DIE ZEIT, DIE BLEIBT

Wie aus Paranoia Realität entsteht

Ein Sommerabend in München. Eine unscheinbare Tankstelle ist der Ort, an dem das Unausweichliche passiert. An dem die Frage, die sich Ewart Colver seit seines Autounfalls stellt – wer hat ihn angefahren? Und weshalb? –, endlich eine Antwort findet: im Duell mit der Vergangenheit.

Ewart Colver, Rechtsanwalt und leidenschaftlicher Tangotänzer von fünfzig Jahren, liegt im Münchner Krankenhaus Rechts der Isar, nachdem er von einem Auto angefahren wurde. Colver ist sich sicher, Opfer eines Attentats geworden zu sein. Ein Anruf aus der Vergangenheit scheint seine Vermutung zu bestätigen. Hat die Polizei ihn etwa als Lockvogel missbraucht? Und was hat das Ganze mit dem toten Drogendealer zu tun, der Jahre zuvor auf einem Bananendampfer in Bremerhaven gefunden wurde – zu einem Zeitpunkt, als Colver noch für eine Versicherung tätig war?

Als sein Verbindungsmann aus der Vergangenheit spurlos verschwindet, macht sich Colver selbst auf die Suche nach Täter und Tatmotiv. Dabei nähert er sich immer mehr der Frage, was die wahren schicksalsmächtigen Zusammenhänge in seinem Leben sind.

1. Aufl. 2019, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50415-6

€ 20,00

Neuigkeiten aus dem Klett-Cotta Blog

Lesungen:

München, 19. Oktober 2019, 20 / 21 / 22 / 23 Uhr: 10. Hörgang Arabellapark

Berlin, 31. August 2019, 17:30 Uhr: Literarisches Colloquium Terrassenbühne. Moderation: Richard Kämmerlings

München, 08. Mai 2019, 19:30 Uhr: Literatur Moths, München

Leipzig, 21. März 2019, 21:30 Uhr: Café Neubau Tropen Party

Thomas Palzer über “Die Zeit, die bleibt” (aufgenommen mit iPhone 7)


Rezensionen:

Wer “Die Zeit, die bleibt” liest, braucht vor allem eines: Geduld. Thomas Palzer erzählt die Geschichten seiner beiden Protagonisten in parallelen Erzählsträngen, die er erst am Ende des Romans kreuzt. Der Münchner Anwalt Ewart Colver wird bei einem Autounfall schwer verletzt. Er glaubt an einen Mordversuch und sieht die Verbindung zu einem alten Fall. In Berlin quält den russischen IT-Experten Shenja Orlov noch immer die Gewissheit, dass er für den Tod seiner großen Liebe verantwortlich ist. Obwohl die Handlungen an unterschiedlichen Orten spielen, entdeckt der Leser Ähnlichkeiten zwischen den Figuren. Sie eint ihr Hang zur Paranoia und zu Verschwörungstheorien, die schließlich beide Schicksale zusammenführen. Palzer ist ein Roman gelungen, der zwar kein packender Krimi ist, aber dafür ein spannendes Psychogramm bietet. (Tropen Verlag, 20 Euro)

Cathrin Wißmann, Stern 04.04 2019: Die besten Krimis des Frühjahrs 2019

… Die Entwicklung der Figuren bis zum tragischen Höhepunkt ist Palzer großartig gelungen. Leicht kann man nachvollziehen, wie sich zwei grundsätzlich gesunde Menschen immer tiefer hineinsteigern und letztlich aus dem Käfig, den sie sich erschaffen haben, nicht mehr herausfinden.

Für mich ein großartiger Roman in zweierlei Hinsicht: die Konstruktion des Handlungsverlaufs geht ebenso glatt auf wie die psychologische Entwicklung seiner beiden Protagonisten. Gepaart wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion Spannung und durchaus auch einigen gesellschaftlich und sozialkritischen Fragen.

15. März 2019, missmesmerized

Wer sich nicht vor Längen im Handlungsablauf scheut und in eine teils surreal anmutende Welt wahnwitziger Abgründe blicken möchte, der darf einen Versuch wagen. Was ist Wahrheit, was ist Wahn und was passiert, wenn beides aufeinandertrifft? Der Leser bleibt am Ende, dem Thema angemessen, irritiert zurück.

https://www.krimi-couch.de/titel/20427-die-zeit-die-bleib

Jörg Kijanski auf Krimi Couch.de, April 2019

Thomas Palzer: Die Zeit, die bleibt (Tropen) – nichts bayerisch Gemütliches, kein Schickimicki – ein München-Noir könnte man sagen.

Monika Dobler, Buchhandlung “Glatteis”, München
Ein neues Büro in Berlin Kreuzberg. Das Versprechen tropischer Literatur. Eine tropische Nacht. Prä|Position war auf der Read Parade 2019 und hat mit Tom Kraushaar, Wolfram Eilenberger, Juliane Noßack, Thomas Palzer, Simon Strauß und Karin Graf in einer Kreuzberger Bushaltestelle eine Frage erkundet: WAS SIND TROPEN? Bild/Ton/Produktion: Holm-Uwe Burgemann, Konstantin Schönfelder Prä|Position https://www.praeposition.com Musik: https://soundcloud.com/afagh-irandoos…


Klett-Cotta Blog:

Lesebericht “Die Zeit, die bleibt” (Tropen)

21. November, 2018 Angeheftet

KRITIK DER EINFACHEN VERNUNFT

Clay plaques with the German words Nuancen, Differenzierungen, Unterschiede

NUANCEN – DIE WELT DES DAZWISCHEN

Deutschlandfunk Essay und Diskurs

https://www.deutschlandfunk.de/nuancen-die-welt-des-dazwischen-100.html

Nuancen sind jene kaum wahrnehmbaren Verschiebungen, die binäre Ordnungen unterlaufen. Die Weigerung, sich für eine Seite zu entscheiden, wird zum Widerstand gegen allzu einfach gedachte Verhältnisse. Sie zu erkennen, schärft den Blick für das Dazwischen, für das, was leicht übersehen wird. Nuancen machen den Unterschied. Sie unterscheiden und differenzieren. Sie stufen ab – die Höhe, die Farbe, die Dichte, die Bedeutung, die Form, das Kontinuum – und werden zu einer Schule des Denkens.

Nuancen bestehen im Widerstand gegen das Absolute. Zwischen wahr und falsch, Gut und Böse, Sein und Schein, Existenz und Essenz, Mann und Frau öffnet sich ein Raum, in dem Urteile unsicher werden und das Erkennen der Wirklichkeit beginnt.

Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay „Vergleichende Anatomie“ (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman „Die Zeit, die bleibt“ (Tropen).


Fifty Shades of Grey – 50 Schattierungen von Grau lautet der Titel einer Fanfiction-Trilogie, die, von der Britin Erika Leonard alias E. L. James verfasst, 2011 in einem kleinen australischen Verlag publiziert wurde und deren zunächst nur durch Mundpropaganda ventilierter, explosiver Erfolg dazu führte, dass alle drei Bücher in den Jahren darauf in 52 Sprachen übersetzt und schließlich verfilmt wurden.

Fifty Shades of Grey hat die Nuance prominent gemacht.

50 Grautöne – Fifty Shades of Grey, im Englischen eine Redewendung, die auf die verschiedenen und teils widersprüchlichen Facetten und Charakterzüge anspielt, die in einem einzigen Menschen nebeneinander existieren können.

Ich ist ein anderer, lautet die berühmte Formel, mit der Arthur Rimbaud diesen Befund kommentiert hat.

Der Name des Protagonisten aller drei Bücher lautet: Christian Grey.

Fifty Shades of Grey.

50 Facetten eines Menschen.

Auch wenn die Zahl 50 im Titel es nahelegt, scheint mir die Nuance aber nicht etwas zu sein, das einfach quantifizierbar wäre. Zwar gibt es gewiss 50 und mehr Abschattungen von einer Farbe wie Grau oder jeder anderen, aber anders als jede konkrete Farbabstufung, deren Mischungsverhältnis mathematisch angegeben werden kann, ist die Nuance selbst deshalb nicht das Ergebnis eines infinitesimalen Ableitungsprozesses. Vielmehr eröffnet sie einen neuen Raum, in dem sich ganz sachte die Bedeutung verschiebt. Von dezentem Grau etwa zu kühlem Blau und von da ins satte Grün.

Jede Nuance ist es mit eigenem Recht, sonst wäre sie keine. Die Nuance als sensibler Übergang neigt eher den verschachtelten Satzgebilden zu, die in der Grammatik Hypotaxe heißen, denn der strikten Hierarchie von Haupt- und Nebensatz. Sie ist exzentrisch. Sie fällt aus der Rolle.

Anders als das Exakte und durch und durch Bestimmte gehören Nuancen zum ungenauen menschlichen Maß: Sie garantieren einen geradezu metaphysischen, nicht messbaren Ausgleich. Wo keine Nuancen vorhanden sind, herrscht das Grobe, Schallende, Simple, das Dogma und der Binarismus und der Lärm des Durcheinanders. Schreiende Nuancen gibt es nicht.

Der Zweifel, seiner Natur gemäß eher still als laut, hat die Form der Nuance.

Nuancen sorgen auf subtile Weise für Kohärenz, sind aber selbst nicht zwangsläufig kohärent. Nehmen wir das Kontinuum der Grundfarben. Kontinua sind simpel; sie sind kohärent, weil sie einer Logik folgen wie im Fall der Frequenzbänder oder der Licht- beziehungsweise Lautstärke. Getönte Farben, gefärbte Töne.

