Sound and Vision

Es ist Ende April, halb zehn. In der Ferne das dumpfe Grollen des Pazifik. Kein Lüftchen weht, doch sind wenigstens die Temperaturen auf ein erträgliches Maß gesunken. Im Bus dagegen steht die Luft. Sara konnte ewig nicht einschlafen. Sie plärrte die ganze Zeit. Sie ist jetzt neun Monate alt, aber mit dem Geplärr wird und wird es nicht besser. Auf der Flucht vor ihm bin ich hier draußen auf dem nackten Feldbett neben dem Bus gelandet.

Eben noch klapperte Melissa mit den Töpfen. Inzwischen ist von ihr nichts mehr zu hören. Und Sara ist ebenfalls verstummt. O Wunder! Ich vermute, dass hat der Hexensaft vollbracht, von dem immer eine Notreserve im Kühlschrank ist. Kein Earth’s Best, sondern echter Guerilla-Eigenanbau. Bald nach der Geburt hat Melissa darauf bestanden, dass ich eine elektrische Milchpumpe besorge.

Wenn ich den Kopf wende, höre ich das Zirpen der Grillen, das landeinwärts die Nacht erfüllt. Als ich vorhin mit Blei in den Gliedern dalag und das Gefühl hatte, nur den kleinen Finger zu rühren wäre schon zu viel, erzeugte es in meinem Kopf ein dämonisches Muster, oszillierend und wabernd, als hätte ich meine Umgebung durch ein dickes gewölbtes Glas betrachtet.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Joint zwischen den Lippen, liege ich da und betrachte den Himmel, auch wenn es dort oben im Moment nicht viel zu sehen gibt. In mein Gesichtsfeld ragen vom Rand her die Silhouetten der Zapote-Bäume und Zedern. Dort, wo der Mond steht, sind die Wolken von hinten beleuchtet, was sie aussehen lässt wie ein großer, heller See, der zu einer anderen Welt
gehört. Durch das Gewebe der Liege hindurch spüre ich die tropische Hitze, die der Tag zurückgelassen hat und die sich zwischen mir und dem Lehmboden staut. Geduckt hockt sie direkt unter mir wie ein scheues, verängstigtes Tier und hofft darauf, dass sie nicht doch noch von der Dunkelheit gefressen wird.

Thomas Palzer Sound and Vision, S. 33

Soeben bei Luxbooks erschienen:
Gegend Entwürfe: Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz

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Mit Ilija Trojanow, Marion Poschmann, Ken Yamamoto, Hans Joseph Ortheil, Ror Wolf, Nico Bleutge, Norbert Lange, Harald Martenstein, Nora Bossong u. a.

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Gegenwärtigkeit. Die Gestalt des Engels

 

 

 

Erzengel Gabriel von Guido di Pietro (ca. 1400 – 1455) @ imago / Leemage

Deutschlandfunk Essay und Diskurs, 22. 03. 2015, 09:30 Uhr

http://www.deutschlandfunk.de/gegenwaertigkeit-die-gestalt-des-engels.1184.de.html?dram:article_id=311441

Regie: Thomas Palzer

Redaktion: Barbara Schäfer

 

Das wissenschaftlich-rationalistische Denken versucht seit Jahrhunderten zu beweisen, dass Engel – die Boten – überflüssige, nicht notwendige Nicht-Wesen sind. Ein Aberglaube aus grauer Vorzeit. Philosophen und Dichter aber sehen das anders.

Der Rationalismus, der nur das akzeptiert, was sich in irgendeinem Sinn messen lässt verwechselt sein Modell mit dem, was von keinem Modell je ausgeschöpft werden kann – der Wirklichkeit selbst. Nicht alles, was wirklich ist, lässt sich auch messen. Deshalb könnte es sich bei der Negation des „Engels” durch die Naturwissenschaft ganz analog verhalten. Es ist möglich, dass die Leugnung der Engel nur das Negativ abgibt zu dem, was positiv betrachtet die Gestalt des Engels ausmacht.

