MEREOLOGIE

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Thomas Palzer: MEREOLOGIE

vor 26 Minuten

Ist der Geist Teil des Gehirns – oder ist es umgekehrt: das Gehirn Teil des Geistes? Das ist die entscheidende Frage – und ihre Beantwortung hat natürlich Folgen für die Diskussion um die Organspende. Da Organe Teile eines Organismus sind, und der Organismus Teil, nämlich Fundament einer Person, wird es kompliziert.

 

Dass es in Deutschland zu wenig Spendermaterial gibt, lautet das kardinale Argument, um die Widerspruchslösung durchzusetzen. Wer tot ist, soll dem Wohl der Gegenwart zugeführt, in ihren Dienst gestellt werden. Der Verbraucher – ein herrlicher Begriff – hat immer das letzte Wort.

 

Dabei kommt die Widerspruchslösung einer totalen Vergesellschaftung des menschlichen Körpers gleich. Um diese zu legitimieren, wird mit dem Hammer philosophiert und dem Tod gedroht. Es werden also die größten verfügbaren Geschütze aufgefahren, um die Widerspruchslösung endlich durch- und in Kraft zu setzen. Nach dem Gehirntod wird mit ihr jeder Körper damit automatisch zum Ersatzteillager. Die Widerspruchslösung reiht sich sonach ein in die pietistische Therapiemoral, wie die Philosophin Maria-Sibylla Lotter das nennt, die heute dominierend ist.

 

Den menschlichen Körper als Ersatzteillager zu betrachten, setzt die unselige kartesische Trennung zwischen res cogitans und res extensa, die Aufspaltung der denkenden Sache und der ausgedehnten zwingend voraus. So falsch die Spaltung anerkanntermaßen ist, sie wirkt bis heute nach. Dass Gemüter wie Elon Musk fähig sind, in Planeten lediglich künftige Minen zu sehen, die geplündert gehören, ist ihr zu verdanken. Wie letztlich auch der Glaube an die KI. Wer denkt, man könnte die lebendige Erfahrung durch Wissen und Wissenschaft ersetzen, hat, milde gesprochen, noch nie eine Gebrauchsanweisung gelesen – und ist an ihrer Realitätsferne durch Erfahrungsarmut verzweifelt.

 

Das Unbehagen der möglichen Organspender steckt in der Vermutung, dass nur das Ganze das Wahre ist. Natürlich wird dabei übersehen, dass das Ganze ein Oberflächeneffekt ist, der verschwindet, wenn wir es in seine Teile zerlegen. Und wenn der Tod eintritt, zerfällt der Körper wieder in das, was er ohne Geist ist: ein Sammelsurium, ein Behälter für Sedimente, Kraut und Rüben.

 

Es ist der Geist, der uns zusammenhält, der uns zu einer Person figuriert, einem Individuum. Deshalb kann man natürlich trotzdem Organe spenden. Eine bessere Kommunikationsstrategie halte ich aber für angemessener als die Widerspruchslösung, die eine Zwangsmaßnahme ist – ähnlich wie die GEZ-Gebühren, denen keiner entkommt.

 

Der Staat wird in seiner Bedürfnisbefriedigung immer schamloser. Und wieder einmal eskortiert ihm dabei die Demoskopie, wenn sie beklagt, dass die meisten europäischen Länder eine höhere Organspendenrate haben als Deutschland. Als ob damit irgendetwas Bedeutungsvolles ausgesagt wäre.

 

Das Verhältnis von Teil und Ganzem muss organisch begriffen werden, um beim Thema zu bleiben – seine Auflösung ruft Unbehagen hervor. Man kann die beiden Teile (das Organ und die Person als dessen Träger) nicht so einfach voneinander trennen – sie gehören auf komplexe Weise zusammen. Daran soll hier erinnert werden. Das Unbehagen ruht auf einer Erkenntnis, die Ernst Jünger treffend so formuliert hat: Die Naturwissenschaft kann den Baum zerlegen, sie bekommt ihn bloß hinterher nicht mehr zusammen.

 

 

Über den Autor: Thomas Palzer ist Schriftsteller, Essayist und Philosoph. Er betreibt in Leipzig die Philosophische Praxis. Eine Übersicht seiner Arbeiten bietet die Webseite www.thomaspalzer.de

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