Russland lesen I – III. Fernsehdokumentation

 

In diesem Herbst kommt allerhand zusammen: Volker Neumann, der Chef der Frankfurter Buchmesse, setzt mehr denn je auf den Event und die Anbindung des Buches an Film und Fernsehen. Im Schwerpunktthema Russland wird das intermediale Rezept gleich umgesetzt. Pünktlich zur Messe hat die S. Fischer Stiftung ihr erstes Projekt entwickelt: Unter dem Titel „Russland lesen“ erscheint im Fischer Taschenbuch Verlag eine Kassette mit klassischen Texten der russischen Literatur. Parallel dazu wurde im Auftrag der Stiftung eine dreiteilige Fernsehserie produziert, die im Herbst über die dritten Programme mehrerer Anstalten ausgestrahlt wird.

Der Film von Thomas Palzer bietet bestes Bildungsfernsehen, ausgestrahlt zu später Stunde. Rare Bilddokumente aus russischen Archiven sind zu sehen, die bis zu den Puschkin-Feiern des Jahres 1880 reichen. Lobenswert ist auch die von Swetlana Geier herausgegebene Kassette (sechs Bände, 39,90 Euro), obgleich sie, außer einer von Ulrich Schmid besorgten Anthologie russischer Lyrik, keine neuen Titel enthält, sondern Lizenzausgaben anderer Verlage: Erzählungen von Puschkin, Gogol und Tolstoj, neben Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ und einer nützlichen Sammlung von Programmschriften zur russischen Literatur, die Geier bereits im Puschkin-Jahr 1999 publiziert hatte.
„Wir kommen alle aus Gogols Mantel“, hatte Dostojewskij bekannt, in der prophetischen Überzeugung, dass dieser Mantel zuvor von Puschkin getragen wurde und danach alle künftigen Generationen der russischen Literatur bekleiden sollte. In diesem Sinne präsentieren Fernsehserie und Kassette die Geschichte der russischen Literatur als einen Stafettenlauf von Prophet zu Prophet, bis zur Rückkehr des letzten Propheten – Alexander Solschenizyn – in sein Heimatland, wo ihn keiner mehr hören will. Nur in der Kassette kommt die Gegenwart, von Lyrik abgesehen, ein wenig zu kurz, vielleicht aufgrund fehlender Lizenzvergaben.

Im Medienverbund wurde die S. Fischer Stiftung allerdings von den Tücken des „cross-promotion“ eingeholt. In dem geschmackvoll gestalteten Begleitheft – im Geleitwort lobt Christina Weiss den Versuch, „die Kraft von Büchern mit der Macht des Fernsehens zu koppeln“ – taucht gleich zweimal der Name von Natalja Ginzburg auf: Die Grand Dame der italienischen Literatur, deren Ehemann, der Slawist Leone Ginzburg, im Jahr 1944 in faschistischer Kerkerhaft ermordet wurde, steht da als Vertreterin der russischen Dichtung zwischen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa, und neben Ossip Mandelstam und Isaak Babel wird sie zu einem Opfer des Stalinismus erklärt. Statt des Medienverbundes wäre der Stiftung zu wünschen, sich künftig stärker auf ihr Kerngeschäft, die Realisation schwieriger und hoffnungsloser editorischer Projekte – zum Beispiel die Kritischen Ausgaben der Werke Hugo von Hofmannsthals und Thomas Manns –, zu konzentrieren und die Kooperation – mit der „Stiftung Lesen“ zu suchen. Und mit dem Lesen gleich im eigenen Haus anfangen: Zum Beispiel in den Lizenzausgaben der Werke von Natalia Ginzburg oder in Maja Pflugs dort 1999 erschienener Biographie.

Volker Breidecker am 17. 09. 2003 in der Süddeutschen Zeitung

Camping

Camping, Roman von Thomas Palzer

Camping. Rituale des Diversen. München 2003: belleville
Mit einem Bildwerk von Wolfgang Ellenrieder
246 Seiten, broschiert
16 S. in Farbe
erschienen 2003
ISBN 978-3-933510-85-3
€ 17,00

Welche famosen Abenteuer ich dann, sozusagen auf der anderen Seite der Welt, im Namen von Ren Dhark und Commander McLane, gewiß bewaffnet mit einer Laserpistole, auf fremden, transsolaren Planeten bestehe, wissen allein meine Träume – aber die wahren für gewöhnlich die Diskretion.
Auch die Diskretion ist ein Raum, von dem die Mathematik nichts weiß.