Wer den Engel leugnet, behauptet im Grunde nur, dass er nicht in unser Raum‑Zeit‑Kontinuum passt. Er passt nicht zwischen die Planeten, Sonnen, Asteroidengürtel und Galaxien. Engel lassen sich nicht wiegen oder der Höhe, Breite und Tiefe nach vermessen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es keine Engel gibt. Es heißt nur, dass die Ausdehnung unseres Universums nicht gleichbedeutend ist mit: Wirklichkeit – Wirklichkeit geht über das physikalische Raum-Zeit-Gefüge weit hinaus. Wenn die Engel von Wim Wenders die Menschen von exponierter Stelle aus beobachten, dann heißt das, dass sie die Menschen von einem Außerhalb betrachten, von außerhalb des Einstein’schen Raum-Zeit-Gefüges.

Nachtwärts

Thomas Palzer Nachtwärts

Sie saßen am Fenster, einander gegenüber, jeder vor dem Schmetterlingstisch, den man aus der Armlehne hervorklappen konnte. Nach einem uneinsichtigen Plan hatten sie verschiedene Gegenstände darauf ausgebreitet, vor allem ausreichend Lektüre und natürlich Lakritzschnecken, die ohne die Bücher keinen Sinn ergaben. Beide waren sie manische Leser. Wie die meisten von uns wurden sie vom Sichtbaren nicht zufriedengestellt.

Der Münchner Autor und Filmemacher Thomas Palzer verarbeitet in seinem neuen Roman “Nachtwärts” seine ganz persönliche Leerfahrt. Das gespenstische Gefühl, in einem leeren Zug zu sitzen, ohne dessen Ziel zu kennen, hat er vor einigen Jahren selbst erlebt. Hoch sensibel für die Gefühle und Ängste Heranwachsender, verbindet Palzer diese Begebenheit mit einer leider alltäglichen Familiengeschichte. Es ist die Erzählung vernachlässigter Kinder, die nach Liebe schreien, indem sie sich entziehen – oder, wie in diesem Fall, selbst entführen. Mit der verbotenen Liebe, die Finn zu ihrem Entführer aufbaut, behandelt der Autor aber noch eine weitere Ebene, die nicht dem naheliegenden Stockholm-Syndrom folgt. Es geht vielmehr um die konfliktreiche Emanzipation der Tochter von ihrem Vater und die Entdeckung der eigenen Sexualität.

Im Juni 2014 auf Platz 2 der SWR Bestenliste

Eine besonders perfide, albtraumhafte Ausgangssituation hat sich auch Thomas Palzer, der in München lebende Schriftsteller und Filmemacher, ausgedacht. In Nachtwärts erzählt er von einer Entführung, die sich die Hauptperson seines neuesten Romans ausgedacht und geplant hat – für sich selbst. Allerdings sollte jeder, der so etwas vorhat, sich seinen Überltäter vorab lieber ganz genau auswählen.

Stefan Weiss am 27. 02. 2014 in derSüddeutschen Zeitung

Thomas Palzer pflegt einen bedachtsamen Erzählstil mit bewundernswerter Detailsorgfalt. Unterwandert wird der Fortgang von vielschichtigen Erinnerungen, kurzen Anekdoten und abenteuerlichen Träumen. Paralysierende Halluzinationen werden gegen die Realität in Stellung gebracht … Manchmal erzählen erdachte Figuren etwas über die Wirklichkeit, das die realen Menschenkinder nicht auszusprechen wagen. Wie die Akteure im Nachtwärts-Drama. Für das Geschwisterpaar wird der Roman zur Initiation, auch der sexuellen. Für die Erwachsenen zu “einer Reise ins Unbekannte, ins Herz der Finsternis, in das, was nicht ausgeleuchtet ist”. So endet der Roman in einer erschütternden Generalbeichte. Palzers Sprachkamera zeigt Gedanken und Gefühle in Großaufnahme. Mitunter sehnt man sich nach einem Buch wie diesem, das anmacht, weil es ungekünstelt und unwiderstehlich ist. Auch weil es noch dazu eine sinnstiftende Weisheit spiegelt: Solange du lebst, wirst du dich nie von dir selber trennen können.

