Vergleichende Anatomie. Eine Geschichte der Liebe. Mit Originalfotografien. Matthes & Seitz Berlin punctum 005

Thomas Palzer Roman, Vergleichende Anatomie. Matthes & Seitz Berlin.

Thomas Palzer gelingt in Vergleichende Anatomie eine außergewöhnliche Abhandlung über (männliche) Sexualität im Alter. Auf knapp 100 Seiten berichtet er von Beginn und Ende seiner zwanzigjährigen Beziehung und durchwebt die Erzählung mit philosophischen Gedanken zur Sexualität sowie einigen Einschüben zu Klassikern wie Foucault oder antiken Konzeptionen von Liebe.
Ich gehöre – zugegebenermaßen – vermutlich nicht mal zur Zielgruppe des Textes. Da ich zum einen noch jung und zum anderen weiblich bin, ist mir das Thema recht fern, ja, ich könnte auch sagen, ich habe davor so gut wie noch nie über Sex im Alter nachgedacht. Trotzdem haben mich Palzers Reflexionen berührt. Gerade an den Stellen, an denen er seine persönliche Geschichte schildert, habe ich mir Sätze markiert, einzelne Gedanken nochmal gelesen und weitergesponnen.

Sophie Stroux im Literaturportal Bayern

Ulrich Rüdenauer am 21. August 2018 im büchermarkt des Deutschlandfunks:

Palzer versucht in seinem vielschichtigen Essay zu verstehen, was das Leben mit den Körpern macht und mit dem Sehnen und dass es dabei um Vorstellungen geht, die von Körpern eingelöst werden – oder irgendwann eben nicht mehr.

Der Wiener Falter 31/18 macht Vergleichende Anatomie zum Buch der Stunde

In Vergleichende Anatomie ist die Gratwanderung beim Schreiben über intime Erlebnisse und die Geschichte der Trennung des Autors gelungen. Er schreibt im Vorspann: »Eine Geschichte ist, um Geschichte zu sein, notwendig abgeschlossen. Auch die Liebe, um die es hier geht, ist abgeschlossen.« Gelingende Sexualität, macht er sich und den Leserinnen und Lesern klar, beruht auf sozialem Verhalten und auf Verhandlungen. »Nein«, wie immer es motiviert ist und begründet wird, heißt »nein«. Das gilt auch für den Satz: »Du bist mir zu alt.«

Thomas Adamczak auf Weltexpresso

Nachtwärts. Roman. ars vivendi 2014

Thomas Palzer Nachtwärts

Thomas Palzer pflegt einen bedachtsamen Erzählstil mit bewundernswerter Detailsorgfalt. Unterwandert wird der Fortgang von vielschichtigen Erinnerungen, kurzen Anekdoten und abenteuerlichen Träumen. Paralysierende Halluzinationen werden gegen die Realität in Stellung gebracht … Manchmal erzählen erdachte Figuren etwas über die Wirklichkeit, das die realen Menschenkinder nicht auszusprechen wagen. Wie die Akteure im Nachtwärts-Drama. Für das Geschwisterpaar wird der Roman zur Initiation, auch der sexuellen. Für die Erwachsenen zu „einer Reise ins Unbekannte, ins Herz der Finsternis, in das, was nicht ausgeleuchtet ist“. So endet der Roman in einer erschütternden Generalbeichte. Palzers Sprachkamera zeigt Gedanken und Gefühle in Großaufnahme. Mitunter sehnt man sich nach einem Buch wie diesem, das anmacht, weil es ungekünstelt und unwiderstehlich ist. Auch weil es noch dazu eine sinnstiftende Weisheit spiegelt: Solange du lebst, wirst du dich nie von dir selber trennen können.

Heinz Neidel in den Nürnberger Nachrichten

SPAM POETRY. Sex der Industrie für jeden. mikrotext 2013

Thomas Palzer Spam Poetry

Als „Spam Poetry“ versucht sich eine weitere digitale, aus den Vereinigten Staaten stammende Neuerung der Lyrik zu behaupten. Der Münchener Autor Thomas Palzer hat im E-Book-Verlag mikrotext nach Themen geordnete Junkmails publiziert: „Wir laden Sie auf unsere Webseite ein: Wenn Sie unseren Newsletter abbestellen möchten, klicken Sie bitte.“ Palzer behauptet, Spam sei literarisch interessant, weil es sich vieler Textsorten bediene. Ob man Spam als Literatur im weiteren oder als Lyrik im engeren Sinne begreift, ist vielleicht abhängig von der Weite oder Enge des eigenen Literatur- und Lyrikbegriffs. Ich schließe mich hier dem Herausgeberteam des Lyrikportals karawa.net an, das mir schreibt: „Wenn der Begriff des ,Digitalen‘ Konsens für ein fortschrittliches Literaturverständnis zu werden droht, ist es selbstredend poetische Pflicht, ihn als solchen zu sabotieren.“

Elke Heinemann in der E-Book-Kolumne E-Lektüren, FAZ 5.12. 2015
Thomas Palzer Spam-Poet
Schriftsteller und Spam-Poet Thomas Palzer liest Spam

Die erste Massenwerbe-Mail wurde 1978 verschickt. Wer aber als erster angefangen hat, daraus Spam Poetry oder auch Spoetry zu machen, weiß niemand. Einer der frühesten Hinweise darauf findet sich auf der Webseite Satirewire. 2000 kürte die Seite gelungene Gedichte, die Autoren aus Spam-Mails kreiert hatten. Seitdem versuchen immer wieder Menschen, den Müll der digitalen Gesellschaft zu Literatur umzuformen.