Thomas Palzer

Mit Camping geht Thomas Palzers Bestandsaufnahme der Gegenwart in die dritte Runde. Die kleine Form als Antwort auf die Tatsache, daß das Ganze das Falsche ist. Nach Hosenträger – Nachrichten aus der Welt von Gestern (Juli 1991-August 1994) und Ab hier FKK erlaubt – 50 Schnelle Seitenblicke auf die neunziger Jahre (August 1994 – Oktober 1995) ist Camping der dritte Band, der zwischen Solidarität und Dissens changiert, der alltagskulturelle Phänomene ebenso aufgreift, wie er den Temperamentwechsel feiert, den Zufall und den politischen Einspruch. SHELL und das literarische Quartett, Politik, Kannibalismus und eMail, Kunst am Bau und das Wissen als Macht, die Farbe des Stroms und das Quiz, Gentechnologie und Überwachung, Bücher und Alkohol, Architektur, die Zukunft des Getränkemarkts, die ermüdete Moderne und BBQ – um all das geht es, und um einiges mehr. Camping – Rituale des Diversen ist ein eigensinniges Stück Literatur, ein Journal, das den Zeitraum zwischen November 1995 und Oktober 2001 begleitet – kulturdiagnostisch und kulturkritisch – von dem Anspruch getragen, sich weder von der Macht der anderen dumm machen zu lassen noch von der eigenen Ohnmacht (und darin wiederum Adornos »Minima Moralia« treu und untreu zugleich). Camping ist das Dokument eines Straßenintellektuellen, eine Textsammlung jenseits von Sittenpolizei, der Arroganz der Theorie und der von dieser erzwungenen Zustimmung. Disparate Prosastücke, die sich zu mobiler Schönheit fügen, launisch und leidenschaftlich, prosaisch und provisorisch, poetisch und pointillistisch.

Karl Bruckmaier beschreibt den Autor Thomas Palzer als Alleinunterhalter, wobei er damit jemanden verstanden wissen will, der sich mit sich selbst unterhält. Er zeigt sich in seiner kurzen Besprechung des Bandes mit Essays und Prosatexten ziemlich angetan von den dem Paradoxon verpflichteten Texten, wobei er es besonders zu schätzen weiß, daß der Autor ohne erhobenen Zeigefinder schreibt und es Palzer zudem überhaupt nicht stört, Thesen zu vertreten, von denen er ein paar Seiten später schon wieder das Gegenteil behauptet. Den Text über den Anschlag vom 11. September preist der Rezensent überwältigt als das Tiefste, das über dieses Thema geschrieben worden ist und deshalb verzeiht er Palzer auch den mitunter überhand nehmenden Sophismus seiner Prosatexte.

Süddeutsche Zeitung (revisited von Perlentaucher.de)

Palzer im BR Kulturmagazin Capriccio und in der Kulturzeit auf 3sat

 „Capriccio“ (Bayern) besitzt mit Thomas Palzer einen der besten, besonders auch popkulturell versierten Journalisten, dessen Essays durch Einfallsreichtum, Eigenwilligkeit und Brillanz zu begeistern wissen. Bisweilen können Palzers Beiträge auch in „Kulturzeit“ (werktags zur besten Sendezeit um 19:20 Uhr auf 3sat) gesehen werden. Von allen Magazinen liefert dieses zweifelsohne die vielfältigste und eine politisch „unangepasste“ Berichterstattung.

