen hat und dessen Haltbarkeit aller Voraussicht nach ungefähr eine halbe Million Minuten betragen wird, beginnt mit einer doppelten Wachablösung. Die erste betrifft den <strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong>. Ekkehard Knörer, 39, war 2009 Mitbegründer der Film- und Medienzeitschrift Cargo. Wir haben das Magazin im kiosk vorgestellt. Nun hat er zusammen mit dem Philosophen und Kunstgeschichtler Christian Demand die redaktionelle Führung des <strong>Merkur</strong> übernommen. Wie wir einem Interview mit den beiden Machern in Der Freitag vom Donnerstag vergangener Woche entnehmen, wird es zu ihren ersten Taten gehören, den Webauftritt des <strong>Merkur</strong> netzaffiner zu gestalten und einen Blog einzurichten. Gerade ist das zweite Heft unter der Regie der neuen Doppelspitze erschienen; dazu später mehr.</p>
<p style="text-align: left;">Die zweite Wachablösung betrifft das Berliner Kult-Magazin 032c. Im Jahr 2000 hat es der heute 36-jährige Journalist Jörg Koch gegründet. Auch dieses Magazin haben wir im kiosk vorgestellt. Ebenso wie ilikemystyle, von wo der stellvertretende Chefredateur Adriano Sack herkommt. 032c hat in den einschlägigen Kreisen für so viel Aufhebens gesorgt, dass Koch nun zum Editor in Chief der seit Freitag auf Deutsch erhältlichen <strong>Andy Warhol’s Interview</strong> ernannt worden ist.</p>
<p style="text-align: left;">Doch zunächst zu einem kleinen, aber selbstbewussten Kunstmagazin, das sich in seiner dritten Ausgabe mit der Selbstentfremdung des Menschen befasst und damit, wie sich die in Architektur und neuer digitaler Kultur niederschlägt bzw. von den beiden beeinflusst wird.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>ruiné magazin</strong> aus Mainz</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Triste Klinkerbauten; Verputz, der von Wänden platzt; leer stehende Häuser mit zugemauerten Türen; Burgen ohne jede Öffnung im Gemäuer; Einfamilienhäuser, die in bewusst gesetzten Falschfarben wie radioaktiv verseucht erscheinen; Menschen, die mit den Händen vorm Gesicht und dem Grauen im Nacken über den Rasen vor einem Mietshaus laufen – die Welt, in die <strong>ruiné</strong> mit ganzseitigen Collagen, bearbeiteten Fotos und Zeichnungen aus der Hand verschiedener Künstler auf&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; 104 Seiten im Vollfarbdruck &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; entführt, zeigt die von uns geschaffene Welt in entlarvender Überzeichnung. Die Menschheit sei ruiniert, das wäre der neue Zeitgeist, schreiben die beiden Macher des Magazins, Neven Allgeier und Benedikt Fischer, programmatisch auf ihrer Website. Digital manipuliert, rauben etwa die Fotos des Schweizer Künstlers Beni Bischof den Gebäuden und Skulpturen den Nutzwert und stellen sie bloß. Neven Allgeier zeigt eine ganze Serie neoavantgardistischer Zeichnungen, die den düsteren Filmexpressionismus à la Eisenstein mit farbigen Bleistiften paraphrasieren.</p>
<p style="text-align: left;">Unterbrochen wird das Heft von gelegentlichen, als <em>Statement</em> apostrophierten Wortlisten, in denen die zeitdiagnostische Philosophie des 20. Jahrhunderts skelettiert wird:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	die antiquiertheit des menschen, prometheische scham, apparate, makel, verdinglichung, schamgefälle. das lager der geräte. office-fähig, produktwelt, ballast, raketenbau. idylle der hydra, schrecksage, schreckidee, human engeering, schwellenpunkt. der initiationsritus, roboterzeitalter: totale anwendbarkeit. arzt und patient. hybride demut, leistungsgrenze. stressklima, angstklima, zukunftsbau, rückbau, menschlicher bauplan.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Das liest sich wie das von robotisierten Filtern geläuterte Manifest eines neuen, auf den Nullpunkt gebrachten Futurismus. Auf sublime Weise orientiert sich das Kunstmagazin an der russischen Avantgarde, die in der russischen Revolution vom Oktober 1917 vorrangig das Potential zu einem radikalen Neuanfang erkannten, der es ihnen erlaubt hätte, ihre Utopien in die Praxis umzusetzen. <strong>ruiné</strong> frischt die Theorie vom Nullpunkt auf belebende Weise wieder auf.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr 	<strong>Andy Warhol’s Interview</strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	1969 von Andy Warhol gegründet, erarbeitet sich <strong>Interview</strong>, damals noch: <em>inter/VIEW</em>, schnell den Ruf, die Kristallkugel des Pop zu sein. Wer einen Blick ins Heft riskierte, konnte die Zukunft des Pop sehen. Ich weiß noch, dass ich das großformatige Heft, als ich es Ende der Siebziger am Bahnhof entdeckte, vor allem wegen des billigen Papiers liebte, auf das es gedruckt war. In Warhols philosophischem Klassiker <em>From A to B and Back Again</em> hatte ich den geradezu eschatologischen Satz gelesen:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Diamonds are forever. Forever what?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die Prominenz und der Geldadel, einträchtig versammelt auf billigem Papier – das schien mir die angemessene Umsetzung dieser abgründigen Einsicht zu sein.</p>
<p style="text-align: left;">Mit <strong>Interview</strong> begann die <em>Celebrity Culture</em>, d. h. es entstand die Klasse derjenigen, die Milliardäre in puncto Aufmerksamkeit sind. Was die Millionen in unnummerierten Scheinen meist zur Folge hat. Nun hat Bernd Runge, ehemaliger Deutschlandchef von Condé Nast, der 2008 das intellektuell eher schlichte Vanity Vair vergeblich auf dem deutschen Markt zu etablieren suchte, in Kooperation mit einem Russen das Magazin nach Deutschland gebracht. Seit Freitag vergangener Woche ist es auf dem Markt. Der Herausgeber Joerg Koch schreibt im Editorial:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Heute, mehr als 40 Jahre später, ist diese Kristallkugel keine große Hilfe mehr: Ob der Geschwindigkeit von Tweets, Likes und +1s heben sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf &#8230; Aber ein anderes Versprechen, liebe Leserinnen und Leser, wollen wir Ihnen geben&#8230; Jeden Momnat einen so überraschenden Mix aus Mode, Kunst, Musik und Film zu produzieren, dass dieser nicht nur unverschämt gute Laune bereitet, sondern die Welt ein wenig anders aussehen lässt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Tatsächlich finden wir in der deutschen Interview Celebrity-Kombis, wie sie nirgendwo sonst aufeinander losgelassen werden: Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson spricht mit Amerikas mächtigster Politikjournalistin Arianna Huffington über Partys im Weißen Haus, flache Schuhe und Somalia; der unvergessene Adriano Celentano beklagt den Zustand seines Landes in Briefen an den Künstler Maurizio Cattelan; der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer spricht mit dem It-Girl Palina Rojinski über Russenklischees, Lebensversicherungen und Modern Talking; und Theaterregisseur René Pollesch debattiert mit dem Philosophen Thomas Macho über Brecht, Lady Gaga und den archaischen Torso bei Adorno. Auszug:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	POLLESCH: Ich würde jedes Plädoyer für die Lüge unterschreiben. Duch die Lüger kommen wir erst an das heran, was wir leben wollen. MACHO: Die Deutschen waren schon immer eine besonders wahrheitsliebende Nation. Ich habe das einmal historisch verfolgt: Bereits im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert gab es kritische Diskussionen um die französischen Formen der Verstellung, Heuchelei und Lüge. „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“, steht im <em>Faust</em>. POLLESCH: Dabei ist Höflichkeit eine gute Sache. Sie entlastet alle Parteien. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller beschäftigt sich damit&#8230;</p>
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<p style="text-align: left;">TP	Mit der deutschen Ausgabe von <strong>Interview</strong> wünschen wir, um mal den unvergessenen Kiev Stingl zu zitieren, den Deutschen alles Gute!</p>
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<p style="text-align: left;">Spr	<strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> aus Berlin</p>
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<p style="text-align: left;">TP	Vor ein paar Jahren landete der französische Soziologe Alain Ehrenberg mit seinem Buch <em>Das erschöpfte Selbst</em> einen Überraschungserfolg (deutsch bei Suhrkamp). Inzwischen haben sich Depression und Burnout großflächig ausgebreitet und sind förmlich zur pathologischen Signatur der Gegenwart geworden.</p>
<p style="text-align: left;">Der Psychiater und Psychotherapeut Markus R. Pawelzik hat in der Februar Ausgabe des <strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> in einem klugen Essay eine Bestandsaufnahme der Burnout-Hysterie gewagt:</p>
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<p style="text-align: left;">Spr	Mein Interesse an der aktuellen Burnout-Begeisterung wurde durch eine Erfahrung geweckt, die in eine womöglich aufschlussreichere Richtung weist: Wenn ich einen Vortrag über die häufigste psychische Störung, die Depression, halte, kommen im schönen Münster etwa fünfzig Zuhörer; wenn ich hingegen inhaltlich Ähnliches zum Thema Burnout vorzutragen ankündige, kommen fünfhundert. Was macht das Etikett <em>Burnout</em> so interessant?</p>
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<p style="text-align: left;">TP	Ganz offenbar ist unsere Spätmoderne müde geworden &#8211; an sich selbst, an der Welt und an den vielen Hoffnungen, die sie hatte und die nirgendwo erfüllt wurden. Von nichts sind wir so sehr geprägt wie von der Müdigkeit, von einem gähnenden&#8230;</p>
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<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; umsonst!</p>
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<p style="text-align: left;">TP	&#8230; von dem hartnäckigen Eindruck also, dass am Ende alles vergeblich ist. Die vielberufenen Kräfte der westlichen Welt, die ein gnadenloser Wettbewerb angeblich gestählt haben soll -: sie scheinen restlos erschöpft. Die Politik hat für die Zukunft nichts weiter anzubieten als die Verlängerung der Gegenwart, die ohnehin schon eine Neuauflage des Gestern und Vorgestern ist. Und die Künste, nicht weniger müde, üben sich in der eigenen Historisierung und der unendlichen Variation solcher Wieder- und Wiederholungen. Breit geworden sei unsere Gegenwart, meint der Kulturphilosoph Hans Ulrich Gumbrecht, sehr breit, alle Moden und Stile stünden gleichzeitig zur Verfügung. Und der Karlsruher Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han behauptet, unsere Gesellschaft sei von einem Übermaß an unverschämt guter Laune zu einer <em>Müdigkeitsgesellschaft</em> deformiert (bei Matthes &amp; Seitz).</p>
<p style="text-align: left;">Wie die Jahrhundertwende vor 112 Jahren von dem Paradox zwischen Reformbedürftigkeit und Reformfähigkeit gekennzeichnet war, so ist auch unser Debut de siècle oder gar Debut de millénaire charakterisiert von wachsender Verkrustung bei gleichzeitig wachsender Notwendigkeit zur Erneuerung &#8211; von einer Erosion seiner Institutionen: Es gäbe viel zu tun, doch packt es einfach niemand an. Und obwohl die Moderne und erst recht die Spätmoderne von einer ungeheuren Beschleunigung zeugen, rücken die Fristen, die man sich für seine eigenen Aufgaben <em>realistischer Weise</em> setzt, in immer größere zeitliche Ferne. Wir alle sind eben einfach restlos überfordert.</p>
<p style="text-align: left;">Und warum? Hier gibt das aktuelle Heft des <strong>Merkur</strong> eine verblüffende Antwort: Weil die Ansprüche, die wir an uns stellen, überzogen sind. Wir schaffen das alles gar nicht, aber genau diese Verfehlungen kollidieren mit unserem Selbstbild. Unsere Identitätspolitik aber ist konservativ. Bevor wir auf die Idee kommen, unser Selbstbild zu verändern, gehen wir lieber zum Arzt und lassen uns die Krankheit <em>Burnout</em> attestieren.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr 	Angesichts unserer Wohlstands- und Wohlfahrtsgeselschaft, in der wir mehr Freizeit und Urlaub denn je beanspruchen können, stellt sich zunächst die Frage nach den Ursachen des verbreiteten Überfordertseins. Anhaltende Belastungen und Überforderungssituationen wird es zu allen Zeiten gegeben haben. Anders als früher wird die Reaktion auf <em>stressige</em> Umstände heute jedoch durch einmalig hohe Ansprüche und Erwartungen bestimmt. Die Werbung nährt Vorstellungen von <em>ewiger Jugend</em> und <em>lebenslanger Fitness</em>, von nie (ganz) verwelkender Attraktivität und lebenslanger hedoner Kapazität; unsere sozialstaatlichen Ansprüche auf Wohlstand, soziale Sicherheit, ständig wachsenden medizinisch-technischen Fortschritt und eine steigende Lebenserwartung nähren die kollektive Illusion, der Schicksalhaftigkeit von Altern, Krankheit, Elend und Tod entgehen zu können; die verbreitete Gleichsetzung von Glück mit unbegrenzter konsumptiver Potenz ist das Ergebnis einer durch Individualismus, Selbstbezogenheit und Schicksalsvergessenheit gekennzeichneten Kultur, der die alten Wissensbestände in Fragen der Lebenskunst abhanden gekommen zu sein scheinen. Doch auch unter diesen Bedingungen muss der Einzelne nach wie vor selber sein Leben meistern und Wege finden, auf denen sich anhaltende Belastungen und Herausforderungen auch mit nachlassenden Kräften bewältigen lassen.</p>