IN München 4/2014

Es gibt noch einen Fahrgast, einen professionellem Schwarzfahrer und Opiumhändler, der sich Prinz nennt. Solche Leerfahrten der Deutschen Bahn gibt es wirklich. Als Thomas Palzer davon hörte, beschloss er eine neue Version seines Lieblingsbuches Kinder der Nacht von Jean Cocteau zu schreiben und sie auf diese fantastische Fahrt zu schicken. „Kinder erleben eine Welt auf ihre Weise, die oft völlig von der Erwachsenenwelt abgeschlossen ist“, so der gutaussehende Münchner Autor, ein gelernter Philosoph und Filmemacher. Laurens, seine Schwester Finn (von Josephine), eine Anspielung auf Huckleberry Finn, und der geheimnisvolle Prinz fassen den Plan, eine Entführung vorzutäuschen und den Reeder zu erpressen. Sie fahren nach Wien und rauchen Opium. „Der Tschandu verändert die Wahrnehmung. Alles erscheint überhell, extrem scharf, gesteigert. Es ist ein merkwürdiger, zwitterhafter und äußerst tyrannischer, der von ihr Besitz ergriffen hatte, ein Zustand, der einerseits der ihre war, andererseits aber das Außen um sie herum betraf, als spalte ein tiefer Riss die Welt.“ Die Geschichte ist in solchen, hier zufälligerweise ausgesuchten, schönen, geraden Sätzen erzählt. Absolut lesenswert.

Heinz Neidel am 2. Juni 2014 in denNürnberger Nachrichten

Nachtwärts fängt mit einem bestechenden Plot an, ein bisschen ist man in einer Tschick-ähnlichen Geschichte drin. Doch was Thomas Palzer aus der Irrfahrt zweier jugendlicher Geschwister macht, die aus Versehen (?) in einem leeren Zug landen, der sie nicht wie beabsichtigt nach Paris, sondern via München nach Wien bringt, geht in eine andere Dimension. Verrat, Initiation, Misstrauen und Unsicherheit prägen den Fortgang der dunklen und unheilvollen Geschichte, angereichert noch durch schräge Gestalten und bizarre locations – ein überraschendes Leseerlebnis. Eine Entdeckung!

Fräulein Magazine

Einfühlsam, nachvollziehbar und offen erzählt Thomas Palzer in Nachtwärts aus der Sicht zweier Jugendlicher, denen es im Leben an nichts fehlt und doch an so vielem. Spannend wie ein Krimi liest man über den undurchsichtigen „Prinzen”, die Gefühle der Geschwister und die Probleme des Reeders. In häufig wechselnden Perspektiven erhält man ein vollständiges Bild der Situation. Aus der Nebenfigur Finn wird schließlich die zentrale Figur, die sich vom Vater löst, indem sie sich einen Ersatz für ihn sucht. Nachtwärts ist eine gleichzeitig spannende und sensible Geschichte über das Erwachsenwerden und die Schwierigkeiten von Jugendlichen, die trotz aller Möglichkeiten, die ihnen offen stehen, dennoch auf sich selbst gestellt sind.

Bücherpunkt Blaubeuren

Leselink

Nachtwärts Thomas Palzer

Literaturportal Bayern
Im Gespräch mit Fridolin Schley: der Schriftsteller Thomas Palzer
Über Realität

Das kommende Buch

Das kommende Buch. Essay. Matthes & Seitz MSeB 2013
Das kommende Buch. Essay. Matthes & Seitz MSeB 2013

Großverleger prophezeien den Untergang der Verlage, die Piraten reklamieren den Untergang der Verlage, Amazon forciert den Untergang der Verlage. Wie sieht die Zukunft des Buchs aus, wenn es groß angelegte epische Serienprojekte wie “The Wire”, “Game of Thrones”, “Sopranos” und “Breaking Bad” gibt, um unseren Hunger nach guten Geschichten zu stillen? Gibt es einen signifikanten Distinktionsgewinn durch eBooks? Lassen sich Klassiker wie Joyce’ “Ulysses”, Manns “Zauberberg” auch digital verstehen? Klar und illusionslos beschreibt Thomas Palzer in diesem grundlegenden Essay das Wesen der Autorschaft und des klassischen Buchs sowie die grundlegenden Veränderungen, denen sie unterworfen sind.

Palzer ist Verfasser anspruchsvoller Essays von hoher ästhetischer Qualität.