Doc Holliday in kunstfehler online 6/7 2003

Martin Heidegger

Martin Heidegger.
Dokumentation, Deutschland © 2002 SWR / Kick-Film

Buch + Regie: Thomas Palzer. Kamera: Werner Schmidke. Ton: Olaf Krohn, David Heinemann. Schnitt: Isabelle Allgeier. Redaktion: Martina Zöllner. Produktion: Kick Film GmbH. Produzent: Jörg Bundschuh. Länge: 60 min. Vertrieb: Kick Film GmbH

Auszug (Server: Universität Graz)

https://youtu.be/Z1bCXeXgFK4

Meine liebe Hannah! / Willst Du diesen Sonntag Abend (19.
VII.) zu mir kommen? Ich lebe in der Freude dieser Stunden. Komm gegen 9 Uhr! Wenn freilich die Lampe in meinem Zimmer brennt, dann bin ich durch eine Besprechung abgehalten. In diesem – unwahrscheinlichen – Fall komme am Mittwoch um dieselbe Zeit. Dienstag habe ich leider Graeca. Wenn Du kommst, bring den
Zauberberg II mit, falls Du ihn zur Verfügung hast. In den Tagen, als ich nicht arbeiten konnte, habe ich Band I in einem Zuge gelesen. Freilich müßte man das Buch ‚studieren’. Ich bin sehr beladen mit Examens- und Sitzungs- und Gutachtenkram und mehr Beamter als Mensch. Umso mehr freue ich mich auf ein Ausruhen mit Dir. Dein M.

Brief Martin Heideggers an Hannah Arendt am 17. Juli 1925

Von weit her kommt sein Denken, von Heraklit und Platon, aus Griechenland – er selbst kommt aus dem Schwarzwald. Heidegger – das ist der Name für eine lange und verwickelte Geschichte. Eine Geschichte, in der sich auch das Unglück der Deutschen wiederfindet.
Als junger Philosoph in Marburg liebt er eine jüdische Studentin. Später woird sie so berühmt wie er. Ihr Name: Hannah Arendt.

Martin Heidegger – der Name steht für Radikalismus und Provinzialität. Heideggers Verwicklungen in der Zeitgeschichte machten ihn zu einem der umstrittensten Denker des vergangenen Jahrhunderts. Eine Geschichte, in der sich auch das Unglück der Deutschen wiederfindet. Als junger Philosophieprofessor aus dem Schwarzwald verliebt er sich in eine jüdische Studentin, Hannah Arendt, die “Passion seines Lebens”. Das Dritte Reich begrüßt er, er möchte den Führer – Adolf Hitler – führen. Trotz allem ist Martin Heidegger in der heutigen Philosophie präsent wie kaum ein anderer – auf der ganzen Welt. Ein Film über das widersprüchliche Leben des großen Denkers, der so radikal wie kaum ein anderer die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz gestellt hat.

1966 wurde der Philosoph Martin Heidegger von dem Spiegel-Journalisten Rudolf Augstein interviewt. Darin äußerte sich der öffentlichkeitsscheue Heidegger erstmals zu seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus. Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister beschäftigt sich in seinem Buch mit der Frage, wie es dazu kam.

Rezension: Lutz Hachmeister Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Berlin 2014: Propyläen

Camping. Rituale des Diversen. belleville 2001

Camping. Rituale des Diversen. Thomas Palzer. Bild: Wolfgang Ellenrieder

Karl Bruckmaier beschreibt den Autor Thomas Palzer als Alleinunterhalter, wobei er damit jemanden verstanden wissen will, der sich mit sich selbst unterhält. Er zeigt sich in seiner kurzen Besprechung des Bandes mit Essays und Prosatexten ziemlich angetan von den dem Paradoxon verpflichteten Texten, wobei er es besonders zu schätzen weiß, daß der Autor ohne erhobenen Zeigefinder schreibt und es Palzer zudem überhaupt nicht stört, Thesen zu vertreten, von denen er ein paar Seiten später schon wieder das Gegenteil behauptet. Den Text über den Anschlag vom 11. September preist der Rezensent überwältigt als das Tiefste, das über dieses Thema geschrieben worden ist und deshalb verzeiht er Palzer auch den mitunter überhand nehmenden Sophismus seiner Prosatexte.