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<p style="text-align: left;">TP	Burnout durch Überbeanspruchung. In der <em>Material World</em> sagt man <em>Materialermüdung</em> dazu.</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken</strong> erscheint monatlich im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, und kostet im Einzelverkauf € 12,00</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>Andy Warhol’s Interview Deutschland</strong> erscheint zehn Mal im Jahr und kostet € 6,00</p>
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<p style="text-align: left;"><strong>ruiné magazin</strong> erscheint zweimal im Jahr bei ruiné magazin, Mainz, und kostet € 8,00.</p>
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<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/a065be6b52da44ca8423c8838a1ff869" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>20. Dezember 2011</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/20-dezember-2011/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 15:39:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Dérive]]></category>
		<category><![CDATA[journal of modern history]]></category>
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		<description><![CDATA[TP Heute lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist aktuell dabei, vom Land in die Stadt umzusiedeln. Das ist die größte Völkerwanderung, die es je gegeben hat. Die Stadt ist ein Erfolgsmodell. Und das 21. Jahrhundert verdammt sie zu diesem Erfolg, zu seiner Fortsetzung unter verschärften Bedingungen. Spr Dérive. Zeitschrift [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	Heute lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist aktuell dabei, vom Land in die Stadt umzusiedeln. Das ist die größte Völkerwanderung, die es je gegeben hat. Die Stadt ist ein Erfolgsmodell. Und das 21. Jahrhundert verdammt sie zu diesem Erfolg, zu seiner Fortsetzung unter verschärften Bedingungen.</p>
<p><span id="more-898"></span></p>
<p>Spr	Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung aus Wien</p>
<p>TP	Die Stadt ist der fortwährende Versuch, unterschiedlichste Interessen, Zwänge und Notwendigkeiten durch Ziegel zu moderieren, was ersichtlich mal gut und mal weniger gut gelingt. Es gibt Gründe, dass die sogenannte Altstadt zum Augapfel der europäischen Kommunen geworden ist. Wer es sich leisten kann, flieht die modernen Wohnsilos und haust in einer Altbauwohnung, wiewohl die sogenannte Altbauwohnung nur das Wohnsilo der Gründerzeit gewesen ist. Der DDR-Plattenbau des an Le Corbusier geschulten Typs WBS 70 hat jedenfalls den stapelbaren und durchrationalisierten Menschen als hocherwünschtes Zukunftsmodell verabschiedet. Eine bewohn- und lesbare Stadt braucht unkalkulierte Nischen und Brachen, damit Pfadfinder, Grenzgänger und Raumpioniere dem hohen Verwertungsdruck kreative Freiräume abtrotzen können.</p>
<p>Spr	So wie die Stadt des 20. Jahrhunderts von Gegnern der Stadt des 19. Jahrhunderts geprägt war, wird die Stadt des 21. Jahrhunderts von Gegnern der Stadt des 20. Jahrhunderts geprägt werden&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; bemerkt Jens Bisky in einer Architekturkolumne des Merkur vom März diesen Jahres mit dem schönen Titel Wohnen lernen in den Städten des 20. Jahrhunderts. Gemäß dieser klugen Einsicht geht es heutigen Stadtvisionären um eine Stadt, die von der gegenwärtigen wegkommt – um die Smart City, die schlaue, elektronisch vernetzte Stadt, um die nachhaltige und die walkable Stadt. Solange nämlich der Lebenssaft unserer Städte aus billigem Öl besteht, sieht es nicht allzu rosig aus. Die Kilometerpauschale hat keine Zukunft. Statt endloser Reihenhaussiedlungen, die sich wie Saturnringe um die Städte legen, statt Landidylle mit Basketballkorb an der Garagenwand und statt fußgängerfeindlicher Distanzen wie in Moskau und Brasilia brauchen wir Komprimierung, Verdichtung und Komplexität. Auf Brasilia kommen wir am Ende dieses Kiosks noch zurück.<br />
Zu den Gegenwelten des urbanen Alltags und der vorstädtischen wie ländlichen Öde gehören seit jeher die Luna- oder Gorki Parks, die Prater, Tivoli und Oktoberfeste dieser Welt. In der neuen Nummer von dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, die die fortschreitende Eventisierung der Stadt unter dem Aspekt ihrer Themenparks betrachtet, beschäftigt sich André Kramer mit Coney Island, dem wohl berühmtesten Amüsierareal an der Südspitze von Brooklyn zwischen der Riviera der Armen, Wonder Wheel, Parachute Jump und Cyclone &#8211; jener klapprigen Holzachterbahn, die 1991 in den Rang eines nationalen Denkmals erhoben wurde und deren Hintergrund von Wohnsiloblöcken gebildet werden, die dem Charme eines WBS 70-Plattenbaus in nichts nachstehen.</p>
<p>Spr	Die Geschichte Coney Islands ist auch die Geschichte einer nicht immer friktionsfreien, aber immer aufgeladenen Beziehung zwischen Orten des Vergnügens und ihrem städtischen Umfeld. Rem Kohlhaas hat 1978 in seinem Theorieklassiker Delirious New York (dt. 2006) das Beziehungsgeflecht zwischen Reservoir (Manhattan) und Resort (Coney Island) beschrieben. Die ersten Vergnügungsparks auf der Halbinsel, die an der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert entstanden, werden von ihm in ihrer Funktion als Laboratorien beschrieben, in denen spielerisch getestet wurde, was später jenseits des Hudson zum Ernstfall wurde. Heute entstehen weltweit beinahe ununterbrochen neue Themenparks. Hedonistische Orte urbaner Wunschproduktion, sind längst Bestandteil einer globalen Konsumkultur.</p>
<p>TP	Wer Feelings Filmklassiker La Straka gesehen hat, hat ein Bild für den nomadischen Beginn der Themenparks als Wanderzirkus, welcher Stadt wie Land für einige Tage den Luxus des Ausnahmezustands bot. Als mit der Anbindung Manhattans durch die Brooklyn Bridge 1883 und später, 1920, durch die Subway die Massen nach Coney Island strömen &#8211; in der Saison zwischen Mai und September bis zu einer Million täglich -, ist das Gewusel in dem Vergnügungsareal das anarchische Gegenmodell zu den Massenveranstaltungen der totalitären Regime, wie sie das 20. Jahrhundert geprägt haben.</p>
<p>Spr	Erlebnisorientierung und Kommerzialisierung haben in den letzten Jahren in der urbanen Alltagswelt stark zugenommen. In zahlreichen Städten finden sich neben herkömmlichen Vergnügungsparks, Marktplätzen und Einkaufszentren verstärkt spektakuläre Attraktionen wie Skihallen, Themenparks, Urban Entertainment Center oder thematisch inszenierte Master Planned Communities, die sich von gewöhnlichen Wohngebieten deutlich unterscheiden. Waren bislang Erlebnisorientierung, Inszenierung und Kommerzialisierung auf wenige Bereiche des Städtischen konzentriert, so scheinen heute Attraktionen und Spektakel alltäglich und allgegenwärtig&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; schreibt Heiko Schmidt in seinem Essay Geographien der Faszination im aktuellen Heft von dérive. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat vom Jahrmarkt gelernt, von seinen Leuchtreklamen, Kunstlandschaften und Geräuschkulissen, dem Geklingel, Heulen und Dröhnen, und beginnt die gegenwärtige Stadt zu tyrannisieren.<br />
Zurück zu Coney Island. Heute changiert der mit einer wechselhaften Geschichte gesegnete Vergnügungspark zwischen Verwahrlosung und Renovierung. Hinterhöfe voller Autowracks, Brachland, Unkraut und Müll, Pommes Buden, Graffiti an endlosen Bretterwänden. Coney Island besitzt die Schönheit einer Ruine &#8211; doch nun naht das Ende dieses Abgesangs auf die Moderne aus Pappmaché am Atlantikufer &#8211; Coney Island soll mit 23 Fahrgeschäften runderneuert und in einen Funkpark mit Geschäften und Wohnungen umgewandelt werden. Sein schäbiger Charme wird dem Optimismus als Lebensform geopfert.<br />
Steigt man jetzt aus der neuen Subway ans Licht, sieht ironischerweise alles maroder aus denn je. Der Strand übersät mit Bierdosen, Scherben, Plastikmüll. Am Horizont einerseits der bleierne Atlantik &#8211; und andererseits, dreht man sich um, die Relikte des sozialen Wohnungsbaus aus den 1960ern.</p>
<p>Spr	Die moderne Stadt hat gelernt „das Andere“ in ihr Territorium zu integrieren. Auch Einschluss kann eine Form des Ausschlusses darstellen, Sichtbarmachen eine Form, Sachverhalte zu verbergen. Kriminalität, Drogen, Prostitution und Steuerhinterziehung sind irreduzible Parameter des urbanen Lebens. Auch die Vergnügungsviertel werden durch Vereinnahmung domestiziert, meist zu familiengerechten Ambiente herabgesaust und längst in die Sphäre des globalen Tourismus überführt. Wer heute mit einem Riesenrad fährt, ist Teil des permanenten Werbefilms des Stadtmarketings.</p>
<p>TP	Zentral für Freizeitparks wie Disney World sind Szenarios urbaner Katastrophen &#8211; etwa den Fall Pompejis oder den Brand von Rom in der Regierungszeit Neros.<br />
Mit Post-Catastrophic Cities beschäftigt sich die aktuelle Nummer des &#8230;</p>
<p>SPR	Journal of Modern European History aus München</p>
<p>TP	Wer Dave Eggers Dokumentarroman Zeitoun gelesen hat, kann sich unter dem Begriff einer Post-Catastrophic City etwas vorstellen. New Orleans nach dem Sturm Katrina im August 2005 gehört dazu. Fukushima gehört seit knapp einem Jahr in diese Kategorie der modernen Geschichtswissenschaft. In Krieg und Frieden beschreibt Tolstoi das verwüstete Moskau nach dem Abzug der napoleonischen Truppen. Neben dem bereits erwähnten Rom zu Zeiten des Kaisers Nero liegen viele der postkatastrophischen Städte wenig verwunderlich auf der Zeitachse des Zweiten Weltkriegs. Es handelt sich um Städte, mit deren Namen meist ein militärischer Wendepunkt verbunden ist: Leningrad zur Zeit seiner Belagerung zwischen 1941 und 1944; Rotterdam; Coventry im November 1940, als die deutsche Luftwaffe unter dem Decknamen Mondscheinsonate einen verheerenden Angriff flog; Warschau und Berlin.<br />
Die Zeitschrift für moderne europäische Geschichte – Journal of Modern European History, kurz: JMEH – beschäftigt sich in ihrer jüngsten Ausgabe mit der Frage, wie Städte nach der Katastrophe wiederaufgebaut werden – in der Planung, architektonisch, aber auch im Hinblick auf ihre civitas, auf das zivilisierte Leben. Wie entsteht wieder Leben in einer Stadt nach ihrem urbicide – einem Ausdruck des Stadthistorikers Karl Schlögel.<br />
Martin Kohlrausch, Mitherausgeber des Journals, macht in seiner Einführung zum Thema darauf aufmerksam, dass die Post-Catastrophic City in Ost- und Westeuropa unterschiedliche Entwicklungen genommen hat. Während in Osteuropa die Zerstörung der Städte vielerorts als tabula rasa genutzt wurde, um von Grund auf neu zu planen und zu bauen, haben schwer zerstörte Städte im Westen oftmals ihren Vorkriegscharakter, ihr grundsätzliches „Layout“ behalten. Erstaunlicherweise ist dem die Forschung nie genauer nachgegangen. Während der deutschen Bombardierung Warschaus im September 1939 kamen mehr Menschen ums Leben als während der Bombardierung Dresdens durch die alliierten Mächte im Februar 1945. Und die deutsche Blockade Leningrads forderte mehr Opfer, als Briten und Amerikaner während des gesamten Zweiten Weltkriegs zu beklagen hatten. Es gehörte zur Strategie der deutschen Wehrmacht, den Genozid mit der Zerstörung urbaner Strukturen zu kombinieren. Trotzdem gibt es bis heute keine vergleichenden Studien über das Leben nach dem Urbicide in Mittel- und Osteuropa ab den 1940ern. Zum Ziel der Nazi-Deutschen gehörte ja die planmäßige kulturelle Zerstörung, um Städte wie Warschau oder Kiew ihre Bedeutung zu nehmen. Der Kriegsverlauf hat zwar die Durchsetzung dieses Ziels verhindert, gleichwohl aber verheerende Auswirkungen auf den Wiederaufbau der betroffenen Städte gehabt.</p>
