Die #Aussagen, die die #Astrophysik über die #Sonne trifft, sind nicht weniger ein #Bild oder eine #Metapher wie die #Capri-Batterie von #Beuys.

Die Aussagen, die die Astrophysik über die Sonne trifft, sind nicht weniger ein Bild oder eine Metapher wie die Capri-Batterie von Beuys.

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3. Februar, 2016

Hubert Fichte – Der schwarze Engel

Ein Mensch will frei sein. Sein beispielloses Werk ist beredtes Zeugnis dafür. Es umfaßt die Lebensgeschichte seit der Kindheit. Und es umfaßt drei Kontinente: Europa, Lateinamerika, Afrika. Unter den deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellern gibt es keinen kosmopolitischeren als diesen Menschen. Der 1986 verstorbene Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte ist eine Ausnahmeerscheinung. Halbjude, Halbwaise, bisexuell und Erforscher der Subkulturen, des Abseitigen und des Exotischen ist er – nach bürgerlichen Maßstäben gerechnet – ein Ausgeschlossener.

Hubert Fichte wird 1935 in Brandenburg geboren. Die Familie zieht nach Hamburg. Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, flieht nach Schweden. Nach Kriegsende arbeitet die Mutter als Schauspielerin und Souffleuse an verschiedenen Hamburger Theatern. Fichte wird zum Kinderdarsteller an diversen Bühnen. Für seine Schauspielerkarriere bricht er die Schule ab. Der Stimmbruch wird für ihn zum Karriereknick. Die staatliche
Schauspielprüfung besteht er nicht.

Hubert Fichte. Der schwarze Engel (via TRACKTVLINKS)
Dokumentation, Deutschland © 2005 SWR / S. Fischer Stiftung

Buch + Regie: Thomas Palzer. Kamera: Uli Nissler. Ton: Hans Lienert. Schnitt: Saskia Metten. Redaktion: Martina Zöllner

Fichte orientiert sich neu. Es entstehen erste Erzählungen, Texte für den Rundfunk sowie ein Theaterstück. Nach Ausflügen in die Provence, in die Landwirtschaft und nach Schweden, lernt Fichte 1961 seine spätere Lebensgefährtin kennen, die Fotografin Leonore Mau. Ihr Abkommen lautet: Er will sie berühmt machen, sie soll ihn berühmt machen. Zum Marcel Proust der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Fichte erforscht den Kiez. Er interviewt Sandra, die Prostituierte, Johnny, den Stricher, Wolli Indienfahrer, Besitzer einer Etage im Palais d’Amour auf St. Pauli, die er Mädchenwohnheim nennt, und Gunda, eine 26jährige lesbische Prostituierte. 1968 beginnt Fichte mit der Erkundung der afroamerikanischen Welt, ihrer Religionen und ihres Synkretismus zwischen Tradition, Magie und moderner Plastikkultur. Er ist fasziniert von Veränderung und Erweiterung des menschlichen Bewußtseins und von kulturellen Praktiken wie Kräuterabsude und Trance, die eine solche Veränderung bewerkstelligen.

Wie bei keinem anderen Autor sind bei Fichte Biographie und Werkgeschichte miteinander verschränkt. Vom Erzählungsband Aufbruch nach Turku über die Palette und den Versuch über die Pubertät bis zur neunzehnbändigen Geschichte der Empfindlichkeit deckt sich der Schreibprozeß mit den Reisen, die der Autor zusammen mit der Lebensgefährtin und Fotografin Leonore Mau unternommen hat:
nach Portugal, Griechenland, Marokko, Brasilien, Haiti, in die USA, nach Tansania, Senegal und Togo. Alles Schreiben, sagt Fichte, sei Hinwendung zur Welt.

1982 kehrt Fichte von seiner dritten Brasilienreise zurück. Der Hamburger Hauptbahnhof – zentrales Ziel der Exkursionen des Autors in die Gegen- und Stricherwelt – ist umgebaut. Die Stricher sind weg. Erste Meldungen von Aids erreichen die Öffentlichkeit. Düstere Hinweise darauf, daß eine ganze Welt vor dem Untergang steht.

1986 stirbt Hubert Fichte an Lymphdrüsenkrebs, vermutlich eine Folge der Immunschwäche Aids. Bis zuletzt arbeitet er an der Vollendung der Geschichte der Empfindlichkeit.

In dem Film kommen – natürlich neben Fichte selbst – noch einmal all die zu Wort, die Fichte gekannt oder die mit ihm gearbeitet haben, die seine Freunde waren oder die teilnehmenden bzw. skeptischen Beobachter seiner Karriere, seine Lieben, seine Lektoren, seine Interviewpartner oder seine Konkurrenten – und seine Bewunderer: Fritz J. Raddatz, Peter Rühmkorf, Hermann Peter Piwitt, Peggy Parnaß, Serge Fiorio, Leonore Mau, Wolfgang von Wangenheim, Peter Laemmle, Manon Griesebach, Thomas Meinecke uva.