Süddeutsche Zeitung (revisited von Perlentaucher.de)

Joseph Beuys – Messias in Filz

Joseph Beuys war der Mann mit dem unvermeidlichen Filzhut. Den trug er wie einen Heiligenschein aus Filz. Und dieses einprägsame Bild wiederum hat Beuys zur Ikone gemacht – zur Ikone für den berühmtesten und umstrittensten Künstler im Nachkrieg­s­deutsch­land. Sein Wirken ist nicht nur legendär, er selbst hat auch kräftig an eigenen Legenden gesponnen.

1921 in Kleve geboren, gilt Beuys‘ Interesse zunächst den Naturwissenschaften. Nach dem Abitur durchläuft er bei dem Tierfilmer Heinz Sielmann eine Ausbil­dung zum Bordfunker. 1944 wird er, während eines Einsatzes auf der Krim, in seiner StuKa abgeschossen. Tartaren wickeln den Schwerverletzten in Filz und salben ihn mit Fett – ein Erlebnis, das für Beuys zur Initiaton wird (oder von ihm zu einer solchen gemacht) – dafür, Künstler zu werden und Fett und Filz zu den Betriebsstoffen seiner Kunst zu erklären.

Joseph Beuys – Messias in Filz
Dokumentation, Deutschland © 2001 SWR

Buch und Regie: Thomas Palzer. Kamera: Birger Bustorff. Ton: Til Löschner. Schnitt: Isabelle Allgeier. Redaktion: Martina Zöllner

1961 wird Beuys zum Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düs­sel­dorf ernannt – gegen den Willen seines Lehrer Ewald Mataré. Daneben widmet er sich Fluxusaktivitäten, die ihn schnell bekannt machen. Hervorzuhe­ben ein Hap­pening in Aachen 1965: Nachdem ihm die Nase von einem aufgebrachten Studen­ten blutig ge­schlagen worden ist, ergreift Beuys ein aufblasbares Kruzifix und hält es dem Publikum demonstrativ vor die Nase – stilisiert sich in Sekunden­schnelle zur Christusfigur. Ein Foto, das bald durch Deutschlands Presse kursiert.

Beuys nimmt an der documenta 4 teil. Im Zuge der 68er-Unruhen gründet er verschiedene Organisationen, die allesamt die Bekämpfung des Parteien- und sklerotischen Obrigkeitsstaates zum Ziel haben: Er ruft die Menschen zur radikal freien Selbstbestimmung auf. 1971 besetzt er wegen der katastrophalen Zustände an der Düsseldorfer Kunstakademie deren Sekretariat – und wird daraufhin von dem damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau fristlos entlassen. Aber sechs Jahre später muß die Obrigkeit eine Schlappe hinnehmen: Beuys wird rehabili­tiert.

Inzwischen hat er – auf der documenta 6 – zusammen mit Heinrich Böll und Klaus Staeck die FIU ge­gründet – die „Freie Internationale Universität“, die seine politischen Aktivitäten bündelt. Folgerichtig kandidiert Beuys 1979 im Auftrag der Grünen für das Europaparlament. 1980 veranstaltet das Guggenheim Museum in NYC eine Retrospektive – die erste für einen lebenden Künstler. Damit beginnt Beuys’ Weltruhm.

Beuys gehörte zu den ersten, die auf das beginnende Zeitalter medialer Wirklichkeitsvermittlung reagierten. Er sah immer gleich aus, trug sein Outfit wie eine rasch wiedererkennbare Uniform – zum Beispiel eine Anglerweste. Wenn Petrus Fischer war, verstand sich Beuys als Menschenangler – als Hirte, Schamane, Künstlerpriester. Dazu paßt die Krim-Legende, deren Struktur den Heiligengeschichten von Moses oder Buddha ähnelt. Nach dem Tod Gottes hat sich Beuys zu einer dem Paradigma der Selbsterschaffung geweihten Christus- und Erlöserfigur stilisiert, hat das Künstler-Konzept des Genies mit einem Initationserlebnis ver­bunden und sich dadurch als „Sprecher des Menschengeschlechts“ legitimiert. Beuys, keine Frage, war ein „Messias in Filz“.