<p>Spr	Als Monate vor Kriegsbeginn Hitler ankündigte, dass die Städte Osteuropas als kulturelle Zentren ausgelöscht und ihre Bevölkerung deportiert, erschossen, ausgehungert oder versklavt werden müsse, klang dies nach einer leeren Drohung. Aber 1943/44 war diese Drohung zur grausamen Realität geworden für Warschau, Minsk, Kiew und Leningrad. Diese spezielle Erfahrung von Stadtzerstörung im Osten ist Anlass für diese Nummer des Journals of Modern European History, insofern dem Zusammenhang zwischen Urbicide und Genozid nachgegangen undf untersucht wird, was die Auslöschjung von Städten und Menschen bedeutet hat für den Wiederaufbau des städtischen Lebens.</p>
<p>TP	Das zentrale Hochplateau Brasiliens befand sich 1956 weitab jeder Zivilisation. Ein Traum für Architekten wie den damals 40-jährigen Oscar Niemeyer, der auf diesem „leeren“ Gelände, dieser naturgegebenen tabula rasa eine Stadt planen und bauen konnte, ohne dass er Rücksicht auf gewachsene Strukturen zu nehmen brauchte.</p>
<p>Spr	Letter international aus Berlin</p>
<p>TP	Oscar Niemeyer hat am Donnerstag vergangener Woche in seinem Atelier an der Copacabana seinen 104. Geburtstag gefeiert. In seinem Werk gibt es eine Konstante: die Kurve, die weibliche Form. In der Ausgabe 94 der Zeitschrift Letter international wird in einem lesenswerten Essay des brasilianischen Philosophen Eduardo Subirats der Formensprache der lateinamerikanischen Moderne am Beispiel des Niemeyerschen Oeuvres nachgespürt.</p>
<p>Spr	Wir bringen die Sinnlichkeit der wogenden Linien, Flächen und Farben dieser Architekturformen mit der faszinierenden Wirkung jener Röcke und Unterröcke in Verbindung, die brasilianischen, bacchantischen Tänzerinnen gleichenden barocke Jungfrauen schmücken. Ihre schraubenförmigen und elliptische Strukturen sind außerdem mit der mathematischen Konstruktion einer dynamischen und bewegten kosmischen Raums verbunden, wie er die barocke Astronomie und Kosmologie Giordano Brunos oder Johannes Keplers kennzeichnet. In diesem Sinn können wir die Architektur Niemeyers eine moderne Reflexion und Neuformulierung der barocken Raumvorstellung nennen. Und auch eine Neuformulierung der Sinnlichkeit des brasilianischen Barocks.</p>
<p>TP	Im Programm des Modernismus steckt eine eigentümliche Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Wer unbedingt modern sein will, hat mit der Tradition und dem, was vor ihm war, nichts am Hut. Er ersehnt die tabula rasa, um sich selbst möglichst umfassend verwirklichen zu können.<br />
Wie anders Jane Jacobs in Tod und Leben amerikanischer Städte, dem wirkungsmächtigsten Buch über Architektur im 20. Jahrhundert. Vor 50 Jahren erschienen, heißt es dort über die Zukunft der Architektur:</p>
<p>Spr	Nicht ein einziger Spatz soll verdrängt werden.</p>
<p>Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung erscheint vierteljährlich bei dérive &#8211; Verein für Stadtforschung, Wien, und kostet im Einzelverkauf € 7.00. Der Verein betreibt auch jeden 1. Dienstag im Monat von 17 bis 18 Uhr ein Radio für Stadtforschung, erreichbar als Stream unter der Webadresse http://o94at/live</p>
<p>Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erscheint monatlich im Velar Klett-Cotta, Stuttgart, und kostet als Einzelheft € 12,00.</p>
<p>Journal of Modern Eurpean History erscheint im Verlag C. H. Beck, München, und kostet im Einzelverkauf € 34,00</p>
<p>Lettre international erscheint vierteljährlich in der Letter international Verlagsgesell., Berlin und kostet pro Heft € 11,00</p>
<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/81caf66e8d6e4aa9b90a62fa593f576b" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>29. November 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 10:05:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Der blaue Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[hohe Luft]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie Magazin]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Wir werden gecoacht. Ratgeber geben uns für alles und jedes Rat. Hotlines sind 24 Stunden für uns da. Wenn nötig, auch länger. Assistenzsysteme leiten uns durch den Alltag, Kuratoren durch Museen und Ausstellungen. Amazon versorgt uns immer und überall mit Downloadware. Kein Fernsehdirektor, der sein Publikum nicht an der Hand nehmen und sicher durchs [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Wir werden gecoacht. Ratgeber geben uns für alles und jedes Rat. Hotlines sind 24 Stunden für uns da. Wenn nötig, auch länger. Assistenzsysteme leiten uns durch den Alltag, Kuratoren durch Museen und Ausstellungen. Amazon versorgt uns immer und überall mit Downloadware. Kein Fernsehdirektor, der sein Publikum nicht an der Hand nehmen und sicher durchs Programm führen will. Könnte ja sein, dass es was nicht versteht. Ogottogott. Audioführer gibt es an der Kasse.</p>
<p><span id="more-894"></span></p>
<p style="text-align: left;">Auch der Kiosk kuratiert selbstverständlich das Publikum. Seit vier Jahren ohne Totalschaden führt er verlässlich durch die Gegenwart der Intelligenzblätter. Wenn aber gleich zwei Neuerscheinungen auf dem Zeitschriftenmarkt sich darum mühen, die Menschen beim Nachdenken zu kuratieren, dann gilt <em>Alarmstufe: Rot</em>.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	NEU: <strong>Philosophie Magazin</strong> aus Berlin und <strong>Hohe Luft</strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Heutzutage kennen wir Philosophie vornehmlich aus dem Fernsehen. Philosophie dort ist männlich, smart und so glatt gebügelt, dass sie gecoacht sein muss. Entweder lauschen wir Richard David Prescht, Dauergast in der Talkshow-Leiste, oder wir lassen uns auf Arte von Raphaël Enthoben durch sein Magazin <em>Philosophie</em> schubsen. Endlich aber können wir auch am philosophischen Feuilleton mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski im ZDF teilnehmen, die beide mannhaft genug sind, um das immer inspirierende Gespräch nicht qua Moderation, wie in den Medien ansonsten üblich, zu pulverisieren.</p>
<p style="text-align: left;">Was sind das für neue Print-Magazine, die am vermeintlichen Trend zur Philosophie zu partizipieren wollen?:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Vielleicht lässt sich die Frage <em>Was ist Philosophie?</em> erst spät stellen, wenn das Alter naht und die Stunde, um konkret zu werden &#8230; Es ist dies eine Frage, die man in einer verhaltenen Erregung stellt, gegen Mitternacht, wenn es nichts mehr zu fragen gibt.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die Betreuung ist das eine, der Nutzwert das andere. Beides gehört aufs Engste zusammen. Wenn nämlich jemand etwas nicht versteht, dann erklärt ihm sein Betreuer oder seine Betreuerin den Nutzwert. Und der Nutzwert der Philosophie ist nach landläufiger Meinung die Lebenshilfe. Philosophie hilft beim leben. Es ist gewissermaßen sein Assistenzsystem.</p>
<p style="text-align: left;">TP	1991 erschien in Paris ein Buch aus der Feder der beiden Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari. Ihr viertes und letztes gemeinsames. Sein Titel: <em>Q’est-ce que la Philosophie? &#8211; Was ist Philosophie?</em></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Im strengeren Sinn ist die Philosophie die Disziplin, die in der <em>Erschaffung</em> der Begriffe besteht &#8230; Die Begriffe warten auf uns nicht als schon bestehende, wie etwa Himmelskörper. Sie müssen erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden und wären nichts ohne die Signatur derer, die sie erschaffen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Die akademische Philosophie geht zunächst der Aufgabe nach, ihre Begriffe zu erhellen und zu reinigen. Lässt man diese Instrumente dagegen nur von der Tradition sich schenken, arbeitet man mit abgeschliffenem, verschmutztem Besteck. Dann verwechselt man die Philosophie beispielsweise mit Fürsorge. Mit der Laterne in der Hand führt der Philosoph den Menschen fürsorglich durch die Nacht der Gegenwart. Mit anderen Worten: Weil wir unmündig sind, brauchen wir die Philosophie.</p>
<p style="text-align: left;">Leider ist es genau umgekehrt. Philosophie als Fürsorge verstanden, hält den Menschen in Unmündigkeit. Das trifft den Nerv der Zeit. Denn die Entmündigung des Bürgers ist Programm und schreitet munter voran, nicht nur in der Politik. Nach einer Phase der Emanzipation schlägt das Pendel wieder zur anderen Seite aus.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Warum haben wir Kinder?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; fragt (folgerichtig) das <strong>Philosophie Magazin</strong> – und <strong>Hohe Luft</strong> stimmt in diese Tonlage mit der Frage ein:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Wofür lohnt es sich zu leben?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Beide Fragen hängen, wir ahnen es schon, aufs Engste zusammen. Denn man könnte die Ansicht vertreten, dass die Menschen deshalb Kinder haben, um das dumme Gefühl loszuwerden, dass sich das Leben ohne Kinder am Ende nicht lohnt.</p>
<p style="text-align: left;">An wen sollen wir unsere Erfahrungen weitergeben? Und die Bundesschatzbriefe? Das Haus, das Auto, das Boot? Die 5 Terrabyte Fotos auf der Festplatte &#8211; darunter unsere tollsten Erlebnisse. Wer sieht sich das an, wenn nicht unsere Kinder? Wer soll sich an uns erinnern, wenn wir einmal nicht mehr sind?</p>
<p style="text-align: left;">Wenn sich keiner an uns erinnert, ist dann unser Leben nicht wie nie gelebt? Umsonst? Für die Katz’?</p>
<p style="text-align: left;">Es ist alles eitel. Tanitas.</p>
<p style="text-align: left;">Sind Kinder die Lösung?</p>
<p style="text-align: left;">Lassen wir zusammen mit dem <strong>Philosophie Magazin</strong> die Katze aus dem Sack: 84 % der Deutschen geben bei einer von dem Heft initiierten Umfrage an, dass sie Kinder wollen, um Leben zu schenken.</p>
<p style="text-align: left;">Leben, um Leben zu schenken? Gekommen, um zu bleiben?</p>
<p style="text-align: left;">Hier beißt sich unsere Katze Verzeihung, in, den Sack.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Der thematische Feldherr Epaminondas, der 371 v. Chr. die spartanischen Heere besiegt, wird mit dem Vorwurf konfrontiert, dem Vaterland zu schaden, da er keine Kinder hinterlasse. Er entgegnet: „Und wie könnte meine Familie mit mir erlöschen? Ich hinterlasse eine Tochter, die mich überleben wird, die Schlacht von Leuktra. Ihr ist die Unsterblichkeit sicher.“</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Eine Argumentationshilfe, wie sie das <strong>Philosophie Magazin</strong> dankenswerterweise all denen zur Verfügung stellt, die zwar im zeugungsfähigen Alter sind, aber sich noch nicht entschieden haben. Pro und contra. Für und wider. Soll und Haben. Die Geschichte der Argumente wird tabellarisch aufbereitet: Was sagte die Antike, das Mittelalter, die Moderne, das Heute. Der Gedanke wird behandelt, als handelte es sich um einen Himmelskörper, als sei er gegeben. Die Signatur des Erschaffers wird getilgt, sein Gedanke in den Sound eines Wikipedia-Artikels übersetzt und zusammengefasst.</p>
<p style="text-align: left;">Das <strong>Philosophie Magazin</strong> ruft Michel Houellebecq aus <em>Elementarteilchen</em> zum Zeugen dafür auf, weshalb die Gegenwart zu großen Teilen keine Kinder will:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Ich habe meinem Sohn nichts zu vererben. Ich kann ihn keinen Beruf lehren, ich weiß nicht einmal, was er später machen könnte; die gesellschaftlichen Regeln, die ich erlernt habe, werden für ihn sowieso nicht mehr gültig sein. Wenn man die Ideologie des ständigen Wandels akzeptiert, akzeptiert man auch die Vorstellung, dass das Leben eines Menschen auf sein individuelles Dasein beschränkt ist und dass die früheren und zukünftigen Generationen in seinen Augen keinerlei Bedeutung haben. So leben wir jetzt. Ein Kind ergibt für einen Mann heutzutage überhaupt keinen Sinn mehr.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Warum haben wir also Kinder? Vielleicht haben wir sie ja nur, weil wir sie haben <em>können</em>. Was soll man auch sonst machen? Ein Wellness-Wochenende in Meck-Pomm? Dauerwandern in Südtirol? Radfahren bis zum Umfallen? Mal den Keller aufräumen?</p>
<p style="text-align: left;">Mit der Philosophie ist es so eine Sache. Die Frage, warum wir immer nach dem Nutzwert fragen, wäre zum Beispiel eine echt philosophische. Philosophie besteht in der hartnäckigen Weigerung, die Unzulänglichkeit des Lebens als das zu nehmen, was sie ist: ein Skandal. Philosophie ist eine Konkurrenzveranstaltung. Wie <strong>Hohe Luft</strong> gegenüber dem <strong>Philosophie Magazin</strong>.</p>
<p style="text-align: left;">Philosophie, so sagt es der Philosoph Wittgenstein&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; ist der Zweifel als Lebensform.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Nehmen wir die Farben. Erkennen Frauen nicht viel mehr Nuancen als Männer? Zweifel könnten einem kommen, geht man der Frage nach, ob Frauen dieselben Farben sehen wie ihr geschlechtlicher Gegenpart.</p>