Wikipedia 2015

Spam Poetry

Thomas Palzer Spam Poetry

Täglich landet in meinem Junk-Ordner „Spam“ – jene merkwürdige Form von elektronischen Postwurfsendungen, die dem Internetzeitalter zu verdanken ist. Anfangs habe ich die zum Teil grotesken Mails amüsiert zur Kenntnis genommen, dann wurden sie mir lästig. Es ging immer um dasselbe: um billiges Viagra, billige Rasenmäher, um angeblich extrem einträgliche Geldgeschäfte, um Tresore und Markenuhren zum Schleuderpreis oder um Gewinne, die man sich über die Lose fremder Menschen, die dafür bezahlt hatten, erschwindeln konnte. Ich ärgerte mich über den Schwall Bescheuertheit, mit dem ich mich täglich zu beschäftigen hatte, auch wenn ich die Mails nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nahm. Ich musste dennoch mit ihnen Zeit verbringen, denn ich musste sie ja zumindest löschen. Das nervte.

Vor einiger Zeit kam ich daher auf die Idee, den umgekehrten Weg einzuschlagen und das Zeug bewusst zu sammeln. Bald hatte sich auf meiner Festplatte eine gigantische Menge Text angehäuft. Bei der oberflächlichen Durchsicht wurde mir klar, dass ich es hier mit einer gegenwärtigen Form der écriture automatique zu tun hatte
– mit der Renaissance einer literarischen Technik, wie sie von deren Erfindern vor gut einhundert Jahren nicht vorherzusehen gewesen war. Automatisches Schreiben, das insbesondere die Surrealisten progagierten, nutzt die freie Assoziation, es geht dabei um das unzensierte Festhalten von Bildern, Sätzen, auch fehlerhaften. Das öffnete mir die Augen. Nun las ich die Texte völlig anders. Ich begriff, dass ich es mit einer Literatur zu tun hatte, wie sie ausschließlich von robotisierten Übersetzungsprogrammen geschaffen werden konnte.

Interview und Mini-Lesung im BR Zündfunk

Rezension der Deutschen Welle
Wie aus digitalem Müll Poesie wird

Schriftsteller und Spam-Poet Thomas Palzer liest Spam
Schriftsteller und Spam-Poet Thomas Palzer liest Spam

Futur Perfekt

Ich sage: Sackgassen, Satellitenschüsseln, Kreisel. Glasbausteine.
Wird es auch in Zukunft geben.
In der nächsten und übernächsten Generation.
An der Stirn der Doppelgaragen: Basketballkörbe.
Wird es geben.
Kopfsteinpflaster: wird es geben, Ungeschicklichkeit und Namensschilder.
Krawall, Fehlplanung, Monitoring.
Kofferbomber. Langeweile.
It-Bags.
Auch die Peripherie wird Bestand haben. Die Banlieue. Der Dreck.
Wird, wie überall, überall sein.
Wasser wird dagegen nur rationiert ausgegeben.
An öffentlichen Brunnen.
Und in Supermärkten. Aber die wird es nicht mehr geben.
Stattdessen: Riesige Brühwürfel. Auch in den engen Gassen der Altstadt.
Siehst Du sie auch?
Falls Du hundert Jahre alt wirst, wirst Du sie sehen.

Futur Perfekt. Hörspiel von und mit Thomas Palzer / BR 2010 / Länge: 6’13 //

© Annette Hempfling

Die Redaktion Hörspiel und Medienkunst lud 17 zeitgenössische deutschsprachige Autorinnen und Autoren ein, sich dem Alltag der übernächsten Generation zu widmen und ein Bild von Deutschland und der Welt in rund 80 Jahren zu entwerfen.

Deutschland 2089 -: 17 Szenarien aus der Zukunft – Von Georg M. Oswald, Thomas Pletzinger, Thomas Palzer, Françoise Cactus u.v.a.
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Das Hörspiel ist ursprünglich aus einem Text hervorgegangen, der für ein Projekt des Fotografen Thomas Dashuber konzipiert war:

Endstation. Bilder vom Rand der Großstadt
Thomas Dashuber hat die Endstationen der Münchner U-Bahnlinien bereist und eine Szenerie festgehalten, die man so gar nicht mit mit dem blankpolierten München verbindet. Eine Audioslideshow.
Thomas Palzer hat für die Audioslideshow auf sueddeutsche.de einen Essay über die Vorstadt geschrieben, der Dashubers Bilder stimmungsvoll untermalt. Sehen Sie selbst!