 

 

 

 

 

Ab hier FKK erlaubt. 50 schnelle Seitenblicke auf die neunziger Jahre. C. H. Beck 1996

Umschlagabbildung Werner Kohn

Wer Ohren für den Zeitgeist hat, der höre Zündfunk auf BR 2. Wer dies versäumt, kann zumindest die Beiträge Der unsichtbare Hosenträger — 5 Minuten Wohlstand für alle des 1956 geborenen philosophisch ausgebildeten Autors Thomas Palzer in überarbeiteter Form nachlesen. In 50 schnellen Seitenblicken auf die neunziger Jahre gibt er eine Kurzeinführung in die vorletzten Dinge, an die wir uns in dieser Endzeitlichkeit zu halten haben. So unübersichtlich das Nebeneinander der Stile und Moden, so rasant deren Verbrauch — höchste Zeit zu begreifen, daß es nicht mehr auf die letzten Dinge ankommt, sondern auf die nächstliegenden: etwa auf die Shampoo-Flasche am Badewannenrand. So schreibt der Autor über Kino und Lotto, Essen auf Rädern, Buß- und Bettag, Lyrik und Claudia Schiffer, Waschsalon und Rauchen in der Kirche. Sein kulturkritischer und aufklärender Blick macht vor nichts halt und hält nirgends inne. Flott zappen wir mit ihm über Felder, die den Herren Benjamin, Kracauer und Adorno wohl einmalig heilig gewesen sein müssen.

NZZ (?)

Palzer Scannel Wood: Nachmittag eines Fauns. Chansons

Trikont 1996

Die 17 sparsam arrangierten Songgedichte erzählen auch von einem Nord-Süd-Gefälle des deutschen Poparbeitertums, einer Demarkationslinie, die den preußisch-hanseatischen Norden vom eher barocken Süden trennt. Süden ist aber auch Vaudeville, Sumpffieber und Alabama-lama-100. In einem Song wie ,Windjammer Jam’ ist das Murmeln der Fürbitten in das Call & Response-Schema von Gospel und Blues übergegangen, und von da aus darf noch einmal etwas Ritual in das vorausgesetzte Reich der Zeichen eindringen.

taz

Palzer Scannell Wood: Nachmittag eines Fauns. Chansons

Palzer Scannel Wood
NACHMITTAG EINES FAUNS
Chansons
Trikont

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oder

NACHMITTAG EINES FAUNS

Calle 3:13 / Meßbuch 3:58 / Windjammer Jam 4:05 / Realitätsprinzip II 2:55 / Superkomisch 3:50 / Sie ist Mist 4:20 / Zinnbecher II 2:55 / Luna Park 2:39 / REM 4:40 / Navy Cut 5:30 / Spätes Mädchen (Ich bin schon fast 40) 4:32 / Volume 4:20 / Nachmittag eines Fauns 2:25 / Strohfeuer 2:25 / Schwarzer Atlas 4:05 / Status Quo 3:05 / Unterm Hut 3:05
Totalzeit: 62:02

Texte von Thomas Palzer
Musik von Stefan Wood

Aufgenommen in München, Sommer 1994 // Frühling / Sommer 1995 // Frühjahr 1996.
Gemischt bei Melnik @ Groovnik Studio, München, und Jens Ohly im Ohly Only Studio, Herbst 1995 / Frühjahr 1996

Gastgesang Sabine Gietzelt
Cover Michaela Melián
Titel Stéphane Mallarmé
Grafik Design: Hias Schaschko
Foto: Matthias Beckel

Nachmittag eines Fauns ist aus dem Hörspiel Journal intime, LP hervorgegangen, das der Bayerische Rundfunk am 7. Juni 1996 um 22:05 Uhr auf BR2 ausstrahlte. Produktion: Karl Bruckmaier. Dramaturgie: Christoph Lindenmeyer / Herbert Kapfer