<p style="text-align: left;">Dass es Farben überhaupt gibt und nicht, wie in der Physik, nicht, ist eine philosophische Frage par excellence. Dazu heißt es in <strong>Hohe Luft</strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Goethe weigerte sich nur, alles auf Physik zu reduzieren. Seine Farbenlehre enthält eine wichtige Einsicht, die Newtons Optik fehlt. Wer versucht, Farben rein physikalisch zu  erklären, der lässt etwas aus. Denn Lichtteilchen haben eigentlich keine Farbe, sondern nur eine bestimmte Frequenz. „Rote“ Photonen sind physikalisch gesehen nicht röter als „grüne“ Photonen &#8230; Ein Physiker kann die optischen Prozesse bis ins Detail beschreiben, von der Entstehung des Lichts in der Sonne über dessen Streuung in der Erdatmosphäre und dessen Auftreffen auf die Netzhaut bis zur Verarbeitung des Lichtreizes im Gehirn – er wird damit jedoch niemals zu fassen bekommen, wie es ist, einen Sonnenuntergang zu sehen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Statt Kinder zu zeugen, könnte man also mal zu Goethes Farbenlehre greifen. Oder eben zu <strong>Hohe Luft</strong>.</p>
<p style="text-align: left;">Die jüngsten Beispiele des Versuchs, neue Leserschichten zu bewirtschaften, sind aus dem Geist des Naturalismus geboren. Im Naturalismus erkennen wir die zeitgenössische Form der Wirklichkeit. Fragt <strong>Hohe Luft</strong>&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; Steckt der Geist im iPhone?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; belauscht das <strong>Philosophie Magazin</strong> Julian Aussänge beim Gespräch mit dem Moralphilosophen Peter Singer.</p>
<p style="text-align: left;">In beiden Fällen soll der Bezug zur Gegenwart von der Alltagstauglichkeit der Hefte überzeugen. Das eine Magazin holt Florian Henkel von Donnersmarck ins Boot, das andere die Schauspielerin Christiane Paul. Stichwort: Aktualität und Promi-Faktor. Mit anderen Worten: An den Heften erkennt man in jedem Fall die Strategien und Denkschablonen einer zeittypischen Redaktion sehr gut. Nach ihrem Strickmuster arbeiten praktisch alle Medien. Weniger gut kann man aber vielleicht erkennen, was Philosophie ausmacht.</p>
<p style="text-align: left;">Es bleibt die Frage: Was ist Philosophie? Ist vielleicht gar diese Frage selbst – Philosophie?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>der blaue Reiter. Journal für Philosophie</strong> aus Aachen</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 150 philosophische Zeitschriftentitel. Wer sich einen Überblick verschaffen will, visitiere die Site <a href="http://philosophers-today.com"><strong>philosophers-today.com</strong></a>.</p>
<p style="text-align: left;">Zu diesem Reigen zählt <strong>der blaue Reiter</strong>, ein Journal, das nicht das Magazin-Format bedient, sondern Themenhefte produziert. Die jüngste Ausgabe trägt die laufende Nummer 31 und beschäftigt sich unter der Schlagzeile <em>No future!</em> mit der <em>Philosophie des Augenblicks</em>.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	So viel ist nun aber klar und deutlich: Weder die Vergangenheit noch die Zukunft „ist“, und nicht eigentlich lässt sich sagen: Zeiten sind „drei“: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; vielmehr sollte man, genau genommen, etwa sagen: Zeiten sind „drei“: eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem, eine Gegenwart von Künftigem.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; so Augustinus in den <em>Bekenntnissen</em>. Heidegger dagegen schreibt in <em>Sein und Zeit</em>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Jedes Jetzt ist auch schon ein Soeben beziehungsweise Sofort.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Der Münchner Hirnforscher und Psychologe Ernst Pöppel, der die beiden obigen Positionen in seinem lesenswerten Essay mit dem Titel <em>Drei Sekunden Gegenwart</em> zitiert, geht darin der Frage nach, wie Gegenwart als solche bestimmt wird, als Augenblick, Moment, Plötzlichkeit.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Was veranlasst uns eigentlich zu sagen, die Zeit fließe regelmäßig, gleichsam mit konstanter Geschwindigkeit, wie es Isaac Newton in seiner berühmten Aussage formulierte &#8230; Woher wissen wir dies, fließt die Zeit wirklich kontinuierlich? Könnte es nicht auch sein, dass selbst innerhalb eines physikalischen Bezugsystems Zeit ihr Tempo wechseln kann?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP	Gegenwart ist eine zeitliche Bühne, ist Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt anderen Menschen begegnen können. Gegenwart bedeutet: Synchronisation. Synchronisierten einst die Kirchenglocken die Zeit von Dorf zu Dorf, ist es heute die Fußballweltmeisterschaft, die die globalisierte Welt synchronisiert.</p>
<p style="text-align: left;">Es hat sich im abendländischen Diskurs eingebürgert, die Philosophie mit den Vorsokratikern beginnen zu lassen. Es ist also nur folgerichtig, wenn wir den diesmaligen Kiosk mit dem Satz eines Vorsokratikers beenden. Im Fragment B 20 sagt Heraklit:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr	Da sie geboren sind, nehmen sie auf sich zu leben und den Tod zu haben (– vielmehr auszuruhen -) und Kinder hinterlassen sie, dass neuer Tod geboren wird.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Philosophie Magazin</strong> erscheint monatlich im Philomagazin Verlag, Berlin, und kostet € 5,90</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Hohe Luft. Philosophie Magazin</strong> erscheint ab 2012 alle zwei Monate in der Emotion Verlag GmbH, Hamburg, und kostet € 8,00.</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>der blaue Reiter. Journal für Philosophie</strong> erscheint zweimal jährlich bei blaue Reiter Verlag für Philosophie, Aachen, und kostet pro Heft € 15,90</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://philosophers-today.com"><strong>philosophers-today.com</strong></a></p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong>Gilles Deleuze / Félix Guattari </strong><strong><em>Was ist Philosophie</em>?</strong> Frankfurt am Main 1996: Suhrkamp, € 10,00</p>
<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/537ff9ab0d604a97bc64593dc9a4c013" width="1" height="1" alt=""></p>
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		<title>25. Oktober 2011</title>
		<link>http://www.thomaspalzer.de/25-oktober-2011/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 11:42:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Beef]]></category>
		<category><![CDATA[Il Sole 24 ore]]></category>
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		<description><![CDATA[TP      Im Mai vergangenen Jahres haben wir im kiosk Beef! besprochen, das Magazin für Männer mit Geschmack. Ein bisschen lustig haben wir uns gemacht über dieses Feinschmeckerjournal für den gemeinen Fleischfresser, über dieses Hochglanzleitmedium für den Schnitzelburger. Doch mit der jüngsten Ausgabe kehrt tiefe Reue in uns ein. Wir schlagen uns beidhändig gegen die Brust [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP      Im Mai vergangenen Jahres haben wir im <span style="text-decoration: underline;">kiosk</span> <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong> besprochen, das <strong><span style="text-decoration: underline;">Magazin für Männer mit Geschmack</span></strong>. Ein bisschen lustig haben wir uns gemacht über dieses Feinschmeckerjournal für den gemeinen Fleischfresser, über dieses Hochglanzleitmedium für den Schnitzelburger. Doch mit der jüngsten Ausgabe kehrt tiefe Reue in uns ein. Wir schlagen uns beidhändig gegen die Brust und rufen allen, die es hören wollen, zu: Wir haben uns geirrt. Schrecklich geirrt. Denn das neue Heft ist einfach irre. Ein Muss für jede Küche, egal, ob sie mit Mann, Frau oder beiden bemannt ist.</p>
<p><span id="more-864"></span></p>
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong> aus Hamburg</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Laut Ankündigung bietet das neue Heft – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen &#8211; die <em>ultimative Steak-Schule</em>. Sollten wir tatsächlich etwas fürs Leben lernen können?</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Porterhouse oder Rib-Eye? Grill oder Pfanne? Vorher salzen oder nachher? So werden Sie zum Steak-Meister.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Was hat es mit der Magie eines Steaks auf sich? 1957 hat Roland Barthes in den unumgänglichen <em>Mythen des Alltags</em> unter dem Stichwort Beefsteak und Pommes frites folgendes dazu notiert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Das Beefsteak gehört zur selben Blutmythologie wie der Wein. Es ist das Herz des Fleisches, das Fleisch im Reinzustand, und wer es zu sich nimmt, assimiliert die Kräfte des Rindes.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Auf dem Cover von <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong> sehen wir die Kathedrale der Köstlichkeit, ein Porterhouse-Steak, in Italien <em>Bistecca alla Fiorentina</em> oder bei uns in Süddeutschland <em>T-Bone-Steak</em> gerufen. Mit Filet und Knochen aus dem flachen Roastbeef geschnitten, präsentiert es das Heft als 1100 Gramm schweren <em>Director’s Cut</em>. Wir dürfen schon mal die Servietten aufschütteln.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Das Steak wird nur ganz kurz bei 800 Grad angegrillt. Durch das „Schockerhitzen“ wird die Oberfläche sofort versiegelt, der Saft bleibt im Fleisch. Außerdem karamellisiert durch die hohe Temperatur das Fett an der Außenseite des Steaks, wodurch eine würzige Kruste entsteht. Keine Sorge, das klappt auch auf Ihrem Grill zu Hause, wenn die Kohle maximal erhitzt ist.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Und in diesem Tonfall geht es weiter. Vom Porterhouse über das neumodische Flank Steak zum Rumpsteak, vom Rib-Eye über das Filet und den New York Cut zur Backe. Das Steak-Heft ist eine Wucht, und das nicht nur, weil es endlich grundsätzliche Fragen der Menschheit löst. Auch in den Details überzeugt <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef!</span></strong>. Zum Beispiel wird die Rubrik <em>Menü des Monats</em> &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     &#8230; Pilztarte, Kastanienschaumsüppchen, Spanferkelkeule mit geschmorten Ufo-Zwiebeln und zum Abschluss süße Kürbis-Timbale mit Pumpernickel-Parfait&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; auf einem Leporello präsentiert, das aus dem Heft ausgeklappt wird und in einer Art Mission-Control-Ansicht, d. h. in einer Draufsicht die Zubereitung samt aller Zutaten und Uhrzeiten tabellarisch präsentiert. Beginn: 15:00 Uhr, Abendessen 20:00 Uhr. So will man das erklärt haben, hier können sich die Kochbücher dieser Welt noch einiges abgucken.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong> ist ein aufwendig produziertes Magazin, intelligent gemacht, die grafische Gestaltung ist im Serviceteil einem Computerschreibtisch nachempfunden, Snapshots erklären als Strips in zeitlich korrekter Abfolge die Handgriffe, die für die Zubereitung unerlässlich sind. Ideal für Männer wie mich, die zwar lesen können, aber keine Kochbücher. Natürlich gibt es auch opulente Fotostrecken von mehr oder weniger ausgefallenen Köstlichkeiten, die man trotzdem leicht selbst herstellen können soll.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;">Spr     Backe – angegrillt und sous vide. Ein leider in Vergessenheit geratenes Fleischstück mit kräftigem Aroma, das üblicherweise zum Schmoren im Ofen, zum Pökeln und für Sülzen und Pasteten verwendet wird. In der Sternegastronomie erlebt es jedoch gerade ein Revival.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      <strong><span style="text-decoration: underline;">Beef! Für Männer mit Geschmack</span></strong>. Schnell zu Facebook gehen und den <em>Gefällt mir</em>-Button drücken! Aber vorher Hände waschen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 Ore</span></strong> aus Mailand und Rom</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Es ist wie bei einem gelungenen Steak: Die Substanz der Bedeutung realisiert sich in der Form.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Gedanken stehn stille</p>
<p style="text-align: left;">wie die Mosaikplatten</p>
<p style="text-align: left;">im Palasthof&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; reimt der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur, Tomas Tranströmer. Das Haiku soll uns Motto und Talisman sein für folgende Überlegungen:</p>