Wie wird man Bestseller?

Für den Buchhandel ist nur ein verkauftes Buch ein gutes Buch. Aber gilt dieser Satz auch für Schriftsteller – mithin für die, die Bücher schreiben? Er gilt jedenfalls für die, die mit den Rechten von Büchern handeln.

Uwe Tellkamp ist es keineswegs egal, was der Markt mit seinen Büchern macht. Julia Franck interessieren die Verkaufszahlen nur am Rand – sie schreibt, um ihrer Stimme Ausdruck zu
verleihen. Dass sich ihr Buch Die Mittagsfrau außerdem auch gut verkauft, bringt zwar ökonomische Vorteile – ist aber nicht Grund für das Schreiben. Der gelernte Berliner Bernd Cailloux betrachtet die heutige Kultur des Bestsellers skeptisch – er bezweifelt die Befähigung zum literarischen Schreiben vieler der gerade angesagten Autoren. Und Daniel Kehlmann musste sich erst einmal von dem Druck befreien, der sein phänomenaler Bestseller Die Vermessung der Welt auf ihn ausgeübt hat. Erfolg kann auch irgendwann unheimlich werden, wie Pascal Mercier betont. Lässt sich Erfolg planen?

Wie wird man Bestseller lautet die Frage, der diese Dokumentation nachgeht. Eine Spurensuche in Deutschland und Frankreich.

Mit Daniel Kehlmann, Pascal Mercier, Julia Franck, Uwe Tellkamp, Véronique Olmi und Bernd Cailloux.

 

Wie wird man Bestseller?
52’ – 2008 © SWR / ARTE
Buch + Regie: Thomas Palzer / Kamera: Andreas Bein / Ton: Markus Siegle / Schnitt: Sabine Dietrichs-Jany / Redaktion: Caroline Mutz, Kurt Schneider

Wie man Literatur-Nobelpreisträger macht. Bericht aus der Geheimgesellschaft

Seit seiner erstmaligen Verleihung 1901 haben ihn bis heute 102 Schriftsteller und Dramatiker verliehen bekommen: den Nobelpreis für Literatur, die höchste Auszeichnung und – damit verbunden – die höchste Dotierung, die für ein literarisches Werk vergeben wird. Andere warten noch darauf – manche ein Leben lang.

Viel hat man der Schwedischen Akademie in den gut 100 Jahren ihrer Vergabepraxis vorgeworfen – ästhetischen Konservativis­mus, Anachronismus, Sektierertum, Provinzialismus, Eurozentrismus uvm. Jean-Paul Sartre hat den Preis sogar abgelehnt – freilich soll er Jahre später versucht haben, das Preisgeld von 10 Millionen Kronen nachträglich einzufordern. Seiner etwas unorthodoxen Bitte wurde nicht entsprochen.

Verliehen wird der Literaturnobelpreis alljährlich von der Schwedischen Akademie, einer ehrwürdigen Institution, die in der Altstadt Stockholms residiert und einer Geheimgesellschaft gleicht: Die 18 Mitglieder sind auf Lebenszeit gewählt, legen ein Schweigegelübde ab und tagen nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie dürfen in der heißen Phase keine E-Mails versenden, Packpapier verhindert einen Blick auf die Buchtitel, mit denen sie sich befassen. Die Protokolle über ihre Entscheidungen unterliegen einer Sperrfrist von 50 Jahren. Nur eine Papstwahl kann mit so viel Geheimniskrämerei konkurrieren.

Wie man Literatur-Nobelpreisträger macht. Bericht aus der Geheimgesellschaft
Dokumentation, Deutschland @ 2006 SWR / arte / megaherz

Buch + Regie: Thomas Palzer / Kamera: Hans Peter Fischer / Ton: Stefan Ravacz / Schnitt: Quang Bobrowski / Redaktion: Martina Zoellner

Ruin

Thomas Palzer Ruin

Gewohnt sind wir von Thomas Palzer überraschende, kluge und anschauliche Verbindungen vom Abfall des Alltags mit weitreichenden Diagnosen der Gegenwart. Jetzt aber, mit dem Roman Ruin, kommt etwas besonderes hinzu: die Versenkung in eine abgründige Erfahrung, die Konfrontation mit dem Unausweichlichen. Um es auf kürzest mögliche Weise und mit den wichtigsten Wörtern der Welt zu sagen: Es geht um den Tod eines geliebten Menschen.