Viele von ihnen kommen aus englischsprachigen Ländern. Aber auch in andere Sprachen übersetzte Nachrichten haben ihren Reiz. Findet zumindest Thomas Palzer. Ihn fasziniert Spam besonders, wenn die Nachrichten voller Fehler sind, wenn die Grammatik nicht stimmt oder ein Wort nicht passt, sodass der Sinn des Satzes sich verändert. Das passiert bei Spam-Mails häufig, weil Programme die Texte automatisch übersetzen.

Zwei von Palzers liebsten Beispiele stammen aus einer Werbung für das Potenzmittel Viagra: „Speichern Sie Ihre Ehe!“ und „die Frauen in der Begeisterung“. In diesen Fehlern steckt unfreiwillige Komik: „Das sagt doch mehr aus, als wenn die Sätze korrekt wären“, findet Palzer.

Susanne Dickel in der Deutschen Welle

Nachtwärts. Roman. ars vivendi 2014

Nachtwärts. Roman, Thomas Palzer

Der Münchner Autor und Filmemacher Thomas Palzer verarbeitet in seinem neuen Roman „Nachtwärts“ seine ganz persönliche Leerfahrt. Das gespenstische Gefühl, in einem leeren Zug zu sitzen, ohne dessen Ziel zu kennen, hat er vor einigen Jahren selbst erlebt. Hoch sensibel für die Gefühle und Ängste Heranwachsender, verbindet Palzer diese Begebenheit mit einer leider alltäglichen Familiengeschichte. Es ist die Erzählung vernachlässigter Kinder, die nach Liebe schreien, indem sie sich entziehen – oder, wie in diesem Fall, selbst entführen. Mit der verbotenen Liebe, die Finn zu ihrem Entführer aufbaut, behandelt der Autor aber noch eine weitere Ebene, die nicht dem naheliegenden Stockholm-Syndrom folgt. Es geht vielmehr um die konfliktreiche Emanzipation der Tochter von ihrem Vater und die Entdeckung der eigenen Sexualität.

Stefan Weiss am 27. 02. 2014 in der
Süddeutschen Zeitung

Nachtwärts. Roman. ars vivendi 2014

Nachtwärts. Roman, Thomas Palzer

Eine besonders perfide, albtraumhafte Ausgangssituation hat sich auch Thomas Palzer, der in München lebende Schriftsteller und Filmemacher, ausgedacht. In Nachtwärts erzählt er von einer Entführung, die sich die Hauptperson seines neuesten Romans ausgedacht und geplant hat – für sich selbst. Allerdings sollte jeder, der so etwas vorhat, sich seinen Überltäter vorab lieber ganz genau auswählen.

IN München 4/2014

Pony. Geschichte. bommas 1994 und Eisenhut 2011

Pony - Thomas Palzer

„In Wahrheit ist es die innere Landschaft, die die äußere topographiert.“

… Palzers feingliedrige, sehr genau beobachtende und kluge Erzählkunst ist lesenswert. … Sechs Jahre nach Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel ist es des Spermas und der Schwänze genug. Da hilft auch Palzers Relativierung wenig, die versucht, alles in ein programmatischeres Licht zu rücken, das die Neunziger als Symptom fast nebenbei treffend zusammenfaßt: „Nach allem bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, daß das Ich geopfert werden muß. Hier liegt der Zweck meines Tuns. Das Ich hat keinen Sinn außer dem, sich in der Ekstase zu verlieren; wir gehören nicht unserem Ich, auch wenn wir mit ihm sterben werden.“

Palzers Geschichte ist das Dokument eines Irrtums, der persönlichen Verfehlung seines Protagonisten, seines Scheiterns, das ihm jedoch eine wunderbar zwingende Kunstdefinition abringt und gleichzeitig der Schlüssel ist zum Verständnis von Pony: „Wenn ich schon dazu verdammt bin, meinem eigenen Zerfall beizuwohnen, so will ich wenigstens davon Zeugnis ablegen.“

Benjamin Jahn Zschocke in Blaue Narzisse

Ruin. Roman. Blumenbar 2005

Ruin. Roman von Thomas Palzer.