<p style="text-align: left;">Die Wirklichkeit geht in den Begriffen, die wir uns von ihr machen, nicht auf. Es bleibt ein unauflöslicher Rest. Die Krise der Sprache, wie sie Hugo von Hofmannsthal im berühmten Lord Chandos-Brief zu Beginn des 20. Jahrhunderts diagnostizierte, war eine Krise des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit. Der unauflösliche Rest hintertrieb das, was der Begriff an Begriffsarbeit zu leisten versprach.</p>
<p style="text-align: left;">Die Jahrzehnte danach glaubten den Spalt mit einem Kunstgriff kitten zu können: Sie fetischisierten die Bedeutung. D. h. die Bedeutung wurde derart aufgelasen, dass sie jeden Riss und jeden Spalt mühelos überdeckte. Dafür kann paradigmatisch die Psychoanalyse einstehen, mit der Freud den Lord Chandos-Brief von Hofmannsthal gewissermaßen beantwortete. Seither gibt es nichts mehr, was nicht auch Bedeutung hätte, natürlich auch das Bedeutungslose, der Trash, gerade er, natürlich, wir wissen es.</p>
<p style="text-align: left;">In der Psychoanalyse ist die Wut des Verstehens Form, Institution, Notwendigkeit und schließlich Kirche geworden. Sie begleitet das Jahrhundert der Ideologien wie der Schatten uns, denn Ideologien sind nur die Terrorregime der Bedeutung. Die Sehnsucht nach Bedeutung findet sich auch in der zeitgenössischen Version des Lord Chandos-Briefes wieder, insofern diese Version die Sprachskepsis umgedeutet hat in eine Art höherer Sprachjubel: Alles ist Name, nirgends die Sache selbst.</p>
<p style="text-align: left;">Ist doch prima.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Es sei denn, es geht um ein Porterhouse-Steak.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Phänomene gelten seitdem lediglich als Begleiterscheinungen, als Symptome, die einzig dazu da sind, die jeweils zugrunde liegende Theorie, ihre platonische Urform zu bestätigen. Der kariöse Leib, das peinlich Fleischliche, das Konkrete, das Disparate sind gründlich desavouiert. Wir Ideologen und Abkömmlinge des 20. Jahrhunderts wollen den reinen Geist, die Struktur, die totale Sprache. Unsere Sehnsucht nach Bedeutung ist so groß geworden, dass wir überall nur noch Referenzsysteme erblicken, bizarre Kathedralen aus modrigen Bedeutungen, die der Diktatur der Querverweise das Denkmal setzen. Lost in Translation. Da sind wir wieder ganz Platoniker, Hegelianer, Spiritualisten. Da sind wir, anders gesagt, falsch gewickelt.</p>
<p style="text-align: left;">Schade um die Blumen, könnte man sagen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     In der Tiefe der Bodens</p>
<p style="text-align: left;">gleitet meine Seele</p>
<p style="text-align: left;">schweigend wie ein Komet&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; sagt Nobelpreisträger Tomas Tranströmer.</p>
<p style="text-align: left;">Es ist das alte Leib-Seele-Problem, das hinter der Klage steckt, dass wir immer nur den Namen haben, nie die Sache selbst. In die zeitgenössische Version übersetzt: Wir haben nur die Sachen, aber nie den richtigen Namen.</p>
<p style="text-align: left;">Die italienische Tageszeitung <strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 Ore</span></strong> beweist, dass sie den Finger am Puls der Zeit hat, wenn sie ihre Autorin Anna Li Vigni Maurizio Ferraris Buch <em>Seele und iPad</em> rezensieren lässt. Ich zitiere den <span style="text-decoration: underline;">Perlentaucher</span>, der aus Li Vignis Rezension zitiert:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     „Oh du wechselhafte und anmutige Seele, Gast und Gefährtin des Körpers, wohin gehst du jetzt?“ Diese Verse soll Kaiser Hadrian auf dem Sterbebett<strong> </strong>ausgerufen haben. Nirgendwo geht sie hin, die Seele. Sie bleibt in der Welt, in der wir gelebt haben, in Form von Dokumenten und Geschriebenem (&#8230;) Die Absicht von Ferrari, diesem Autor der Ontologie des Mobiltelefons, besteht nicht darin, eine überschwängliche Eloge auf die Technik zu halten. Anhand des iPads will er belegen, dass der Gedanke im Geschriebenem steckt. Der Humanismus dieser Abhandlung liegt im Mut zum Materialismus, der sich abhebt von der immer verschwommener werdenden Kultur des Dualismus der Gegenwart. Die Seele steckt im Körper, in dem, was wir ihm im Laufe des Lebens eingeschrieben haben. Und wenn das Leben endet, dann bleibt von der Seele nicht mehr übrig als die Spuren in unserem Notizbuch, oder eben dem iPad. Deshalb hat sich Tony Curtis mit seinem iPhone begraben lassen, sozusagen mit dem gesamten Archiv seines Lebens.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Wir haben es immer gewusst: Ein saftiges Porterhouse-Steak zwischen den Zähnen – und die Zunge schmeckt die ganze Essenz des Daseins.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> aus Berlin</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Morgen, am Mittwoch, trifft sich Europa zu einem neuen Gipfel, um die Euro-Krise endlich zu bewältigen und Griechenland für Europa zu retten. Diese Krise ist weniger Ausdruck einer Währungs-, denn einer Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise. Das ist ja genau die Botschaft, die die sogenannten „Märkte“, die Götter der Gegenwart, an uns Markteilnehmer senden. Lass es stecken, wir glauben deinem Geld nicht, scheinen sie uns zuzurufen und sich abzuwenden. Die Euro-Krise ist nur die aktuellste Form des Lord-Chandos-Briefs vom August des Jahres 1902.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      &#8230; schreibt Hugo von Hofmannsthal.</p>
<p style="text-align: left;">In der aktuellen Ausgabe von <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> belehrt uns nun der griechische Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Aristos Doxiadis über die institutionellen und kulturellen Determinanten der hellenischen Ökonomie.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Der Begriff der „Institutionen“ ist recht allgemein und lässt unterschiedliche Definitonen zu. Der weitesten Definition nach beinhaltet er <em>offizielle Institutionen</em> (die Schule) ebenso wie <em>inoffizielle</em> (Nachhilfeunterricht und Privatunterricht zu Hause, zwei in Griechenland weitverbreitete Arten des Paukens auf Prüfungen hin). Ebenfalls impliziert er Regeln (Medizinrecht), Organisationen (Krankenhäuser), aber auch übliche Praktiken (steuerfreies Extrahonorar für behandelnde Ärzte – das sogenannte <em>fakelaki</em>, das in einem Umschlag übergebene Schmiergeld für eine bessere Behandlung). In einigen Theorien sind auch Ideologien (Was ist Fortschritt?) und Mentalitäten (Arbeitsethik) einbezogen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Kleinbetriebe sind die vorherrschende Organisationsweise im privatwirtschaftlichen Sektor, selbst noch 180 Jahre nach der Gründung des neugriechischen Staates. Das gehört, wie Doxiadis ausführt, strukturell zu Griechenland, was bedeutet:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Insofern wir eine Gesellschaft von Kleinunternehmern sind, können wir keine elektronischen Geräte produzieren, und nicht: Weil wir keine derartigen Geräte produzieren, sind wir Kleinunternehmer.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Die Griechen sind Kleinunternehmer, deren Betriebe im Schnitt nicht wachsen. Das ist für die europäische und westliche Wachstumsideologie naturgemäß Gift bzw. umgekehrt. Außerdem haben die Hellenen <em>Kultur um der Freiheit willen</em> geschaffen, wie es der Historiker Christian Meier in dem gleichnamigen Buch beeindruckend dargelegt hat. Sie kooperieren darum nicht mit der gleichen Effizienz, wie die Industrienationen es unter dem Schlagwort Teamwork tun. Aristos Doxiatis in <strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong>:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Spr     Die Nordeuropäer haben Startvorteile daraus, dass sie kooperieren und sich an Regeln halten. Aber die Welt ändert sich. Hierarchien brechen zusammen, die selbständige Tätigkeit von einzelnen wird zur üblichen Lebensform auch in Mittelschichten. Die von Ulrich Beck beschriebenen Bastelbiographien nehmen zu,, und entsprechend steigt das Risiko. Bei dieser Tendenz sind die mehrfach beschäftigten, selbständig tätigen und erfinderischen Griechen womöglich eine Art Avantgarde. Unsere europäischen Partner tun gut daran, die Strategien der Griechen zu untersuchen, denn sie könnten ihnen eines Tages nützlich werden.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">TP      Hegel hat gemeint, dass der europäische Geist in Griechenland seine Jugend verbracht habe. Wir fügen hinzu: Es sieht vieles danach aus, als würde er im Alter nach Griechenland zurückkehren (müssen).</p>
<p style="text-align: left;">Das letzte Wort gebührt Tomas Tranströmer:</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">SPR     Wenn die Zeit kommt</p>
<p style="text-align: left;">ruht der blinde Wind</p>
<p style="text-align: left;">an den Fassaden aus.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Beef. Magazin für Männer mit Geschmack</span></strong> erscheint vierteljährlich bei Gruner + Jahr, Hamburg, und kostet € 9,80</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Il Sole 24 ore</span></strong> ist eine der meistgelesenen Tageszeitungen Italiens mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und besitzt zwei Hauptredaktionen in Mailand und Rom.</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;">Lettre international</span></strong> erscheint vierteljährlich in der Lettre international Verlagsgesellschaft, Berlin, und kostet im Einzelverkauf € 17,00</p>
<p style="text-align: left;"><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
<p style="text-align: left;">
<p><strong><span style="text-decoration: underline;"> </span></strong></p>
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		<title>27. September 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2011 04:05:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[mubi]]></category>
		<category><![CDATA[parisberlin]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Ach, Europa! Europa ist nicht nur ein gemeinsamer Markt. Europa ist eine politische Idee. Und zudem bedauernswerter Weise ein Projekt der europäischen Eliten, die mit staunenswerter Unverfrorenheit über die Köpfe der betroffenen Bürger hinwegentscheiden und eine überfällige Demokratisierung der EU verhindern – mit dem ebenso hartnäckigen wie unverschämten Hinweis, dass der europäische Bürger noch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">TP	Ach, Europa!</p>
<p style="text-align: left;">Europa ist nicht nur ein gemeinsamer Markt. Europa ist eine politische Idee. Und zudem bedauernswerter Weise ein Projekt der europäischen Eliten, die mit staunenswerter Unverfrorenheit über die Köpfe der betroffenen Bürger hinwegentscheiden und eine überfällige Demokratisierung der EU verhindern – mit dem ebenso hartnäckigen wie unverschämten Hinweis, dass der europäische Bürger noch nicht <em>reif</em> sei für eine eigene Meinung zu dem Projekt. Um es mit Frau Merkel zu sagen: Für das Projekt Europa ist der europäische Bürger &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">
<span id="more-859"></span></p>
<p style="text-align: left;">Spr	&#8230; nicht förderlich.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Damit sind die politischen Eliten hauptursächlich schuld an der wachsenden Europaskepsis und Europamüdigkeit – und das vor allem bei den Jungen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	<strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> aus Paris und Berlin</p>
<p style="text-align: left;">TP	Im Jahr 2004 gegründet, ist <strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> eine Art Begleitheft zum Fernsehkanal Arte. Zweisprachig, handelt es sich bei dem gut 100 Seiten starken Heft um keine didaktisch aufbereitete Sprachhilfe im Printformat mit Vokabeltrainer und Grammatikecke, sondern um ein Nachrichtenmagazin, das Monat für Monat über Aktuelles aus Politik, Wirtschaft und Kultur von beidseits des Rheins informiert. Wobei deutsche Themen in französisch, französische Themen in deutsch behandelt werden. Das macht die Lektüre charmant.</p>
<p style="text-align: left;">Für Europa, könnte man sagen, ist Paris-Berlin die Achse des Guten, das eigentliche Zentrum des ganzen Projekts. Europa leidet aber im Moment darunter, dass die Peripherie zu viel Macht hat und das eigentliche Machtzentrum zu peripher ist. Die Euro-Krise hat die zentrifugalen Kräfte dabei nur noch weiter gestärkt.</p>