Die Logik, der ein Kontinuum üblicherweise entspringt, ist die Abstufung, die Skala. Die Stufen sind vorhersehbar genormt.

Nuancen setzen jedoch die Ordnung einer Skala nicht notwendig regulär fort, nicht immer im gleichen Rhythmus, sondern können diesen beschleunigen oder verlangsamen – oder stattdessen sogar die Ordnung selbst aufs Spiel setzen, um neue, überraschende Verbindungen zu knüpfen. Man denke an die Lautverschiebungen innerhalb der europäischen Sprachen, wo neue Bedeutungen generiert wurden. Außerdem muss Bedeutung, etwa die von Blau, nicht immer ins Naheliegende verschoben werden, zum Beispiel nach Blaugrün, sie kann vielmehr auch übertragen werden, ins Metaphorische gehen, etwa, wenn die Stunde zur „blauen Stunde“ wird. Dann kündigt Dämmerung die Nacht an. Die Nuance liegt jetzt nicht mehr in der Qualität der Farbe, sondern ist in die Qualität der Zeit abgewandert. Die Verschiebung ist sozusagen zu einer Vertagung geworden.

Nuance und Metapher überschneiden sich, wenn Übergänge zwischen unterschiedlichen Ordnungen gestiftet werden. Dem klassischen Verständnis näher liegt es aber, wenn die Nuance, eine gegebene Ordnung feinsinniger strukturiert – etwa, indem weitere Ebenen eingezogen werden und diese unter die Kardinalpunkte gewissermaßen eingerückt. Im Sinn einer graduellen Ausdifferenzierung nach innen.

Farben und Töne lassen sich in ihren Spektren verrücken. In der gegenständlichen Welt wird die Aufgabe der Bedeutungsverschiebung vom Schatten übernommen. Schatten konturieren und nuancieren Gegenstände oder lösen diese sogar auf, machen deren Umrisse unscharf und verwischen die Grenze zwischen Vordergrund und Hintergrund.

Wenn Schatten an der Decke spielen, entdecken die Kinder im Bett völlig neue Welten.

Eine Nuance ist zunächst etwas kleines, feines, subtiles; ist hier ein bisschen mehr oder dort ein bisschen weniger; ist einen Hauch satter, eine Idee schwächer; einen Deut mehr nach links oder rechts, höher oder tiefer. Dunkler oder heller. Anders gesagt: Eine Nuance ist schwierig zu bestimmen. Manchmal beschleicht uns der Verdacht, dass Leben und Tod nur in einer winzigen Nuance voneinander geschieden sind. Vielleicht sogar wie der Saulus vom Paulus. Dann aber macht eine Nuance einen Unterschied ums Ganze.

Die Nuance ist dabei nicht eindeutig, sondern nebulös, schleierhaft, wolkig, worauf schon der lateinische Ursprung der Nuance hindeutet: nubes, Wolke. Der Engländer würde vielleicht different, sagen. Eben: schattiert. Nuancen stehen für Komplexität und Komplikation.

Die Nuance ist ein Wahrnehmungsereignis, wiewohl sie oft kaum „gesehen“ wird, eher gefühlt als wahrgenommen, andererseits kann sie für die Wirkung des Ganzen maßgeblich sein. Sie ist also weder plakativ noch versteckt. Sie ist ein Übergang, eine Brücke. Wo fange ich an – und wo hört die Cola-Flasche auf? Die Nuance liegt irgendwo dazwischen.

Sie ist das Dazwischen.

In der Nuance steckt die Weigerung, sich für eine Seite zu entscheiden.

Nicht: entweder – oder; vielmehr: sowohl als auch.

Für Nominalisten wie den amerikanischen Schriftsteller Truman Capote oder den französischen Schriftsteller Julien Gracq ist alles, was es gibt, einzigartig – und als solches auch einmalig. Kein Ei gleicht dem anderen; keiner gleicht einem anderen bis aufs Haar; kein Gedanke gleicht einem anderen. Das Kollektiv, sagt Gracq, macht aus Menschen Erbsen – und Erbsen gehören in die Dose.

Quantitativ einmalig, qualitativ einzigartig – auch hier liegt das Verbindende in einer Nuance. Nicht alles, was einmalig ist, muss einzigartig sein – etwa ein Versehen –, jedoch ist das, was einzigartig ist, eben meistens auch einmalig. Einmalig einzigartig – die Nuance entpuppt sich als mereologischer Tatbestand, also als ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzem.

Nominalisten sind skeptisch gegenüber Allgemeinbegriffen, da von diesen unterstellt wird, dass in Einzeldingen eine allgemeine Natur vorhanden und gegründet ist. Für Thomas Hobbes gab es nichts Universales in der Welt außer Namen – mit anderen Worten: Universales wird vom Sprachgebrauch und dessen Konventionen hervorgebracht, Jedes konkrete Einzelding macht ja Unterschiede geltend – und das gern mit einer Nuance! Die Gegenspieler der Nominalisten, die Realisten oder Universalienrealisten behaupten aber, dass es in der wirklichen Welt Strukturen gibt, die es erlauben, allgemeine Begriffe zu bilden. Ihnen kommt es beispielsweise auf die Apfelhaftigkeit von Äpfeln an. Oder die Schuhschrankhaftigkeit von Schuhschränken. Weil wir uns alle ähnlich sind, zählen wir zur Gattung des Menschen; konkret aber unterscheiden wir uns alle voneinander und jeder von uns beharrt darauf, Individuum zu sein und im Stand der Person.

Die Trennung finden wir schon beim Sprechen vor, denn wenn wir reden, drücken wir das Allgemeine aus, wenn wir aber schweigen, versteht uns niemand. Markiert wird dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gattung, Person und Gesellschaft häufig mit Metaphern der Räumlichkeit wie innen / außen. Eine Familie versucht in der Regel, die Einflüsse von außen zu dosieren, um die eigene Binnenwelt nicht zu gefährden. Von innen fühlen wir uns alle verschieden an, für den Arzt aber, der uns von außen betrachtet, der abwägt und misst, sind wir mehr oder minder alle gleich – und als Exempel eines Exemplars darum überhaupt erst zugänglich für eine Behandlung, deren Wirkung ja zuvor erst einmal exemplifiziert worden sein muss.

Innen und außen – zwei Seiten.

Die Nuance bewirkt den Übergang.

Sowohl als auch.

„Weh mir! Ich bin eine Nuance!“, bekennt Nietzsche in Ecce homo.

Im Innen, im Dazwischen, bedeutet das, dass sich für uns alles immer irgendwie anfühlt. Von außen berühren wir den Stoff mit der Hand, doch das Gefühl, das die Berührung auslöst, ist inwendig.

An der Impfkontroverse während der Corona-Krise wiederholte sich auf eigenwillige Weise der mittelalterliche Universalienstreit. Auf der einen Seite die große Verallgemeinerung, mit ihrer Logik, Statistik und Standardisierung, die Unterordnung unter die größte Zahl erzwingt – auf der anderen Seite das nominalistische Beharren auf den persönlichen Einzelfall und die Ablehnung jeglicher Subsumption. Der österreichische Soziologe Alexander Bogner hat in seinem klugen Buch Die Epistemisierung des Politischen darauf hingewiesen.

Der Philosoph Paul Feyerabend gab einen Wink zur Lösung des Problems, in dem er Wissenschaft von realistischer Objektivität freisprach und stattdessen als soziale Praxis identifizierte und als nichts außerdem.

Nuancen sind notorische Dissidenten: Sie verweigern Ordnungen grundsätzlich den Gehorsam. Das gilt speziell für binäre, also eher schlichte, dafür strikte Ordnungen – etwa die Ordnung nach dem Prinzip passt / passt nicht. Wenn es klemmt, ist eine Nuance im Spiel. Und in einem bestimmten Sinn klemmt es immer irgendwo. Von daher die lebenspraktische, umgangssprachlich annoncierte Zwischenlösung: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Nuancen bleiben dem Absoluten gegenüber reserviert. Zum Beispiel gehört das Einfache insofern zum Absoluten, als es sich nicht weiter vereinfachen lässt. Nuancen sperren sich gegen Vereinheitlichung und Vereinfachung, mithin gegen Abstraktion, gegen das „Abschneiden“ der Details. Nuancen verschmieren Konturen und Grenzen. Man denke an das von Leonardo da Vinci perfektionierte Sfumato. Oder an den britischen Maler William Turner.

Ein Tag etwa ist mehr als Tag und Nacht, Hell und Dunkel oder die Addition von 24 gleichförmigen Stunden. Er besteht aus Details, Illusionen und Stimmungen – aus der Morgenröte, dem nüchternen Gebet, der allmorgendlichen Zeitungslektüre, aus hohem Mittag, dem unruhigen Dämmer einer Siesta, dem Schäferstündchen, aus der melancholischen Blauen Stunde, aus Träumen und Mitternacht – und aus noch viel, viel mehr.

Mit jeder Sekunde verändert sich alles – Licht, Luft und alle Details, wirklich alles, was in dieser Sekunde und zwischen ihr und der folgenden enthalten ist. Auch die Veränderung selbst, also der permanente Übergang, die permanente Nuancierung zählt zum Tag, seinem unentwegten Lichtwechsel und Stimmungswandel.

Die Nuance ist, wenn man so will, die Komplizin der Zeit, denn die Zeit ist die Nuance als Geschehen. Zeit nuanciert, fächert das Gegebene auf – und eröffnet damit Chancen oder verhängt sie. Einfach nur, weil sie vergeht.