Chansons – das sei „eine mindere Kunst für minderjährige Mädchen“ hat der Erfinder des Drei-Tage-Barts, Serge Gainsbourg, einmal gesagt. Recht hat er. Minderjährige Mädchen gibt es wieder genug, seit den französischen Poeten und Bürgerschreck das Zeitliche gesegnet hat – aber Chansons? Nein, all die Mädchen, die in­zwischen nachgewachsen sind und un­er­­müdlich weiter nach­wachsen, und all die ewig minderjährigen Frauen woll­te ich nicht länger mit sich allein lassen – auch wenn ich es in den Tagen, nachdem Gainsbourg gestor­ben war, als Poet und als Bürger­schreck noch längst nicht so weit ge­bracht hat­te wie dieser, der im übrigen an dem Weg mitgebaut hat, der in Frankreich die Strecke zwischen Michèle Mor­gan und Char­lotte Gainsbourg bemißt. Aber im­mer­hin sah ich mich als den ersten Serge Gains­bourg in unserem Häuserblock. So beschloß ich, meinerseits an dem Weg mitzu­bauen, den Deutschland von Ka­rin Dor zu Kristi­ane Backer zurücklegen würde. Doch was ist ein Chanson­nier ohne Chansons? Jahre vergingen, bis ich mich endlich dazu aufraffte, mir die Texte zu schreiben, die mir zur Erfüllung des Berufs­ziels noch fehlten – und rief Stefan (Wood) an, der seinerseits James (Scannell) anrief – und schon wenige Wochen später waren die Sachen dank der beiden größten­teils zu Lie­dern ge­reift. Ich ge­­be zu – trotzdem ein bißchen spät: Ich bin mittlerweile schon fast 40 und Kri­stiane Backer ist schneller herangewachsen, als daß ich noch ihr Vater werden könnte – was ich sehr bedauere, denn ich hätte mich von ihr gerne dazu erwählen lassen. Das hört man den Liedern zwei­fellos auch an: Jedes für sich ist den min­derjährigen Mädchen ein den El­tern ver­heim­­lich­ter Freund. Und verheimlichte Freunde sind, wie jedes min­derjäh­rige Mädchen weiß und wie jedes ewig ehe­mals min­­derjährige Mädchen sich problemlos erinnert, die besten. Erinnerungen also an Tage, wie es sie so nie gegeben hat. Chansons, die zusammen genommen den Augenblick beschrei­ben, aus dem ich gemacht bin. Schöner läßt es sich ei­gent­lich kaum sagen.

Thomas Palzer, 1996


Pressetext:
Wer kennte nicht seine eigene Plattensammlung? So auch Thomas Palzer. Egal, ob er eine Reise um sein Zimmer oder eine um die Welt unternimmt, ob zu Fuß, mit dem Motorrad, der Eisenbahn oder dem Flugzeug – seine Platten­samm­lung oder Re­ste von ihr begleiten ihn. Natürlich nicht in echt, sondern im Kopf. Und dazu macht er sich seinen Reim drauf. Eine Art Karaoke zur per­sön­lichen Platten­samm­lung – zu jener launischen Version, die entsteht, wenn Teile davon längst in Vergessenheit geraten oder durcheinan­dergebracht wor­den sind, falsch da­tiert oder – mit Zeigefinger und Daumen am Lenkrad – völ­lig falsch instrumen­tiert. Also prak­tisch alle Platten vom Gedächtnis noch­mal neu abgemischt und durchgesamplet sind. Wenn dann dazu epische oder lyri­sche Lieder im Sprech­ge­­sang vorgetragen werden – Lieder, die jedes für sich an irgendein anderes erinnern, man fragt sich bloß, an welches -, dann entsteht eine Wirk­lich­keit, die auf den Namen Chanson getauft ist. „Alles in der Welt ist nur dazu da, um in einen Chanson einzugehen“, hat Thomas Palzer einmal gesagt – aber auch dieser Satz erinnert uns, ehrlich gesagt, an den irgendeines anderen. War es Tony Joe White? Mallarmé? Willy de Ville?

Egal . Thomas Palzer ist ein Mann, der die vorletzte Fassung des Mannes spielt: Er war der erste Serge Gainsbourg in seinem Häuserblock. Und an je­nem fau­ni­schen Nachmittag wieder einmal ganz besonders. Herausgekommen ist dabei etwas für das Werkzeug, mit dem wir an Musik herangehen: für das entzückte oder erschauernde Rückenmark. Und auf diesem thront bekanntlich das Gehirn – in diesem Fall unter dem dreifaltigen Namen Palzer Scannell Wood zum Singer / Songwriter gereift.