Hubert Winkels

Interview Lesezeichen 12/2005

Ruin. Roman. Blumenbar 2005

 Armin Kratzert im Interview mit Thomas Palzer für BR Lesezeichen
Armin Kratzert im Interview mit Thomas Palzer für BR Lesezeichen

Thomas Palzer hat mit Ruin einen vielschichtigen Zeitroman geschrieben, eine Liebesgeschichte und einen Gesellschaftsroman. Er verwebt die Biografie des Vaters, des reichen und renommierten Kunsthändlers, mit der noch längst nicht glücklich beendeten politischen Zusammenführung von Ost und West. Er erzählt auf eine erstaunlich einfühlsame und dezente Weise von einer verbotenen Liebe (von deren Unmöglichkeit freilich nur der Leser und Dora etwas wissen, während Viggen bis zum Schluss unwissend bleibt). Und er wendet ein Verfahren an, das schon Michel Houellebecq in seinen Roman erfolgreich erprobt hat (mit dessen analytischer Kraft und Beobachtungsgabe Palzer es aufnehmen kann, ohne dessen Schärfe zu erreichen): Immer wieder finden sich in Ruin längere essayistische Passagen, die eine gesellschaftliche Tendenz, eine historische Entwicklung sozusagen als Behauptung und mit Zugriff auf das Große und Ganze in den Text stellen, um dann im Einzelnen, in den Charakteren ausgeführt und bewiesen zu werden.

Christoph Schröder am 22. 2. 2006 in der
Frankfurter Rundschau

„Die Hauptsachen“, im vergangenen Herbst auf deutsch erschienen, ist nur ein Beispiel aus einer verblüffenden Anzahl von Romanen, autobiographischen Schriften oder Sachbüchern, die sich gegenwärtig auf die Suche nach dem Vater begeben. Sie loten die Vaterschaft in allen Aspekten aus, trauern um den verblaßten Helden, fahnden nach einem schwer greifbaren Phantom: Hanns Josef Ortheils „Die geheimen Stunden der Nacht“ etwa, Jens Petersens Aspekte-gekröntes „Die Haushalterin“, Frank Goosens „Pink Moon”, Thommie Bayers „Singyogel“, Richard von Schirachs „Der Schatten meines Vaters“, Thomas Langs „Am Seil“, Thomas Palzers “Ruin” oder zuletzt Lars Brandts „Andenken“ – sie alle kreisen um Vaterschaft und Kindesbürde, um alte Rechnungen und neue Gerechtigkeit, um innerfamiliäre Kontinuität und den Versuch, aus den von den Eltern vorgezeichneten Bahnen auszubrechen. Und nicht zuletzt um das oft verzweifelte Bemühen, des Vaters habhaft zu werden, das schemenhafte Bild mit Leben anzufüllen.

Tilmann Spreckelsen am 10. 3. 2006 in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Mit großer erzählerischer Raffinesse haucht Thomas Palzer dem alten Topos von der Seelenverwandtschaft neues Leben ein. Er weiß, dass in der Liebe ohne den Gleichklang der Seelen nichts geht. Und er scheut sich nicht, dieses altmodische Wort in seinen mit zeitkritischen Passagen brillierenden Roman einzuführen. Gegenwartsdiagnostik und Neubelebung von Denkmodellen, die auf dem Weg der Modernisierung verloren gingen, kommen hier zusammen. Erst das macht diesen Roman, für den der Autor den Tukan-Preis bekommen hat, besonders. Dora ist Viggens Halbschwester. Der Leser erfährt das bald, Viggen wird es bis zum Schluss nicht wissen. Palzer integriert philosophisches Denken so unauffällig in seinen Roman, dass die Lesefreude ungetrübt bleibt, obwohl er den Geist der Romantik atmet und statt “Ruin” wohl eher “Ruine” heißen müsste. Dort weht bisweilen ein ziemlich frischer Wind.