Beginnt Philosophie mit dem Urteil, mit Unterscheidung, vertieft sie sich alsbald in Nuancen. Zwischen wahr und falsch, Gut und Böse, Sein und Schein, Existenz und Essenz, Mann und Frau, Tag und Nacht öffnet sich ein Raum, in dem Urteile unsicher werden.

Diesen Raum bewohnt die Nuance.

Als unfassliches und in sich unabschließbares Dazwischen.

Das Dazwischen beansprucht keinen Raum, denn es besitzt keine Ausdehnung. Das Dazwischen ist innerhalb.

Die Nuance verkörpert die Unendlichkeit nach innen.

Es geht immer weiter. In jeder Nuance steckt immer auch das Versprechen von Freiheit. Jede Nuance erweitert das Spektrum um Möglichkeiten. Eröffnet neue Richtungen. Neue Deutungen. Neue Horizonte. Mit jeder Nuance erhöht sich das Potential für weitere. So gesehen, gleichen Nuancen einer Art radioaktivem Zerfall der Substanz: Einer Zerbröselung dessen, was unten drunter liegt; eine Zerstörung des Fundaments.

Nuancen sperren sich der Begradigung und Vereindeutigung der Welt – und dem Fetisch der Reinheit oder Makellosigkeit. Das Ornament ist kein Verbrechen – und Unreinheit nur eine subtile Weise, den Makel anzuerkennen.

Die Nuance ist damit auch nicht kompatibel mit jenen zutiefst illiberalen und fundamentalistischen Tendenzen, die die gegenwärtigen Gesellschaften zu lähmen drohen: viel Meinung zu haben, aber wenig bis gar keine Ambiguitätstoleranz. Was vom binären Raster wir und sie beziehungsweise ich und du abweicht, muss ausgeschlossen werden.

Die Nuance ist ein entschiedener Gegner des Ausschlusses. Sie ist ihrer Natur nach porös, permeabel, ambig.

Sie ist erotisch – nicht puristisch.

Nuancen verhindern das Einfache. Ganz einfach.

Einfach kompliziert.

So komplizenhaft das Verhältnis zwischen Feinheit und Nuance auch ist: Wenn es um die sogenannten feinen Unterschiede geht, wechselt das Register. Von Wahrheit zu Fälschung. Denn mit der Nuance lässt sich auch dort ein Unterschied konstruieren, wo es eigentlich keinen gibt. Das beruht auf einem Kategorienschwindel. Der formale Unterschied soll Bedeutsamkeit suggerieren, der manierierte Schnörkel etwa moralische Integrität – oder das Geschmäcklerische den Habitus der Persönlichkeit.

Ganz anders als die Nuance, die gern übersehen wird, will der feine Unterschied mit gefälschtem Understatement angeben und die Aufmerksamkeit auf sich versammeln. Aus einer läppischen Sache macht er mehr, als an dieser dran ist.

Warum? Um die Erdenschwere und Hinfälligkeit zu maskieren, der wir alle unterschiedslos unterworfen sind. Der feine Unterschied verwandelt sich so in sein Gegenteil: in pure Prahlerei, in Dünkel. Die sprichwörtlichen feinen Unterschiede, die also einzig gemacht werden, um soziale Distinktionsgewinne zu erzielen, klassifizieren dabei eine Klasse in sich und heben den einen unter lauter eigentlich gleichen ungerechtfertigterweise heraus.

Jorge Luis Borges meint in seinem Essay Die Nichtigkeit der Persönlichkeit: „Mich überkam der Gedanke, dass niemals ein voller, absoluter Moment, der alle anderen barg, mein Leben rechtfertigen würde, dass alle meine Momente provisorische Etappen sein würden, die die Vergangenheit auslöschen und der Zukunft die Stirn bieten, und dass wir jenseits des Episodischen, des Gegenwärtigen, des Detaillierten niemand waren.“

Der Missbrauch der Nuance als Instrument des Dünkels hat allerdings auch eine Gegenperspektive: Den impliziten Appell der Nuance. Im Jargon gesprochen, appelliert die Nuance an das Nicht-Identische, Subjektive und Heterogene. Als Dazwischen ist sie als Phänomen das Andere der Vernunft.

Es gibt nichts, das nur es selbst wäre.

Und: Niemand hat immer vollständig recht.

Mit diesen beiden Sätzen wäre die Nuance halbwegs charakterisiert. Haben Begriffe wie beispielsweise Rechthaben oder Identität die Tendenz, ihren Geltungsanspruch zu totalisieren und sich gewissermaßen im Echo von Hegels Begriffsarbeit „staatstragend“ zu geben, wird diese durch die Nuance angenehm abgemildert und eingeschränkt. Die Nuance ist nicht nur das Andere der Vernunft, sondern auch das Andere der Identitätspolitik.

Feine Unterschiede werden nicht immer von allen wahrgenommen, aber die Bedeutung, die durch sie generiert wird, durchaus. Nicht alle erkennen allerdings die Fälschung. Manche fallen auf den Bluff herein.

Detail und Nuance jedenfalls sind es, von denen die Unterschiede buchstäblich gemacht werden, hergestellt – das Detail als Form der Nuance.

Genau genommen kann man sogar sagen, dass es just der Nuance, so klein sie sein mag, zu verdanken ist, dass die Welt sich nicht zur Gänze vor unseren Augen in Luft auflöst, in eine Realität aus dreidimensionalen Pixeln zerfällt wie im Computerspiel Mindcraft. Dass es aber die Nuance gibt – das rettet die ganze Welt, ihre Totalität. Um es so zu sagen, ist es sie, die Nuance, die die Welt am eigenen Schopf, folglich jedem ihrer Details aus dem Sumpf leerer Abstraktionen zieht. Nur das Detail ist konkret.

Dass die Welt gerettet ist und die Rettung der Schattierung geschuldet, der Abstufung, Nicht-Identität und Verschiebung, zeigt sich natürlich besonders in kulturellen Praktiken wie der Mode, im Geschmack, in der Malerei, in Musik und Literatur. In allem, was mit Bedeutsamkeit aufgeladen ist.

Mode ist Geschmackssache – aber eben nicht allein. Als Wort und erst recht als Praxis ist Mode ein Synonym für Nuancierung und Verschiebung von Bedeutung. Einen Anzug als männlich zu attribuieren oder das Kostüm als weiblich, ist eine Zuschreibung – und Zuschreibungen können überschrieben werden. Eigenschaften lassen sich als Nuancen der Zuschreibung verstehen.

Konkret geht es bei der Mode um Schnitt, Silhouette, Proportion und Kombination – en gros. En détail: um Rocklängen, um die Breite der Revers oder der Krawatte; um den verrückten Schulterpunkt; um die Materialien, deren Schwere oder Luftigkeit. Es geht um Wirkung – und um deren Adjektive, die die binäre Ordnung von männlich / weiblich nuancieren: als klassisch, modisch oder Camp. Als Pose oder Erfahrung, als nonchalant oder geschniegelt, nagelneu glänzend, shabby chic oder patiniert.

Wenn Roland Barthes darauf hinweist, dass die scheinbar beiläufige Erwähnung irgendeines Details den Realitätseffekt eines Textes erhöht – ist es die Nuance, der es gelingt, der nichtssagenden Wirklichkeitstreue, auf die der Text abzuzielen scheint, in Richtung Bedeutung zu verschieben.

Im Geist Flauberts sei folgende Szene imaginiert:

Emma Bovary wartete am Fenster. Auf dem Tisch: ein aufgeschlagenes Buch – und daneben ein Handschuh, dessen Knopf fehlte.

Der fehlende Knopf ist in dieser Szene das entscheidende Detail, das nach Barthes für Realismus sorgt. Es scheint unnütz zu sein, denn es treibt die Handlung nicht voran. In Wahrheit aber öffnet es ein Universum.

Wir fragen uns:

Lebt die Besitzerin des Handschuhs in Armut?

Oder ist sie nur nachlässig? Zerstreut?

Das Detail des fehlenden Knopfs produziert folglich Nuancen – und setzt an die Stelle einer schalen Abschilderung: Schattierungen. Das bewahrt den Handschuh davor, zum belanglosen Utensil zu werden und mit dem Zimmer naht- und fraglos zu verschmelzen.

Nicht auszuschließen ist, dass der fehlende Knopf am Handschuh oder auch anderswo eines Tages modern wird, Mode. Sozusagen Abwesenheit als unübersehbares Detail.

Für Nuancen ist Sprache empfindlich. Darum ist es so schwierig, Sprache zu reformieren: Sie hat ein komplexes, hochnuanciertes System ausgebildet, das dem Gestaltungswillen Grenzen setzt – zumal, wenn er politisch motiviert ist.

Wenn die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liegt, gilt das erst recht für die Sprache und ihre Regeln – im Sinn von Deleuze: Bedeutung geschieht in der Sprache durch Worte und Regeln. Es wäre allerdings ein Fehler anzunehmen, man könnte die Bedeutung beziehungsweise die Regel ad hoc ändern, indem man ihren Gebrauch verändert.

Erfahrung durch Gebrauch hat die Sprache geformt, die Rechtschreibregeln und die der Zeichensetzung. Diese Erfahrung ist eine, die mit Wissen und Zeit gesättigt ist; sie entsteht nicht ad hoc. Der Gebrauch verändert sich nämlich in aller Regel nicht schlagartig, sondern graduell, in Schattierungen, in Nuancen. Um ein Beispiel von Wittgenstein heranzuziehen: Es ist ähnlich wie mit einem Fluss: Das Wasser fließt und ändert sich ständig, das Flussbett hat mehr Bestand, es gibt dem Wasser Halt, weil es aus Sedimenten besteht, die sich zwar im Lauf der Zeit auch ändern, aber eben viel langsamer.

