DAS GROSSE THEATER. ZUR KI

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DAS GROSSE THEATER

Thomas Palzer: DAS GROSSE THEATER

  • vor 2 Stunden

KI-Kolumne (I)

Die KI heuchelt. Sie tut so, als ob. Als ob sie denken, empfinden, fühlen, ahnen und zweifeln könnte. Aber das kann sie nicht. Sie heuchelt es nur.

 

Dennoch ist die KI nützlich – oder kann es zumindest sein. Insofern ist die Fiktion, dass sie denken kann, lebenspraktisch. Schon der Neukantianer Hans Vaihinger sah in seinem Hauptwerk Die Philosophie des Als ob darin ein entscheidendes Kriterium. Das war 1911.

 

Woran erkennt man einen Heuchler? Dass er nicht meint, was er sagt – er meint es nicht ernst. Am ehesten erkennt man den Unernst an der Stimmlage – per sonare. Die Stimme als hörbares Klangbild der Person. Wenn jemand heuchelt, kann man das am ehesten an der Stimmlage erkennen. Wenn man Glück hat.

 

Was heißt das aber – etwas ernst meinen? Dass Absicht, Verhalten und Aussage übereinstimmen. Wir stehen innerlich dahinter. Das geht so weit, dass ein Schauspieler, der uns etwas vormacht, es mit diesem Vormachen ernst meint. Eine KI besitzt kein „Inneres“, hinter dem sie stehen könnte, keine Seele. Sie meint nicht einmal das, was sie uns vormacht, ernst.

 

1965 zerlegt der deutsche Werbefotograf Charles Wilp einen VW komplett in seine 4893 Einzelteile – und sagt: „Ich habe die Seele des Käfers sichtbar gemacht.“

 

Wenn es statt Europäern Asiaten sind, die Autos oder Motorräder zerlegen, wird eine Seele nicht gefunden. Zerlegen Asiaten Roboter, Smart Glasses oder den Apple Pencil, finden sie einfach keine Seele. Wenn sie mit Füllfederhaltern und Tinte schreiben, denken sie nicht, dass der Füller irgendwo in seinen mechanischen Tiefen eine Seele hat. Asiaten ist das christliche Konzept der Seele unbekannt. Sie unterscheiden auch nicht zwischen Original und Kopie. Das Original ist für sie die Kopie vor der Kopie. Deswegen haben Asiaten mit „seelenloser“ Technik auch keine Probleme. Anders als wir. Roboter im Altenheim empfinden wir als Skandal. Sie stehen innerlich nicht hinter ihrem Dienst am Menschen, können das gar nicht, denn sie sind dafür nur von außen programmiert und entsprechend gescriptet.

 

Aber sind wir das nicht auch – von außen programmiert, gescriptet, durch Erziehung, Lernprozesse, Umwelt usw. usf.? Das lehren uns seit langem die Soziologie und andere Wissenschaften, die alle ein Inneres nicht kennen. Außer der Philosophie, und die ist keine Wissenschaft. Zum Glück.

Pascal, einer der großen Bildner des Inneren zusammen mit Augustinus, Montaigne, den französischen Moralisten u. a., sagt: „Das Herz kennt Gründe, die der Verstand nicht kennt.“

 

Das Gefühl ist Ausdruck des Inneren. Gefühle sind geprägt von Erfahrung – aber Maschinen können keine Erfahrungen machen. Darum haben sie keine Gefühle. Sie können diese nur heucheln. Mit einem Smiley, einem küssenden Emoji, einem traurigen Gesicht. Aber dieser Anthropomorphismus ist nur aufgemalt. Es gibt ihn an keinem Ort der Maschine tatsächlich. Dafür benötigte diese ein Inneres, eine Seele.

Über den Autor: Thomas Palzer ist Schriftsteller, Essayist und Philosoph. Er betreibt in Leipzig die Philosophische Praxis. Eine Übersicht seiner Arbeiten bietet die Webseite www.thomaspalzer.de

Das Beitragsbild zeigt den Autor, fotografiert von Ilka Birkefeld, 2026

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