Freiheit oder Naturalismus?

Zur Hochaktualität Hegels. Thomas Palzer im Gespräch mit der Philosophin Andrea Kern.

Im Zuge der Aufklärung begann man daran zu zweifeln, dass die Welt nach den Vorstellungen der Religion verfasst sei. Die entstehende Sinnkrise wollte die Philosophie bewältigen, vor allem in Gestalt von Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Kant hatte die Grenzen der Vernunft aufgezeigt, doch Hegels Philosophie gab die Garantie dafür, dass die Vernunft dennoch in einer Welt wirksam ist, die bar jeder Vernunft scheint.

Heute erleben wir eine ganz ähnliche Situation: Es wachsen die Zweifel daran, dass sich alles umstandslos naturalisieren und auf diese Weise verstehen lasse. Der Mensch ist zwar seinem Körper ausgeliefert und untersteht den Naturgesetzen, scheint aber gleichzeitig frei zu sein.

Das ist nur einer von vielen unaufgelösten Widersprüchen. Die Philosophin Andrea Kern greift in einer Buchreihe zum Deutschen Idealismus just diese Fragen erneut auf und erörtert im Gespräch mit Thomas Palzer, wie wir eine Einheit von Natur und Geist verstehen könnten.

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Dass wir mit Dingen und Umständen vertraut sein können, offenbart den grundsätzlichen Anthropomorphismus der Welt. Dass die Wissenschaft dem gegenüber – gegenüber der menschlichen Vernunft – zunehmend blind wird, zeigt die Diskussion um den Sinn des Maskentragens. Erst Nein, jetzt Ja. Scheue den Experten!

Es gibt nichts auf der Welt, was nur es selbst wäre.

Es geht nicht um Beweise, sondern um Verständnis. Dieses ist gerade nicht auf methodisch Abgesichertes bezogen, ansonsten es ja auf immer schon Verstandenes beruhte.

Tragisch an der Mode ist, dass sie außer Mode kommt.

Wirklichkeit ist keine Eigenschaft.

Denkverbote werden immer nur vom Zeitgeist fromm befolgt. Einen Tag später sind die Türen wieder offen.

Theorie ist Transzendenz der Praxis – nicht deren bessere Hälfte.

Es gehört zum Los des Kritikers, daneben zu liegen.

Mehr als nur ein Ärgernis. Über den Nutzen der Metaphysik für das Leben

Sonntag, 15. 3., um 9 Uhr 30 im Deutschlandfunk:

Eine gewisse Stilart des Imaginären nennen wir Metaphysik. Dem philosophischen Establishment gilt sie als Ärgernis, mindestens aber als überholte Form philosophischen Denkens, deren letzter Höhepunkt mit Fichte, Hegel und Schelling erreicht worden ist. Metaphysik löst keine Fragen – statt Lösungen hat sie nur eine lange Geschichte anzubieten. Anhand dieser wird allerdings klar, was auf dem Spiel steht, wenn man sie aus dem philosophischen Gespräch entfernt.

Metaphysik liegt im Interesse des Menschen – jedes Menschen. Es geht um letzte Fragen, um den Sinn des Ganzen, den Zusammenhang, um unser Woher und Wohin. Dass sie in Misskredit geraten ist, liegt am Positivismus, der metaphysische Sätze für sinnlos erklärt. Das missachtet den Umstand, dass es einen Erkenntnispluralismus gibt – es geht nicht nur darum, was der Fall ist, sondern auch darum, wie es ist oder wäre, wenn man sich in einer solchen Situation befände. Es geht um Vergegenwärtigung.

Metaphysik muss, um Metaphysik zu sein, die Kritik mitdenken. Dem rein logizistischen Denken ist die Sache oft genug bloß störender Inhalt. Auch der härteste philosophische Begriff beruht aber auf einer Metapher, d. h. auf einem Bild – das ist die Pointe, deren sich der Positivismus nicht bewusst ist.

Die erschließende Kraft des Denkens reicht unendlich viel weiter als die beweisende Kraft des Wissens. Neben Präzision gibt es Prägnanz – und der geht es eben um den Zusammenhang des Ganzen.