Jedenfalls hat sich diese lange Erfahrung im Umgang mit der Sprache dieser buchstäblich eingeschrieben. Wenn aber die Ratio in Tradition und Gedächtnis eingreift, besteht die Gefahr, dass die Vernunft nicht mehr vernünftig angewandt wird – nicht mehr historisch, sondern so, als sei Vernunft selbst ahistorisch, was ein Fehlschluss ist.

Natürlich moduliert die Sprache ihren Gebrauch und adaptiert Neues im Lauf der Zeit – aber nur ungern ändert sie die Regeln auf Befehl von oben. Ihr Standard kommt nämlich von unten, wie der Grammatiker Peter Eisenberg sagt. Man denke an die Sprachregelung der Nazis, die Guten Morgen durch Heil Hitler ersetzt hören wollten. Es gab Leute, die stolz darauf waren, bis zum Ende Guten Morgen gesagt zu haben.

Denken wir an die Rechtschreibreform Ende der 1990er-Jahre, von der die Getrenntschreibung favorisiert wurde. Roland Kaehlbrandt und viele andere haben darauf hingewiesen, dass früh reif halt etwas anderes bedeutet als frühreif – hingegen zum Beispiel blau und grün ohne Probleme zu blaugrün kompostiert werden können.

Warum Sprache vergröbern, statt ihren Feinsinn und ihre Empfindlichkeit für Nuancen zu steigern?

Das Deutsche befähigt ihre Sprecher dazu, relativ einfach Komposita zu bilden: Das schult den Sinn für Unterschiede. Aus schnell wird pfeilschnell und aus Senf senfgelb, aus blau blauweiß und so weiter.

Und aus Seligkeit wird Saumseligkeit. Die Seligkeit, mit dem Versäumnis zu leben.

Aus dem langen Sommer vermag eine Komposition in der Funktion einer Pinzette einen Tag herauszugreifen – den der Sommersonnenwende.

Ein Kompositum kann jedoch nicht nur die Komplexität erhöhen – es kann auch den Weg nach unten beschreiten, etwa wenn Lifestyle zu Lifestyle-Teilzeit degeneriert.

Sprache und Logik sind nicht kongruent. Gewiss hat auch die Logik ihre Nuancen, aber im Vergleich zur Sprache ist sie weniger elastisch und kann viel weniger Bedeutungen annehmen.

Wenn ich nicht unglücklich bin, bin ich deshalb noch lange nicht glücklich – aber eben auch nicht unglücklich. Die doppelte Verneinung führt zu einer nuancierten Einschränkung – und nicht, wie in der klassischen Logik, zur Verkehrung des Sinns.

Andererseits wird in den sozialen Medien und in der KI unsere Kommunikation spürbar „begradigt“, was eine Folge des Umstands ist, dass das Humane auf das Berechenbare reduziert wird, auf die Logik der Mathematik. Sprache ist aber das humanum schlechthin. Schon deshalb, weil der Mensch, wie Kant meinte, aus krummem Holz gemacht sei. An das passt sich Sprache geschmeidiger an als die vergleichsweise steife und sterile Logik. Jedes Wort hinterlässt auf der Zunge seinen eigenen Geschmack.

Literatur, um die Sprache beim Wort zu nehmen, ist letztlich die Kunst der Nuance. Gelungene Texte plakatieren nicht, sie schaffen Übergänge. Die Nuance rückt den Sinn ins rechte Licht – oder sogar zurecht. Ein Adjektiv, ein Zögern im Satzrhythmus, ein angedeuteter Gedanke, ein ironischer Ton – und die Welt kippt leicht aus der Achse. Wahrheit ist kein mathematisches Resultat und selten eindeutig: Sie ist fein justiert.

Die Nuance ist eine Denkfigur der Sprache – und von daher sind sie sich beide, Nuance und Sprache, gewogen wie ein altes Liebespaar. Insofern Sprache Bedeutung schafft, ist sie zugleich ein System, um diese abzustufen. Sprache ist demnach nichts anderes als Arbeit an der Nuance.

Nur um eine Nuance verändert, bedeutet zum Beispiel ändern etwas anderes als verändern.

Bedeutung ist ein Ereignis, das an der Oberfläche der Sprache statthat. Bedeutung ist kein Attribut wie rot oder haarig, vielmehr muss sie verstanden werden. Bedeutung geschieht; sie ist darum ein Ereignis. Ob ich friere – oder ob es mich friert, ist ein Unterschied. Einmal benötige ich eine Decke, das andere Mal einen Arzt. Die Differenz der beiden Ereignisse hat dabei ihrerseits Bedeutung: Einen Satz zu verstehen, bedeutet etwas anderes, als ihm Information zu entnehmen.

Sprache als unaufhörlicher Prozess der Nuancierung – vom ersten Schrei bis zu jener köstlichen Empfindung, für die die Berliner Lyrikerin Nadja Küchenmeister zum Beispiel folgende Fügung gefunden hat:

„am liebsten hätte
ich mehr von dem, was man empfindet
wenn man tulpen in die vase stellt, dieses
oder jenes gelb, deine hand in meinem rücken
genau ist, was geschieht, ich bin da, nämlich.“

Zur Sprache gehört das Sprechen. Schon die Betonung vermag die Bedeutung eines Satzes zu variieren – ob er spöttisch gemeint ist oder so, dass man aus ihm etwas „heraushören“ kann, was sich von dem, was der Satz an sich aussagt, unterscheidet.

Ein Satz kann vornehm klingen oder banal, hochnäsig oder jovial und so weiter.

Ebenso kann sogar eine nur geringfügig veränderte Position der Wörter die Bedeutung des ganzen Gefüges stark modulieren.

Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Person hervor: „Und niemand sonst“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tatsache hervor: „Und niemand hält mich davon ab“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt den Zeitpunkt hervor: „Und nicht heute“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tätigkeit vor Ort hervor: „Und nicht zum, um davor stehen zu bleiben“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt den Ort hervor: „Und nicht in die Schule“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tätigkeit hervor: „Und nicht fahren“.“

…. Heißt es bei Wikipedia.

Da die moderne Literatur das Vertrauen in eindeutige Wahrheiten und feste Charaktere verloren hat, ist es die Nuance, die moderne Literatur konstituiert. Der binäre Gegensatz von gut – böse zum Beispiel existiert in dieser Fraglosigkeit nicht mehr – wenn er dennoch existiert, dann nur in Groschenheften.

Sprache, haben wir gesagt, ist nichts anderes als Arbeit an der Nuance. Und dazu trägt eben die Literatur und ihre Entwicklung entschieden bei – oder kann es jedenfalls. Die Lyrik, der Aphorismus, die Sentenz und vieles mehr sind Formen, die nur dazu dienen, etwas auszudrücken, was sich anders nicht ausdrücken lässt – mithin Nuancen von Bedeutsamkeit.

Auch die Formen der Sprache lassen sich naturgemäß verfeinern und nuancieren – insbesondere durch den Ton, durch Implikation, Ironie, Insinuation, Konnotation, den Subtext und so weiter.

In diesem Sinn haben vor allem die französischen Moralisten den Feinsinn für Sprache und Satzbau geschult – Leute wie Chamfort, La Bruyère, Vauvenargues oder La Rochefoucauld und andere.

La Rochefoucauld sagt zum Beispiel im Hinblick auf manche Äußerungen:

Die Heuchelei ist eine Huldigung, die das Laster der Tugend erweist.

Da haben wir es: Zur sprachlichen Nuancierung gehört das Heucheln!

„Heucheln“ ahmt sprechend die Bedeutung eines Satzes mit der Kopie genau dieses Satzes nach.

Ziemlich raffiniert.

Und sehr schwer, den richtigen Ton zu treffen. Ansonsten Heuchelei ja nicht zu erkennen wäre.

Nietzsche sagt: Man braucht Ohren hinter den Ohren, um die feinsten Nuancen der Aussprache zu hören,

Relativ okay.

Der französische Sprachtheoretiker Henri Meschonnic vertritt in seinem Werk die Ansicht, dass Sprache ihre Bedeutungen weniger aus den Zeichen bezieht beziehungsweise aus deren Struktur und Differenzierung als vielmehr aus Prosodie und Melos – daraus, wie sie (aus-)gesprochen wird.

Bedeutung, Ausdruck, Aussage, Aussehen – die Nuance liebt die Sprache – und die Sprache die Nuance. 

Die Nuance will anders sein. Ihre Identität liegt in der Alterität. Deshalb hat sie etwas Zwitterhaftes an sich. Aber sie ist deshalb nicht janusköpfig, denn in ihrer Unentschiedenheit ist sie äußerst entschieden. Sie ist der Ambiguität verpflichtet – nicht mehr ganz da, wovon sie sich wegbewegt, aber sie ist auch noch nicht dort, wozu sie hinstrebt.

Machiavelli sagt von Lorenzo de‘ Medici, er habe zwei verschiedene Wesen in sich, „verbunden durch ein unbegreifliches Gelenk“.

Die Nuance ist so ein Gelenk.

Die Welt der Digitalität ist keine der Nuancen, auch wenn sie hochauflösend ist. Es bleibt bei Null und Eins – geht aber nie dazwischen. Auch infinitesimal langt sie da nicht hin, ins Dazwischen, zwischen Null und Eins.