 

Heute, fast 20 Jahre nach Fichtes Tod, ist sein literarisches Werk fast in Vergessenheit geraten. Thomas Palzers Porträt Hubert Fichte: Der schwarze Engel zeigt, dass eine Beschäftigung mit Fichte ein spannendes Panorama an Facetten und Gegensätzen eröffnet. Offenbar hat jeder, der hier zu Wort kommt, Fichte und seine Literatur aus einer anderen Warte kennen gelernt … In der Literatur wollte der Autor die Devise verfolgen, “das Inkohärente stehen zu lassen”, nicht viel anders hält es auch der Filmautor, der sich im Kommentar zurück hält, nichts glatt bügelt und auch auf den Anspruch der Vollständigkeit verzichtet. Am Ende steht das Bild eines Menschen, der seine ureigenen Widersprüche erst in der Literatur aufzuheben wusste.

Lasse Ole Hempel am 4. April 2005 in der
Frankfurter Rundschau

Joseph Beuys – Messias in Filz

Joseph Beuys war der Mann mit dem unvermeidlichen Filzhut. Den trug er wie einen Heiligenschein aus Filz. Und dieses einprägsame Bild wiederum hat Beuys zur Ikone gemacht – zur Ikone für den berühmtesten und umstrittensten Künstler im Nachkrieg­s­deutsch­land. Sein Wirken ist nicht nur legendär, er selbst hat auch kräftig an eigenen Legenden gesponnen.

1921 in Kleve geboren, gilt Beuys‘ Interesse zunächst den Naturwissenschaften. Nach dem Abitur durchläuft er bei dem Tierfilmer Heinz Sielmann eine Ausbil­dung zum Bordfunker. 1944 wird er, während eines Einsatzes auf der Krim, in seiner StuKa abgeschossen. Tartaren wickeln den Schwerverletzten in Filz und salben ihn mit Fett – ein Erlebnis, das für Beuys zur Initiaton wird (oder von ihm zu einer solchen gemacht) – dafür, Künstler zu werden und Fett und Filz zu den Betriebsstoffen seiner Kunst zu erklären.

Joseph Beuys – Messias in Filz
Dokumentation, Deutschland © 2001 SWR

Buch und Regie: Thomas Palzer. Kamera: Birger Bustorff. Ton: Til Löschner. Schnitt: Isabelle Allgeier. Redaktion: Martina Zöllner

1961 wird Beuys zum Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düs­sel­dorf ernannt – gegen den Willen seines Lehrer Ewald Mataré. Daneben widmet er sich Fluxusaktivitäten, die ihn schnell bekannt machen. Hervorzuhe­ben ein Hap­pening in Aachen 1965: Nachdem ihm die Nase von einem aufgebrachten Studen­ten blutig ge­schlagen worden ist, ergreift Beuys ein aufblasbares Kruzifix und hält es dem Publikum demonstrativ vor die Nase – stilisiert sich in Sekunden­schnelle zur Christusfigur. Ein Foto, das bald durch Deutschlands Presse kursiert.

Beuys nimmt an der documenta 4 teil. Im Zuge der 68er-Unruhen gründet er verschiedene Organisationen, die allesamt die Bekämpfung des Parteien- und sklerotischen Obrigkeitsstaates zum Ziel haben: Er ruft die Menschen zur radikal freien Selbstbestimmung auf. 1971 besetzt er wegen der katastrophalen Zustände an der Düsseldorfer Kunstakademie deren Sekretariat – und wird daraufhin von dem damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau fristlos entlassen. Aber sechs Jahre später muß die Obrigkeit eine Schlappe hinnehmen: Beuys wird rehabili­tiert.

Inzwischen hat er – auf der documenta 6 – zusammen mit Heinrich Böll und Klaus Staeck die FIU ge­gründet – die „Freie Internationale Universität“, die seine politischen Aktivitäten bündelt. Folgerichtig kandidiert Beuys 1979 im Auftrag der Grünen für das Europaparlament. 1980 veranstaltet das Guggenheim Museum in NYC eine Retrospektive – die erste für einen lebenden Künstler. Damit beginnt Beuys’ Weltruhm.

Beuys gehörte zu den ersten, die auf das beginnende Zeitalter medialer Wirklichkeitsvermittlung reagierten. Er sah immer gleich aus, trug sein Outfit wie eine rasch wiedererkennbare Uniform – zum Beispiel eine Anglerweste. Wenn Petrus Fischer war, verstand sich Beuys als Menschenangler – als Hirte, Schamane, Künstlerpriester. Dazu paßt die Krim-Legende, deren Struktur den Heiligengeschichten von Moses oder Buddha ähnelt. Nach dem Tod Gottes hat sich Beuys zu einer dem Paradigma der Selbsterschaffung geweihten Christus- und Erlöserfigur stilisiert, hat das Künstler-Konzept des Genies mit einem Initationserlebnis ver­bunden und sich dadurch als „Sprecher des Menschengeschlechts“ legitimiert. Beuys, keine Frage, war ein „Messias in Filz“.