<p style="text-align: left;">Chinesische Beobachter argumentieren, dass die westliche Demokratie als Staatsform unfähig sei, die Finanzmärkte in den Griff zu bekommen und die finanzielle Krise zu lösen. Sie argumentieren pro domo, für ihr eigenes autokratisches System. In einer Zeit, in der die moralische Führungsrolle nicht mehr unangefochten den USA zugedacht werden kann, ist also die Verteidigung der europäischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wieder an Europa zurückdelegiert.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Probleme, die durch Bombardierung gelöst werden können, nehmen wir Amerikaner bereitwillig in Angriff. Probleme, die mit dieser Methode nicht zu bewältigen sind, ignorieren wir.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Diese Diagnose stammt aus dem Jahr 2000 – und sie stammt von Farred Zakaria, damaliger Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Foreign Affairs, heute Herausgeber von Time Magazine und wöchentliche Stimme bei CNN.</p>
<p style="text-align: left;">Lange waren es die USA, die die Ideale der europäischen Aufklärung am glaubwürdigsten vertreten und verteidigt haben. Nun scheint es, als müsste Europa diese Rolle übernehmen – endlich! -, als müsste Europa den USA im weiteren Zivilisieren der Zivilisation vorangehen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr 	Die politischen Eliten Europas bieten zurzeit ein Bild des Jammers &#8211; von den widersprüchlichen Reaktionen auf die Rebellion in der arabischen Welt bis zum zögerlichen Umgang mit der Krise des Euro. Entweder sie verharren in Nichtstun und Entschlusslosigkeit oder flüchten sich von einer Unwahrheit in die nächste, und das in der Erwartung, sie könnten so die Märkte in den Griff bekommen. Seitdem die europäischen Eliten unter Beweis stellen müssen, wovon sie so oft gesprochen haben &#8211; dass Europa ein weltpolitisch und weltwirtschaftlich handlungsfähiger Akteur sei -, stolpern sie nur noch vor sich hin. Und weil sie dies nicht wahrhaben wollen, feiern sie jeden Stolperschritt als die Rettung Europas und des Euro. Das schlechte Bild, das Europa im Augenblick abgibt, ist wesentlich dem Unvermögen seiner Eliten geschuldet&#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; schreibt der Politikwissenschaftler Gerfried Münkler im Spiegel. Und markiert damit das Dilemma, an dem Europa seit geraumer Zeit erfolglos herumlaboriert. Es wird Zeit, dass die Piratenpartei ins europäische Parlament einzieht.</p>
<p style="text-align: left;">Aber zurück zum Magazin <strong>ParisBerlin</strong>. Wir wollen mit dem Ausflug in den politischen Kommentar ja nur klarmachen, warum wir ein solches Magazin dringend nötig haben. Oder, anders gesagt: Wir müssen wieder lernen, voneinander Kenntnis zu nehmen.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Übersetzungen von Büchern, vor allem der Verkauf derselben, stagnieren. Die Fernsehprogramme sind größtenteils national, höchstens ein paar amerikanische Anteile, aber die europäischen Nachbarn kommen nicht wirklich vor. Sogar arte hat das Senden von Originalfassungen so gut wie eingestellt &#8230; Bei unserem Kerngeschäft, dem Kino, sieht es noch trauriger aus. Ein, zwei Bestseller pro Jahr schaffen es, „gesamteuropäisch“ gesehen zu werden, alle anderen bleiben auf ihr Heimatterritorium beschränkt.</p>
<p style="text-align: left;">TP	So das entmutigende Fazit von Regisseur Volker Schlöndorff, der einen Essay unter dem Titel <em>Kein Austausch der Kulturen</em> für die Rubrik <em>carte Blanche</em> im September-Heft von <strong>ParisBerlin</strong> beisteuert.</p>
<p style="text-align: left;">Außerdem bringt die Ausgabe ein langes Interview mit einer Französin und einem Deutschen über ihre Erfahrungen im jeweiligen Nachbarland; einen Schwerpunkt über die Struktur der Medien in beiden Ländern, u. a. zu Radio und Fernsehen, zu politischem Klüngel und Unabhängigkeit, zur Ungleichheit zwischen Berufsjournalisten und Bloggern und zum Verhältnis der Deutschen zu ihren Medien.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Zum Feierabend sind die Risiken eines Kulturschocks stark minimiert: Die beiden öffentlichen Anstalten rivalisieren mit Quizshows und leichten Serien.</p>
<p style="text-align: left;">TP	In Frankreich ist das im Übrigen nicht viel anders. Nachdem private Sender zugelassen wurden, sank die zuvor akzeptable Quote von Arte in  den Keller.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Ach, Europa.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Wie Journalismus mehr ist als Nutzwert-Journalismus, so ist auch Europa mehr als eine Idee des größten Nutzwerts. Europa ist ein politisches Projekt. Und eben darum ist es ein Skandal, wie er größer kaum gedacht werden kann, dass jeder fünfte Europäer unter 25 Jahren keinen Job hat. An dieser Stelle müssen wir vermutlich noch einmal die Piratenpartei ins europäische Parlament wünschen.</p>
<p style="text-align: left;">Das Erstaunliche an diesem Skandal aber ist, dass in der Bevölkerung dennoch die Staatsgläubigkeit wächst, also der Glaube daran, dass es der Staat sein wird, der uns aus der Krise herausführt &#8211; wiewohl es doch die Staaten waren, die uns viele der Probleme, die wir heute haben, allererst eingebrockt haben.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Was waren das für schöne Zeiten, als die Idee eines geeinten freiheitlichen Europa die Bürger, Politiker und Märkte noch gleichermaßen begeisterte! Aus dem ehrgeizigen Projekt ist im Zuge der Staatsverschuldungskrise ein ökonomischer und politischer Scherbenhaufen geworden. Die Vergemeinschaftung der Schulden mit immer gigantischer werdenden Rettungsschirmen geht einher mit einem atemberaubenden Entmündigungsprozess: einzelner Staaten, der nationalen Parlamente und natürlich der Bürger. Verträge werden gebrochen, demokratische Verfahren ausgesetzt und unterlaufen. Die Freiheit, verbunden mit Selbstverantwortung, bleibt auf der Strecke. Den Primat der Politik über die Ökonomie wollen EU-Bürokratie, die europäischen Regierungschefs und ihre Finanzminister durchsetzen. Das Heil sehen sie in noch mehr zentraler Planung, Lenkung, Egalisierung und Vereinheitlichung. Obwohl uns die Geschichte gelehrt haben sollte, dass dies uns gerade nicht auf dem Weg zu Freiheit, Demokratie und Wohlstand weitergebracht hatte. Doch erst recht in Krisenzeiten greifen Politiker gerne auf das von ihnen so geschätzte Instrument des Paternalismus zurück, nämlich in väterlicher Manier die Bürger an die Hand nehmen und sie vormundschaftlich durch die Unbill der Zeit führen zu wollen.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Notiert die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann in einem lesenswerten Beitrag in der <strong>NZZ</strong>. Der Kiosk traut weder Vater Staat noch Mutter Natur, weder Materialismus noch Paternalismus. Er hält sich an Machiavelli:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Man würde keinen Herrn dulden, wenn man wüsste, dass man auf eigenen Füßen stehen kann.</p>
<p style="text-align: left;">TP	Erst recht misstraut der Kiosk natürlich jenen, die sich vor zu viel und damit vor jeder Veränderung fürchten und die sich immer nur auf ihrem Kiez wohlfühlen wollen: der Stammwählerschaft der Grünen. Das ist jetzt weniger soziologisch denn polemisch gemeint, aber ein anderes, wenngleich kaum weniger ernüchterndes Thema.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Statt uns den Entwicklungen auszuliefern und bloß darauf zu reagieren, sollten wir die Dinge mit etwas mehr Abstand betrachten, um eine gerechte und von den Bürgern mitgetragene Lösung entstehen zu lassen: Allein ein Föderalismus europäischen Zuschnitts ermöglicht uns, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen, um Einheit und Unterschiedlichkeit unserer politischen Systeme auf friedliche Weise miteinander in Einklang zu bringen. Der Begriff Föderalismus stößt bei unseren Politikern auf Ablehnung, lässt sie um ihren Einfluss bangen und ist dennoch die einzige Alternative.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Mit diesen Gedanken versucht der Pariser Chefredakteur des dual geführten Blattes <strong>ParisBerlin</strong>, Olivier Breton, seiner Leserschaft Mut für Europa zu machen.</p>
<p style="text-align: left;">Seit Walter Benjamin ist Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Für das 20. ist vermutlich New York die Kapitale. Im 21. hat Istanbul die besten Chancen, Hauptstadt für das Jahrhundert zu werden – schon wegen des Vorbildcharakters der Türkei für den freien Teil der arabischen Welt. Die Achse <strong>ParisBerlin</strong> aber muss sich wieder daran erinnern, dass sie für die europäischen Werte der Aufklärung einsteht. Und sollte die endlich und allererst auf sich selbst anwenden.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	<a href="http://mubi.com"><strong>mubi.com</strong></a> aus Palo Alto, Kalifornien</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">TP	<strong>Muli</strong> ist der Name eines Online-Kinos, in dem man naturgemäß Filme ansehen, aber auch diskutieren und cinéastische Entdeckungen machen kann. <em>Watch – disuss – discover</em> geht das Schema.</p>
<p style="text-align: left;">Fünf Fragen waren es, die den in den USA lebenden Türken Efe Cakarel, einem ehemaligen Investment-Banker, bewogen haben, das Portal 2007 zu gründen, das inzwischen von Regisseuren wie Martin Scorsese oder Michael Handke unterstützt wird und mehr als 2000 Filme im Angebot hat.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Warum kannst du den Film <em>In the Mood for Love</em> nicht in einem Tokioer Café auf einem Laptop ansehen? Warum ist es so schwer, Leute zu treffen, die dieselbe Verehrung für Antonioni aufbringen wie du? Wäre es nicht großartig, du könntest Tates <em>Playtime</em> einem Freund mailen, wenn du glaubst, dass er ihn braucht? (Es gibt nichts Tolleres als Filmtherapie!) Warum schauen Filme aus dem Netz immer so grauenvoll aus? Warum sprechen wir als wäre wir John Cusack in <em>High Fidelity?</em></p>
<p style="text-align: left;">TP	Womit eigentlich alles über <strong>Muli</strong> gesagt wäre. <strong>Muli</strong> ist ein Programmkino im Internet. Der Dienst verfügt über Zentralen in London, Istanbul, Paris, Buenos Aires und natürlich Palo Alto in Kalifornien, wo sein Betreiber lebt.</p>
<p style="text-align: left;">Spr	In Cakarels Großraumbüro sitzen sechs Mitarbeiter vor riesigen Computerbildschirmen, an den Wänden hängen Filmplakate von Wong Kar–Wai, Gus Van Sant, François Truffaut, Alfred Hitchcock. In einer Ecke trauert eine gelbliche Palme den Zeiten hinterher, als die Menschen in ihrer Umgebung noch Zeit zum Gießen hatten &#8230;</p>
<p style="text-align: left;">TP	&#8230; schreibt die Zeit 2009 in einem Porträt über das Netzkino. <strong>Muli</strong>, eine Mischung aus Download- und Kommunikationsplattform, wirkt kursorisch: Es will den Zuschauer durch den großen Film-Ozean sicher lotsen – auch den Dokumentarfilmliebhaber in Sibirien und den Godard-Fan in der amerikanischen Provinz.</p>
<p style="text-align: left;">Übrigens findet man auf <strong>Muli</strong> eine deutsch-französische Koproduktion aus dem Jahr 1932 mit dem wegweisenden Titel:</p>
<p style="text-align: left;">Spr	Allo Berlin? Ici Paris!</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>ParisBerlin. Magazin für Europa</strong> ist ein zweisprachiges Magazin für Politik, Wirtschaft und Kultur, das elfmal im Jahr bei <em>All Contents Presse</em> erscheint und im Einzelverkauf € 5,80 kostet</p>
<p style="text-align: left;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://Mubi.com"><strong>Mubi.com</strong></a> ist ein online-Kino, über das sich Filme gegen Gebühr downloaden oder mieten lassen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>26. Juli 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2011 06:23:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[KIOSK]]></category>
		<category><![CDATA[Il Sole 24 ore]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitschrift für Ideengeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[TP Die fünfzigste Ausgabe des kiosk beschäftigt sich mit den menschlichen Abgründen und stellt mit Erschütterung fest, dass von einer Person, um sie ernst zu nehmen, immer noch dasselbe verlangt wird wie von einer Theorie: Konsistenz. Als ob es eine bewunderungswürdige Qualität wäre, in seinem Leben nie die Fronten gewechselt oder mal etwas Neues gedacht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	Die fünfzigste Ausgabe des kiosk beschäftigt sich mit den menschlichen Abgründen und stellt mit Erschütterung fest, dass von einer Person, um sie ernst zu nehmen, immer noch dasselbe verlangt wird wie von einer Theorie: Konsistenz. Als ob es eine bewunderungswürdige Qualität wäre, in seinem Leben nie die Fronten gewechselt oder mal etwas Neues gedacht und ausprobiert zu haben.</p>
<p><span id="more-818"></span><br />
Spr	<strong>Il Sole 24 ore</strong> aus Mailand und Rom</p>