„Die Hauptsachen“, im vergangenen Herbst auf deutsch erschienen, ist nur ein Beispiel aus einer verblüffenden Anzahl von Romanen, autobiographischen Schriften oder Sachbüchern, die sich gegenwärtig auf die Suche nach dem Vater begeben. Sie loten die Vaterschaft in allen Aspekten aus, trauern um den verblaßten Helden, fahnden nach einem schwer greifbaren Phantom: Hanns Josef Ortheils „Die geheimen Stunden der Nacht“ etwa, Jens Petersens Aspekte-gekröntes „Die Haushalterin“, Frank Goosens „Pink Moon“, Thommie Bayers „Singyogel“, Richard von Schirachs „Der Schatten meines Vaters“, Thomas Langs „Am Seil“, Thomas Palzers „Ruin“ oder zuletzt Lars Brandts „Andenken“ – sie alle kreisen um Vaterschaft und Kindesbürde, um alte Rechnungen und neue Gerechtigkeit, um innerfamiliäre Kontinuität und den Versuch, aus den von den Eltern vorgezeichneten Bahnen auszubrechen. Und nicht zuletzt um das oft verzweifelte Bemühen, des Vaters habhaft zu werden, das schemenhafte Bild mit Leben anzufüllen.

Tilmann Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Ruin. Roman. Blumenbar 2005

Ruin. Roman von Thomas Palzer.

Thomas Palzer hat mit Ruin einen vielschichtigen Zeitroman geschrieben, eine Liebesgeschichte und einen Gesellschaftsroman. Er verwebt die Biografie des Vaters, des reichen und renommierten Kunsthändlers, mit der noch längst nicht glücklich beendeten politischen Zusammenführung von Ost und West. Er erzählt auf eine erstaunlich einfühlsame und dezente Weise von einer verbotenen Liebe (von deren Unmöglichkeit freilich nur der Leser und Dora etwas wissen, während Viggen bis zum Schluss unwissend bleibt). Und er wendet ein Verfahren an, das schon Michel Houellebecq in seinen Roman erfolgreich erprobt hat (mit dessen analytischer Kraft und Beobachtungsgabe Palzer es aufnehmen kann, ohne dessen Schärfe zu erreichen): Immer wieder finden sich in Ruin längere essayistische Passagen, die eine gesellschaftliche Tendenz, eine historische Entwicklung sozusagen als Behauptung und mit Zugriff auf das Große und Ganze in den Text stellen, um dann im Einzelnen, in den Charakteren ausgeführt und bewiesen zu werden.

Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau

Ruin. Roman. Blumenbar 2005

Ruin. Roman von Thomas Palzer.

Mit großer erzählerischer Raffinesse haucht Thomas Palzer dem alten Topos von der Seelenverwandtschaft neues Leben ein. Er weiß, dass in der Liebe ohne den Gleichklang der Seelen nichts geht. Und er scheut sich nicht, dieses altmodische Wort in seinen mit zeitkritischen Passagen brillierenden Roman einzuführen. Gegenwartsdiagnostik und Neubelebung von Denkmodellen, die auf dem Weg der Modernisierung verloren gingen, kommen hier zusammen. Erst das macht diesen Roman, für den der Autor den Tukan-Preis bekommen hat, besonders. Dora ist Viggens Halbschwester. Der Leser erfährt das bald, Viggen wird es bis zum Schluss nicht wissen. Palzer integriert philosophisches Denken so unauffällig in seinen Roman, dass die Lesefreude ungetrübt bleibt, obwohl er den Geist der Romantik atmet und statt „Ruin“ wohl eher „Ruine“ heißen müsste. Dort weht bisweilen ein ziemlich frischer Wind.

Meike Fessmann in der Süddeutsche Zeitung

Ruin. Roman. Blumenbar 2005

Ruin. Roman von Thomas Palzer.

Ein Mann vor dem finanziellen Abgrund; ein Mann namens Viggen, Münchener und stark auf die fünfzig zugehend; ein Mann, der zwar die Kraft hat, sich andere mögliche Leben für sich vorzustellen. Nur besteht deren Gemeinsamkeit darin, „daß sie auf einen phantastischen Ruin hinarbeiteten“. Und eine Frau, in Leipzig geboren, in Wroclaw zu Hause: Dora. Sie hasst es, verpflichtet zu sein, Kompromisse zu machen, langfristige Beziehungen einzugehen, und bezeichnet sich als „Ausnahmezustand“ – diese beiden komplizierten Personen lässt Thomas Palzer in seinem schön nachhaltigen Roman „Ruin“ (Blumenbar) aufeinander treffen. Der Anlass: Der Tod von Viggens Vater, der auch Doras Vater ist. Hier die bundesrepublikanisch geprägte bürgerliche Familie, dort das uneheliche Kind einer Ost-West-Liebschaft in den frühen Sechzigerjahren. Und es steckt noch mehr in „Ruin“: der Tod eines nahen, geliebten Menschen und das damit unweigerlich einsetzende Sinnieren über Sinn und Unsinn des Lebens; eine eigentümliche Liebesgeschichte, deutsch-deutsche Vergangenheit und Gegenwart, osteuropäische Geschichte. Bei aller Stoffdichte ist „Ruin“ unaufdringlich erzählt, stellt aber von Beginn an eine starke, intensive Nähe zu den Protagonisten her. Was daran liegt, dass Palzers unablässig fließende Bewusstseinsprosa sich ihrer selbst so sicher ist, wie sie von den Erfordernissen der Gegenwart weiß.

Gerrit Bartels in der taz