
https://www.tumult-magazine.net/post/thomas-palzer-das-standard-modell-der-physik
Es geht mir hier um das Standardmodell des Fernsehens von der politischen Welt. Das unterscheidet sich nicht groß vom Standardmodell der Physik: Es ist ebenso unterkomplex wie gnadenlos berechenbar. Prozesse werden in Beliebtheitswerte und diese in bunte Tortenstücke aufgelöst. Wenn am kommenden Dienstag Wahl wäre …
In den frühen neunziger Jahren kannte ich einen, der die geradezu kunstaffine Idee verfolgte, die Konturen der unvergessenen Moderatorin und Russland-Versteherin Gabriele Krone-Schmalz, ohnehin wegen ihrer ewig selben Batman-Frisur prominent, mit dem Filzstift auf seinen tragbaren Kathodenstrahlmonitor zu kopieren, ihr Bewegt-Porträt sozusagen abzupausen – einfach, um festzustellen, ob Frau Krone-Schmalz eine Woche später auf der Mattscheibe wieder genau denselben Ausschnitt auf genau dieselbe Art füllen würde wie bei all den Sendungen zuvor. Und danach. Tatsächlich: Es passte. Immer. In Vergangenheit wie Zukunft. Unfassbar. Und gleichzeitig: prophetisch!
Seitdem ist das ÖRR in seinen Ritualen dermaßen ersteift, dass man von einem akustischen wie visuellen Priapismus sprechen könnte. Dabei folgt es stramm den Parteisprechern, die die Ritualisierung auf die Spitze getrieben haben. Das ÖRR bildet diesen Zustand ja nur ab. Zum Beispiel neulich in Sachsen-Anhalt. Bärbel Bas trumpft mit der unergründlichen Feststellung auf: „Wir haben unser Ergebnis gehalten! Man hatte uns abgeschrieben.“
Die Analysen der Parteisprecher münden immer und unfehlbar in fromme Selbstbestätigung – oder, geht es um den Gegner, in Panik nach DIN. Und das wiederum wird von den Moderatoren in sämtlichen Fragerunden immer nur wieder abgeholt.
Die Bildsprache des Fernsehens unterscheidet sich von diesem Vorgehen kaum: Sie beschränkt sich auf fünf oder sechs Einstellungen – und mit denen wird alles, aber auch wirklich alles gefickt: Merkel beim Aussteigen aus der Kanzler-Limousine vor dem Kanzleramt; Merz beim Einsteigen in die Kanzler-Limousine vor dem Kanzleramt; Sylvester in Montreal und rund um die Welt; Bohrtürme in der Nordsee; manchmal auch Ostsee; der schiefe Turm von Pisa im Gegenlicht; das Tor der Woche; die Ziehung der Lottozahlen; Scholz beim Rücktritt; Klimakleber auf einer Landebahn oder die Überreste von Troja. Mehr Monotonie geht nicht. Jeder einzelne der 25 FPS (Frames per Second) eines Bildes ist kurz davor, auszukühlen und zu Beton zu erstarren. Das ist, um sich einmal frech aus dem Begriffsrepertoire des Fernsehens zu bedienen, einsame Spitze!
Inzwischen ist die Situation, wie der Politologe Peter Graf Kielmansegg in der FAZ treffend diagnostiziert, die, dass nichts mehr ohne die AfD geht, nachdem alle darauf bestanden haben, dass mit der AfD nichts gehen soll. Eine herrliche Volte! Sie spricht für die Klugheit der politischen Klasse.
Für das größte Übel halte ich die Wahlprognosen. Eigentlich sollen die ja die eigentlichen Wahlen ersetzen, denn der Sinn der Prognose besteht darin, die Wahl vorwegzunehmen. Vorweggenommen, ist die Wahl keine mehr. Darin besteht die Volte, die den Leuten vom Politbarometer und der Forschungsgruppe Wahlen nicht ins Hirn will. Wenn das Thermometer 20 Grad minus anzeigt, geht man einfach nicht im T-Shirt aus dem Haus.
Über den Autor: Thomas Palzer ist Schriftsteller, Essayist und Philosoph. Er betreibt in Leipzig die Philosophische Praxis. Eine Übersicht seiner Arbeiten bietet die Webseite www.thomaspalzer.de
Das Beitragsbild zeigt den Autor, fotografiert von Ilka Birkefeld, 2026
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