<p>TP	Bei einem Menschen, der seine Ansichten ändert, setzen die im geistigen Sinn Hinterbliebenen gern voraus, dass ein Denkfehler vorliegen müsse, eine Verführung, ein Irrtum oder ein schlechter Witz. Keinesfalls aber kann es mit rechten Dingen zugegangen sein, denn sonst hätte sich eine Meinungsänderung erübrigt. Die Meinung, die man vertritt, vertritt man ja doch deshalb, weil man sie für die Bestmögliche hält – der Wahrheit am nächsten, dem Irrtum am fernsten, der Vernunft genehm und dem Vorurteil, dass man von der Welt hat, recht freundlich gesinnt. Oder?</p>
<p>Andernfalls täte sich ein Abgrund auf.</p>
<p>Spr	Besonders in der deutschen Romantik wird der „Abgrund“, wie schon bei Blaise Pascal, ein wesentlicher Bestandteil der „dichterischen Gestaltung des Unglaubens“ und bedroht vor allem das Ich, das sich selbst wie Luzifer als den Mittelpunkt der Welt betrachtet.</p>
<p>TP	So Vivetta Vivarelli, Professorin für Deutsche Literatur an der Universität Florenz, die in der aktuellen Ausgabe der</p>
<p>Spr	<strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong></p>
<p>TP	Nietzsches Abgründe unter die Lupe genommen hat. Doch diesmal geht es nicht um Nietzsche, sondern um Heidegger. Dazu später mehr. Zunächst nämlich wenden wir uns einem weiteren „Abgründigen“ zu. Dem 1957 gestorbenen Schriftsteller und Journalisten Curzio Malaparte.</p>
<p>Malaparte gilt allen, die aufrechten Sinnes sind, als obsolet, denn er war Faschist, Kommunist, Wendehals, Angeber, Narziss, Dandy, Kosmopolit und Provinzler – kurzum, er war ein Mensch mit Widersprüchen, eine erstaunlich fragwürdige Figur, ein, wie die Italiener sagen, <em>voltagabbana</em> – einer, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt. <em>Die Sonne 24 Stunden</em> – <strong>Il Sole 24 ore</strong> -, Italiens große Tageszeitung für Wirtschaftsfragen, hat in ihrer Ausgabe vom 7. Juli Malapartes Biografie einer kenntnisreichen Untersuchung unterzogen.</p>
<p>In einem offenen Brief aus dem Jahr 1940 schreibt Curzio Malaparte:</p>
<p>Spr	In Wahrheit bin ich weder schlechter noch besser als mein dummer Ruf: aber ich bin anders. Es kann mich nur derjenige verstehen und akzeptieren, der nicht vergisst, dass in mir all die Romantik und der Wahnsinn der Deutschen ist; dass ich nicht ein Italiener wie all die anderen bin, sondern was man gemeinhin einen Barbaren nennt.</p>
<p>TP	Kurt Erich Suckert, unter dem Pseudonym Curzio Malaparte einer der bedeutendsten Schriftsteller und Journalisten Italiens, ist der Sohn eines Textilfabrikanten aus dem sächsischen Zittau und einer Mailänderin aus bürgerlichem Haus. Über seinen toskanischen Geburtsort Prato &#8211; ein halbe Stunde Eisenbahnfahrt von Florenz entfernt &#8211; über Prato und dessen wichtigste Indstrie schreibt er:</p>
<p>Spr	Nicht nur die Geschichte Italiens, sondern die Geschichte ganz Europas endet in Prato, seit den ältesten Zeiten, seit die Prateser begannen, aus den Stoffabfällen der ganzen Welt Tuche und Stoffe herzustellen. In Prato endete zwischen einem Berg Lumpen der Glanz Spaniens in Italien, die Größe Karls V. in Europa; und ebenso der Ruhm der Könige von Frankreich, der jakobinische Furor, die Größe Napoleons. Jahrein, jahraus verspannen, verkämmten, verwebten die Parteser die Lumpen und Fetzen von Marengo, von Austerlitz, von Waterloo, die Fahnen der großen Armee, die Uniformen Murats, die Goldfräcke der heiligen Allianz.</p>
<p>TP	Kurz: Pratos Textilindustrie hat die Macht schon früh gründlich dekuvriert.</p>
<p>Zurück zum Prateser Wendemantel. 1925 italienisiert Malaparte seinen Vornamen Kurt zu Curzio. Für seinen Nachnamen sucht er zunächst Inspiration in der Renaissance und spielt mit dem Gedanken, sich Curzio Borgia zu nennen oder Curzio Farnese. Er hat gelesen, dass Napoleon ursprünglich Malaparte geheißen haben soll, um den Familiennamen dann aus einleuchtenden Gründen von der Bedeutung her in sein Gegenteil zu verkehren: <em>Bona parte</em> heißt guter Teil, Malaparte schlechter Teil, mala parte.</p>
<p>Spr	Wer einen Namen wie „Malaparte“ wählt, der nimmt wohl bewusst in Kauf, dass seine Reputation nicht unumstritten ist.</p>
<p>TP	Das schreibt der Romanist Jobst Welge, Herausgeber eines 2007 publizierten Malaparte-Bandes in der <em>Anderen Bibliothek</em> mit dem Titel: <em>Zwischen Erdbeben. Streifzüge eines europäischen Exzentrikers</em>. <strong>Il Sole 24 ore</strong>, von mir nur indirekt über den <strong>Perlentaucher</strong> rezipiert, gibt dieser Einschätzung mit einer Analyse Nahrung, in der der zweifelhafte bzw. abgründige Charakter des Schriftstellers bestätigt wird. Schwer, den Mann einzuordnen.</p>
<p>Spr	Es ist ja auch nicht einfach bei einem Schriftsteller, der bis 1943 vom Kulturministerium unterstützt wurde, aber nach dem Zerfall des Faschismus sich als Verfolgter des Regimes gerierte und umstandslos bereit war, gegenüber (dem Generalsekretär der italienischen Kommunisten) Togliatti 1944 zu deklarieren, dass der Kommunismus &#8216;das dominierende Motiv meines intellektuellen Lebens ist&#8217;, ja &#8216;das Motiv, das meinen intellektuellen Handlungen und meinem Gewissen zugrunde liegt&#8217;. Und die Metamorphosen des Malaparte hörten damit nicht auf: nach 1946 wird er antikommunistisch und geißelt die &#8216;marxistischen Razzien&#8217;, er denunziert den &#8216;Faschismus der Antifaschisten&#8217; und unterstützt (den christlich-sozialen) De Gasperi bei den Wahlen von 1948. Im Jahr 1957 beschließt er schließlich seine irdische Existenz, nicht ohne Mao und den chinesischen Kommunismus zu preisen, den Parteiausweis der republikanischen wie der kommunistischen Partei zu akzeptieren, ebenso wie vielleicht noch im Augenblick des Todes zur katholischen Kirche zu konvertieren, jener Kirche, die ihn auf den Index gesetzt hatte. Angesichts dieser Unvereinbarkeiten ist die ehrlichste Antwort auf die Fragen nach dem Kern Malapartes vielleicht die Feststellung, dass er Idealist und Opportunist, Rebell und Chamäleon, Titelheld und Angeber zugleich war. Nie hörte er in seinem Leben damit auf, eine Aura der Ambivalenz um sich herum zu spinnen.</p>
<p>TP	Malaparte, Verfasser des großartigen Kriegspanoramas <em>Kaputt</em>, war ein Mann der großen Gesten, ein Melancholiker, Aristokrat, Populist, radikaler Individualist und subtiler Künstler. Und er war ein Okkasionalist. Gelegenheit macht Diebe.</p>
<p>Berühmt die Szene aus <em>Kaputt</em>, in der von den Pferden der sowjetischen Artillerie die Rede ist, die sich auf der Flucht vor der finnischen Armee in den Ladogasee stürzen und erfrieren:</p>
<p>Spr	Der See war wie eine unendlich weiße Marmorplatte, auf welche Hunderte und Aberhunderte von Pferdeköpfen gestellt waren.</p>
<p>TP	Berühmt ist auch das Haus des Schriftstellers Malaparte, eine bewohnbare Skulptur der Moderne, die allein auf einer Klippe der Insel Capri wacht und der Karl Lagerfeld eine fotografische Hommage gewidmet hat. Unsterblich aber hat das Haus der Filmemacher Jean-Luc Godard in seinem Film <em>Die Verachtung</em> gemacht – und zwar mit der Szene, in der die Bardot die kühne Freitreppe nur mit einem Handtuch bekleidet in den azurblauen Himmel hinaufschwebt.</p>
<p>Ein Original-Dialog aus dem Film:</p>
<p>Spr	Camille: „Liebst du meine Brüste ganz oder nur deren Spitzen?“ Paul: „Ich weiß nicht&#8230;“</p>
<p>TP	All die Romantik und der Wahnsinn der Deutschen steckten auch in einem anderen Deutschen, einem Zeitgenossen Malapartes, der wie dieser über schlechte und zwiespältige, eben über abgründige Seiten verfügte: der Schwarzwälder Philosoph Martin Heidegger.</p>
<p>Spr	<strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> aus Marbach, Weimar und Wolfenbüttel</p>
<p>TP	Am 21. April 1933 wird Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Einen Monat später tritt er der NSDAP bei. Bis zum Kriegsende bleibt er in der Partei. Am 27. April 1934, also nur ein Jahr nach Antritt des Rektorats, tritt er von seinem Amt des zurück – aber nicht, um, wie er später behauptet, die nationalsozialistische Hochschulpolitik nicht länger mittragen zu müssen, sondern, weil ihm diese nicht weit genug geht. Sidonie Kellerer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln hat noch mehr Ungereimtheiten in der Biographie des Philosophen entdeckt – zumal in dessen Editionspolitik, die exakte Nachprüfungen systematisch untergräbt:</p>
<p>Spr	Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beteuerte Heidegger, viele seiner Texte nach dem „Rektorat“ seien technikkritische Auseinandersetzungen mit der Neuzeit und mit deren Begründer Descartes und als solche eigentlich regimekritisch.</p>
<p>TP	Für den späten Heidegger war die Frage nach der Technik eine Frage nach dem „Gestell“ – nach der Art und Weise, wie der Mensch die Welt auf einen bestimmten Zweck hin stellt. So stellt das Wasserkraftwerk den Fluss nur auf seine Wasserkraft hin, ohne Rücksicht auf dessen ökologische Qualitäten. Im Zweckhaften der Technik erkennt der Philosoph eine strukturelle Ähnlichkeit zum Nationalsozialismus, insofern dieser Technikfromm war. Technik aber beruht auf nichts anderem als auf dem Brutaldarwinismus, der größere Kräfte gegen kleinere ausspielt. Darum jedenfalls konnte Heidegger mit seiner Technikkritik auch eine milde Regimekritik behaupten.</p>
<p>In einem Aufsatz der aktuellen Ausgabe der <strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> mit dem Titel <em>Heideggers Maske. „Die Zeit des Weltbildes“ – Metamorphose eines Textes</em> geht die Autorin der Frage nach, ob gegenüber den Beteuerungen des Freiburger Philosophen, der NS-Ideologie gegenüber sehr schnell kritisch gegenüber gestanden zu haben, nicht Zweifel angebracht sind. Bei einem genauen Vergleich der unterschiedlichen Fassungen des „Weltbild“-Vortrags zeigt sich nämlich, dass die Argumente, mit denen Heidegger seine frühe Regimekritik belegen will, so nicht haltbar sind. Es sind Geschichtsklitterungen der Heideggerschen Art, d. h. der Philosoph hat nachträglich Umdeutungen vorgenommen und ganze Passagen in das Originalmanuskript seines Vortrags eingearbeitet, den er am 9. Juni 1938 im Rahmen eines Freiburger Vorlesungszyklus gehalten hat, der aber erst 1950 bei dem Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann publiziert worden ist – und dann eben umgedeutet und manipuliert.</p>
<p>Spr	Der Mensch als Vernunftwesen der Aufklärungszeit ist nicht weniger Subjekt als der Mensch, der sich als Nation begreift, als Volk will, als Rasse sich züchtet und schließlich zum Herrn des Erdkreises sich ermächtigt&#8230; Im planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen erreicht der Subjektivismus des Menschen seine höchste Spitze, von der er sich in die Ebene der organisierten Gleichförmigkeit niederlassen und dort sich einrichten wird. Diese Gleichförmigkeit wird das sicherste Instrument der vollständigen, nämlich technischen Herrschaft über die Erde.</p>
<p>TP	Aber die nachträgliche Umdeutung ist nicht alles. Heidegger verfasst nach dem Krieg eine Anmerkung zu dem bereits unlautererweise ergänzten Vortrag, in der er behauptet:</p>
<p>Spr	Die Zusätze sind gleichzeitig geschrieben, aber nicht vorgetragen worden.</p>
<p>TP	Ganz offenbar entspricht diese Anmerkung nicht der Wahrheit. Doch noch gravierender ist, dass die Gesamtausgabe der Werke Heideggers – also die maßgebliche Referenzgröße &#8211; gleichfalls nicht der historischen Wahrheit entspricht, wie Sidonie Kellerer akribisch nachweist.</p>
<p>Spr	Wenn Heidegger die „Disziplinierung“ seiner Studenten durch die „Korrektur der Protokolle und Nachschriften“ praktizierte, so tat er das als ihr unmittelbarer Lehrer. Weit weniger authentisch ist es, wenn heute der Verzicht auf eine kritische Ausgabe mit dem Verweis auf die geschichtliche Wahrheit begründet wird: „Die Schriften sollen so wirken, wie sie zu ihrer Zeit veröffentlicht, geschrieben oder gesprochen worden sind,.“ Liest man diese vordergründig nach Texttreue klingende Argumentation und hat dabei die Interpolationen vor Augen, die anderes sagen, als ursprünglich vermittelt wurde, so kann man nicht umhin, das Fehlen einer historisch-kritischen Ausgabe zu bedauern und die Editionspolitik zu hinterfragen. „Der ‚künftige Mensch’ wird Heideggerianer sein, lautet das Versprechen der Gesamtausgabe.“ Besser wäre das Versprechen, durch den Zugang zu den Originaltexten einem jeden die Entscheidung zu erlauben, ob er Heideggerianer ist.</p>
<p>TP	Curzio Malaparte und Martin Heidegger – zwei Wendehälse, wie sie gegensätzlicher kaum gedacht werden können. Was sie voneinander trennt, ist – na, was wohl? &#8211; ein Abgrund.</p>
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<p><strong>Il Sole 24 ore</strong> ist eine der meistgelesenen Tageszeitungen Italiens mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und besitzt zwei Hauptredaktionen in Mailand und Rom.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zeitschrift für Ideengeschichte</strong> erscheint vierteljährlich im Verlag C. H. Beck, München, und kostet im Einzelverkauf € 12,90</p>
