Sound and Vision
Es ist Ende April, halb zehn. In der Ferne das dumpfe Grollen des Pazifik. Kein Lüftchen weht, doch sind wenigstens die Temperaturen auf ein erträgliches Maß gesunken. Im Bus dagegen steht die Luft. Sara konnte ewig nicht einschlafen. Sie plärrte die ganze Zeit. Sie ist jetzt neun Monate alt, aber mit dem Geplärr wird und wird es nicht besser. Auf der Flucht vor ihm bin ich hier draußen auf dem nackten Feldbett neben dem Bus gelandet.
Eben noch klapperte Melissa mit den Töpfen. Inzwischen ist von ihr nichts mehr zu hören. Und Sara ist ebenfalls verstummt. O Wunder! Ich vermute, dass hat der Hexensaft vollbracht, von dem immer eine Notreserve im Kühlschrank ist. Kein Earth’s Best, sondern echter Guerilla-Eigenanbau. Bald nach der Geburt hat Melissa darauf bestanden, dass ich eine elektrische Milchpumpe besorge.
Wenn ich den Kopf wende, höre ich das Zirpen der Grillen, das landeinwärts die Nacht erfüllt. Als ich vorhin mit Blei in den Gliedern dalag und das Gefühl hatte, nur den kleinen Finger zu rühren wäre schon zu viel, erzeugte es in meinem Kopf ein dämonisches Muster, oszillierend und wabernd, als hätte ich meine Umgebung durch ein dickes gewölbtes Glas betrachtet.
Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Joint zwischen den Lippen, liege ich da und betrachte den Himmel, auch wenn es dort oben im Moment nicht viel zu sehen gibt. In mein Gesichtsfeld ragen vom Rand her die Silhouetten der Zapote-Bäume und Zedern. Dort, wo der Mond steht, sind die Wolken von hinten beleuchtet, was sie aussehen lässt wie ein großer, heller See, der zu einer anderen Welt
gehört. Durch das Gewebe der Liege hindurch spüre ich die tropische Hitze, die der Tag zurückgelassen hat und die sich zwischen mir und dem Lehmboden staut. Geduckt hockt sie direkt unter mir wie ein scheues, verängstigtes Tier und hofft darauf, dass sie nicht doch noch von der Dunkelheit gefressen wird.
…
Thomas Palzer Sound and Vision, S. 33
Soeben bei Luxbooks erschienen:
Gegend Entwürfe: Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz
Mit Ilija Trojanow, Marion Poschmann, Ken Yamamoto, Hans Joseph Ortheil, Ror Wolf, Nico Bleutge, Norbert Lange, Harald Martenstein, Nora Bossong u. a.
WER GEHT VORAUS – WAS GEHT VOR ?
Nachdem in den letzten Jahren der Begriff Kultur vollkommen entleert worden ist, weil er von der Eßkultur bis zur Badezimmer-Kultur alles umfasst, was überhaupt Artefakt ist, also nicht im Sinne der physis natürlich gewachsen, bietet sich ein Programmplatz mit Namen Kultur an, um Literatur und anderes darin unbemerkt aufgehen zu lassen, d. h. abzuschaffen. Tatsächlich gibt es im neuen Sendeschema den Programmplatz Literatur nicht mehr!
Man wird vermutlich entgegnen: Aber dafür sei die Kultur da. Doch das ist ein Kategorienfehler. Literatur ist keine Teilmenge der Kultur (zu der ja auch Kunst & Krempel gezählt wird, das Bemalen von Handtaschen und Keramiktassen und das Häkeln von Topflappen). Kultur liegt vor, Literatur deutet sie. Literatur übt in die Technik des Deutens ein, die zu den wichtigsten Kulturtechniken überhaupt gehört.
Das Bayerische Fernsehen will zum Beispiel ein sogenanntes Informationsdirektorium einführen oder hat es bereits. Viele glauben, Informationen kämen in der Welt vor wie Atome. Aber Informationen müssen zuvor gedeutet worden sein, bevor sie Informationen werden – denn alle Infos besitzen eine syntaktische Struktur. Im Kern ist jede Information ein Urteil. Deuten steckt ja in Bedeutung, und dass Informationen Bedeutung haben, dafür spricht ja die Einrichtung eines Informationsdirektoriums. Deshalb aber geht die LITERATUR der INFORMATION immer voraus! Was wir im Informationsdirektorium erwarten müssten, säßen dort Leute, die mehr lesen als Informationen der Art 30 Prozent der Jugendlichen unter 19 trinken Sonntags ein Glas Milch, wäre keine Info-Elite, sondern Menschen, die belesen sind.
Neben der Kultur (und der Abschaffung der Literatur) soll es einen eigenen Programmplatz für Philosophie und Ethik geben. Das ist begrüßenswert, denn Philosophie ist ja hilfreich, wenn es darum geht, dass nicht Fehlinvestitionen in Millionen- oder gar Milliardenhöhe geschehen, bloss weil ein Wort falsch verstanden worden ist. Oder dass Fehlentscheidungen getroffen werden wie eben jene, die Literatur abschafft, weil man sie für Kultur hält (im Sinne des Mediums).
Literatur besitzt keinen eigenen Platz mehr im Programm des Bayerischen Fernsehens. Das muss ein paarmal wiederholt werden, um sich bewusst zu werden, was das wirklich bedeutet. Es entspricht natürlich der öffentlichen Wahrnehmung, die sich nur noch mit Politik, Wirtschaft und Sport zu beschäftigen scheint. Die Gründe dafür müssen an anderer Stelle belichtet werden.
In Wahrheit ist Literatur eine Kunst des Deutens – und darum eine Kategorie eigenen Rechts, die keine Teilmenge sein kann – erst recht nicht Teilmenge einer nur noch in homöopathischen Dosen vorhandenen Kultur. Es ist die Literatur, die Europa eine Identität stiftet: nämlich die europäische Phantasie.
Deuten ist kulturelle Kompetenz schlechthin. Denn auch die Praxis der Welt besteht in nichts anderem als in der Kunst, Zeichen zu entschlüsseln.