Genau da sitzt die Nuance.

Da. Und da.

Dazwischen.

Das Ganze, hat Theodor Adorno gesagt, sei das Unwahre.

Wir neigen dazu, dem Philosophen der Frankfurter Schule beizupflichten: Er hat recht. Das Wahre – in vielerlei Hinsicht – ist vielmehr die Nuance: die Abstufung, die Differenz, das Nicht-Identische, Heterogene, Ver-rückte.

Wir bevorzugen und bewundern den granularen Blick, die körnige Sprache, das differenzierte und immer weiter sich ausdifferenzierende Denken.

Wir sagen es so:

Der Fetisch des Binarismus ist das Eine.
Jenseits von Gut und Böse das Andere.
Was wir bräuchten, wäre eine Politik der Nuance.

Gesundheit dient einzig dazu, es sich im gegebenen Fall leisten zu können, nicht auf sie achten zu müssen.

In der KI feiert das Vergangene Auferstehung.

Warum denn nicht kühn sein? Früher oder später stürzen wir ohnehin alle ab.

Schreiborte

https://mon-mag.de/schreibheimaten-von-der-boheme-zum-exil-literarischesmuenchen

Schreiben im digitalen Zeitalter: Wo arbeiten Münchner Autor*innen heute?

Wo und vor allem wie Schreibende zu Beginn des digitalen Zeitalters ihre Gedanken zu Papier brachten, zeigte die Monacensia 2004 in der Ausstellung «Dichter Hand Schrift».5 Thomas Palzer machte dafür Inventur:

Das Fenster blickt auf die Isar. Im rechten Winkel dazu: Zwei Arbeitsplatten, zusammengeschoben. Mein Schreibtisch (trägt meine Handschrift): Ein Abreißblock vom SWR. Bleistift von Faber-Castell, HB. Bleistift von Staedtler-Noris, HB. Roller Pen von Faber-Castell, Tinte blau. Buntstift blau. Pelikan Füller, vielleicht 50er Jahre, eingraviertes ,F‘, Tinte rot (auf irgendeinem Flohmarkt gekauft). Parker Duofold Füller, Tinte blau. Palm. Powerbook. Filofax. Spechermedien wie Zip- und Diskettenlaufwerk. Wechselplatte von LaCie. Drucker.6

Seine alte Arbeitsplatte hat Palzer der Monacensia überlassen, notiert Kuratorin Marietta Piepenbrock:

Im Treppenhaus lehnt eine Art Marterholz, 70 cm x 120 cm, Buche stabverleimt. Die Oberfläche zeigt den Grundriss angestrengten Denkens. Rechts neben den Konturlinien des Computers eine graue, fleckige Kumulus-Wolke aus Asche und Schweiß. Auch wenn der Autor tippt und klickt: Schreiben bleibt Handarbeit.7

Max Schönherr interviewt 1991 Kollegen des Zündfunks im BR zum (Kittler-) Thema Wechsel von Handschrift / Schreibmaschine / Computer – u. a. Thomas Palzer

Nähe und Ferne konjugieren

https://www.deutschlandfunk.de/naehe-ferne-essay-100.html

Überlegungen zu schwierigen VerhältnissenNähe und Ferne

Als Menschen sehnen wir uns nach Nähe und suchen die Ferne. Das ganze Leben ist ein Spiel aus Nähe und Distanz, Verweigerung und Öffnung. Doch wie lassen sich Nähe und Ferne genau bestimmen?

Der mittlere Abstand der Erde zur Sonne beträgt 149,6 Millionen Kilometer. Aus dieser Entfernung sieht die Sonne aus wie eine glänzende Scheibe, etwa so groß wie eine Münze. Kommen wir dem Stern in einem Raumschiff näher, nimmt er irgendwann die volle Breite unseres Bullauges ein – und irgendwann später auf unserer Reise könnten wir gar nicht mehr an ihm vorbeisehen. Vom Andromeda-Nebel aus betrachtet wirkt die Sonne nicht größer als ein Stecknadelkopf.

Was ist nun der rechte Abstand? Fünf Meter? 50.000 Kilometer? Oder zwei Milliarden Lichtjahre? Oder wäre gar Verachtung der bessere und angemessenere Abstand, denn Interesse? Die Fünf ist näher bei der Sechs als bei der Sieben, der Buchstabe C näher beim D als beim O. Andererseits ist das große I dem großen L ähnlicher als dem großen O oder N.

Es gibt qualitative Nähe wie Verwandtschaft oder Ähnlichkeit – und es gibt Nähe als räumliche Quantität, etwa 22 Zentimeter gegenüber 15 Metern. Es gibt den Vorder- und den Hintergrund – und gäbe es diese Unterscheidung nicht, wonach ließe sich die Wichtigkeit bemessen, die die Welt hierarchisiert?

Alles, was ist, steht zueinander in Beziehung und bleibt auf etwas bezogen. So gesehen sind Nähe und Ferne Sortiermaschinen: Sie sortieren nach Relation, Quantität und Qualität. Und nach Entsprechung.

Die Welt ist nach Ähnlichkeit strukturiert – quantitativ wie qualitativ. Die Bedeutung der rechten Distanz ist die Frage darnach, was einer Art denn nun natürlicherweise entspricht. Das ist nicht immer einfach zu beantworten.

Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay „Vergleichende Anatomie“ (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman „Die Zeit, die bleibt“ (Tropen).


Dem Internet, das niemals schläft und das ständig Informationen und Wissen um die Erde trägt, entgeht niemand und nichts. Oder fast niemand und fast nichts. Vielleicht ändert sich das auch gerade, aber mehr dazu gegen Ende des Essays.

Man könnte auf alle Fälle die Ansicht vertreten, dass jedem von uns die Welt in allen ihren Teilen und Aspekten mitsamt den Eigenheiten ihrer Bewohner noch nie so nahe gebracht wurde wie heute. Und dieses bei Bedarf in Echtzeit. Wir sind, wie man so sagt, auf dem Laufenden – dauerhaft und über praktisch alles informiert. Wir sind immer on line. Wie die Spatzen auf den Stromleitungen.

Jemandem etwas nahebringen – das bedeutet: ihn mit etwas bekannt oder sogar vertraut machen.

Was aber hat es mit jener Sorte des Nahebringens auf sich, wie sie vom Netz praktiziert wird? Mit einer Sorte, die von der Überzeugung getragen wird, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die Information ist?

Wenn es einen Denker der „Nähe“ gibt, dann ist das Martin Heidegger. In einem Vortrag mit dem Titel „Einblick in das, was ist“ bemerkt der Philosoph 1949:

„Was ist die Nähe, wenn sie trotz der Verringerung der längsten Strecke auf die kürzesten Abstände ausbleibt? Was ist die Nähe, wenn sie durch das rastlose Beseitigen der Entfernungen sogar abgewehrt wird? Was ist die Nähe, wenn mit ihrem Ausbleiben auch die Ferne wegbleibt?“

Heidegger geht es in seinem Vortrag um das, was damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, das Leben wesentlich bestimmt hat und bis heute bestimmt – es ist die Technik. Diese hat eine Dynamik entwickelt, die alle Lebensbereiche revolutioniert hat und weiter revolutioniert. Das Leben wird neu ausgerichtet und plötzlich komfortabel – in einer Weise, wie es das nie zuvor gewesen ist. „Komfort“ ist dabei eine Vokabel, die die Bequemlichkeit einer Sache in den Vordergrund rückt – und damit verspricht, sie dem Menschen trotz der intrinsischen und sprichwörtlichen Tücke der Dinge „nahe“ zu bringen.

Nach Heidegger ist Technik eine ganz bestimmte Art des herausfordernden, provozierenden Handelns. Von diesem wird, was gebraucht wird, gewissermaßen „ge-stellt“. Radio, Fernseher, Autos, Flugzeuge, Satelliten und Raketen, Fabriken Fernreisen, Kraftwerke und Medien als Beispiele solchen Stellens, das die Natur stellt wie die Polizei den Delinquenten, richten das Dasein im großen Maßstab grundlegend neu aus. Der Mangel wird zur Mangelware – und alles, womit der Mensch in Berührung kommt, wird auf dessen Bedürfnisse ausgerichtet.

Das Wesen der Technik wird von Heidegger mit dem Ausdruck „Ge-stell“ bedacht, ein Wort, das Begriffe wie Ge-setz oder Ge-birge nachbildet – und mithin die Versammlung alles technischen Stellens meint, so wie Gebirge die Versammlung alles Bergigen und Gesetz eine Sammlung an Vorschriften. Was gebraucht wird, wird gewissermaßen von der Technik auf seinen Gebrauchswert hin „ge-stellt“. Das „Gestell“ hat selbst absolut nichts Technisches an sich, bildet aber gemäß seinem aggressiven, herausfordernden Charakter den radikalen Gegenbegriff zu „Nähe“.

Und tatsächlich lässt sich im Hinblick auf Heideggers voriger Bezugnahme auf die Einschmelzung der Dimensionen mit einigem Recht sagen, dass es der Technik im großen Ganzen darum zu tun ist, Entfernungen zu entfernen – und totale Nähe zu allem und jedem herzustellen. Das etwa verdeutlichen Vokabeln wie Tele-phon (zu dem auch das Internet gehört) und Tele-vision, zumal, wenn man bedenkt, dass Television nur eine Schrumpfform der Teleportation ist: Statt der Sache selbst wird lediglich dessen Bild in die Kanäle der Welt eingespeist.