Meike Fessmann am 3. 2. 2006 in der
Süddeutsche Zeitung

Ein Mann vor dem finanziellen Abgrund; ein Mann namens Viggen, Münchener und stark auf die fünfzig zugehend; ein Mann, der zwar die Kraft hat, sich andere mögliche Leben für sich vorzustellen. Nur besteht deren Gemeinsamkeit darin, “daß sie auf einen phantastischen Ruin hinarbeiteten”. Und eine Frau, in Leipzig geboren, in Wroclaw zu Hause: Dora. Sie hasst es, verpflichtet zu sein, Kompromisse zu machen, langfristige Beziehungen einzugehen, und bezeichnet sich als “Ausnahmezustand” – diese beiden komplizierten Personen lässt Thomas Palzer in seinem schön nachhaltigen Roman “Ruin” (Blumenbar) aufeinander treffen. Der Anlass: Der Tod von Viggens Vater, der auch Doras Vater ist. Hier die bundesrepublikanisch geprägte bürgerliche Familie, dort das uneheliche Kind einer Ost-West-Liebschaft in den frühen Sechzigerjahren. Und es steckt noch mehr in “Ruin”: der Tod eines nahen, geliebten Menschen und das damit unweigerlich einsetzende Sinnieren über Sinn und Unsinn des Lebens; eine eigentümliche Liebesgeschichte, deutsch-deutsche Vergangenheit und Gegenwart, osteuropäische Geschichte. Bei aller Stoffdichte ist “Ruin” unaufdringlich erzählt, stellt aber von Beginn an eine starke, intensive Nähe zu den Protagonisten her. Was daran liegt, dass Palzers unablässig fließende Bewusstseinsprosa sich ihrer selbst so sicher ist, wie sie von den Erfordernissen der Gegenwart weiß.

Gerrit Bartels am 26. 11. 2005 in der
taz

Es beginnt im strahlenden Azur des Golfs von Neapel mit einem symbolischen Treppenaufstieg zum berühmten Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte (dem Verfasser des Antikriegsromans “Kaputt”) und endet einsam im Tresorraurn einer Schweizer Bank: “Ruin”, die Schicksalssymphonie eines Mannes im biografisch gefährlichen Alter um die fünfzig. Sich “auf eine komplizierte Art glücklich” zu fühlen, bedeutet für Protagonisten eines postmodernen deutschen Gesellschaftsromans ungeheuer viel. Der ergrauende Filmkaufmann Viggen glaubt sich gegen die Zumutungen einer immer banaler werdenden Konsumwelt mit heiterer Gleichgültigkeit wappnen zu können. Doch als gleichzeitig der Tod und eine neue Liebe in sein Leben treten, gerät er in eine Abwärtsspirale, die Thomas Palzers bildermächtige Sprache kräftig beschleunigt.

Katrin Hillgruber am 21. 11. 2005 im kulturSPIEGEL

Hubert Fichte – Der schwarze Engel

Ein Mensch will frei sein. Sein beispielloses Werk ist beredtes Zeugnis dafür. Es umfaßt die Lebensgeschichte seit der Kindheit. Und es umfaßt drei Kontinente: Europa, Lateinamerika, Afrika. Unter den deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellern gibt es keinen kosmopolitischeren als diesen Menschen. Der 1986 verstorbene Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte ist eine Ausnahmeerscheinung. Halbjude, Halbwaise, bisexuell und Erforscher der Subkulturen, des Abseitigen und des Exotischen ist er – nach bürgerlichen Maßstäben gerechnet – ein Ausgeschlossener.

Hubert Fichte wird 1935 in Brandenburg geboren. Die Familie zieht nach Hamburg. Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, flieht nach Schweden. Nach Kriegsende arbeitet die Mutter als Schauspielerin und Souffleuse an verschiedenen Hamburger Theatern. Fichte wird zum Kinderdarsteller an diversen Bühnen. Für seine Schauspielerkarriere bricht er die Schule ab. Der Stimmbruch wird für ihn zum Karriereknick. Die staatliche
Schauspielprüfung besteht er nicht.