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Substanz, 4. April 1996

Die 17 sparsam arrangierten Songgedichte erzählen auch von einem Nord-Süd-Gefälle des deutschen Poparbeitertums, einer Demarkationslinie, die den preußisch-hanseatischen Norden vom eher barocken Süden trennt. Süden ist aber auch Vaudeville, Sumpffieber und Alabama-lama-100. In einem Song wie ,Windjammer Jam’ ist das Murmeln der Fürbitten in das Call & Response-Schema von Gospel und Blues übergegangen, und von da aus darf noch einmal etwas Ritual in das vorausgesetzte Reich der Zeichen eindringen.

taz 1996
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Stefan Wood
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James Scannell / Thomas Palzer

Substanz, 4. April 1996

Ab hier FKK erlaubt

Thomas Palzer. Ab hier FKK erlaubt. 50 schnelle Seitenblicke auf die neunziger Jahre.

Thomas Palzer Ab hier FKK erlaubt. 50 schnelle Seitenblicke auf die neunziger Jahre. München 1996: C. H. Beck
186 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-933510-86-0
€ 10,–

Wie um den Erwartungen aller Aufklärungsdenker Hohn zu sprechen, die fortgesetzt die Massenkultur und ihren Drang zum niedrigsten Niveau kritisieren, weil sie nicht sehen, daß es heute mehr um Faszination denn um Bedeutung geht, gleicht die Lage einem beliebigen Tagesablauf im Fernsehprogramm, wo das Wetter nahtlos auf den Witz der Woche, der Kulturweltspiegel auf das Maggi Kochstudio und Klingendes österreich auf Leben und Sterben in Sarajewo folgt – und immer so weiter. Einziges Ordnungsprinzip ist das Datum – und das steht in krassem Widerspruch zu jenem unumstößlichen Wert westlicher Kultur: der Langlebigkeit, die von der Liebe ebenso gefordert wird wie von Grundsatzpapieren, Autobatterien und gewöhnlicher Wandfarbe. Dabei wirkt das Regiment des Datums auf seine eigene Weise aufklärerisch, denn es zeigt, daß durch Wissen allein keine Möglichkeit gegeben ist, um über Wertpositionen zu befinden.

50 schnelle Seitenblicke auf die neunziger Jahre

Eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

So liest man seine 5-Minuten-Essays mit Gewinn … Palzer ist ein Informationsjunkie, ein potentieller Alleswisser, der einen Bogen schlagen kann von Rousseaus Bekenntnissen zu T-Shirts, auf denen‚ was draufsteht (Blumfeld).

Tip Berlin

Wer Ohren für den Zeitgeist hat, der höre Zündfunk auf BR 2. Wer dies versäumt, kann zumindest die Beiträge Der unsichtbare Hosenträger — 5 Minuten Wohlstand für alle des 1956 geborenen philosophisch ausgebildeten Autors Thomas Palzer in überarbeiteter Form nachlesen. In 50 schnellen Seitenblicken auf die neunziger Jahre gibt er eine Kurzeinführung in die vorletzten Dinge, an die wir uns in dieser Endzeitlichkeit zu halten haben. So unübersichtlich das Nebeneinander der Stile und Moden, so rasant deren Verbrauch — höchste Zeit zu begreifen, daß es nicht mehr auf die letzten Dinge ankommt, sondern auf die nächstliegenden: etwa auf die Shampoo-Flasche am Badewannenrand. So schreibt der Autor über Kino und Lotto, Essen auf Rädern, Buß- und Bettag, Lyrik und Claudia Schiffer, Waschsalon und Rauchen in der Kirche. Sein kulturkritischer und aufklärender Blick macht vor nichts halt und hält nirgends inne. Flott zappen wir mit ihm über Felder, die den Herren Benjamin, Kracauer und Adorno wohl einmalig heilig gewesen sein müssen.

Uwe Justus Wenzel in Neue Züricher Zeitung