Die Frage bleibt, ob Wirklichkeit überhaupt vollständig und ohne Rest in Pixel beziehungsweise Information übersetzt werden kann.

Das Telos der Technik findet sich jedenfalls in dem Imperativ, Ferne unbedingt und an jedem Ort jederzeit zu entfernen. Wobei zur Ferne auch das Unwissen zählt, das Uninformiert- und Unvertraut-Sein. Dieser „bildungsfernen“ Welt, der es an Knowing‑what ebenso mangelt wie an Knowing-how, insofern der Umgang mit den Dingen Nähe voraussetzt, die nicht mehr gegeben ist, versucht man mit einem wahren Overkill an Informationen zu begegnen. Niemand kann mehr entscheiden, welche der sogenannten Informationen überhaupt Sinn machen und welche nicht. Man ist ihnen einfach ausgesetzt – ähnlich wie dem Teilchenhagel aus dem Weltraum.

„Infolge des Verlusts von Nähe und Ferne zu den Dingen, Mitmenschen, Tieren und Pflanzen, verlieren diese ihren Eigenwert, derangieren zum bloß bestellbaren Bestand als dem stets plan- und berechenbaren und infolgedessen verfügbaren Material technologischer Vernutzung.“ So Emil Kettering, der das Denken Heidegger in puncto Nähe auslegt.

Technik oder, im Jargon des Philosophen bleibend, das Gestell finden ihre eigentliche Funktion folglich darin, Dinge ins, wie Heidegger das nennt, „Abstandlose“ herbeizuzaubern und heranzuzoomen – nämlich über alle zeitlichen und räumlichen Entfernungen hinweg. Paris soll nicht zwei Tagesreisen entfernt liegen, sondern 20 Minuten. Und dann womöglich nicht mehr 20 Minuten, sondern im nächsten Schritt, der immer ein Fortschreiten und Fortschritt ist, nurmehr zwei Sekunden. Die USA nicht acht oder zehn Stunden, sondern 30 oder drei Minuten. Die Zukunft soll nicht länger morgen stattfinden, sondern heute – und Gestern soll nicht für immer an die Vergangenheit verloren sein, sondern von Museen und Archiven aufgehoben werden und jederzeit rekonstruierbar bleiben. Technik bringt das herkömmliche Raum-Zeit-Gefüge auf Vordermann, bringt diesem, wenn man so will, das überfällige und zeitgemäße Update.

Mit Heidegger eine weitere Drehung vollzogen, verleiht das Gestell der Technik einen spezifischen Charakter – nämlich den, sich allen Dingen möglichst effizient zu nähern – nicht aus Liebe oder Fürsorge oder Bewunderung, sondern aus dem Gedanken an den Nutzen heraus. Alles soll von dem Punkt aus erreichbar sein, an welchem der Mensch sich gerade befindet. Technische Nähe, so könnte man sagen, betreibt den Kollaps der Zuhandenheit – auch das ein Begriff aus dem Werkzeugkasten des Philosophen. Alles ist verfügbar – gerade, eben, jetzt. Immer und überall.

Von daher ist für Heidegger „Nähe“ nichts, das sich physikalisch und erst recht nicht „effizient“, also auf kürzestem Weg, herstellen lässt. Das Paradigma der Effizienz lautet: Weniger ist mehr. Mehr Produktion bei geringerem Aufwand.

Nähe ist nichts Objektives, sondern etwas ganz und gar Subjektives. Nähe kann es nicht zwischen irgendetwas und irgendetwas anderem geben, sondern nur, wenn eine Person mit im Spiel ist. Nähe in diesem Sinn muss als Geschehen begriffen werden, als etwas, das performativ ist, kein Zustand. Zustände lassen sich messen. Nähe aber ist eine Form der Empathie und wird im Geschehen des Näherns erlebt. Um den amerikanischen Philosophen Thomas Nagel zu paraphrasieren: Wer sich einer Fledermaus nähert, wird dennoch nie ahnen können, wie es ist, eine zu sein.

Heidegger schreibt: „Das Ding ist nicht ‚in‘ der Nähe, als sei diese ein Behälter. Nähe waltet im Nähern …“

Nähern in diesem Sinn ist als Geschehen eine Form der Zu-Wendung.

Nebenbei bemerkt, lässt sich rein quantitative und von aller Subjektivität bereinigte Nähe gar nicht wirklich messen, weil das eine Absolutheit voraussetzte, die nur außerhalb des Universums gegeben wäre. Wir befinden uns aber nicht außerhalb, sondern mittendrin – auch wenn wir im Universum nur Gast sind. Wir haben mithin immer eine Perspektive. Wir sind es, die messen. Und diese Perspektive verzerrt. So sehen wir am Nachthimmel manche Sterne scheinbar ganz nah beieinander, mit zwei oder drei Fingerbreit Abstand, die aber real hunderttausende Lichtjahre voneinander entfernt sind. Am Himmel sehen wir, wenn man so will, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Der mittlere Abstand der Erde zur Sonne beträgt 149,6 Millionen Kilometer. Aus dieser Entfernung sieht die Sonne aus wie eine glänzende Scheibe, etwa so groß wie eine Münze. Kämen wir dem Stern in einem Raumschiff näher, nimmt die Sonne irgendwann die volle Breite unseres Bullauges ein – und irgendwann später auf unserer Reise könnten wir gar nicht mehr an ihr vorbeisehen. Vom Andromeda-Nebel aus betrachtet wirkt die Sonne nicht größer als ein Stecknadelkopf.

Was wäre nun der rechte Abstand? Fünf Meter? 50.000 Kilometer? Oder zwei Milliarden Lichtjahre?

Oder wäre Verachtung gar der bessere und angemessenere Abstand – statt Interesse?

Wie die Länge eines Igels messen, wenn er sich zu einer Kugel rollt, weil er sich fürchtet?

So fragt die österreichische Schriftstellerin Barbara Zeman in ihrem Roman Beteigeuze.

Kurzum, neben räumlicher und messbarer, also quantitativer Nähe gibt es, worauf Heidegger insistiert, offensichtlich qualitative Nähe – eine Nähe, an der wir als Subjekte beteiligt sind, namentlich Affinität, Verwandtschaft, Ähnlichkeit, Sympathie et cetera. Diese ist für den Philosophen die eigentliche Nähe. Nähe kann ohne uns gar nicht geschehen, gar nicht erlebt werden. Sie vollzieht sich in der Zuwendung und ist nicht skalier- oder sonst wie messbar.

Und tatsächlich muss man zugeben, dass einem der Mensch, der einem nahe ist, nicht notwendig metrisch oder physikalisch nahesteht oder nahe sein muss. Biochemisch stehen wir doch uns alle nahe – als menschliche Gattung sowieso und das sogar ziemlich –, aber eben nicht unbedingt menschlich. Es sind vielmehr Liebe, Sympathie, Gewogenheit, Affinität, Familienähnlichkeit, die umgekehrt diese Nähe erst stiften – oder stiften können. Zuwendung bringt Nähe herbei, Zuwendung „nähert“ – statt dass Nähe aktiv gesucht oder hergestellt werden müsste.

Zwischen Körpern zum Beispiel gibt es Gravitation und Attraktion, das eine schafft Nähe aufgrund physikalischer Eigenschaften, das andere aus ästhetischen Gründen. Anders als Gravitation zwingt die Attraktion nicht – sie bezwingt. Nähe ist in diesem Fall keine Kategorie, sondern ein Existential. Sie ist lebensnah, etwas, das durch Zuwendung geschieht, einfach dadurch, dass das Leben von sich aus Nähe sucht – und manchmal auch das Weite.

Nähe und ihr Gegenteil, die Distanz, befinden sich jedenfalls in einem bipolaren Verhältnis – egal, ob unter quantitativem oder qualitativem Aspekt. Die Pole vermögen sich aufeinander zu- oder voneinander wegzubewegen. Um mit Deleuze zu argumentieren: Die Differenz zwischen Nähe und Ferne gibt Einblick in das, was ist.

Alles, was ist, steht zueinander in Beziehung – emotional, kausal, mathematisch, zeitlich. Eine Singularität gibt es in dieser Hinsicht nicht; sie gibt es lediglich im physikalischen Modell, als Resultat einer Methode. Das Problem aller Resultate aber ist: Diese stehen, da sie Interpretationen sind, am Ende. Sie liegen uns folglich fern, während die sinnliche Wahrheit, wie wir von Luigi Pareyson wissen, am Anfang steht und uns also nahe ist. Wahrheit, so der italienische Philosoph, inspiriert, während etwa Resultate dominieren.

Wenn die Distanz, die ein Verhältnis ausmacht, unendlich groß ist, so bedeutet das: Es muss sich um die Entfernung zwischen dem Sein und seinem radikalen Gegenteil, dem Nichts handeln. Diese Distanz gibt es als messbare nicht, denn sie ist unermesslich. Ist die Nähe dagegen unendlich nah, bedeutet das: Identität. Eine Rose, die sich selbst unendlich nah ist, ist dieselbe – nicht die gleiche.

Um beide Begriffe, Nähe und Ferne, der semantischen Enge eines rein raum‑zeitlichen Verständnisses zu entheben und Qualität miteinzubeziehen, mithin auf Bedeutungsvarianz zu bestehen, sprechen wir von Konjugation. Das Verhältnis zwischen Nähe und Ferne lässt sich auf ähnliche Weise konjugieren wie ein Verb, etwa das lateinische conjungere,das verbinden meint.

