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AUF DEM DACHBODEN. ÜBER DIE SEELE UND DIE LITERATUR

Was heißt wahrnehmen?

In jungen Jahren neigt man zur Dramatik, zur Einseitigkeit, zum Solipsismus. Gibt es da draußen jemanden, der mich versteht? Kann es das überhaupt geben? Ist das Gehirn in meinem Kopf nicht bloß ein Spezialfall des legendären Gehirns im Tank?

Wir gehören zu der Sorte Wesen, die von der Geburt bis zum Tod ununterbrochen wahrnimmt. Mit einer kleinen Besonderheit: Wir nehmen nicht nur (für) wahr, was wir wahrnehmen, sondern wir nehmen auch wahr, dass wir wahrnehmen. Aristoteles hat dieses Vermögen als Seele bezeichnet. Wahrnehmung verpflichtet zur Solidarität mit all denen, die ebenfalls wahrnehmen – mit Pflanzen, Gemüse, Tieren, Menschen. Ob Steine ein Innenleben haben, werden wir nie mit Sicherheit ausschließen können.

Wir können in Gesichtern lesen, im Ausdruck, der Mimik. In der Gestalt. Die Augen sind der Spiegel der Seele, das Antlitz der stumme Ort, an dem der Andere erscheint (Levinas). Was wir wahrnehmen: Alle Lebensformen wollen, dass ein gutes Leben geführt werden kann.

Wir sind keine Black Box, die mit einer anderen Black Box in 10 Tausend Metern Höhe über dem Meeresspiegel zusammenknallt – ohne dass die eine je einen Blick in die andere hätten werfen können. Wir können wahrnehmen, wenn ein anderer bewegt ist, wenn es einer Pflanze schlecht geht, wenn ein Tier leidet. Die Empfindung ist das Geheimnis der Existenz. Über sie erfahren wir aus der Literatur. Darum lesen wir Literatur. Sie ist Mimesis.

Mimesis bezog im Verständnis der Griechen die Tatsache mit ein, dass wir immer schon in dem Da, das wir zu sein haben, eingebettet sind. Mimesis bezog sich auf die Wirklichkeit, deren Vorzug es ist, dass sie auf den Wahrnehmenden einwirkt. Das römische Individuum machte aus der Mimesis die imitatio, und das moderne Subjekt schließlich aus der Nachahmung die Kopie. Allein an dieser sehr kurzen Übersetzungsgeschichte ließe sich ganz im Sinne Heideggers der Untergang des Abendlandes ablesen, zumindest die dramatischen Schwundstufen der Seinsgeschichte. Eine Kopie ist ein mathematisches Konstrukt, das nicht mehr in die Wirklichkeit eingebettet ist. Die Kopie bezieht sich auf den Verstand, nicht auf die Welt.

Platon hat die mimetische Darstellung von der Erkenntnis getrennt: Er glaubte an die Vorherrschaft der Vernunft und wollte die Dichter aus dem Staat jagen. Platon war Sartre, nur deutlich vorher. Dieser platonischen Erbfeindschaft der Vernunft gegen alles Mimetische haben wir es zu verdanken, dass das Gehirn an Stelle der Seele zur zentralen Instanz der Gegenwart geworden ist – Gehirn und Intelligenz.

Begriffsgeschichtlich gehören Leib und Seele zusammen. In De anima bezeichnet Aristoteles die Mitwahrnehmung der Wahrnehmung als Seele. Hegel hat das platonisch mit Bewusstsein übersetzt. Eine Seele, die den Tod des Körpers überlebt, war für Aristoteles wie für alle Griechen seiner Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Der Seele Unsterblichkeit einzuhauchen und vom Körper zu lösen – dieses Kunststück haben erst später die christlichen Kommentatoren vollbracht.

Für Aristoteles ist die Seele das, was den Körper spezifiziert, was ihn konkret macht (lat. concretus = mit der Erde zusammengewachsen) – zu dieser Blume, zu diesem Dalmatiner, zu diesem Menschen dort drüben im Foyer oder zu diesem Kiesel hier vor meinen Füßen. Seele ist nichts, was dem Menschen vorbehalten bliebe. Seele ist die Erfahrung des Körpers, um mit Jean-Luc Nancy zu sprechen. Unmöglich, dass einer Seele verborgen bliebe, dass sie existiert, dass sie in der Welt drinsteckt. Sie erlebt ja die Welt. Sogar im Schlaf scheint sie nicht aufzuhören zu erleben, dass sie existiert.

Es geht in der Literatur nicht so sehr um Kommunikation oder um Verstehen. Das wäre platonisch gedacht – und Platon ist bekanntlich für die Dichtung der falsche Gewährsmann. Der Denkmuskel ist nur ein Muskel. Es geht um mimetische Nachbildung. Es geht um die Gestaltung dieser je einzigartigen Empfindung, die das verkörperte Leben ist. Das Mimetische der Literatur oder, genauer, des Romans, besteht nun genau darin, dass im Erzählen die Wirklichkeit nachgebildet wird: die Tatsache nämlich, dass Zeit fließt. Das Erzählen bildet die Richtung der Zeit nach. Sein als Zeit.

Erinnern wir uns der platonischen Erbfeindschaft, um uns zu vergegenwärtigen, dass die Darstellung als eigene Erkenntnisform anerkannt werden muss – ebenso wie der Traum und vieles andere. Wir müssen den Geschichten mehr vertrauen als den Tatsachen, denn Wahrheit ist Gestalt, nicht Doktrin. Der Mensch lebt mythisch auf der Erde. Anders gesagt: Der Stoff spricht selbst. Er braucht keine Theorie (Bewusstsein im Hegelschen Sinn), die sich als Bauchredner nur immer stärker zwischen die Menschen und ihr Erleben schiebt.

Im Erleben erleben wir ja das Eingebettetsein im Da-Sein. Und das ist immer ein Mitsein. Kein Eremit bleibt Eremit, selbst wenn er einer sein sollte. Es geht um das Da, um die Mitteilung dieser Empfindung. Aber die Empfindung kommuniziert nicht.
Diese Gedanken sind inspiriert von Juan S. Guses wunderbarem Essay Sprechen über Literatur, den dieser auf hundertvierzehn.de publiziert hat, dem Blog des S. Fischer Verlages.