Hubert Fichte. Der schwarze Engel (via TRACKTVLINKS)
Dokumentation, Deutschland © 2005 SWR / S. Fischer Stiftung

Buch + Regie: Thomas Palzer. Kamera: Uli Nissler. Ton: Hans Lienert. Schnitt: Saskia Metten. Redaktion: Martina Zöllner

Fichte orientiert sich neu. Es entstehen erste Erzählungen, Texte für den Rundfunk sowie ein Theaterstück. Nach Ausflügen in die Provence, in die Landwirtschaft und nach Schweden, lernt Fichte 1961 seine spätere Lebensgefährtin kennen, die Fotografin Leonore Mau. Ihr Abkommen lautet: Er will sie berühmt machen, sie soll ihn berühmt machen. Zum Marcel Proust der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Fichte erforscht den Kiez. Er interviewt Sandra, die Prostituierte, Johnny, den Stricher, Wolli Indienfahrer, Besitzer einer Etage im Palais d’Amour auf St. Pauli, die er Mädchenwohnheim nennt, und Gunda, eine 26jährige lesbische Prostituierte. 1968 beginnt Fichte mit der Erkundung der afroamerikanischen Welt, ihrer Religionen und ihres Synkretismus zwischen Tradition, Magie und moderner Plastikkultur. Er ist fasziniert von Veränderung und Erweiterung des menschlichen Bewußtseins und von kulturellen Praktiken wie Kräuterabsude und Trance, die eine solche Veränderung bewerkstelligen.

Wie bei keinem anderen Autor sind bei Fichte Biographie und Werkgeschichte miteinander verschränkt. Vom Erzählungsband Aufbruch nach Turku über die Palette und den Versuch über die Pubertät bis zur neunzehnbändigen Geschichte der Empfindlichkeit deckt sich der Schreibprozeß mit den Reisen, die der Autor zusammen mit der Lebensgefährtin und Fotografin Leonore Mau unternommen hat:
nach Portugal, Griechenland, Marokko, Brasilien, Haiti, in die USA, nach Tansania, Senegal und Togo. Alles Schreiben, sagt Fichte, sei Hinwendung zur Welt.

1982 kehrt Fichte von seiner dritten Brasilienreise zurück. Der Hamburger Hauptbahnhof – zentrales Ziel der Exkursionen des Autors in die Gegen- und Stricherwelt – ist umgebaut. Die Stricher sind weg. Erste Meldungen von Aids erreichen die Öffentlichkeit. Düstere Hinweise darauf, daß eine ganze Welt vor dem Untergang steht.

1986 stirbt Hubert Fichte an Lymphdrüsenkrebs, vermutlich eine Folge der Immunschwäche Aids. Bis zuletzt arbeitet er an der Vollendung der Geschichte der Empfindlichkeit.

In dem Film kommen – natürlich neben Fichte selbst – noch einmal all die zu Wort, die Fichte gekannt oder die mit ihm gearbeitet haben, die seine Freunde waren oder die teilnehmenden bzw. skeptischen Beobachter seiner Karriere, seine Lieben, seine Lektoren, seine Interviewpartner oder seine Konkurrenten – und seine Bewunderer: Fritz J. Raddatz, Peter Rühmkorf, Hermann Peter Piwitt, Peggy Parnaß, Serge Fiorio, Leonore Mau, Wolfgang von Wangenheim, Peter Laemmle, Manon Griesebach, Thomas Meinecke uva.

 

Heute, fast 20 Jahre nach Fichtes Tod, ist sein literarisches Werk fast in Vergessenheit geraten. Thomas Palzers Porträt Hubert Fichte: Der schwarze Engel zeigt, dass eine Beschäftigung mit Fichte ein spannendes Panorama an Facetten und Gegensätzen eröffnet. Offenbar hat jeder, der hier zu Wort kommt, Fichte und seine Literatur aus einer anderen Warte kennen gelernt … In der Literatur wollte der Autor die Devise verfolgen, “das Inkohärente stehen zu lassen”, nicht viel anders hält es auch der Filmautor, der sich im Kommentar zurück hält, nichts glatt bügelt und auch auf den Anspruch der Vollständigkeit verzichtet. Am Ende steht das Bild eines Menschen, der seine ureigenen Widersprüche erst in der Literatur aufzuheben wusste.

Lasse Ole Hempel am 4. April 2005 in der
Frankfurter Rundschau