Wenn man sich nun jemandem nahe fühlt, kann das die verschiedensten Gründe haben: Es können genetische Gründe sein, weil es sich um einen Verwandten von mir handelt; es können gemeinsame Interessen sein, weil der Andere und ich etwa beide leidenschaftliche Angler sind oder begeisterte Kinogeher; es kann die banale Tatsache sein, dass wir beide uns im selben Raum aufhalten oder die gleiche Konfektionsgröße tragen oder die gleiche Fahrradmarke bevorzugen; und es kann emotionale Gründe haben, sei es, dass mir das Gegenüber sympathisch ist, sei es, dass wir denselben Musikgeschmack teilen, oder sei es, dass wir uns gar ineinander verliebt haben.

Andererseits kann ich mich sogar einer Person nahe fühlen, die ich gar nicht kenne, der ich noch nie begegnet bin und die ich auch noch nie gesehen habe – nur, weil ich ihr etwa auf den sozialen Medien folge, weil ihre dort verbreiteten Ansichten oder Meinungen von mir geteilt, bewundert oder genossen werden. Also gibt es semantische Nähe bei physischer Abwesenheit. Ein überraschender Befund.

Oder ich finde eine Person sympathisch, die ich nur von einem Foto kenne. Nähe gibt es also sogar dort – was man vielleicht nicht erwarten würde –, wo weitgehende Anonymität herrscht.

Und im Fall von Politikern, staatlichen Stellvertretern und Repräsentanten ist es sogar so, dass man von diesen geradezu erwartet, dass keine verschwitzte, populistische Nähe hergestellt wird, sondern im Gegenteil eine eingriffsarme Ferne zu den Bürgern Maßstab ist – was wiederum von denjenigen Medien leider zunehmend unterlaufen wird, die dem Publikum weniger dienen als diesem sich andienen – und der Prominenz bis ins Schlafgemach folgen. Konnte ehedem der König dem Volk nahe sein, indem er sich unters Volk mischte, ohne befürchten zu müssen, erkannt zu werden, kennt heute der König das Volk nicht mehr, aber dieses jenen, ohne diesem nahe zu sein. Eine eigenartige Rochade.

Die Bedeutung rechter Distanz ist neben den philosophischen Erwägungen natürlich eine Frage kultureller Prägung beziehungsweise gesellschaftlicher Konvention. So hat sich zum Beispiel die Art und Weise des Zusammenlebens, wenn man mit jemanden „zusammen“ ist, radikal verändert. Noch vor 50 Jahren war es üblich, dass man, wenn man die Meinung haben konnte, dass es sich um etwas „Ernstes“ drehte, gemeinsam eine Wohnung bezog. Heute leben immer mehr Paare in getrennten Wohnungen. Paradigmatisch steht dafür folgender Anzeigentext:

„Ich bin unabhängig, liebe meine Freiheit, sehne mich trotzdem nach tiefer Verbundenheit und körperlicher Nähe.
Meine Vorstellung von Beziehung?
3 Inseln: 1 für dich, 1 für mich – und 1 für uns beide.“

Das gilt vor allem, kulturphilosophisch gesprochen, für den protestantischen Norden Europas, es gilt aber auch zunehmend für den katholischen Süden, wo es scheinbar häufig noch anders aussieht. Mit dem wachsenden Anspruch an Platz ist gleichzeitig die Bereitschaft geschrumpft, sich gegenüber dem oder den anderen zurückzunehmen. Die in allen europäischen Großstädten schmerzlich spürbare Wohnungsnot ist eine direkte Folge davon.

Wer über Wohnungsnot spricht, muss über Familien sprechen. Bei Wittgenstein stoßen wir auf den schönen Begriff der „Familienähnlichkeit“, den dieser in seinen Philosophischen Untersuchungen aus dem Jahr 1953 geprägt hat – also zur selben Zeit, in der Heidegger das „Gestell“ als Gegenbegriff zu Nähe und Ähnlichkeit erfand. „Familienähnlichkeit“ stellt, um es kurz zu sagen, die Unschärfe taxonomischer Begriffe scharf, wenn Gemeinsamkeiten nicht, wie üblicherweise, auf geteilten Merkmalen beruhen. Wenn das nicht der Fall ist, dann hilft die Ähnlichkeit in der Gestalt.

Was dem einen zu nahe geht, ist dem anderen gerade recht. Was in bestimmten Situationen für angemessen erachtet wird, dafür hat jede Kultur ihre eigenen Standards – etwa im Fall des Anstehens oder Schlangestehens, des gemeinsamen Wartens, im Fall der Trauer oder der Verliebtheit oder des freundschaftlichen Umgangs.

Wie nahe darf man einem Freund kommen?

Wie viel Abstand sollte gewahrt bleiben?

Und: Der mangelnde Respekt von gestern kann, chronologisch betrachtet, die Orthodoxie von heute sein.

Überhaupt – der Freund.

Im 9. Buch der Nikomachischen Ethik schreibt Aristoteles:

„Denn die Freundschaft ist eine Gemeinschaft und wie man sich zu sich selbst verhält, so verhält man sich auch zum Freund.“

Ein Freund steht einem folglich so nahe, wie man sich selbst nahesteht – und doch handelt es hier um keine Identität. Es ist eine Entsprechung, eine Analogie, eine Korrespondenz oder ein Gleichnis.

In diesem Zusammenhang stößt man schnell auf die Frage, was denn einer Art „natürlicherweise“ entspricht. Das ist nicht einfach zu entscheiden. Unter „Art“ wollen wir verstehen, was sich durch eine gewisse Ähnlichkeit zum „Artgenossen“ qualifiziert. Der Nominalist wird freilich „Art“ nicht anerkennen wollen und wie Truman Capote behaupten: Alles gibt es nur einmal. Ein Nominalist ist jemand, der auf alles nur zeigen kann und sagen: das da, und das da, und das da.

Doch da haben wir die von Wittgenstein gefundene Familienähnlichkeit.

Das Natürliche, sagt wiederum der Philosoph Robert Spaemann, ist das, was einer Art angemessen ist. Was ihr entspricht. Was zu ihr passt. Was naheliegt. Was ihr guttut, statt ihr zu schaden.

Naheliegend der Gedanke, dass etwa einem Einzelgänger etwas anderes passt als einem, der sich gern in der Gruppe bewegt. Allgemein lässt sich sagen: Nähe stellt sich ein, wenn einem etwas liegt oder gelegen kommt oder sympathisch ist.

Dagegen liegen all die Gedanken fern, die dem Naturell desjenigen, der diese Gedanken hat, nicht entsprechen – aber trotzdem denkbar sind. So kann das, was eigentlich fern liegt, einem dennoch nahekommen – obwohl es gleichwohl fernbleibt. Man erkennt an der Ambivalenz der beiden Terme, wie subjektiv diese sind – selbst unter der Optik der Objektivität.

Wie Hemd und Hose muss das, was gedacht wird, dem, der das zu Denkende denkt, auf den Leib geschneidert sein und in den Kram passen. Auch kann es wiederum ein großer Fehler sein, in bestimmten Zusammenhängen – zum Beispiel ökonomischen, politischen oder militärischen – nur an das Nahe- oder Nächstliegende zu denken. Manchmal ist es einer Sache deutlich angemessener, wenn man bei ihr um die Ecke denkt. Manchmal kann das Fernste das Nächste sein.

Immer geht es bei dem semantischen Gespann von Nähe und Distanz darum, dass etwas geteilt wird: sozial, emotional, intellektuell, physisch oder psychisch – das Genmaterial, Interessen, Leidenschaften, Kleidergrößen, Augenfarben oder Vorlieben. Nähe ist demnach eine Funktion des inter-esses, eine Funktion der Intensität und der Art und Weise des Seins im Dazwischen zwischen mir und dem Objekt oder mir und dir. So bewohnen wir beispielsweise alle ein- und dieselbe Erde, teilen daher alle den Weltbezug, sind von daher alle dem Sein-zur-Welt verpflichtet; sind, mit anderen Worten: Menschen.

Alles, was ist, steht zueinander in Beziehung und bleibt auf etwas bezogen. Nähe und Ferne bilden die beiden Pole, zwischen denen Relation dann näher hin ausbuchstabiert werden kann. Relationen lassen sich klassifizieren: Handelt es sich um eine Analogie, eine Differenz, eine Identität, um einen Widerspruch, eine Gleichartigkeit; schlicht um eine Affinität, eine Ungleichheit, um eine einfache lineare Beziehung, um einen Vergleich, ein Interesse oder um eine Zugeneigtheit. Apfel und Birne zum Beispiel entsprechen einander, weil sie sich unter den Begriff Obst rubrizieren lassen; Autos und Computer, weil sie unter die Menge der Maschinen fallen. Zwischen Täter und Opfer wird oft eine Beziehung vermutet. Und es ist immer mein Interesse, das eine Beziehung herstellt zu dem, was mich interessiert. Und sei es das nur angenommene Leben auf fremden Planeten.

Die Beziehung zwischen Zahlen und Buchstaben, um ein anders Beispiel zu geben, ist eine semiotische, ist eine Beziehung unter Zeichen zu Zeichen. Die Fünf wiederum ist näher bei der Sechs als bei der Sieben, der Buchstabe C näher beim D als beim O. Andererseits ist das große I dem großen L ähnlicher als dem großen O oder N.