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		<title>28. Juni 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Jun 2011 14:29:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas_Palzer</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kulturaustausch]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>TP	In den Anfangszeiten der Geologie stritt man heftig um Ursprung und Bildung der Gesteine. Aus dem Feuer, sagten die Plutonisten, aus dem Wasser, die Neptunisten. Von den 100 Elementen des Periodensystems sind noch nicht einmal zehn an der Zusammensetzung der Gesteine beteiligt. Und doch gibt es so unterschiedliche Steine. Woher kommen sie? Gesteine sind Mineralaggregate, entweder monomineralisch wie reiner Kalkstein, der nur aus Calcit besteht, oder polymineralisch wie Granit, der sich aus Feldspat, Quarz und Glimmer zusammensetzt. Die ältesten Steine auf der Erde sind etwa 4 Milliarden Jahre alt und stammen aus Grönland, Kanada und Australien. Wir kennen die Steine vom Schulausflug in das Odenwälder Felsenmeer, von Wanderungen in den Kalk-Alpen, von Bildungsreisen zu den in vulkanische Tuffe gehauenen frühchristlichen Felsenkirchen im türkischen Kappadozien oder vom Brocken im Harz, wo bereits Goethe über die Entstehung der Steine nachgedacht haben will.</p>
<p><span id="more-802"></span></p>
<p>Spr	Stein. Zeitschrift für Naturstein aus München</p>
<p>TP	Der urbane, kultivierte Zeitgenosse begegnet dem Stein vor allem an drei Orten: in der Küche, im Bad und auf dem Friedhof. Naturstein ist en vogue. Aber nur als Basismaterial für den Engineered Stone. Und den wiederum finden wir vor in Form der Küchenarbeitsplatte oder in der des trendigen Waschtischs. Oder als Teil der Friedhofskultur, etwa als Rauminszenierung der Grabfelder.</p>
<p>Spr	Um es noch einmal zu sagen: Ich steh’ auf Stein – und Steine aus Deutschland sind für mich etwas ganz besonderes. Ich mag den roten Sandstein vom Main. Ich mag die Basalte aus der Eifel. Ich mag die eher unbekannten Steine aus dem Norden und ganz besonders die roten und gelben Steine aus der Pfalz. Mein Vater, Steinmetz aus Überzeugung, liebte ebenfalls die deutschen Steine, die alten, vergessenen – jene Steine, die Teil sind der Kulturlandschaft Deutschland.</p>
<p>TP	Seit April bringt Stein. Zeitschrift für Naturstein eine Serie zum Thema Deutschland, deine Steine. Der Titel ist wohl an die ARD-Reihe Deutschland, deine Künstler angelehnt – mit dem charmanten Unterschied, dass es in der Serie der Stein-Zeitschrift tatsächlich um Steine geht.</p>
<p>Spr	Die tiefgraue rheinische Basaltlava ist ein etwa 200 Tausend Jahre altes Vulkangestein entstanden durch die Erkaltung der Magma erloschener Vulkane. Schon 6000 v. Chr. als Material für die Herstellung von Mühl- und Reibsteinen entdeckt und verwendet, wird die Basaltlava heute als Material für Fassadenverkleidungen, Treppen- und Bodenbeläge sowie Bildhauerarbeiten genutzt.</p>
<p>TP	Pflastersteine, Randsteine, Kirchen und alte Brücken, Schlösser und Rathäuser sind fast immer mit Natursteinen gebaut. Darum geht es in Stein. Zeitschrift für Naturstein häufig um den Erhalt von Kulturgut oder dessen Sanierung. Und es geht um den Markt, um die Geschäfte der Steinmetze:</p>
<p>Spr	Steine aus Deutschland haben Saison: schon wegen der Nähe. Weil heute viel gegen die gelben, grauen und anderen Importe aus dem Nahen und Fernen Osten spricht. Natur und Kultur muss das Argument sein. Eine Menge ist möglich. Eigentlich gibt es nichts als positive Nachrichten aus Berlin, Frankfurt und Stuttgart. Regionalität gewinnt. Die Steine aus Deutschland hätten andere in Europa auch gern.</p>
<p>TP	&#8230; schreibt Stein-Chefredakteur Willy Hafner.<br />
Die Themen, die diese Fachzeitschrift beschäftigen, lauten so:</p>
<p>Spr	Basalte – schön und robust. Kantenschleifen – Stand der Technik. Verlegen – großformatige Platten. Fassade im Fokus&#8230;</p>
<p>TP	&#8230; usw. Das Studium von Stein. Zeitschrift für Naturstein ist schon von daher interessant, weil es einen mit einer völlig unbekannten Welt konfrontiert – jedenfalls für die, die beruflich nichts mit Steinen zu tun haben.</p>
<p>Spr	Breitbrunner Sandstein, Eitzinger Grabit, Flossenbürger Grabnit, Friedewalder Quarzsandstein, Kleinrinderfelder Muschelkalk, Langensalzaer Travertin, Plaidter Hardbasalt, Wachenzeller Dolomit, Weiberner Tuffstein, Worzeldorfer Quarzit.</p>
<p>TP	Schon mal von gehört? Macht nichts. Geologische Prozesse spielen sich in einem Zeitfenster ab, das mit dem unseren nichts zu tun hat. Deswegen nehmen die Steine uns nicht wahr, und wir meist die Steine vor unseren Füßen nicht. Wir schussern die Kiesel achtlos durch die Gegend. Dabei ist uns meist nicht klar, dass sie aus sehr unterschiedlichen Gegenden an den Isarstrand gespült worden sind und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Manche von ihnen haben einen weiten Weg hinter sich und sind von Gletschern oder Flüssen transportiert worden, bis sie am Strand der Ost- oder Nordsee von den Wellen nur noch wenig hin und her bewegt werden. Um Steine zu verstehen, bedürfte es eines Kulturaustauschs und einer Übersetzungstätigkeit zwischen Mensch und Mineral.</p>
<p>Spr	Kulturaustausch aus Regensburg<br />
TP	Das Wort Baum bekommt seine Bedeutung weniger durch die Bäume draußen vor dem Fenster als durch die Worte, die links und rechts von ihm stehen. Die Stellung im Satz entscheidet neben musikalischen und rhythmischen Aspekten über die Bedeutung eines Wortes. „Ich bin ein anderer“ bedeutet etwas anderes als „Der andere ist ich“.<br />
Wer etwas sagt, kann nicht verstanden werden, falsch verstanden werden oder sehr unterschiedlich verstanden werden. Auf die hebräische Bibel etwa haben die Araber mit dem Koran geantwortet, die jüdischen Christen aber mit dem Neuen Testament. Der Koran und das NT sind zwei Auslegungen ein- und derselben Sache. Beide vermitteln zwischen Erde und Himmel. Wer von der einen Sphäre zur anderen übersetzen will, bedarf einer Brücke.<br />
Pontifex heißt Brückenbauer. Neben Päpsten und Schamanen sind natürlich noch die Brückenbauer selbst Brückenbauer. Und die Übersetzer. Sie bauen Brücken, damit man von einem Ufer zum anderen übersetzen kann. Vom AT zum NT oder zum Koran. Auch Schriftsteller sind Übersetzer. Sie übersetzen Gedanken, Gefühle und Empfindungen, alles, was in ihrem Kopf geschieht, in eine Sprache, die verständlich ist, und die, damit sie verstanden werden kann, Teil eines sozialen Codes sein muss. Man muss eine Sprache sehr gut kennen, um in sie übersetzen zu können. Bei uns sagt man:</p>
<p>Spr	Man muss den Baum biegen, solange er jung ist.<br />
TP	Im Kongo sagt der Kongolese:</p>
<p>Spr	Der Sand lässt sich scharren, solange er feucht ist.</p>
<p>TP	Und der Nigerianer drückt denselben Sachverhalt so aus:</p>
<p>Spr	Man muss sich um seine Zähne kümmern, solange sie noch im Mund sind.</p>
<p>TP	So zu erfahren in der Zeitschrift Kulturaustausch. Seit 60 Jahren berichtete die vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen herausgegebene Zeitschrift über aktuelle Themen des internationalen Kulturaustauschs. Was müssen wir über eine Kultur wissen, um ihre Sprache zu verstehen? Wie verändern sich Worte beim Übersetzen? Was bleibt uns fremd? Das sind die Leitfragen, denen sich das viermal im Jahr erscheinende Magazin widmet. Die aktuelle Doppelnummer ist betitelt: What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen.<br />
Für Computer, Mathematiker und Ökonomen ist die linguistische Vielfalt lediglich eine Effizienzbarriere.<br />
Aber nehmen wir ein Beispiel: Heutzutage pflegen auch undemokratische Machthaber wie Demokraten zu sprechen. Autokraten und Diktaturen führen unentwegt das Wort Demokratie im Mund. Aber sie meinen damit natürlich etwas ganz anderes als das, was wir darunter verstehen. Sie benutzen das Wort zur Tarnung ihrer Interessen. Um den Begriff demokratische Wahlen aus dem Mund des syrischen oder nordkoreanischen Machthabers richtig zu verstehen, bedarf es, wie Kulturaustausch zeigt, kulturellen Wissens. Denn was wir hören, müssen wir zuvor zu hören gelernt haben.</p>
<p>Spr	Man muss den Menschen die Prinzipien der Demokratie nahebringen und sie richtig anwenden, das macht das ägyptische Projekt zu einem hervorragenden Beispiel für alle Völker der Dritten Welt.</p>
<p>TP	Ein Satz, wie ihn der gestürzte ägyptische Präsident Husni Mubarak gern im Mund geführt hat. Karim Abdelghani Mahmoud Abdelati, Kulturwissenschaftler an der in der Mitte des Nildeltas angesiedelten Universität von Masoura, macht uns in Kulturaustausch darauf aufmerksam.</p>
<p>Spr	Sprachen sind wie Menschen: Sie leben nebeneinander, koexistieren, beäugen ihre Nachbarn, entlehnen und verleihen. Der eine kann dieses besser, der andere jenes. Der eine beten, der andere Liebeserklärungen machen, ein Dritter schmutzig fluchen oder drohen. Das, was die einen Sprachen besser können, wird dann eben entlehnt. In diesem Sinne kann es keine reinen Sprachen geben – so, wie es keine sterilen Menschen gibt. Jede Sprache ist eine Mischung aus Eigenem und Entlehntem, manchmal auch Nachgeäfftem, denn wie die Menschen neigen auch die Sprachen zum nachäffen.</p>
<p>TP	Sagt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in einem Essay zu den „Grenzen meiner Sprache“. Und erzählt in Kulturaustausch folgende Anekdote über seinen spanischen Verleger, einen gebürtigen Katalanen.<br />
Spr	„In welcher Sprache sollen wir dich herausbringen?“ fragte er mich ganz zu Beginn. Ohne lange nachzudenken stieß ich aus: „Natürlich auf Spanisch. &#8230; Wer braucht denn überhaupt Übersetzungen in dieses Katalanisch?“ Spanisch, das ist global: Nicht nur in ganz Spanien, sondern auch in Mexiko, Peru, Argentinien, sowie Teilen der USA wird spanisch gesprochen. Diese Perspektive verschlug mir den Atem. Der Verleger verstand mich und nickte traurig als Zeichen seiner Zustimmung. So traurig, dass ich sofort begann, mich zu schämen. Bis heute schäme ich mich dieses Imperochauvinismus. Ich werde nie mehr irgendeine Sprache der Welt beleidigen.<br />
TP	Lesen, Hören und Verstehen – das sind die drei Verhaltensweisen, die drei Modi der Existenz, die zeigen, was es bedeutet, Mensch zu sein.<br />
Ist das da ein Fisch in deinem Ohr&#8230;<br />
Spr	Is That a Fish in Your Ear? Translation and the Meaning of Everything&#8230;<br />
TP	&#8230; heißt ein demnächst erscheinendes Buch des Komparatisten David Bellos, der an der Princeton University  Französisch und Italienisch lehrt. Nach Bellos bedeutet übersetzen: in einen Kontext eingebunden zu sein – in eine bestimmte historische Zeit, mit einzigartigen, sinnlichen Spracherfahrungen, einem persönlichen Wissensstand und einer eigenen Art zu verstehen.<br />
Im selben Heft von Kulturaustausch sagt uns der Übersetzer und Schriftsteller Raoul Schrott wie man vor 3000 Jahren in Ägypten „Ich liebe dich“ gesagt hat:</p>
<p>Spr	So wie das heute Jugendliche sagen würden. Frauen zum Beispiel haben offen erklärt, was sie wollten: ‚Ich möchte, dass du jetzt mit mir schläfst und dass du das und das machst.’ Alles ohne Schuldgefühle. Nach den alten Ägyptern verschwindet diese Einstellung wieder. In der Bibel und im Koran finden wir keine so selbstbewusste Haltung. Es hat bis 1968 gedauert, bos die Frau wieder diese Emanzipation erreichte.</p>
<p>TP	Übrigens ist Walt Disney der meist übersetzte Autor weltweit. Und das am häufigsten übersetzte Dokument ist die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Sie wurde in 370 Sprachen übersetzt. Dass sie trotzdem nur in den wenigsten Ländern Gültigkeit hat, belegt, was schon Alice im Wunderland wusste: Dass man Wörter auch etwas anderes heißen lassen kann.<br />
Der Islamwissenschaftler Hartmut Fähndrich zitiert in Kulturaustausch ein Gedicht von Rainer Maria Rilke emblematisch für die Pontifexe der global gewordenen Welt:</p>
<p>Spr	So trat er täglich durch den vollen Fluss / Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten / und war erfahren auf den beiden Seiten / und fühlte jeden, der hinüber muss.</p>
<p>TP	Wir gehen alle hinüber. In vielerlei Hinsicht. Meist auf Brücken aus Naturstein. Die sind aber nicht von Natur aus da, die müssen erst gebaut werden.</p>
<p>Stein. Zeitschrift für Naturstein erscheint monatlich im Callwey Verlag, München, und kostet im Jahresabonnement € 129,00</p>
<p>Kulturaustausch. Zeitschrift für internationale Perspektiven erscheint viermal jährlich in der ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg, und kostet im Einzelverkauf € 6,00</p>
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