Selbst Beziehungslosigkeit muss logisch als Beziehung begriffen werden. Denn eine Beziehung besteht auch dann, wenn keine Beziehung besteht – eben „keine“ Beziehung. Auch der Nominalismus kann nicht verhindern, dass zwischen „dem da“ und „dem da drüben“ eine Beziehung besteht. Denn in der reinen Form der „Beziehung“, in der Beziehung an sich, ist Zuwendung „der Anlage nach“ ja immer schon vorhanden. weshalb, anders ausgedrückt, die Unausweichlichkeit der Beziehungen von allem, was es gibt, zu allem, was es gibt, die Nähe der Welt garantiert.

Was nun aber die Relation zwischen Nähe und Ferne historisch revolutioniert hat, ist – die Postkarte. Dank ihrer Erfindung durch den Engländer Rowland Hill Mitte des 19. Jahrhunderts konnte sich so etwas wie ein egalitäres System des Austauschs etablieren. Man war nicht mehr auf teure Postkutschen angewiesen, für die Teleportation noch bedeutete, Personen oder Sachen, zum Beispiel Briefe und Dokumente, in Form von Atomen tatsächlich hin und her zu befördern. Nun konnten erstmalig in der Geschichte auch die wenig Betuchten Nachrichten über größere Entfernungen austauschen. Die Postkarte war der Vorläufer der Massenkommunikation.

Diese ferne Welt ist heute abgelöst worden von einer der Dauererreichbarkeit – von einer radikal abstandlosen Welt, in der zunehmend die Tyrannei der Intimität den Ton angibt – wie das der Soziologe Richard Sennett einmal ausgedrückt hat. Öffentlichkeit benötigt den rechten Abstand, um eine zu bleiben – um keine Interessen zu vermischen; um keine Empfindlich- und auch keine Befindlichkeiten zum Maßstab zu nehmen; um Raum zu geben zwischen dir und mir und zwischen all den anderen. Ohne Raum gäbe es diese Dialektik von Nähe und Ferne nicht. Ohne Raum wäre alles eins und das Eine nichts.

Nähe ist das eine – das willentliche auf Abstand halten das andere. In den 1990er Jahren, als gelbe Telefonzellen noch das Stadtbild prägten, ließ sich mit eingebauten Autotelefonen und klobigen Handys Distinktion schaffen – Abstand zur Masse. Wer aus dem Auto telefonierte, gab sich wichtig. Und verwies damit alle, die auf offener Straße noch Kleingeld zum Fernsprechen benötigten, ins Abseits. Hotels, die kein Internetcafé oder WLAN hatten, galten als hoffnungslos rückständig.

Doch schon seit längerem schicken die Softwareingenieure im Silicon Valley ihre Sprösslinge auf bildschirmfreie Waldorfschulen. Steve Jobs erzog seine Kinder ohne Gadgets – iPad und iPhone waren zu Hause tabu. Weil der Apple-Gründer um das Geheimnis der Dialektik zwischen Nähe und Ferne wusste?

Heute, wo es kaum noch internetfreie Zonen gibt, in einer Welt, die wegen der Dauererreichbarkeit zum globalen Dorf geschrumpft ist, wird Nichterreichbarkeit zum begehrten Gut – und Offline zum neuen Luxus. Viele digital erschöpfte Menschen flüchten in digitale Detox-Retreats, die mit „Funkstille“ werben. Mit schnellem Internet und teuren Smartphones lassen sich in urbanen Milieus jedenfalls keine Statusgewinne mehr erzielen. Sie gelten als Standard für das Homeoffice.

Das ist der Grund, weshalb in jüngster Zeit rudimentäre und extrem abgespeckte Handys immer beliebter werden. Das Motiv: Face to Face statt Facetime. Hängt am Smartphone also bald nur noch das digitale Proletariat?

So gibt es etwa in New York den maschinenstürmerisch angehauchten Luddite Club, belebt von einer Gruppe junger Refuseniks, die freiwillig auf ihr Smartphone verzichten und einen Lowtech-Lifestyle propagieren. Ein Minimalismus, der denjenigen eskortiert, der gern unentwegt darüber klagt, immer noch viel zu viele Dinge zu besitzen. Diät als Völlerei, Entfernung als Nähe.

Statt eines Smartphones nutzen die jungen Analogisten lieber sogenannte „Dumb‑Phones“: Mobiltelefone, die außer Telefonie kaum etwas können: kein Foto, keine Musik, kein Internet. Nokia hat darum seine alten Geräte neu aufgelegt.

Doch jenseits all dieser rhythmisch anflutenden und abflauenden Wellen und Moden findet unser gegenwärtiges Leben inzwischen im Dazwischen statt, so die Soziologin Antonia Schirgi, nämlich offline und online zugleich – E-Mail im Zug, Messenger im Café, Avatar beim Daten.

Die Ferne rückt näher – und bleibt dennoch auf Distanz.

Ordnungssysteme

Ein Buchladen

DIENSTAGS DIREKT | 14.01.2025 | 20-23 UHR

Neues Jahr, neuer Vorsatz: Warum Aufräumen ein neuer Anfang sein kann

13. Januar 2025, 17:10 Uhr

“Ordnung ist das halbe Leben” lautet das geflügelte Sprichwort, was sicher jeder von uns als Kind schon einmal gehört hat. Wie Ordnung und Unordnung unser Leben bestimmt, was das mit unseren Beziehungen zu tun hat und welche gesellschaftliche Dimension Ordnung hat – darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

https://www.mdr.de/sachsenradio/programm/sendungen/ordnung-aufraumen-neues-jahr-neuer-vorsatz-100.html

Gäste:

  • Thomas Palzer, Philosoph, Autor und Essaist “Das Gespenst der Ordnung
  • Johanna Lemke, Journalistin in Dresden, Aufräumexpertin “Hempels Schwestern” und Co-Autorin des Buches “Socken unterm Sofa”
  • Sabrina Rox, Diplom-Designerin, Bühnebauerin, Aufräumexpertin “Hempels Schwestern” und Co-Autorin des Buches “Socken unterm Sofa”
  • Jens Czerwinka, Hobby-Trödler

Interview:

  • Claudia Euen, Leipziger Journalistin unter anderem für “Das Magazin”, Autorin des Textes “Nichts Wegwerfen!”
  • Veronika Schröter, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Messi-Expertin

Bücher- und Klamottenberge, Kabelsalat, alte Technik, Kinderspielzeug überall – die Formen von Unordnung können verschieden sein und verschieden empfunden werden. Während der eine schon zwei alte Socken auf der Sofalehne und nicht akkurat eingeräumte Teller in der Geschirrspülmaschine als Beleidigung empfindet, fühlt sich jemand anders inmitten von Bücher- und Klamottenbergen immer noch wohl und würde ein aufgeräumtes Zimmer als steril empfinden.

Doch wo beginnt Unordnung, und wann wird es richtig unübersichtlich? Wann beginnen uns die Dinge zu bedrücken, zu bremsen, zu belasten? Und wann gerät das Leben – oder die Ordnung darin -vollkommen aus den Fugen?

Aufräumen ermöglicht neue Perspektiven

Viele Menschen sprechen von einer großen Erleichterung oder sogar einer Befreiung, nachdem sie aufgeräumt und wieder Ordnung geschaffen haben. Sie sehen neue Perspektiven, neue Möglichkeiten und erleben in gewisser Weise einen neuen Anfang. Wo liegt die Chance von Ordnung? Was ist Ordnung – und können wir nicht auch ohne sie leben? Was hat Ordnung eigentlich mit uns und unseren Beziehungen zu tun?

Ordnung als Balanceakt zwischen Pedanterie und Chaos

Während immer mehr Ordnungsratgeber geschrieben und veröffentlicht werden, häufen sich auch Stimmen, die sich gegen eine ständige Optimierung aussprechen. Die den expliziten Wert auch (alter) Dinge Raum geben und einen übertriebenen Minimalismus kritisieren. Ordnung wird individuell als sehr verschieden empfunden. Doch abseits dieser Empfindungen, muss ihr der Balanceakt zwischen Pedanterie und Chaos gelingen. Wo fängt das eine an und hört das andere auf?

Ordnungssysteme in der Gesellschaft

Unsere Gesellschaften brauchen Ordnung als grundsätzliches Element. Ohne Ordnung kann kein Wissen generiert werden und keine Wissenschaft bestehen. Ohne Ordnung kann kein Haushalt und kein Unternehmen, kein Theater und keine Stadtverwaltung geführt werden.

Oberzogene Ordnung kann Diktatoren dienen

Gleichzeitig kann Ordnung in der Gesellschaft überzogen und missbraucht werden, um Gesellschaften der Macht dienlich werden zu lassen – im schlimmsten Fall für eine Diktatur. Wie wird Ordnung in der Geschichte bewertet? Was sagten die Römer? Welche Rolle spielte Ordnung im Mittelalter – und welche in der Neuzeit – wie beispielsweise im Nationalsozialismus?

Ordnung zwischen Orientierung und Macht

Ordnung ist besonders in Krisen wichtig, da sie Ruhe und Orientierung bietet. Gleichzeitig darf sie nicht zum Instrument der Macht werden. Warum das für profane Haushaltstätigkeiten in Partnerschaften genauso gilt wie in der gesamten Gesellschaft. Worin der Reiz des Aufräumens besteht, und wie wir beginnen, wenn wir an der “Eiger-Nordwand” stehen – so bezeichnen Experten die Hürde des Anfangs – über all das sprechen wir bei Dienstags direkt.

Über Moral zu reden, ist keine Moral.

Geschichte ist so wenig Vorgeschichte der Gegenwart, wie die Gegenwart Vorgeschichte der Zukunft sein wird.

Naturwissenschaft kümmert sich um das Wiederholbare, Literatur um das Einmalige.